Im Sinne der französischen Liberté – Paris Men’s Fall 2015

Ob mit Lemaire, Dior Hommes oder Louis Vuitton – die französischen Häuser zeigten vergangene Woche zur Mens Paris für kommenden Winter einen klassischen Mann wie sie ihn sich eleganter nicht hätten vorstellen können: es ist der Archetyp des französischen Mannes, durchaus weich in seiner Bewegung, einzig der Schuh . gibt ihm einen festen Stand. Zugleich knabenhaft dürfen sie auch sein: Bei Dior Hommes sind es ausgerechnet Blumen, die den unreifen Gesichtern als Punkanstecker der Rebellion verhelfen sollen.

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Auch Louis Vuitton erlaubt dem Mann Weiblichkeit: Mit Monogramm Täschen in der Hand sind mit Blumen bedruckte Jacken und Pullover zu sehen. Allem voran ist auch der LV Mann mit sportlich rot-beiger Kapuzenjacke noch in den Kinderschuhen. Und so richtig knabenhaft wird es nochmal bei Rick Owens, einem der entgegen blickenden Avantgarde-Designern fernab des französischen alteingesessenen Stils. Er scheute nicht davor zurück, die männlichen Genitalien seiner Models durch seine Entwürfe beim Gang über den Laufsteg hervor blitzen zu lassen. Der Designer selbst, der nicht zum ersten Mal provoziert, beschrieb es selbst als jungenhaft kindisches Verstoßen. “Boys with their dicks out is such a simple, primal, childish gesture.”

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Berlin versucht einen Lebensstil zu verkaufen, den er nicht lebt – MBFW Berlin AW 2015

Während sich Pegida vor der Islamisierung des Abendlandes fürchtet, diskutiert die Berliner Modewoche, was deutsche Mode ist. Vor der Frage nach deutscher Mode, steht die Frage nach dem, was deutsch ist, denn Deutschland leidet unter einer Identitätskise. Denn es taucht wieder die Frage nach dem auf, was das Adjektiv deutsch denn eigentlich beschreibt.

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“Ein Franzose kauft Louis Vuitton auch weil es französisch ist. Denn der Franzose ist patriotistisch “, meint Florian Siebeck von der FAZ. Und der Deutsche, würde er mit Stolz einen deutschen Designer tragen? Read more

Bobby Kolade in der Halle am Berghain, MBFW Berlin

imageNo Berlin Fashion Week hieß es für mich dieses Mal eigentlich, da der Mens Show wegen bei mir Paris angesetzt war. Doch als ich las, dass Womenswear Newcomer Bobby Kolade zum ersten Mal im Rahmen der MBFW in der Halle am Berghain zeigen werde, wollte ich mir die Show nicht entgehen lassen. Grund genug, nach Berlin zu kommen. Nehmen manche für Rock-Konzerte oder den Haddsch lange Fahrten in Kauf, kam ich mit großer Erwartung nach Berlin, um mit genau jenem Enthusiasmus und Glauben die Mode eines hochgelobten Jungedesigners zu sehen, der sich für das Wahrzeichen einer Subkultur als Austragungsort entschieden hatte.
Von der hochgelobten Mode war ich noch nicht vollkommen begeistert. Doch heute werden über Offsite Shows nicht nur Materialien verkauft, sondern Lebensgefühle. Die Mode versteht es immer mehr, sich theatralisch zu inszenieren, den sozialen Medien zu dienen, allem voran aber auch, interdisziplinär verschiedene Sinne anzusprechen.
In einem Interview mit der Welt sprach der Designer zuvor noch von “verdammt coole(n) Orten, verdammt coole(n) Clubs – und saucoolen Menschen!” Doch die seien nicht auf dem Laufsteg zu sehen. Bei dieser Behauptung, und großen Ankündigung hoffte ich, all das “Coole” bei jener Show zu erleben.
Das Berghain ist eine weltbekannte, etablierte Institution, wenn es um Techno geht. Der Club gehört zu jenen Subkulturen Berlins, die es mit ihrem Kult vor allem in den letzten Monaten über die Grenzen hinaus geschafft haben. Im Berghain selbst habe er gefeiert, Freunde und seine Geschäftspartnerin kennengelernt, weshalb die Wahl darauf gefallen ist.

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Seit wann ist Calvin Klein nicht mehr cool?

