Westliche Schönheitsideale: Kendall Jenner, ein Model seiner Zeit (2)

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Kendall Jenner gehört in diesem Jahr zu den gefragtesten Models. Als Schwester von Reality Star Kim Kardashian hatte sie in der Familienserie “Keeping up with the Kardashians” mehrere Auftritte. Mit über 16 Millionen Instagram-Followern hat sie eine der 10 größten Fanbases auf der Social Media Plattform. Mit ihrer Schwester gehört die 19-jährige neben Nobelpreisträgerin Malala Yousefzai zu den einflussreichsten Jugendlichen des Jahres 2014. Erst diese Woche wurde bekannt, dass sie das neue Gesicht von der Beautymarke Estee Lauder sein wird, mit Karl Lagerfeld arbeitet sie erneut wieder, nachdem sie für Chanel lief. Mit dem zweiten Beitrag nach der Analyse, die den Erfolg des Models Cara Delevigne zu erklären versucht, möchte ich auch mit diesem Beitrag über Kendall Jenner 10 Gründe präsentieren, die den Hype ausmachen.

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1) Eine Welt schaut der Kardashian-Familie zu: Bekannt geworden ist Kendall Jenner mit der Reality Serie Keeping up with the Kardashians. Eine kalifornische Riesenfamilie lässt sich von Milllionen Menschen in den USA bei ihren tagtäglichen Entscheidungen beobachten. Gemeinsam führt die Familie zwar Mode und Kosmetik-Unternehmen, den meisten sind sie jedoch aus dem TV bekannt. Wirklich interessant ist am Format als Phänomen nicht nur, dass es  eine Reality-Serie ist, sondern von einer Familie handelt. Und gerade Familien sind es, die als Gesellschaft alles, was passiert, im Privaten halten. Doch durch die heutige Transparenz sowie die Nachfrage nach dieser Transparenz kann sich dieses Fernsehformat erst durchsetzen. Die Familie als einziger Rückzugsort wird zur Öffentlichkeit ökonomisiert und in einer “Reality-Soap” inszeniert. Die Zuschauer sind also an den Beziehungen interessiert. Wie verhalten sich die Schwestern gegenüber der Mutter, den Ehemännern, den Halbschwestern, dem Stiefvater? Die Tochter Kim, die zum Poledance-Unterricht möchte (was ein neuer Sportrend ist) ist es peinlich, dass die eigene Mutter Kris mitkommen möchte. Normal sind sie dadurch, dass der Tochter die Mutter peinlich ist, ungewöhnlich jedoch mit ihrem Lebensstil, den sie öffentlichmachen.Interessant als Familienkonzept sind vor allem auch dfür die Zuschauer Gerüchte um das Verhältnis zwischen  den Schwestern, wenn es beispielsweise heißt, Kendall, hätte die Serie als Sprungbrett genutzt, Kim sei neidisch auf ihre Modelkarriere. Das Interesse an Familienbeziehungen ist es, was die Serie so erfolgreich macht: wo sonst sieht man Familien so offen über ihre eigenen vermeintlich Probleme sprechen? Hinzu kommt, dass die Familie aus L.A. kommt, und bereits vor dem Bekanntheitsgrad zu eine der wohlhabenden Bürger gehörte, die ein glamoröses Leben führen.kendall-jenner-love-magazine-cover-2014

2) The American Girl: auf dem Cover des LOVE Magazins wird hr Gesicht mit diesem Statement beschriftet. Was aber ist ein American Girl? Ist sie das “last american Girl”, von dem Green Day singen, oder die american girl doll von Mattel?  Wikihow jedenfalls weiß, wie man ein american Girl wird. 1.Gepflegte Haare, 2.Einfaches Make Up, 3.klassiche und konservative Garderobe, 4.markelloser Teint, 5.girl next door, also freundlich, höflich, erfolgreich 6.Social Media (Facebook, …) simpel halten und diese regelmäßig nutzen, 7. Sport anschauen, 8.stark und bestimmt auftreten, 9. rausgehen und eine gute Zeit haben(mit Freunden treffen, shoppen,…) Es scheint wie perfekt auf Kendall Jenner zugeschnitten. Nicht ein Kiriterium, dass sie davon nicht erfüllt. Während Cara Outfits für die Streetstylefotographen bietet, setzt sich Kendall mit ihrem unuffälligen Kleidungsstil durch. Sie übertrifft das Bild damit, dass sie geritten ist und Cheerleaderin war. estee kendall

3)Social Media: Der Spruch “being famous on instagram is like being rich on monopoly” gilt nicht für Kendall. Zwar hat sie die meisten Fans über das Fernsehen gewonnen, da sich durch das Liken der Bilder noch mehr Aufmerksamkeit ziehen lässt, haben die Kardashians ihren Bekanntheitsstatus auch der Social Media Plattform zu verdanken. Den Unternehmen jedenfalls ist jeder Follower Geld wert. Das sieht man daran, dass bereits Stars sowie “Instagram-Stars”, und Unternehmen über Instagram für Produkte werben. Wenn auch noch eine Kendall ihren neuesten Vertrag veröffentlicht, gewinnen die Unternehmen, in diesem Fall Chanel und Estee Lauder selbst auch Instagram Follower.

4)Warum hat Estee Lauder gerade Kendall Jenner auserwählt? Die Antwort bietet die Firma selbst: Sie präsentieren eine Frauengeneration, die sich 24/7 mit Mode und Beauty auseinandersetzt. Auf Instagram wird deutlich , wieviele Frauen sich im Alltag mit Produkten und ihrer eigenen Weiblichkeit auseinandersetzen. Auf Instagram ist der Körper und das Aussehen von großer Bedeutung. Auf Instagram, das auch als Microbiloggingdienst gilt, werden lediglich Bilder in Sekundenschnelle geteilt. Das Auge wird mit visuellen Eindrücken gefüttert. Es geht um schöne Dinge. Ich bin der Überzeugung, dass Instagram nicht nur aufzeigt, wie viele Frauen sich mit ihrem Körper, Fitness und Beauty auseinandersetzen, sondern dies auch beeinflussen. Instagram zeigt damit eine Nische auf, die sich von etablierten Medien wie Frauenzeitschriften abhebt und eigene Interssen durchsetzt. Mode und Beauty ist nur eines der wenigen Themen, die eine Frauenzeitschrift, meist unfundiert, oft kommerziell und keineswegs auf den Leser geschnitten, behandelt. Das Interesse scheint an Make Up und Fashion gewachsen zu sein, ebenso die Modeindustrie. Und zuletzt scheint sich das Interesse vieler Frauen über jene App durchgesetzt zu haben. Und sie zeigt die Realität: unzählige Mädchen setzen sich tagätlgich mit Mode und Schminke auseinander.

5) Produkt ausverkauft:  Jenner hätten viele abgelehnt, da sie ein “Reality-Star” sei. Manche Unternehmen könnten an ihrem Image nicht profitieren, Kendall als Model könnte Kunden abschrecken, die ihre Welt ablehnen. So könnten Unternehmen ihre Kunden nicht zum Nachkaufen verlocken, ganz im Gegenteil; Kunden verlieren.  Estee Lauder jedoch scheint sich mehr zu erhoffen. In ihren Beautyvideos zeigt die Schwestern, welche Produkte sie benutzt. Darunter befinden sich viele Produkte vn MAC, was die Beliebtheit bei jungen Mädchen gesteigert hat. Denke man nur an das den Erfolg der einst unbekannten professionellen Marke Ben Nai: Benutzte Kim Kardashian ein Puder davon, war das Produkt ausverkauft.

