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Debatten um das Kopftuch und die Beschneidung sind keine Debatten der Fürsorge, es sind Debatten der Flucht. Was der „Integrationsdebatte“ wirklich gut tun würde, ist eine Leitkultur, die Potenzial für eine ganze Nation erkennt.

Zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen ist ein Fluch und ein Segen zugleich. In Kindertagen der Außenseiter zu sein, nie zu einem „nationalen Wir“ gehören zu dürfen, von den „Anderen“ als „fremd“ bezeichnet zu werden, erschwert den Beginn eines Lebens, das luftiger und gedankenloser beginnen sollte, doch bereitet letztlich auf das ernste Leben vor, das eintritt, sobald wir erwachsen werden.

Es bereitet auch auf das Leben vor, indem verschiedene Lebensmodelle von der Geburt an vorgestellt werde. Und dabei die Wahl zu haben, empfinde ich als das größte Glück. Es ist nicht eine Wahl zwischen Eigenschaften, die wir Nationen zuschreiben, sondern Kulturen, demnach Lebensweisen, die in manchen Nationen stattfinden. Es ist eine Entscheidung zwischen Individualismus und Kollektivismus. Möchten wir ein Einzelgänger sein, unabhängig, einzigartig und uns selbst verwirklichend? Oder sind wir bereit, in Gruppen von unserer Individualität abzugeben, ein Interesse zu teilen, und gemeinsam in Geborgenheit eingelullt, das Leben zu leben und zu teilen? Und wie geben wir unsere Gefühle zu verstehen? Behalten wir sie lieber in uns gekehrt für uns oder geben wir laut und emotional zu verstehen, was uns verärgert? Schöpfen wir Kraft von Gott oder erlauben wir uns, alles zu hinterfragen. Es sind die Extremen, die ich vorführe. Aber wo möchten wir uns in diesen Gradwanderungen sehen? Wie möchten wir uns verhalten und welches Leben möchten wir führen?

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Ich kann verstehen, warum in Deutschland Karl Lagerfeld so geliebt und geehrt wird. Er ist nicht nur ein guter Deutschlandexport im Hause Chanels, und international sehr anerkannt. Die Deutschen, die sich als solche sehen, bewundern und symphatisieren mit ihm, weil er gesprächig, und schlau ist. Vor allem als Modemensch. Er ist schließlich 80, da sollte man schon eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen. Aber er wird nicht nur für seine Weisheiten geschätzt, sondern viel mehr dafür, dass er bei dieser in Deutschland in der deutschen kühlen Kultur herrschenden Sprachlosigkeit einfach nicht mitmacht. Ob bei Lanz, Gottschalk oder der Welt oder der Zeit, er ist überall ein gern gesehener Gast. Man sieht in sich gerne an, und liest ihn auch gerne. Er kann es einfach. Über Gott und die Welt reden. Und zum Lachen bringen. Er hat die Muse, das Geld und das Interesse, sich zu informieren über alle Themen, die es wert sind, angesprochen zu werden und er hat die feine Art eines gutumreisten Menschen, das Gespräch mit Gegenfragen auf Trap zu halten. Er hat den Mut auszusprechen, was viele denken, ohne dabei viel aus seinem Inneren preisgeben zu müssen.

Er lebt in der Schnelligkeit seiner Antwort viel eher nach der französischen Lebensart. Während in der deutschen Sprache darauf gewartet wird, bis zu Ende gesprochen wurde, ist das Unterbrechen des Gesprächspartners in der französischen Konversation ein Muss. Karl Lagerfeld jedenfalls hat zu allem eine Meinung, eine Seltenheit in Deutschland. Er kennt kein Tabu, aber was die Menschen wirklich symphatisch an ihm finden? Die Tatsache, dass er auch am Gesprächspartner interessiert ist. Karl Lagerfeld ist mit seiner selbstsicheren Eigenart, Persönlichkeit und Arbeit unter der Weltmarke Chanel so bekannt und präsent, dass er die Interviews nicht einmal mehr wirklich zur Vermarktung seiner selbst oder Arbeit verwenden muss, sondern wirklich wie eines der wenigen weiß, wie eine gute Unterhaltung zu führen ist. Karl Lagerfeld muss Journalisten, die wie er über alles auf der Welt informiert sind, einfach lieben. Davon gibt’s schließlich in der Modebranche auch nicht sehr viele. Karl Lagerfeld ist ein bisschen overrated, aber hey, er war vier Mal länger als ich am Leben und ist ein äußerst talentierter Zeichner und Sprücheklopfer, ohne Frage. Und er weiß sich zu präsentieren und eben sehr gut zu reden mit großer Beobachtungsgabe, Scharfsinnigkeit und Inhalt, die dich im Leben weiterbringen kann. Auch vor dem Fernseher. Leichte Lektüre eben, die dennoch die Macht besitzt, deinen Horizont zu erweitern.