Popstar Justin Bieber ist das jüngste Model der amerikanischen Marke Calvin Klein. Vor den Fotographen Mert Alas und Mac Piggott ließ Klein den 20-jährigen oberkörperfrei in den ikonenhaften Boxern ablichten. Wie ein Fußballer präsentiert er in einer anderen Szene stolz seinen photogeshoppten Körper, indem er sein Shirt hoch hält und den eigenen Sixpack vergöttert. Topmodel Lara Stone soll in einer anderen Szene das Begehren Millionen weiblicher Stars aufzeigen: für das Bild, das sie dabei zeigt, wie sie Biebers Oberkörper umschlingt, erhielt sie Morddrohungen. Justin Bieber ist mit 21 Millionen Fans auf Instagram der größte männliche Popstar der westlichen Welt. Doch er ist alles andere als cool, weder mit seiner Musik, noch seiner Person. Ein amerikanischer Fotograph in meiner Liste zitierte auf Facebook folgenden Satz eines Artikels über Justin Bieber und die Calvin Klein Werbekampagne: “Every time you look at a photo of Justin Bieber without his shirt on, remember that this is the same guy who urinated in a mop bucket (while yelling, “F**k Bill Clinton!”), got slapped with a DUI for illegally drag racing, spit on his fans, and sang about killing “n***ers” and joining the KKK. Are you still entertained?” Ella Alexander der britischen Glamour, die jene Bilder ebenfalls unästhetisch findet, kontert gegen ihre Kollegin, dass Calvin Klein bekannt sei für “uneffortless cool”, Justin jedoch sieht alles andere als unbemüht aus. Coolness kann man sich eben nicht kaufen, auch nicht von Calvin Klein. Ich selbst finde die Bilder tatsächlich so unästhetisch, dass ich darauf verzichte, sie auf diesem Blog zu zeigen.

Die kommerzielle Instagram-Ästhetik

Auch sonst scheint Calvin Klein auf Social Media Stars als Werbeträger zurück zu greifen, die unzählige Follower auf Instagram haben, einer Plattform, die unkommentiert Bilder rotieren und konsumieren lässt: Models wie Kendall Jenner, Gigi Hadid, Miranda Kerr. Sie alle zeigen sich in der Kampagne “mycalvins” in der ikonenhaften Unterwäsche. Wieviel sie für einen solchen Post erhalten, ist ungewiss. Auch Modeblogger wie Hanneli Mustaparta, Chiara Ferragni und The Man Repeller sind beauftragt, das Label hip zu machen. Allein diese Kombination zeigt, dass das Unternehmen kein Profil hat, lediglich darauf aus ist. So modisch sie auch sind, keine der genannten Blogger ist eine (Mode-)Ikone.

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Kate Moss Heroin Chic

Aber wie cool war Calvin Klein überhaupt vor 20 Jahren? Ein ähnliches Motiv zeigte bereits Kate Moss in der Hauptrolle, Mark Wahlberg in der Nebenrolle. Bevor es die (kommerzielle) Instagram Ästhetik gab, nannte man es noch Heroin Chic, ein Lebensstil, der Drogen verherrlicht. Read more

Balmain’s Army – die Mädchengang der SS15 Kampagne

Creative Director Olivier Rousteing versiegelt auf Instagram Models in der Kleidung des des französischen Hauses Balmain gerne mit dem Stichwort #army. Es ist jedoch nicht nur die omnipräsente Farbe Khaki der Fall Kollektion, sondern die gesamte Attitude.

Als französischer, schwarzer Designer ist Rousteing nicht nur um kulturelle Vielfalt bemüht, sondern auch um die starke Darstellung der Frau. In der Spring Summer Kampagne 2015 werden Frauen nicht beim Lesen, Schreiben, Malen oder Kochen gezeigt, die abgebildeten Models zeigen jedoch Aktivitäten, die man sonst nur von jungen Männern kennt. 19880_BLN_SS15_Lores-04o-RGBDass gerade Models wie Adriana Lima, oder Rosie Huntington Whiteley, die für ihr hartes Sportprogramm bekannt sind, beim Burgeressen posieren, ist weniger interessant, als die Tatsache, dass kaum Frauen derartig beim einfachen Verzehr abgebildet werden. So cool Burgeressen auch in einer bestimmten creativen Kultur ein sein mag, die Frauen tragen Kleider, die vom Künstler Piet Mondrian beeinflusst sind. Trotz der elitären Kunst, die sie tragen, sind sie sich nicht zu schade, auf das sogenannte Street Food zu verzichten statt an einem Essen an gedecktem Tisch mit Messer und Gabel teilzunehmen. Darauf deutet gerade Gestik und Mimik der Models hin. Die Szene erinnert nahezu an den Habitus der Mafiosi. Isabeli Fontana sitzt mit gespreizten Beinen da, Rosie drückt auf die Ketchuptube, während Adriana in die Ferne blickt, als erwarte sie jemanden. Ihre Kleidung, das Outfit der “Army” wirkt dabei wie ein extravagannter Nadelstreifenanzug. Read more