6) von L.A. nach Paris: Kendall und ihre Familie demonstrieren ein weiteres soziales Phänomen: die Familie steigt auf. Nicht nur materiell, sondern versucht sie es auch intellektuell. Paris bedeutet für Amerika Qualität, das königlich Hohe und Intellektuelle. Mag die Familie auch bereits wohlhabend gewesen sein, erst in den letzten Jahren haben sie ihr Vermögen vervielfacht. Aber in Paris reicht Geld allein nicht. Um in jenen Pariser Kreisen akzeptiert zu werden, muss man auch ihren Idealen entsprechen: und dazu gehört auch Bildung.Dass die Familie in ihrem Lebensstil der französischen Art in den Augen der Parisern nicht gerecht wird, könnte allein ihr Stil zeigen: fleischig, operiert, und amerikanisch glamourös. Die Familie zeigt, auch sie möchte es in Paris schaffen, und Anerkennung in der Modewelt erhalten. So wie viele andere normale Menschen auch.3-Kendall-Jenner-and-Olivier-Rousteing-in-Balmain-for-Sunday-Times-Style

7) Designerfreunde: Ähnlich wie Cara pflegt auch Kendall eine enge Beziehung zu Designern wie Riccardo Tissci, die von der Familie ermöglicht wird. Davon profitieren auch die STardesigner selbst, wenn etwa Karl Lagerfeld an der Hand von Cara den Laufsteg betritt. Kendall selbst posiert mit dem jungen Designer Olivier Rousteing aus dem Hause Balmain.

8)Pretty zurück in der Mode: Die Mode feiert verschiedene (Schönheits-)ideale: denke man an Shaun Ross, der als Albino einer Gruppe gehört, die aufgrund der Hautfarbe disrkiminert wird, oder Andrej Pejic, die als Mann für Frauenmode läuft, und das Geschlecht dabei wechselt, genauso wie Saskia de Brauw, die als Frau für Männermode posiert, oder Lara Stone, die für ihren üppigen Busen bekannt ist,oder Kate Moss, das Mode, das für ihren rebellischen Lebensstil und den kurzen, dünnen Körpers bekannt ist., oder etwa etliche brasilianische Models, die für ihre Exotik vergöttert wurden. Nun ist etwas in der Mode zurück, das lange ignoriert wurde: das hübsche, nette Mädchen. Braune Augen, braune Haare, ein blasser Teint.

9)Traumjob Modelberuf: Ist es sinnvoll diese Kategorie zu nennen? Ja, denn sie verkauft den Traum vieler jungen Mädchen. Sie habe vom Modeln geträumt seit sie 13 ist, heute ist sie 19. Sie modelt bereits seit einigen Jahren. Dies ist eine pubertäre Zeit, in der nahezu jedes Mädchen davon träumt. Denn der Beruf ist die große Bestätigung, schön zu sein. Kendall behauptet, an diesem Traum hart gearbeitet zu haben. Sie wurde bereits früh von der Schule genommen, dem “Home-Schooling” unterworfen, und wie nahezu jedes der Schwestern hat auch sie auf universiätre Bildung verzichtet.

10) Der zehnte Grund, der den Hype erklärt? Ihren Erfolg und das daraus resultierende Schönheitsideal könnte auch ganz einfach an der harten Arbeit und der einzigartigen Schönheit liegen. Ob sich ein Model hält, wenn der Hype vergeht, zeigt sich mit der Zeit..

Dank Instagram will ich Model werden!

Vergangene Wochen wurde der Artikel “Jung und schön. Und ganz schön unglücklich” von dem ehamligen Model Lina Scheynius auf sozialen Netzwerken oft geteilt. In diesem Artikel erzählt sie von ihren negativen Erfahrungen als Model, einem Beruf, von dem heute noch viel mehr Frauen träumen als sie es zugeben würden.

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Warum aber ist der Modelberuf so erstrebenswert? Er ist neben dem Beruf der Schauspielerin der einzige Beruf, der eine Frau als Schönheit erklärt. Dieser Beruf bestätigt, dass du schön bist. Und dafür erhältst du Anerkennung. Und da Frauen im traditionellen Bild über ihren Körper definiert werden, ist der Modelberuf derjenige, der ihn zu schätzen weiß, indem er ihn entlohnt.

Noch heute sind unzählige Berufe drum herum aufgebaut,zunächst vielleicht die ganze Modeindustrie: jeder, der die Voraussetzungen nicht erfüllt, aber davon träumt, macht etwas mit Mode. Und selbst Frauen, die Politik oder Wirtschaft studieren, sehe ich auf Facebook “Modelbilder” posten.

Der Modelberuf ist in meinen Augen keineswegs ein Beruf, der nicht wertvoll ist. Ich finde, dass er ein Teil eines kunstvollen Bildes sein kann, ich bewundere wie manche Models ihren Körper oder die Mode ins Szene setzen, und solange sie nicht ungesund sind, bewundere ich auch wie sie an ihrem Körper arbeiten. Die besten Models sind Sportler, Schauspieler, Persönlichkeiten, Revolutionäre und Vorbilder.

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Aber bleiben wir dabei, dass viele Frauen nicht Model werden, des Berufes wegen, sondern der Anerkennung, so fällt eben auf, dass viele Frauen sich noch immer über ihr Aussehen definieren.
In letzer Zeit schreibe ich auf diesem Blog öfter darüber, denn auch durch Instagram, was sehr weiblich und modaffin ist, fällt mir auf, wie viele darum bestrebt sind, als schön wahrgenommen zu werden. Ich denke, die neuen “Instagra-Girls”, die in der Mini kleinen App als Stars gelten, haben wieder den Traum danach bestärkt. Model Cara Delevingne, das mit Model Joan Smalls und Karlie Kloss das Cover der amerikanischen September-Ausgabe der Vogue ziert, hat Millionen Abonnenten. Auf dieser App kommt es auf Bilder an, und darauf, wie man aussieht. Sein Können unter Beweis zu stellen, ist auf Instagram etwas schwierig. Außerhalb dessen kommt es jedoch auch darauf an, was man kann. Viele Frauen verbringen unzählige Stunden auf Instagram, und um auf dieser Plattform Anerkennung zu erhalten, muss man eben schön aussehen. Dabei ist diese Plattform allem voran auch eine Marketing-Plattform. Man denke dabei nur an das neugeborene Model Kendall Jenner, das mit 15 Millionen Fans zu der Top Ten der meistgefolgten Personen auf Instagram gehört. Ob sie die Figur, das Gesicht und das Talent mitbringen mag oder nicht – es wäre zu naiv zu glauben, ihr Account spiele keine Rolle.

Aber auch außerhalb ist es bei den selbst alternativsten Mädchen immer noch von Bedeutung, schön auszusehen -  natürlichdeutlich weniger, denn sie haben den Raum, um sich zu entfalten. Vielleicht sollten wir uns von Instagram entfernen, und manchmal auch von dem traditionellen Bild der Frau als den schönen Körper und den Mann als das intelligente Wesen. Und Frauen tatsächlich wie es manche Feministinnen sagen, nicht nur Komplimente für das Aussehen machen, sondern auch für ihr Können. Aber wisst ihr, warum ich trotzdem ein Fan von der schönen Frau bin? Weil ich nicht nur Frauen mit schönen Gesichtsformen schön finden kann, sondern auch denen, die gute Charaktereigenschaften haben, oder tolle Fähigkeiten.

Bilder: Screenshot http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/44/model-lina-scheynius, Vogue.com

Die Ethnisierierung des Schönheitsideals einer Kim Kardashian

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“Was für ein Selbstbewusstsein”, kommentierte die Freundin meiner Schwester Kim Kardashian, als sie sich ihre Bilder auf Instagram ansahen. Ja, Kim Kardashian ist verdammt selbstbewusst. Neben den dünnen, langen Mädchen zeigt sie stehts ihr Dekolléte ausgiebig, und man könnte nicht gerade sagen, dass sie versucht ihren Hintern zu kaschieren. Sie macht nahezu jeden Trend mit: auch auf einen engen sportlichen Chanel-Zweiteiler, der von dem schmalen Model Cara Delevingne vorgeführt wurde, verzichtet sie nicht. Kurvige Frauen würden sich dies wohl kaum trauen. Denn allem voran muss sie viel Spott & Häme ertragen. Mit ihrer Figur könne sie dies nicht tragen. Und als sie nun auch noch ihren entblößten Hintern auf dem Cover eines New Yorker Magazins veröffentlichte, entstanden unzählige Memes, die sich über sie und ihren “Pferde”Hintern lustig machen. Natürlich möchte sie Ruhm, aber ich sehe ein Lächeln auf ihren Lippen: sie macht sich lustig, denn ihr Plan geht auf. Sie bekommt die Aufmerksamkeit, die sich wünscht. Solch ein Break, der unzählige Medien über sie berichtet, ist vielleicht sogar Instagram zu verdanken. All die scheußlichen Kommentare auch. Denn ihr opulenter Körper wird nicht seit gestern zunichte beleidgt. Man hätte die Bilder auch einfach ignorieren können, hat man aber nicht.