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2012. Ein Jahresrückblick anhand der Mode.

„Arab Spring sounds like a fashioncollection“ kommentierte Jeremy Scott seine Spring/Summer Kollektion 2012, die er im September in New York zeigte.

Weil Mode nicht nur wie das Leben selbst schön, echt oder künstlich sein will oder zum Träumen einlädt, der Sehnsucht verführt, sondern gleichzeitig immer darum bemüht ist, den Zeitgeist wieder zu spiegeln und an den Geschehnissen teilzunehmen, gar diese mitzugestalten, möchten wir am ersten Tag des neuen Jahres bequem auf das vergangene Jahr blicken und sehen, welchen Einfluss die bedeutendsten Ereignisse der Welt auf die Mode nahmen. Denn wenn Mode tief ist, wird mit dem bloßen Material kommentiert, provoziert, dokumentiert und hinterfragt, sodass wir nicht nur zum Kaufen, sondern auch zum Nachdenken angeregt werden.

 

Wir haben ein anstrengendes Jahr hinter uns, das uns nur ermüden konnte. Es ist das Jahr der Geschlechterdebatte, das Jahr der politischen Verantwortung, es ist das Jahr des arabischen Frühlings, der Europäischen Krise, der Occupy und Pussy Riot Bewegung, der amerikanischen Wahlen, es ist das Jahr der endlosen Kriege, es ist das Jahr der Lana Del Ray und des Neil Armstrongs, es ist das Jahr der öffentlichen Privatsphäre, es ist das Jahr der Olympischen Spiele, Europameisterschaft und des Felix Baumgartners, es ist das Jahr der körperlichen Extreme und ist das Jahr, indem noch immer nach Freiheit und Unabhängigkeit in Ländern wie Burma gekämpft wird. Und noch immer gegen Armut, aber für Öl.

Es ist das Jahr der Gewinner und Verlierer, der Geliebten und Verhassten. Es ist das Jahr der Wissenschaft und Religion. Es ist das Jahr der Verstorbenen und der Neugeborenen. Es ist ein Jahr wie jedes andere. Und wie jedes Jahr blicken wir mit Ordnung auf das Chaos zurück, das wir hinterlassen haben.

 

Geschlechterdebatte

Der arme Mann des Westens. Er ist überfordert mit seiner neuen Rolle, die ihm zugeschrieben wird. Den neuen Verantwortungen, den neuen Aufgaben und Erwartungen. Musste der „dressierte Mann“ all die Jahre den Versorger und Beschützer spielen, trägt er heute die Haare lang und hält unbekümmert das Kind im Arm. Er sei nun derjenige, der sich emanzipieren müsse. Die Frau geht arbeiten, versorgt die Familie, und der Mann bleibt daheim, erledigt die Hausarbeiten und sorgt sich um die Kinder. Wenn doch alles so einfach wäre. Gleichzeitig hat sich im Kopf der klassischen Rollenverteilung noch immer so stark eingenistet, dass sich viele noch den Jäger und die Sammlerin wünschen. Die Sehnsucht nach dem harten Mann, der im Herzen doch eigentlich einen weichen Kern trägt ist groß. So groß, dass sich diese Sehnsucht auf die Gesichter mancher Männer überträgt. Der Bart ist im Grunde genommen nur der Wunsch, männlicher zu wirken und der Schein des Seins. Zalando zeigt in der Spring/Summer Kollektion einen Mann, der die Rolle der westlichen Frau übernommen hat. Three Sixty Vodka hat den Mann zur bärtigen Prinzessin gemacht, dessen bester Freund Diamanten sind. Der Mensch des Westen möchte sich derzeit nicht entscheiden. Er steckt in der Ambivalenz seines Geschlechts. Der westlichen Frau geht es nicht anders.