Louis Vuitton SS 2015 – Ella Krugylanskaya ‘The Trench’ 2013

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Besonders folgendes Motiv ist mir aufgefallen, als ich mir die vor einigen Monaten die neue Kollektion von Louis Vuitton für Frühling/Sommer 2015 ansah: ein bedrucktes Minikleid zeigt klischeehafte Werkzeuge einer Frau: Lippenstift, Nagellack, Wimpernzange. Ein Schminkköfferchen ist auch zu sehen, selbstverständlich aus dem eigenen Hause im erkennbaren Monogramm. Es finden sich auch Salz-und Pfefferstreuer, Telefon und Autos. Zuletzt verwundert in Plastik verpacktes Essen To-Go.

Die Frage, ob Louis Vuitton sich dem klassischen Rollenmuster bedient oder die Frau neu entwirft, warf ich in einem anderen Beitrag bereits auf. Die Frage lässt sich auch mit jenem Muster bedruckten Rock, Hose und Kleid der letzten Kollektion ebenfalls nicht einfacher klären. Ein so modernes Unternehmen könnte im Zuge des neu auferlebten Feminismus’ jene Schminkutensilien parodieren, ähnlich wie Moschino, oder diese zu einer Ästhetik einer weiterhin existierenden Form von Weiblichkeit machen.

Als ich in einem Zeitschriftenhändler das Cover eines Kunstmagazins sah, musste ich jedoch direkt an jene Kollektion denken: die New Yorker Künstlerin Ella Krugylanskaya, die in Riga geboren ist, beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Frauen. Auf der Suche nach ihrem Verhältnis zu Feminismus traf ich auf ein Porträt der Elle zu, indem sie ihre Arbeit als “Tongue-in-Cheek Feminismus” bezeichnet, also als nicht ganz ernst gemeinten. Das Werk The Trench aus dem Jahr 2013 zeigt eine Frau, dessen Körper eine Inszenierung des zweiten Gesichts darstellt: ob sie es ist, die verantwortlich ist, oder der Betrachter, ist ungewiss.

15_04Bild: Style.com, www.ellakru.com

“Queen of Minimal” Hanne Darboven im Städel Museum

Das Städel Museum lud Freitag zum “Queen of Minimal” Abend, um die vier ausgestellten Werke der Künstlerin Hanne Darboven mit der französischen DJANE Chloé und der jungen deutschen Philharmonie zu feiern.

image-900x900Von der deutschen Künstlerin Hanne Darboven hatte ich zuvor noch nie etwas gehört. Besonders ihr ikonenhaftes Aussehen machte mich neugierig auf ihre Kunst. Bis vor ihrem Tod 2009 trug die Künstlerin ihr Haar nahezu kahl geschoren. Ihr Gesicht ernst und nachdenklich. Müde. Auf ihren letzten Bildern, die im Internet zu sehen sind, ist sie in maskulinen Anzügen zu sehen.

Da ich mit ihrer Kunst nicht im Mindesten vertraut war, interessierte mich vor allem der Vortrag Florentine Gallwas, die als Mitglied des Beistandes der gleichnamigen Stiftung aus Hamburg, in das Werk Darbovens einführte. Für Darboven sei die Abstraktion der Kunst Musik. In ihren Kunstwerken stellte sie Noten visuell dar. Vier davon sind im Metzler Foyer des Städels zu betrachten.

imageBevor sie die “totale Abstraktion” entwarf, studierte die Künstlerin in Hamburg, in New York kam sie mit Minimal Kunst in Berührung. Entstanden ist “Kunst, die hörbar, aber nicht benutzbar” sei trotz ihrer politischen Aussagen mit ihrer Kunst wie Gallwas betonte. Nach Unruhe, Krieg und Faschismus sei Darboven zufolge “Ruhe das höchste Anliegen, das du praktizieren kannst”.

Ihre Kunst ist in der Tat sehr abstrakt und schwer zugänglich wie ich finde und so war es mir nicht möglich, während des Abends diese zu erfassen. In ihren Werken sind Zahlenabläufe zu erkennen. Diese wurden jedoch auch in Musik umgewandelt. Entstanden sind 61 Opera.