Ich weiß nicht so ganz, was ich von ihr und ihren Bildern selbst halten soll. In einem Beitrag sprach ich ihr den Ikonentitel ab, in einem anderen Artikel stellte ich ihre Rolle als Frau in den Medien in Frage. Sie objektiviert sich – das ist klar – und bedient sich per Instagram dem traditionellen Klischee der Frau, die nichts als ein Körper ist. Nicht mehr. Ihre Nacktbilder Bilder kann ich nicht mehr sehen, und ärgere mich auch über das Internet, das als Werbefläche für sinnlose Produkte genutzt wird. Dazu gehört auch ihr Körper und ihr Drang nach Aufmerksamkeit.

Da ich Keeping up with the Kardashians nur einmal geschaut habe, glaube ich, dass das öffentliche Familienszenario ebenfalls sehr relevant ist, wenn es darum geht, ihren Bekanntheitsstatus zu erklären. Aber auch das Leben eines wohlhabenden kalifornischen It-Girls mit armenischen Wurzeln, wie es auch viele Instagram-Stars zeigen, zieht das Publikum an. Dass sie jedoch nicht arbeitet, bezweifle ich stark. Gerade, was auch den Körper betrifft. So kurvig er ist, so trainiert ist er. kim chanel
Große, dünne Frauen dominierten in den letzten Jahren das Schönheitsideal. Es ist aber nicht nur die Modeindustrie, die dieses Ideal produziert: nein, es ist auch die Arbeitswelt- und Urbanität. Wer viel unterwegs ist, schnell von A nach B läuft, mobil ist, der hat es deutlich leichter, wenn sein Körper leichter ist. Ein Argument der Schönheitsindustrie ist stehts: Die Kleidung soll gesehen werden, aber was ist mit den Kleidern, die besser an kurvigen Frauen sitzen? Der Laufsteg führt oft auch vor, wie es gezeigt werden soll. Und gerade dieses soll ist das Problem. Kim Kardashian sei zu fett, heißt es oft in den Kommentaren. Ihr Hintern viel zu breit. Im Grunde genommen ist dies die gleiche Diskriminierung. Ja, es werden sowohl dünne als auch kurvige Frauen gleichermaßen diskriminiert.

lara stoneUnd der Westen scheint in den letzten Jahren nicht genug Hintern gesehen zu haben. Kurvige Frauen schämen sich meist für ihre Figur, aber warum bloß? Warum bloß muss es heißen, dass Kurven nicht schön sein können? Und warum müssen gleichermaßen dünne Frauen für ihre fehlende Oberweite kritisiert werden?nadia-aboulhosn-in-jonathan-saunders-and-margie-ashcroft-in-stella-mccartney_zps655ffcd1

Auf den Size Zero-Trend wird in den letzten Jahren verstärkt reagiert: Plus Size Models wurden eingeführt. Die Vogue druckte erst vor Kurzem Plus Size Models ab, Juergen Teller fotografierte das Ausnahmemodel Lara Stone, die für ihren üppigen Busen bekannt ist, und zeigte sie unretuschiert. Unperfekt perfekt. Die Bloggerin Nadia Aboulhousn zeigt sich seit je her verdammt sexy mit ihren Kurven. Sie nimmt viel Raum ein, nichts jedoch hängt. So eine starke und füllende Präsenz muss man erstmal handeln können.

originalDas Phänomen Kim Kardashian zeigt aber auf, was passiert, wenn Schönheitsideale der anderen abgelehnt werden, wenn einer den Hintern der anderen “zu dick” findet: er wird massiv beleidigt. Es ist der Preis, den Stars bezahlen könnte man behaupten, aber diesen Preis zahlt gar jeder, der auf einer Plattform vertreten ist, also auch auf Facebook & Co. Und wie Feministinnen und Menschenrechtler zurecht kritisieren, muss gegen solche Beleidigungen strenger vorgegangen werden.

Sawtche__dite_Sarah_Saartjie_Baartman_étudiée_comme_Femme_de_race_Bôchismann_Histoire_Naturelle_des_Mammifères_tome_II_Cuvier_Werner_de_Lasteyrie-700x533Auf dem deutschen Blog “mitvergüngen” setzt man sich mit Kim Kardashian und ihrem Hintern auseinander. Weder die Welt, noch die amerikanische Schauspielerin Tina Fey oder der Modeblog The Man Repeller zeigen, woher das Motiv stammt: Der selbige Fotograph nutzte das Motiv bereits vor vielen Jahren mit einem dunkelhäutigen Model nach einem Vorbild. Der Blog berichtet, dass Carolina Burmont 1976 bereits in dieser Pose fotographiert wurde, welches im Buch “Jungle Fever” abgedruckt wurde. Das Original hingegen zeige die 21-jährige Saartjie Baartman, die 1810 aus Südafrika nach Paris verschleppt wurde. Kaum zu glauben, aber Grund dafür sei ihr Hintern, “Fettsteiß genannt”, um ausgestellt zu werden. Im Grunde genommen wird hier der Körperbau einer Afrikanerin ähnlich zur Schau gestellt wie damals selbst Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland dunkelhäutige Menschen zur Völkerschau im Zoo.

balmain kimDie Autorin stellt in Frage, dass Kim Kardashian sich dazu Gedanken gemacht hätte. Als ob. Als ob der Fotograph und ihr ganzes Team, gerade ihr Ehemann Rapper Kanye West keinen Gedanken daran verschwendet hätte. Kim Kardashian wird selbst immer für ihren Hintern diskriminiert. Sie wurde nach Paris nicht verschleppt – das ist klar. Sie stellt ihn selbst zur Schau, und profitiert selbstverständlich an dieser “Ethnisierung”, jedoch zeigen die Kommentaren auf den sozialen Medien zu ihrem Hintern und ihrer Figur auch, dass die Zuschauer sie auch selbst ethnisieren und exotisieren. Es gibt dutzende Frauen mit diesem Hintern. Ob eine Nicky Minaj oder Iggy Azalea. Beide werden für ihren Hintern kritisiert. Auch sie spielen mit der Objektivierung, aber gerade die “weiße” Rapperin Iggy Azalea muss sich rassistischen Äußerungen antun. Ob eine Weiße so einen Hintern haben könne, wird immer wieder gefragt. Keiner weiß, ob er echt ist oder nicht, auch wenn die Rapperin selbst sagt, sie habe nichts machen lassen. Auch Kim Kardashian dementiert eine OP. Im Grunde genommen ist es auch egal – echt oder nicht:denn es ist ihr Schönheitsideal. Und gerade in Paris hat man für die Amerikanerin nicht viel Ansehen übrig.