Dior präsentiert eine Frau, die gleichfalls überfordert ist. Möchte sie nicht vor der Aufgabe, die ihr Unabhängigkeit und finanzielle Sicherheit bietet, in die Nacht flüchten? Hat sie sich nicht zu viel zugemutet? Wird von ihr nicht in ihrer anderen Rolle im Büro in einer Führungsposition kurzes Haar, Souveränität, und Durchhaltevermögen erfordert, wie es nach Ansicht vieler nur vom Mann geboten werden kann? Es ist das große Dilemma der Frau, die sich gebildet hat und eigentlich schon viele Männer überholt hat. Das Blazerkleid von Dior ist zur Hälfte der Dresscode einer arbeitstätigen Frau, die mit festen Beinen im Berufsleben steht und zur selben Zeit der Rock einer Frau, die tanzend in der Nacht mit Leichtigkeit all ihre Verpflichtungen über Bord wirft und wie damals mit 16 und nicht 32 nach dem Disney Prinzen sucht, der sie wach küsst. Aber ob es diesen überhaupt gibt?

Yves Saint Laurent bleibt der eigenen Geschichte, die damals prophezeite, was heute noch immer Inhalt der Debatte ist, mit Intellekt und Schärfe treu. Das Kampagnenmodell Saskia de Brauw wurde für die Herrenkollektion ausgewählt. Ist die Frau der Mann oder der Mann die Frau?

Es ist das Jahr der Frauen, schreibt die Zeit. Sie studieren nur nicht, sie regieren die Welt. Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel zählt zu den mächtigsten Menschen der Welt, und im Osten möchte Fausia Kufi in ihrem Land Afghanistan an Macht kommen, um ihre Welt zu ändern. Das leicht um das Haar umschlungene Kopftuch, das nur teilweise das Haar bedeckt, ist demnach nicht mehr das Symbol der Unterdrückung in einer patriarchalischen Konstellationen, die den Frauen Menschenrechte untersagt. Auch junge verschleierte Frauen, wie Masooma Hussaini und Sourya Saleh kämpfen für mehr Gleichberechtigung und gegen Terrorimus und sind damit sind als als erste Helikopterpilotinnen bei der afghanischen Armee die größten Vorbilder, die sich die Emanzipationsgeschichte der östlichen Welt wünschen kann.

Die Financial Times Weekend Europe hingegen kürt in Europa neben Angela Merkel und Yekaterina Samutsevich von Pussy Riot, die amerikanische Schauspielerin und Drehbuch-Autorin Lena Dunham zu den Frauen des Jahres 2012. In der Kunst waren Frauen einst rar. Die am meist gelobste Drehbuch-Autorin ist die 26-jährige Lena Dunham mit ihrer Serie „Girls.“ Wie so oft wurde sie fälschlicherweise zur Stimme einer Generation ernannt und doch: Wer den Mut hat, die Realität ihrer Findungsphase derart darzustellen und sich selbst dabei bis aufs Äußerste zu entblößen, der kann sehr wohl als neues großes Vorbild dienen. ASOS hat das Mädchen mit Persönlichkeit und Intellekt aufs Cover geholt.

 

Free Pussy Riot.Das Schicksal der Punkrock-Band Pussy Riot wurde auf der ganzen Welt mitverfolgt. Und auch die Mode hat nicht eiskalt zugesehen. Gerlan Jeans zeigte eine Kollektion, in der das Markenzeichen der feministischen und regierungskritischen jungen Frauen, präsentiert wurde. Sturmhauben, grelle Kleider und Strümpfe machten die Kämpferinnen Russlands nicht für ihre politische Stimme weltweit unverwechselbar.

Arabischer Frühling

Die Verflechtungen zwischen Russland, China, Saudi-Arabien und USA, Iran, Irak, Jordanien, Israel, Palästina und Syrien, wer kann da noch durchschauen? Jeremy Scott hingegen designt Ringe mit Waffenmotiv. Ist das noch ethisches Design? Sollte das überhaupt getragen werden? Solange die Mode ohne Unwissen getragen wird, werden die Vorfälle zumindest nicht verharmlost. Aber haben wir im Westen denn überhaupt eine Ahnung davon, was sich dort abspielt? Womöglich nicht, nein. Aber so entsteht ein Echo.

 

Hiphop ist In.

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