Einen besseren Zugang hatte ich zu ihrer Arbeit als Komponistin. Zu hören waren Werke Darbovens neben denen der Komponisten Philip Glass, Henry Purcell oder Arvo Pärterst zwischen zwei Vorträgen, später im Neubau unter der Erde an verschiedenen Stationen aufgeführt von der jungen deutschen Philharmonie.

Der Professor Heiner Blum, Lehrender an der Hochschule für Gestaltung Offenburg und Mitgründer des Robert Johnsons, wurde geladen, um mit Dr. Martin Engler das Verhältnis zwischen klassischer und elektronischer Clubmusik herzustellen. Zu Beginn war Blum darum bemüht, ein großes Missverständnis der Musik geklärt. Minimal bedeute nicht selektiert und seelenlos, sondern sei auf das Nötigste reduziert die Seele bewahrend. Das ganze sei dann “funky”, die mathematisch reudzierte Musik. Wie im Robert Johnson etwa, wo die Musik durch die Audio-Anlage fühlbar sei und die Seeleentdeckt werden könne. Blum erwähnte neben Bach, dessen Einfluss auf die elektronische Musik nicht zu bestreiten sei, zwei weitere Namen. Da ich selbst mit jenem Genré nicht ganz so vertraut bin, haben diese mein Interesse geweckt. Leon Theremin habe durch das nach ihm benannte Musikinstrument Theremin im Grunde genommen den ersten Synthesizer erfunden. Luigi Russolu war es, der sich in seinem musikalischen Manifest “lárte dei rumori” (Die Kunst der Geräusche) mit dem Sound der Großstadt, den Straßen und Maschinen auseinandersetzte.

Zugegeben erklärte ich Minimal Musik immer auf die selbige kritisierte Definition. Maschinengeräusche, seelenlos und technisiert. Ich versuche jedoch, diese Musik, die ich lediglich zum Tanzen höre, besser zu verstehen, eine tiefere Poesie zu entwickeln.

Besonders jene Anekdote hat mich bewegt: die schönste Musik, die er gehört habe, sei der Herzschlag seines ungeborenen Babys im Leibe seiner Frau. Die erste Musik, die jeder Mensch höre, sei ohnehin der Herzschlag der Mutter und 120bpm würden auch der Musik der französischen DJane Chloè entsprechen.

Das Gespräch mit Prof. Blum war leider zu kurz, und hätte spannender werden können, wenn der Moderator etwas mehr auf dieses spezielle Genre eingegangen wäre. Es war aber definitiv sehr lehrreich und eine sehr kreative Zusammensetzung. Wie Prof. Blum selbst beobachtete hat das Städel Museum drei verschiedene Welten zusammen gebracht, die so zuvor nicht gemeinsam dargestellt werden: Klassische Musik, Electro und den White Cube der Minimal Kunst.

Bevor die französische Electro DJane Chloé im Saal auflegte, bewegte die junge deutsche Philharmonie das Publikum, indem sie an Kompositionen der Künstlerin Hanne Darbovens und Musikern anknüpften. Chloé, die bereits in Pariser Museen auflegte, habe ich leider nicht mehr miterleben können. Doch insgesamt war es eine gelungene Veranstaltung, die gut besucht war. Das Publikum war etwas älter, aber dennoch durchmischt. Etwas mehr junge oder sagen wir besser lockere Menschen hätte ich mir erhofft. Grund dafür könnte sein, dass nicht genug Werbung bei verschiedenen Zielgruppen gemacht wurde, oder aber der Eintritt in Höhe von 10 bzw. 12 Euro. Herr Prof. Blum, der bereits selbst die Veranstaltungsreihe Robert Johnson theory durchführt, war ein toller Gast. Eine DJane einzuladen hat man sich vermutlich von den französischen Kollegen abgeschaut, wenn das Publikum sich demnächst noch etwas auflockert, sehe ich in Frankfurter Museen (auch mit dem Mak, und der Schirn) große Hoffnung, kreative Abende, von denen es viel zu wenige in Frankfurt gibt, in der Bankenstadt einzuführen.

Besonders bewgt hat mich die junge deutsche Philharmonie, die im Souterrain zwischen Werken von Neo Rauch, Yves Klein und Jonathan Meese zu hören war. Eine einmalige Erfahrung, die ich so noch nie zuvor in irgendeinem Museum erlebt habe.