Sie ist die große Ausnahme. Creative Director Olivier Rousteing scheint sie zu inspirieren, aber bei Balmain schafft sie es nicht auf den Laufsteg, obwohl sie das mit ihrem durchtrainierten Körper könnte, stattdessen läuft ihre dünne, lange Schwester. Kim setzt sich durch. Bei einem so strikten Schönheitsideal, das Paris diktiert, erscheint sie immer wieder mit tiefem Dekolléte, hautenger Kleidung, falschen Wimpern, dunklen schwarzen Haaren. Im Orient, woher ihr Vater kommt, wäre sie keine Ausnahme. In den USA ist sie es vermutlich auch nicht. Sie wäre eine von vielen attraktiven, weiblichen Frauen. Sie ist im Grunde genommen der erste amerikanische Star, der mit diesem Aussehen Ruhm erhält. Und sie hat ein neues Schönheitsideal erschaffen: Die durchtrainierte Kurvige. Ihr Bauch ist flach, ihre Beine schlank, der Busen und Hintern üppig. Auch wenn Tina Fey kritisiert, dass Stars wie Jennifer Lopez und Beyonce mit ihrem Hintern ein weiteres Körperteil ins Rampenlicht gebracht hätten, dem alle zu genügen hätten: mit iher kurvigen Figur revolutioniert sie dennoch. Und alle schauen dabei zu.

Quellen: https://www.tumblr.com/search/Champagne+Incident, http://www.nadiaaboulhosn.com/

 

“Wie gemalt” Orientalische Beautyblogger in Deutschland als Identifizierungsfläche

 

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Für die Novemberausgabe des Magazins der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich vier Beauty Bloggerinnen in Deutschland interviewt. Besonders habe ich mich über die Zusage von Hanadi Diab gefreut. Hanadi Diab ist vielen Frauen in meinem Umfeld schon lange ein Begriff, denn sie verschönert Frauen. Vor allem wegen mit der Augenbrauenpigmentierung konnte sie sich einen Namen machen. Besucht habe ich sie deshalb auch in ihrem Stuttgarter Salon, da eine Freundin sich schon vor vielen Monaten einen Termin bei ihr hat geben lassen. Ich selbst würde mir die Brauen nicht umändern lassen, da ich den Look zu unnatürlich finde. Aber meine eigenen Brauen sind mir ohnehin zu voll, lediglich die Form würde ich verändern wollen, aber da spricht in mir die Natürlichkeit dagegen. Denn Brauen formen nicht nur das Gesicht, sie sind auch von Natur aus bereits angepasst an die eigene Augenform. Wenn man also die Brauenform verändert, so erkennt man schnell, dass es nicht der ursprünglichen Form entspricht. Die meisten kommen jedoch nicht nur wegen der gewünschten Formänderung, sondern auch der Verdichtung. Das ist ein Grund, der definitiv dafür spricht. Viele verzupfen sich einfach, und da früher dünnere Brauen in waren, wächst vieles heute nicht mehr nach. 

Wofür ich Hanadi Diab aber bewundere, ist ihre Fähigkeit andere verschönern zu können. Auch wenn sie viel Make Up benutzt, es scheint mir immer, wenn ich die Nachher-Bilder sehe, als würden sich die Frauen denken “ich kann auch so aussehen wie die schönen Frauen” und Hanadi gibt ihnen das Gefühl, dass sie es auch wirklich sind.

Was mich selbst besonders an dem Thema interessiert hat, ist die Tatsache, dass diese Instagramwelt an vielen vorbei geht. Nicht jeder kennt Beauty Bloggerinnen wie Hanadi Diab – und das obwohl sie die Bekannteste ist- nur bestimmte Leute kennen sie. Daher war ich nicht nur an der Art des Schminkens interessiert, sondern vor allem an dem Lebensstil der vorgestellten Mädchen. Denn das ist die Essenz von Mode und Make Up, hinter jedem Bild steckt ein Gedanke, eine Philosophie, ja eine Lebenshaltung, Moral und Ethik. Wie viel Haut ist zu viel, wie viel Schminke zu wenig? Und wie möchte ich mein Leben als Frau führen? Traditionell oder modern, oder beides?

Beautyblogger gibt es in Deutschland sehr viele, aber gerade die aus islamisch geprägten Kulturkreisen sind es, die mit Fragen nach Herkunft und Religion konfrontiert werden. Den deutschen Bloggern könnten Leser zwar Freizügigkeit vorwerfen, sie würden dabei aber niemals den Koran vorführen.

In ihren Fragen & Antworten Videos beantworten sie die Fragen ihrer Zuschauer. Sehr gerne dabei hätte ich noch Soraya Ali gehabt, die sehr bequem und frei über ihre kulturellen Einflüsse spricht. Doch leider habe ich sie zu spät entdeckt. Unter den vier vorgestellten Mädchen sind sehr bekannte dabei, in jedem Fall sind es weitaus mehr Mädchen, die mit ihrem kulturellen Einfluss ihren Beautykanal gestalten.

Die Wurzeln ihres Umgangs mit Schönheit stammt aus den Ländern aus denen ihre Eltern stammen, doch sie führen es hier in deutscher Sprache in deutschen Städten fort. Damit verändern sie Ideale der “deutschen Kultur” in einem Einwanderungsland über soziale Medien und werden in naher Zukunft die Rolle der Frau, Schönheitsideale und den alten Feminismus deutlich ins Wanken bringen.

untitleduntitleduntitledhanadiBilder: Magazin der FAZ, www.faz.de veröffentlicht am 08.11.2014

“Du siehst sehr französisch aus” – Paris Backstage

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Nach fünf Jahren war es wieder mein erstes Mal in Paris, und damit die erste Paris Fashion Week, die ich miterleben durfte. Geblieben bin ich im Mije Hostel in einem Doppelzimmer mit meiner Mutter eine Nacht. Es ist ein sehr spartanisches Zimmer, in einem ehemaligen Aristokratenhaus, gegenüber eines Klosters. Man sieht also tatsächlich noch französische Mönche im modernen Paris. Religiöser als Berlin, wo ich noch ein Tag zuvor war, geht es in dieser verwandten Kultur allemal zu, es sei denn natürlich, man befindet sich im islamischen Berlin.

Das Hostel jedenfalls ist in einem der schönsten Bezirke: Marais. Ein Schwulenviertel, was man aber nicht so schnell erkennt, da sie sich die Szene dort anders als in Berlin sehr chic und konventionell einkleidet, als könnten oder wollten sie noch weniger einen Teil ihrer Identität zeigen. Nur wenige Minuten entfernt von der Haltestelle Saint Paul erreicht man mit der U-Bahn alle wichtigen Touristenorte vom Eiffelturm bis zum Sacre Coeur. Auch der Bahnhof Gare du Nord ist nur 10 Minuten entfernt. Mit einem 10 Euro Tagesticket kann man sich in den wichtigsten Bezirken bewegen. Da ich dort auch während meines ersten Trips war, das Viertel sicher, das Hostel sauber ist, habe ich mich erneut dafür entschieden. Da die Hostelkette aber drei Hostels in Marais hat, war das Doppelzimmer im Maubuisson sehr viel kleiner als das im Fauconnier, die Anbindung zur Haltestelle Saint Paul aber dafür sehr viel besser.

Am frühen Morgen besuchten wir zunächst die Tocher einer guten Freundin meiner Mutter. Sie besuchte die gleiche Schule wie ich, studierte Politikwissenschaften und lebt nun in einer wunderschönen Vorstadt von Paris, im Boulogne-Billancourt. Sie arbeitet in Paris an einer universitären Einrichtung, und kümmert sich um internationale Studenten und Auslandsaufenthalte. Ihre Mutter aus Deutschland, und Großmutter aus Griechenland waren ebenfalls anwesend. So unterhielten wir uns über die derzeitige politische Situation in  Deutschland, ihr neugeborenes Baby und die französische Kultur. Sie hatten uns ein wunderbares französisches Frühstück vorbereitet mit Croissants, Marmelade und Kaffee. Und wie das als zwischenkultureller Mensch so üblich sind, stolperten wir oft über lustige Vergleiche. Zum Beispiel als wir über die Essenskultur im eigenen Lande und orientalischen Welt sprachen. Uns fiel eben auf, dass wir nach der deutschen Kultur auch immer öfter nach Personenzahl kochten und deckten, statt üppig und nahezu verschwenderisch wie in unserer griechich-türkischen Kultur. Über diese Vergleiche kommt man nicht umhin.

