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Die Bilder wurden von Claudio Knoepfel und Stefan Indlekofer für die (deutsche) Vogue Juli- Ausgabe vom Jahre 2008 gemacht. Starring unknown. Der Text ist von mir.

summer dream

Hiermit darf ich das erste von mir beschriebene Fashioneditorial vorstellen. In der Hauptrolle ist Natalie Portman zu sehen für das Parfum Miss Dior aus dem Jahr 2012.

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Was haben der moderne Individualist und die traditionelle Muslimin gemeinsam?

einsamer hipster im görli

Es ist nichts Neues, dass sich viele, die den Individualismus-Stil anstreben, in einer Reihe ertragen müssen, in der sie zur Rechten und Linken bloß Menschen eingekleidet sehen, die uniformiert aussehen wie sie selbst. Wenn etwas „in“ ist, wird das Authentische, in diesem Falle der Individualismus, zur Sitte, ein Befehl, den man zu folgen hat.

Ob ein Fußball-Team, Arbeitskollegen, Bandmitglieder, muslimische, jüdische oder amische Religionsangehörige,Staatsangehörige, beste Freunde oder Zwillinge, wer ein Interesse teilt, passt sich einem Dresscode an. Er möchte zu verstehen geben, wozu er gehört und sich optisch der Zugehörigkeit wegen und Identifiktation ausweisen. Mit Kleidung möchte die Muslimin zu verstehen geben, woran sie glaubt, mit der Verschleierung der Frau möchte der Mann zu verstehen geben, was die Frau zu sagen hat. Ein Staat möchte mit Kleiderregeln nicht nur das Denken bestimmen und kontrollieren, sondern auch zu verstehen geben und demonstrieren, welche Macht es hat. Vertauscht man die erste Silbe mit der zweiten des Wortes Demo erhält man Mode. Denn Mode kann auch die Demonstration der Zeit sein, in der man leben möchte. Mode ist Instrument der Demonstration.

kopftuch

All jene Menschen, die ihre Gruppenzugehörigkeit bewusst oder unbewusst markieren wollen, geben von ihrer Individualität ab. Aber während all jene erwähnten Gruppenmitglieder sich zu ihrem Interesse bekennen, ist es nur der individuelle Mensch, der auf seiner Individualität beharrt, aber nicht seine eigene Sehnsucht erkennt.

Ob der Nationalsozialismus, der das deutsche Wir splittete, der Wohlstand, die Bildung, oder die Kälte – der Individualismus ist vielleicht eine Mischung aus all jenen Faktoren. Doch obwohl der Mensch nach Simmel nicht nur einen Individualisieruntrieb besitzt, sondern auch einen Trieb nach Kollektivismus, ist es gerade in der deutschen Jugend sehr angesagt, diesen Trieb anhand der Kleidung zu unterdrücken. Da sie sich alle sträuben, einander zu gleichen, sehen sie genau aus diesem Grund gleich aus. Es ist ein Dilemma. Sie sind zum Kollektiven avanciert ohne in den Genuss gekommen zu sein, die Freuden einer Gruppe zu erleben.

Aber keiner scheint so ganz zu realisieren, dass die Sehnsucht nach einer aufrichtigen warmen Geborgenheit gebenden Gruppe so groß ist, dass sie nur oberflächlich demonstrieren können, dass sie nach der gleichen Gesinnung leben und funktionieren.

Die sogenannte “Lost-Generation” kommt aus dem deutschen Mittelstand, verfügt über das Geld, alle Produkte zu konsumieren, die angesagt sind, doch kennzeichnet sich durch eine starke Perspektivlosigkeit, da alle Türen offen steht, nur nicht die im eigenen Hause.

Sie fühlen sich einsam und flüchten aus der Realität mit Drogen-Klamotten und Musik-Konsum. Die Rede ist längst nicht mehr vom Erleben, geschweige denn Leben. Woran das liegt? Weil heute jeder einen Apple hat, aber nicht weiß, mit wem er einen echten Apfel teilen soll. Die Lost-Generation ist auch deshalb so verloren und orientierungslos, weil sie unter Druck steht, ins Ausland zu gehen, aber dabei keine anhaltenden Freundschaften gründen kann, sondern nur Facebook-Kontakte. Und aus dem einfachen Grund, dass im eigenen Land für nichts mehr zu kämpfen ist und Eltern damit weder Haltung noch Halt mitgeben. Selbst jene Punks, die einst gegen ihre Eltern rebellierten, spielen das gutbürgerliche Leben mit. Wer in Deutschland groß wird, mag mit größter Wahrscheinlichkeit im Wohlstand leben, aber das wirklich Lebenswerte verpassen. Die sogenannte “Selbstverwirklichung” ist Teil des modernen Lebens, das noch gelernt werden muss. Denn dazu gehört nicht nur der Erwerb von Produkten, Tourismus-Städte-Trips in großen Weltmetropolen, und Gleichgültigkeit. Dazu gehört mehr Kritik, statt Leere und ein größerer Kampf statt Resignation.