Und der wunderschöne Nachkömmling wächst gleich mehrsprachig auf: deutsch, englisch, französisch, griechisch und womöglich etwas arabisch wird die Kleine durch die Familie des Vaters erlernen. Wie wunderschön mit einer Sprache in so vielen Welten mit so vielen Menschen in Kontakt treten und sich austauschen zu können! Französischer ist die Mutter auch bereits geworden. Als ich ihr dies sagte, freute sie sich darüber. Schließlich ist es immer ein Kompliment, als Französin wahrgenommen zu werden. Obwohl deutsche Frauen nicht weit entfernt leben, sind sie bei Weitem nicht so sinnlich wie französische Frauen. Jedenfalls glaube ich, dass eine Kultur, die man inhaliert und auslebt, sich auf das eigene Äußere übertragen kann. Allein mit der Sprache, die man spricht. Aber da viele Deutsche auch französische Vorfahren haben, man denke an die Hugenotten, und generell viele in Deutschland ein enges Verhältnis zur Kultur, wird man oft auch vom Gegenteil überzeugt.imageDa meine erste Show nur wenige Stunden später begann, ging es in nur einer halben Stunde zurück zum Hostel, wo ich mich vorbereitete. Ich entschied mich für den rosefarbenen Rock, den mir meine Mutter noch am frühen Morgen in wenigen Stunden vor der Fahrt nähte, da sie nicht gut schlafen konnte. Ich denke, sie wollte wie immer ihr Versprechen halten, obwohl ich ihr wegen des Zeitmangels davon abgeraten hatte. Bewundert hatte ich jedenfalls Raf Simons Kollektion für Christian Dior schon lange, dieser neuen opulenten Weiblichkeit aus der Vergangenheit, die er jede Saison aufs Neue neu zu übersetzen weiß. Auch wenn dieses Konzept des Mode-Designs ein gängiges ist, finde ich doch, dass Raf Simons durch diese minimalistische Herangehensweise mit einem traditionellen Bild der schönen Frau mich überzeugen kann. Auch wenn moderne Einflüsse wie Bomberjacken die Ästhetik verderben können, die Röcke sind ein Traum.

Für die Schuhe entschied ich mich, weil ich auf dem Absatz einen festeren Stand habe als in den feineren High Heels, die ich eigentlich tragen wollte. Wenn man arbeitet, muss man gut aussehen, aber darf durch Unbequemlichkeit auch nicht am Arben gehindert werden. Als Journalistin muss man einfach auch schnell laufen, und manchmal sich mit der eigenen Persönlichkeit und dem Ego zurücknehmen. War mir bei meiner ersten Show dann aber auch teilweise egal, vor Allem, wenn man ständig sehr gut gekleidete Menschen auf Streetstyle Bildern sieht, will man nicht underdressed daher kommen.

Da wir kein Taxi gefunden haben, und ich die Show von Iris van Herpen nicht verpassen wollte, liefen wir zum Musee de Pompadou in nur 10 Minuten. Sich passend kleiden, ist eben doch öfter auch einfach Arbeit.  IMG_8845

Als wir ankamen, traf ich auch gleich Alfons Kaiser, der auch einen tollen Text über Iris van Herpen verfasst hat, und die Fotografin Yavidan Castillo, die ich über Alfons in Berlin kennenlernte, in Istanbul auf der Istikklal zufällig wieder traf, und mich für einen Kaffee nach der Show in Paris verabredete. Ihre Mutter kommt aus der Türkei, ihr Vater aus Mexiko. Sie spricht türkisch und hat dabei einen unglaublich süßen spanischen Akzent, den ich so noch nie zuvor gehört habe. Etwas Französisches mischt sich dem auch noch bei, und sie spricht unglaublich schnell, und dabei ist sie ein sehr herzlicher Mensch, der mit der Liebe zur Mode auf jeder tollen Veranstaltung in Paris während der Woche unterwegs ist und tolle Eindrücke auf ihrem Blog festhält. Alfons kenne ich übrigens auch aus Berlin, dort lernte ich ihn und den Fotographen Helmut Fricke damals mit meiner Schwester bei der Show von Lala Berlin kennen. Auch er ist ein sehr herzlicher Mensch, der sehr gut verschiedene Kulturen und Menschen entschlüsseln kann, und Zusammenhänge in der internationalen Mode sehr schnell genaustens erkennt.

An Paris gefällt mir die Qualität, Menschenqualität wie wir es in unserer Familie gerne nennen. Wenn Menschen Manieren haben, gut ausgebildet sind, und sauber, also rein sind. Paris ist dieses Europa von dem alle träumen, die Amerikaner genauso sehr wie die Türken. Eine Stadt in einem Land auf einem Kontinent, das bereits Rrvolutionen hinter sich hat, sich befreit hat, gekämpft hat, Menschen würdevoll behandelt, würdevoller als in der Türkei. Ein Land mit Kultur, und Werten. Keine Frage – die Franzosen sind traditioneller, vieles läuft schief, aber sie sind kultiviert.

Ich frage mich immer, ob diese Art des Denkens überhaupt legitim ist. “Die Franzosen, die Deutschen”. Viele tun das gerne, gerade auch in der Mode. Dort versammeln sich nämlich Menschen aus aller Welt, und jeder bewahrt gerne seine Kultur, und in dieser Welt ist es so, als sei man kultiviert, wenn man weiß wie man über andere Kulturen zu sprechen hat. Weil Verreisen eben auch einfach kostet, und Kulturen kennenlernen (angeblich) auch. Wenn man also sagen kann wie die “Deutschen” sind, oder die Franzosen, oder die Amerikaner. Ich sehe schon Parallelen, störe mich aber manchmal auch an dieser Art zu denken. Es ist in jedem Fall aber eine Fähigkeit, und eine Kompetenz, was Kulturen betrifft. Denn so individuell jeder Mensch auch sein mag, es gibt Menschen, die es lieben, an ihrer Kultur der Identität wegen festzuhalten, und sobald man die Grenzen verlässt und auf das verlassene Land blickt, während man in ein anderes Land schreitet, erkennt man eben doch die Unterschiede.

Vor der Show hatten sich schon viele Fotographen versammelt, um Streetstyles abzufotographieren. Einige spielten mit wie es auch sehr schön auf Modepilot vorgeführt wurde. Es waren nicht die Massen wie im Park der Tuileries, die ich sonst nur von Bildern kenne. Als aber Model Saskia de Brauw kam, wurden es plötzlich etwa 20 Fotographen. Statt sie zu fotographieren, wollte ich sie lieber einige Sekunden beobachten. Sie hatte eine sehr angenehme, ruhige Ausstrahlung und wirkte dabei sehr sophisticated. Sie ist eine der Models, die nicht für eine rückständige objektivierte Schönheit stehen und dabei den Modelberuf trivialisieren, sondern für Kraft und Stärke, die man eben auf Bildern abgedruckt zur Bewunderung sehen möchte und muss. Ähnglich wie Daria Werbovy oder Anja Rubik. Es ist nicht das gängige Schönheitsideal von dem immer die Rede ist, die aber sehr wohl von Kritikern der Modeindustrie und Männer ausgeblendet wird. Saskia de Brauw ist gerade durch ihre Androgynie und dem Beweis der Schönheit dieser Gesinnung und Körperlichkeit so interessant. Nicht zuletzt modelte sie für die Herrenkollektion des Hauses Yves Saint Laurent als Frau. Eben auch solche kleinen Revolutionen ist die Mode im Stande in Bewegung zu setzen.

Im Publikum befand sich neben Saskia de Brauw auch eine Schauspielerin der Serie Game of Thrones. Das hörte ich jedenfalls eine deutsche Zuschauerin aufgeregt erzählen. Geseated war ich im deutschen Journalistenblock. Die deutschen zur rechten und linken konnte ich noch an ihrem Herkunftsland erkennen, bevor ich sie reden hörte. Man erkennt sich einfach behaupte ich mal, an der Kleidung, Gestik und Mimik. Auch ich bin kein Fan von Pauschalisierungen, aber während ich die Wochen zuvor in Berlin verpasste, machte ich wieder die Erfahrung, dass Menschen eben gerne an ihrer Kultur festhalten, und sich auch nach ihr verhalten wie ich bereits erzählte. Die teetrinkende Freundin meines WG-MItbewohners aus London sagte mir, sie möge es, sich nach dem britischen Klischee mit dem Tee zu verhalten, ein bekannter DJ aus Ibiza erklärte mir nach seiner Show, er könne “amerikanisch spielen”, dabei sprach er von der Kultur, nicht der Musik.

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Am Abend waren wir am Eiffelturm. In der Nacht ist er sehr viel schöner. Am frühen Morgen sind wir zum Stoffmarkt am Saint Pierre in Montmartre. Meine Mutter fühlte sich wie im Paradies und wollte überhaupt nicht weg. Gerade Montmartre glich dabei sehr Istanbul, oder eben Istanbul gleicht Montmartre. Es ist ein sehr schönes Viertel, doch leider voller Touristen. Ich muss dabei immer an das Montmartre der 20-er denken, wovon ich oft las. Manchmal müssen wir uns eben mit den architektonischen Resten zufrieden geben, und dieser einzigartigen Atmosphäre des Vergangenen.

Die Show am selbigen Tag von Louis Vuitton durfte ich leider nicht miterleben. Sie fand in der neuen Fondation in Boulougne-Billancourt statt, wo ich noch am Tag zuvor war. Auch die Show von Chanel musste ich später am Monitor erst bewundern. Gerade auch mit Interesse am Feminismus hätte ich diese Show nur allzu gerne live erlebt. Mir ist aber in den vergangenen Wochen aufgefallen, dass ich früher einmal kritischer war, was die Modewelt betrifft. Mir hat mein kritisches Bewusstsein lange Zeit nicht gut getan, weshalb ich es reduziert habe, weil man Dinge und damit sich selbst auch zunichte kritisieren kann, bis man selbst nicht mehr existiert. Als Konsument ist die Kritik bis zu einem bestimmten Grad nur effzient, bzw. die Kritik aus einer bestimmten Perspektive. Um wie die meisten Menschen jedoch diese Kritikfähigkeit mit der Zeit nicht vollends zu verlieren, sondern sie zu optimieren, effizienter zu denken, und vor allem differenzierter. Kritik ist notwendig, um Dinge zu verbessern, aber manche Dinge dürfen auch einfach mal hochgejubelt werden und müssen nicht neben negativen Dingen stehen. Wie zum Beispiel, dass Karl Lagerfeld einfach eine wirklich interessante Person steht, so kommerziell er auch einfach sein mag.

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Die Show von Allude jedenfalls war toll! Backstage ging alles sehr schnell, genauso wie nach der Show. Dort traf ich auch die Chefin des Magazins bei dem ich mein Praktikum in Berlin wenige Tage zuvor absolvierte. Die deutsche Presse war bei der deutschen Marke stark vertreten. Christiane Arp sah wunderschön aus, zog aber nach wenigen Minuten ihre Sonnenbrille hervor, um sich weniger beobachtet zu fühlen, oder vielleicht selbst besser beobachten zu können, beobachtete meine Mutter, die sie auch sehr schön fand. Christiane Arps Arbeit gefällt mir mit den immer allzu gleichen Models auf den Covern (Claudia Schiffer, Toni Garrn, Nadja Auermann – wie oft denn nocht) und den gleichen Aufschriften (schön, cool, chic – gibt es keine anderen Wörter) zwar weniger, ihre wunderschöne Ausstrahlung und Stärke sind jedoch nicht zu übersehen. Sie ist zwar engagiert, indem sie junge deutsche Designer unterstützt, aber ich würde etwas mehr Kreativität erwarten, und etwas mehr Mut, damit auch die deutsche Vogue neben der amerikanischen und französischen sich mal ordentlich feiern lassen kann. Deutschland kann was, weiß aber selbst gar nicht genau, was. Wie wäre es mit Kritik? Natürlich zwischen den verschiedenen Idealen von Schönheit, die in Deutschland exisiteren.

imageEine sympathische freie Journalistin aus Deutschland lernte ich außerdem kennen, die selbst aussah wie die französische Version von Brigitte Bardot. Als ich ihr sagte, ich hielt sie für eine Französin, nahm auch sie dies als Kompliment wahr. Und eine wunderschöne Fotographin fotografierte ich auch gleich. Sie stach mit der Mähne einfach zu sehr aus der Menge. Der Fotograph Helmut Fricke der FAZ, der mich später noch mit meiner Mutter fotographierte, kam leider zu spät und ärgerte sich über den schlechten Platz. Im Medienbereich saßen doch tatsächlich irgendwelche Menschen mit Digicam und Handy. Ja, auch in Paris gibt es Menschen, die mit Mode kaum etwas zu tun haben. Es scheinen jedoch weniger davon zu existieren, vor Allem Modeblogger, als in Berlin. Und das Publikum ist deutlich älter, und selbstbewusster.

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Eine mir bereits bekannte unfreundliche deutsche Journalistin musste ich leider auch erleben, die sich einfach unhöflicherweise auf einen Platz zwischen mich und eine Dame setzen wollte, den es nicht gab. Später wurde mir dann auch noch der Platz gestohlen, obwohl ich meine Tasche dahin plazierte, und der Herr hinter mir fragte meine Mutter ungläubig aus, was sie mit mir hier mache. Während ich mit Inga Griese sprach, fragte er noch neugierig, aus welchem Land wir denn kämen. Ja, Türken gibt es in Paris kaum, schon gar nicht welche aus Deutschland. Davon sind die meisten in ihrem Struggle noch weit entfernt, aber auch das wird sich ändern, und kann sich nur ändern, wenn man auch einfach mal von der eigenen Kultur loslässt, um andere kennenzulernen. Sie zu verlieren heißt es ja nicht.

IMG_8980Auch wenn Deutschland nicht so schön wie Paris ist, Frankfurt ist mit dem ICE nur 4 Stunden entfernt, und in Deutschland läufts halt einfach. Früher, als es keine Blogs gab, sondern nur Zeitschriften und Bilder der Stilvorbilder wie Brigitte Bardot ernährten wir uns auch bereits von der Ferne von der Ästhetik dieses Landes. Meine Mutter jedenfalls meinte dann im Zug, sie wisse jetzt, wem ich ähnel. Ja, der französische Stil ist definitiv insprierend. Die Vintage-Schuhe sind trotzdem aus dem Dörfchen einer sehr coolen über 60 Jahre alten Vintageladenbesitzerin, aus dem ich komme. Ich trage eine Vintage-Jeans der amerikanischen Marke Levis aus den 90ern aus dem Oxfamshop in Frankfurt, eine von meiner Mutter genähte Corsage aus Spitze (was ich auch bereits in Istanbul anhatte, aber in Paris deutlich angenehmer tragen konnte, obwohl auch in Paris kaum wer Dekollete trägt),  und einen Blazer von meiner Schwester aus Istanbul. Den Style hatte ich wenige Tage Berlin schon ausprobiert an einem Abend, an dem ich früher heim kam als gedacht. So schlau und “positive-thinking” wie ich bin, hab ich mir gedacht, schlechter Abend, aber dafür wieder ein verdammt gutes Outfit kreiert für einen besseren.

image5-3000x2250Meine Mutter hat sich selbst auch was sehr Süßes genäht. Sie war nicht so dunkel und schwarz wie alle anderen angezogen. Ich denke auch oft darüber nach, ob ich mich nicht auch aalglatt einkleiden sollte, makellos unauffällig schön, aber ich meide es dann doch immer, weil ich das nicht bin. Lieber habe ich meinen eigenen Stil, so unvollkommen, so ungerade, so unharmonisch es manchmal auch aussieht, als das zu tragen, was “die anderen” tragen, um bloß nicht negativ aufzufallen. Lieber ist man der Mensch, der man ist, als irgendwer zu sein, nur nicht man selbst.  Auch das muss gelernt sein.