Der Drang nach Individualismus erklärt auch das Weitere: die Lebensgestaltung der Deutschen mag mit Produkten, Kunst und Reisen individuell sein, aber sie alle haben nur noch die gleiche Geschichte zu erzählen: nämlich garkeine.

Betrachte ich meine Eltern, die nach Deutschland immigrierten, muss ich mit Bedauern feststellen, dass auch ich dazugehöre. Solange der Code fehlt, um aus Dagobert Duck’s Tresor zu entkommen und herauszufinden, worum es im Leben wirklich geht, müssen wir an unsere Grenzen stoßen und nach Osten schauen.

Bilder:Meltem Toprak

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This is what I am talking about! Wenn ich Mode sehe, möchte ich gesellschaftliche Relevanz, eine politische Aussage, poetische Sinnestiefe! Mode-Design erhebt sich dann zur Kunst, wenn sie Substanz hat, statt nur herausragende Oberfläche. Jede Leinwand kann mit Farben und Materialien gefüllt werden, die den Betrachter aufrütteln, den Hoizont erweitern, dazu bewegen, die Dinge von anderen Perspektiven zu sehen und offener machen. Zu wenige Designer machen davon Gebrauch, oder sich gar Gedanken darüber. Dabei kann selbst der Catwalk gleich der Schaubühne zur moralischen Anstalt und praktischer Weisheit nach Friedrich Schillers Idee werden.

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Im Zelt sah ich eine Bloggerin im Freien ihre Fingernägel knipsen, Ich sah Menschen wie wild auf das Finger Food stürzen. Und ich sah auch wie Leute immer wieder andere zwangen, den Platz zu verlassen, obwohl sich jene mit Seating-Nummer deutlich verspäteten. Diese Menschen sind alle schick gekleidet, sauber und edel. Sie geben vor, Manieren zu haben ohne zu wissen, was das eigentlich ist.

Sie stellen den Gegenüber selten vor, auch stellt sich sonst kaum einer selbst vor. Nennen wir das Höflichkeit?

Sie grüßen einander nicht, weil sie sich für etwas Besseres halten. Aber wer es wirklich drauf hat, der ist bodenständig. Gespielte Coolness ist Kompensation. Wer sich wichtig macht, ist es nicht, weil er weiß, dass er sonst nicht wahrgenommen werden würde für das unwichtige, das er eigentlich verrichtet. Weder die größten Denker, noch die größten dichtenden Tänzer sind an ihrer Kleidung zu erkennen.

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Die Wahrheit ist, dass jede Modewoche ein Eigenleben führt, da sogenannte „Fashion Weeks“ nichts anderes als der Elite entsprechen.

Doch kommt es zur Berliner Modewoche handelt es sich insbesondere um ein narzisstisches Eigenleben, das kein Echo bildet. Schuld daran ist, dass die Berliner Woche im Gesamten keinen globalen Wert hat, der damit auch universell ist. Mögen manche Berliner Zeitgeist – Geschmack kreieren, so reagiert nicht ein Designer auf das aktuelle Weltgeschehen, zeichnet einen Stil für Charaktere, der haftet oder setzt etwas Neues in die Welt, das bewegt und die gegebenen Normen und Grenzen des Denkens und Erlebens erweitert. Wer hat heute noch Mut? Lala Berlin-Designerin Leyls Piedayeshs Kind anscheinend mehr aufrichtigen Mut wie wir ihn von Kindern liebend kennen, als sogenannte „Jung-Designer“.

Hat dieses Kind mehr Mut als jene, die nicht erwachsen werden wollen? Wahrscheinlich schon. 