Bilder: me, mami and Helmut Fricke

“Qualität zählt!” – Andrea Kargs “Embracing Uncertainty SS15 Kollektion für Allude

“Ich kann die Welt nicht verändern, aber etwas angenehmer machen”, lautete das Leitmotiv der Kreativ Direktorin Andrea Karg für die SS 15 Kollektion ihres Labels Allude, die sie am 1.Oktober im Pariser Palais de Tokyo zeigte. Weniger radikal als der deutsche Kollege Lagerfeld, der ein Tag zuvor im Namen des Feminismus seine Models protestieren ließ, war die Münchnerin damit. Dabei könnte man bei einem ähnlich traditionellen Unternehmen mehr Haltung wagen. Aber vielleicht kann man Andrea Karg mit ihrer Arbeit als gelernte Juristin, Mutter und Gründerin eines erfolgreichen Labels bereits selbst als Beispiel par excellence der feministischen Emanzipation sehen. Ohnehin sei der Wechsel von Jura zur Mode kein Sinneswandel gewesen, wie sie mir backstage vor der Show verriet. “Letztendlich ist es überhaupt kein Widerspruch. Sie müssen ja eine klare Linie verfolgen.” Die klare Linie muss für Andrea Karg der 20-jährige Erfolg ihres selbst gegründeten Labels Allude sein. Zeigte sie bereits Kaschmir in verschiedensten Entwürfen, womit sie vor 20 Jahren eine Nische entdeckte, kommt die Verwurzelung der Mode in der französischen Kultur ihrer Marke, die sie als internationale begreift, gelegen. Ihre Mode kommt in Frankreich ohnehin so gut an, dass der französische Markt der zweit stärkste ist.  Möchte man wissen, was das Geheimnis dahinter ist, so erfolgreich mit deutschen Wurzeln in der Pariser Woche zu überleben, muss Andrea Karg nicht lange überlegen. “Qualität zählt!” In Paris sei es ein ausgesprochen hohes Level, und da beweise sie sich gut. “Das ist es”, sagt sie bestimmt selbstbewusst mit einem charmanten Lachen. Von dieser Herangehensweise, dieser Wertschätzung an längst verlorener Qualität können sich sicherlich die Kollegen in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

Hingeführt hat sie nach Paris letztlich ein hochwertiges Material. Ihre Faszination an Kaschmir ist selbst faszinierend. Das Material sei unheimlich inspirierend. Getreu dem Motto “Geht nicht, gibt’s nicht” fange sie immer an, die Experimenntierkunst auszudehnen und genau das mache ihr Spaß. Dass ihr die Arbeit Spaß macht, sieht man ihrem frischen schönen Antlitz an.

War ihre letzte Kollektion nahezu sakral, so erinnerten ihre Entwürfe der Frühling Sommer Kollektion 2015 an die Schönheit der Jahreszeiten. Dunkle marineblaue Teile, die an Monokinis am Meer erinnern, paarten sich zu schneeweißen Minikleidern, verschlossen oder sexy mit Cutouts. Auch an dieser Kollektion ging die Ästhetik der Sportlichkeit nicht unbemerkt vorbei. Highlights waren leuchtende Zweiteiler besetzt mit leuchtenden pastellfarbenen Steinchen. So groß die Herausforderung ist, sich auf ein Material zu fokussieren, Andrea Kargs Stärke besteht darin, klassische Teile, vor Allem aus Kaschmir, zeitlos und tragbar zu entwerfen, weniger Trends zu setzen. Wer sich in ihren Entwürfen widerfindet, findet sich selbst wieder. Denn schlichte Pullover aus hochwertigem Material mögen zwar für die einen konservativ wirken, doch kozentrieren sie sich auf eine reife Frau, die ihre Ziele verfolgt. Die Geborgenheit des Ziegenfells gibt ein sich selbst wertschätzendes Gefühl. Das teuerste Material ist bei Andrea Karg damit in besten Händen.

ALLUDE SS15 01ALLUDE SS15 11ALLUDE SS15 45ALLUDE SS15 48ALLUDE SS15 55Die Models waren vielfältig wie ein weiterer Gedanke der Kollektion: Offenheit. Offenheit für verschiedene Lebensweisen, ohne vorgegebene Regeln. Zu Dünn waren nur die Models dennoch, deren Rippen man unnatürlicherweise wie gewohnt sehen konnte.

Andrea Karg arbeite an einer Arbeit, in der sich Mode und Jura verbinde. Da wäre vielleicht Gerechtigkeit in der Modewelt ein Thema. Eine Arbeit, deren Ergebnisse vor Allem der Feminismus begrüßen würde. Bis dahin zelebriere ich auf diesem Blog die starke, sexy Weiblichkeit der SS Kollektion von Allude!

ALLUDE SS15 58Bilder: Shoji Fuji

Iris van Herpen SS 15 Paris “Magnetic Motion” – Nackt über Wasser in Bewegung

Zur Präsentation der SS 15 Kollektion lud Designerin Iris van Herpen vergangenen Dienstag auf die Dächer des Musee Centre Pompidou. Bekannt für ihren Hang zur Technik und räumlichen Dehnung des menschlichen Körpers, besuchte die niederländische Designerin zur Inspiration ihrer Entwürfe der “Magnetic “Motion” die Large Hadron Collider (Großer Hadronen-Speicherring) am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung). Auch ihrer Sonderstellung als eine der wenigen Künstlerinnen der Pariser Modewoche wurde sie gerecht: zur Realisierung ihrer skulpturalen Modeentwürfe arbeitete sie mit dem kanadischen Architekten Philip Beesley und dem dänischen Künstler Jolan van der Wiel.

IMG_8864Das Radikale an ihrer Mode ist nicht nur die Erhebung zur Kunst sowie der Verschmelzung technischen Fortschritts, sondern die prägende Natur am weiblichen Körper. Nicht etwa, weil van Herpen wie viele der anderen Designer gängig klassisch traditionelle Motive wie das der Blumen nutzt wie es so oft in den vergangenen Wochen wenn nicht Jahren gezeigt wurde. Mit der Technik bringt sie den Menschen wieder zurück, zu dem, was er ist: zur Natur. Sowohl die Oberfläche der Tiere als auch physikalischer Gebilde der Natur zieren den Körper der Frauen. Iris van Herpen ist dafür bereit, den Körper weiter zu denken. Das Relief wird aus einem eindimensionalen zeitigen Gedanken zu einem futuristischen 3D Gewand. Interessant ist dabei, dass der ironischerweise so dürre Körper der Models durch die insektenartige Oberfläche sexuell aufgeladen, fast fetischisiert wird. Und trotz des künstlerischen Anspruchs verzichtet die Designerin nicht auf den Sex-Appeal in ihrer Kollektion. Denn Kunst und Mode schien lange den Sexiness-Charakter auszuschließen. Iris van Herpen hingegen zeigt ein tiefes Dekolléte, kurze Kleider, Cut-Outs. Zwischen transparenten Kleidern finden sich auch ausgeweitete oversize Schultern in Schwarz, sogar eine Jacke im Bomberstil. Natürlich keine einfache Bomberjacke, sondern eine dunkelblaue, stachelig und glänzend wie die mysteriösen, fast angsteinflößenden Insekten dieser Welt.

In Wasser gekleidet, ihr Gang so bemüht  leicht, ließ das Kleid zum Finale durchblicken. Als führe sie über das rote Meer, ihre Lieder so wässrig wie das Nichts um ihren Körper. Inge Gognard bemalte die Lieder mit einer transparenten Substanz von M.A.C. as Haar blieb offen verspielt, streng im Mittelscheitel wie der Beautylook bereits auch bei anderen Designern gezeigt wurde. Zu den ohnehin animalischen Kleidern trugen die Models igelartige High Heels ohne standfesten Absatz wie sie an den Meister Alexander McQueen erinnerten. Ihre Models liefen gut, waren vielfältig schön. Nachtdunkle Haut jedoch vermisste ich, da gerade ein durchsichtiges wässrig weißes Kleid intesiv gewirkt hätte.

IMG_8854IMG_8860IMG_8876IMG_8882IMG_8891IMG_8897Iris van Herpen zeigte erneut eine starke Kollektion, die von Kritikerin wie Suzy Menkes, Model Saskia de Brauw, und Schauspielerin Gwendoline Christie bewundert wurde.  Iris van Herpen schafft es, durch Betonungen auf den Körper der Frau ihre Stärke hervor zu heben. Mit ihrem besonderen Interesse an Wissenschaft, Natur und ihrer besonderen ästhethischen Note kreiert sie Kunstwerke für die Zukunft.

Chanel protestiert – Als Feminist schickt Karl Lagerfeld seine Models mit politischen Plakaten auf den Laufsteg

“History is her story”, “Ladies First”, “He for She” forderten Topmodels wie Cara Delevingne, Baptiste Giabiconi und Toni Garrn zum Finale von Chanels SS Kollektion 2015 vergangenen Dienstag. Als Sohn einer Feministin widmete Karl Lagerfeld seine Show den Frauen, und dem einst vergessenen doch längst wieder aufkommendem Feminismus.

CHA_0792Feminismus, ein Trend gejagt von einem modischen Zeitdiagnostiker

Erst vor knapp zwei Wochen sprach Schauspielerin Emma Watson im Rahmen der feministischen Kampagne “He for She” bei den Vereinten Nationen. In ihrer Rede setzte sie sich für Selbstbestimmung über den Körper, Bildung und das nötige Engagement der Männer für Frauen ein.

Eben jener Ruf “He for She” zierte auch eines der Plakate, das von dem männlichen Model und Lagerfeldmuse Baptiste Giabiconi in der Präsentation der Damenkollektion SS15 getragen wurde. Es ist nicht das erste Mal, dass Karl Lagerfeld den Laufsteg zum Protest nutzt, oder zumindest den Zeitgeist genial kommentiert und in der Mode zum Ausdruck bringt. Erst seine letzte Show war ein großer Erfolg. Stand die Supermarktkulisse der sportlichen Kollektion durch die Fetischisierung des Essens und Sports, den Aufstieg der Supermärkte in der westlichen Welt und dramatischen (Marketing/Instagram-)Präsentation im Zeichen der Zeit, so machte Lagerfeld  erneut den Laufsteg zur Bühne seiner Zeitdiagnostik. Karl Lagerfeld ist einer der Modemacher, deren Stärke nicht in der Mode selbst liegen, sondern in der erfolgreichen Jagd nach Trends. Als belesener, intellektueller Mensch ist er stets darum bemüht, politische Statements zu geben, die von Tageszeitungen festgehaltene Geschichte in der Mode aufzuarbeiten. Auch zur gleichgeschlechtlichen Liebe, die in Frankreich stark umstritten war, äußerte er sich über den Laufsteg. Präsentationen dieser Art scheinen jedoch auch dem Marketing der Kollektionen gelegen zu kommen. Schließlich schafft es Chanel, sich dadurch immer wieder auch dort Gehör zu verschaffen, wo die Mode insbesondere in Deutschland kaum Beachtung findet: in der Politik.

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Können Models feministische Vorbilder sein?

Haben Proteste dieser Art also überhaupt eine Wirkung? Wer sind diese Frauen, die sich für den Feminismus als Model im Rahmen der Show einsetzen? “Je ne suis pas en solde” (Ich bin nicht käuflich) ruft eines der Taschen der neuen Kollektion. Das Model hat diesen typischen leeren Ausdruck der Sorte Frau, die schön, aber nicht stark ist. Gerade der Modelberuf ist oft Zielscheibe der Kritik. Frauen verkaufen ihren Körper, reduzieren sich auf ihr Geschlecht, werden zum Objekt der Männer – Vorwürfe eines festgesetzten Feminismus. Der Modelberuf schließt ein feministisches, starkes Frauenbild nicht aus. Doch er ist nicht zu Unrecht umstritten. Gerade in Frankreich sind Models – ob natürlich oder nicht- ausgesprochen dünn. Die Bilder der Kollektionen erreichen Frauen aller Welt. Der Modelberuf ist längst wieder die Bestätigung von Schönheit: wer modelt, ist schön. Das müssen zumindest gerade die jüngeren Mädchen denken, die auch in Deutschland Castingshows wie “Germanys next Topmodel” verfolgen und davon träumen, Model zu sein. Der Umgang mit dem Körper, der einhergende Magerwahn sowie der Boom der Schönheitschirurgir durch normierende Gesichtszüge sind sehr wohl Probleme, die von der Modeindustrie begünstigt werden. Aber da die Mode durch ihre Bilder und Regeln Mode einzige Pädagoge ist, ist die Kritik an ihr als einzige Quelle allen Übels zu einfach. Trotzdem ist der dargestellte Protest kontrovers. Denn gerade die Wahl eines 15-jährigen Models wie der Schweizerin Stella Lucia ist fraglich. Auch wenn sie nicht obszön auftritt, die Anforderungen in der Industrie könnten für eine 15-jährige noch belastender sein als ohnehin für Models. Betrachtet man jedoch ihre kritische Haltung, ihren Beruf als Beruf, weniger als Krönung zur Schönheit sowie Objektisierung zu betrachten, so kann ihre Arbeit neben der Schule auch als Fleiß anerkannt werden.  Das lässige Model Edie Campbell wirkt derweil mit ihrer Tasche “Ladies First” cooler und stärker, mag der Spruch auch aus einem traditionelleren Gentlemen-Habitus stammen. So passt er nicht zum Image des Models, doch die Wahl Campbells durch ihr markantes Äußeres steht dafür, dass die Modeindustrie offen für verschiedene Schönheitsideale ist. Dass Schönheit aber auch Teil des Marketings sein könnte, würde wohl Kendall Jenner zeigen können. Stammt sie aus einer Reality Soap-Familie, wirkt sie trotz der schönen langen Beine in der Riege der großen Models sehr deplatziert. Mit über 16 Millionen Instagram-Follower ist die Wahl weniger feministisch als kalkuliert kapitalistisch. Wirklich vorbildhaft könnte das Model Toni Garrn sein. Sie setzt sich als Botschafterin der Kampagne “Because I am a girl” für Bildungsprojekte in Burkina Faso ein. Kollegin Gisele Bündchen trat sogar stets gesund auf, und ist sie doch mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Professionalität und kultureller deutsch-brasilianischen Identität sogar für viele ein berechtigtes Vorbild.

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Wie effektiv ist solch ein Protest letztlich?

Ob junge Mädchen die Nebentätigkeiten und den Charakter der für Schönheit gefeierten Models wie Toni Garrn, Charlotte Free oder Cara Delevingne wahrnehmen, ist ungewiss. Zumal der Widerspruch letztlich doch dadurch entsteht, dass es Models sind, die eher bekannt für ihren Körper sind als andere feministische Errungenschaften. Doch müssen gleichzeitig diese Models eben auch nicht als Pädagogen betrachtet werden, sondern als einfache, gesichtslose Modelle für echte Frauen. Und die kämpfen stellvertretend mit Plakaten für ihre Rechte!

Inhaltlich betrachtet verhält sich der Feminismus westlich bis universal. Ob er all die vergewaltigten Frauen erreicht, die bildungsfernen und diskriminierten Frauen dieser Welt? Die Frage nach dem richtigen Feminismus oder dem wichtigeren ist eine schwierige. Doch so elitär Chanel ist, so elitär wird der Feminismus bleiben, den Lagerfeld vertritt. Ein schöner sowie genialer Abgang in der Pariser Modewoche ist er trotzdem.

karlBilder: Style.com