Lala Berlin Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2013/14Bild: Mercedes-Benz- Fashion Week Berlin

Charakteristisch für den Narzissmus ist eine selbstverzerrende Wahrnehmung. Zum einen loben sie sich ständig, zum anderen machen sie sich nieder. Sie haben Komplexe und fühlen sich vor Paris, London, Mailand und New York kleiner als sie eigentlich sind, schreien aber im nächsten Moment jene vorwurfsvoll an, weil sie von jenen noch immer ignoriert werden, aber erwarten, die Goldmedaille auf dem Siegerpodest entgegen zu nehmen. Dieser Narzissmus geht aus einem sehr pubertären Wesen hervor. Die Jungdesigner sind noch jung, sie erproben sich, haben noch keine feste Identität, sind stattdessen formbar, auf der Suche nach sich selbst, um erwachsen zu werden. Sie spielen noch, und haben das Glück, sich selbst noch nicht allzu ernst nehmen zu müssen, und das Pech, noch immer nicht ernst genommen zu werden.

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Trends suggerieren eine Realität, die nur vorgibt etwas zu sein, was sie nicht ist. Wenn ich durch Berliner Flohmärkte flaniere, stechen mir immer die Kelim-Teppiche ins Auge, die ich aus meinem eigenen zu Hause oder das meiner Freunde und meinen Aufenthalten in der Türkei kenne. Der Kelim, der vor allem im Iran, der Türkei, auf dem Balkan und weiteren östlich-orientalischen Ländern angefertigt und benutzt wird, schmückt zurzeit selbst die Wohnungen von haltungslosen Mitläufer-Formatsendungen wie „Onkel Bernis Butze“ oder etlichen sogenannten elitären worldtravellern, deren Körper immer von den neuesten Produkten geziert wird, aber deren Gehirn nicht auf den aktuellsten Stand der Dinge ist.

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Es ist wie in der Modewelt, es interessiert nicht, solange es „ästhetisch“ ist. Der Kelim-Trend suggeriert Weltoffenheit, das Verständnis einer fernen Kultur, in die aus eigenem Interesse eingetaucht wird. Es ist das Gleiche Dilemma, wenn ich zu hören bekomme „Ich mag Türken.“ – „Hast du denn türkische Freunde?“ – „Nein.“

Am Ende bleibt die eigene Wohnung ein kaltes, unbesuchtes Museum, das zu bestaunen ist. Dabei sind diese Gegenstände doch aus einer Kultur, die der Gegenwart gehört. Und selbst ich erwische mich dabei, wie ich mich in der westlichen Kultur manchmal von der östlichen distanziere. Es ist wieder Zeit, rauszugehen, Dialoge aufzubauen und andere Lebensstile zu begreifen.

(Nachtrag) Ähnliches Phänomen ist auch in Istanbul zu beobachten. Moderne Türken der Elite, die sich als solche begreifen, leben den europäischen Stil mit Produkten aus. Sie kaufen Produkte von Victoria Secret, beschäftigen sich mit Kunst, besuchen Design-Cafes Ohne den europäischen Geist zu begreifen, reden sie sich ein, sie lebten mit Konsumgütern das gleiche Leben.

Aber wer wird Lala Berlin tragen? Zumindest nicht das orientalische Mädchen, denn während sie die Sehnsucht erlebt, modisch dem Westen, also Europa zu ähneln, wird die Kleidung von Lala Berlin von jenen europäischen, elitären Mädchen getragen für die es nicht peinlich, sondern „hip“ ist, die Teilnahme von außen an der Kultur zu demonstrieren.

Aber selbst ich kenne den „Ethno-Look“, die Motive des Kelims, welche selbst bei Lala Berlin zu sehen waren, nur aus der Ferne.

FW13 BERLIN LALA BERLIN 01/16/2013

Es sind erneut Objekte, die man sich aus anderen Kulturen borgt, ohne diese zu begreifen. Weder Mensch, noch Kultur, noch irgendetwas wird begriffen, indem man es mit bloßen Auge ansieht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir glauben, nur noch Bilder sehen oder konsumieren zu müssen ohne dabei unsere weiteren Sinne zu benutzen und den Verstand einzusetzen.

Dabei ist die Liebe und Sehnsucht, zu entdecken und zu erleen, groß. Ich spüre sie in jeder kalten Berliner-Vintage Wohnung, in der ich bin.  Mehr Interesse braucht es für jeden Menschen, und weniger Angst. Denn wir können mit nur wenigen Schritten weiter, überall in Deutschland in verschiedene Kulturen eintauchen.

 

Bilder: Erzincan, Lala Berlin, Onkel … Brutze