„Qualität zählt!“ – Andrea Kargs „Embracing Uncertainty SS15 Kollektion für Allude

„Qualität zählt!“ – Andrea Kargs „Embracing Uncertainty SS15 Kollektion für Allude

„Ich kann die Welt nicht verändern, aber etwas angenehmer machen“, lautete das Leitmotiv der Kreativ Direktorin Andrea Karg für die SS 15 Kollektion ihres Labels Allude, die sie am 1.Oktober im Pariser Palais de Tokyo zeigte. Weniger radikal als der deutsche Kollege Lagerfeld, der ein Tag zuvor im Namen des Feminismus seine Models protestieren ließ, war die Münchnerin damit. Dabei könnte man bei einem ähnlich traditionellen Unternehmen mehr Haltung wagen. Aber vielleicht kann man Andrea Karg mit ihrer Arbeit als gelernte Juristin, Mutter und Gründerin eines erfolgreichen Labels bereits selbst als Beispiel par excellence der feministischen Emanzipation sehen. Ohnehin sei der Wechsel von Jura zur Mode kein Sinneswandel gewesen, wie sie mir backstage vor der Show verriet. „Letztendlich ist es überhaupt kein Widerspruch. Sie müssen ja eine klare Linie verfolgen.“ Die klare Linie muss für Andrea Karg der 20-jährige Erfolg ihres selbst gegründeten Labels Allude sein. Zeigte sie bereits Kaschmir in verschiedensten Entwürfen, womit sie vor 20 Jahren eine Nische entdeckte, kommt die Verwurzelung der Mode in der französischen Kultur ihrer Marke, die sie als internationale begreift, gelegen. Ihre Mode kommt in Frankreich ohnehin so gut an, dass der französische Markt der zweit stärkste ist.  Möchte man wissen, was das Geheimnis dahinter ist, so erfolgreich mit deutschen Wurzeln in der Pariser Woche zu überleben, muss Andrea Karg nicht lange überlegen. „Qualität zählt!“ In Paris sei es ein ausgesprochen hohes Level, und da beweise sie sich gut. „Das ist es“, sagt sie bestimmt selbstbewusst mit einem charmanten Lachen. Von dieser Herangehensweise, dieser Wertschätzung an längst verlorener Qualität können sich sicherlich die Kollegen in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

Hingeführt hat sie nach Paris letztlich ein hochwertiges Material. Ihre Faszination an Kaschmir ist selbst faszinierend. Das Material sei unheimlich inspirierend. Getreu dem Motto „Geht nicht, gibt’s nicht“ fange sie immer an, die Experimenntierkunst auszudehnen und genau das mache ihr Spaß. Dass ihr die Arbeit Spaß macht, sieht man ihrem frischen schönen Antlitz an.

War ihre letzte Kollektion nahezu sakral, so erinnerten ihre Entwürfe der Frühling Sommer Kollektion 2015 an die Schönheit der Jahreszeiten. Dunkle marineblaue Teile, die an Monokinis am Meer erinnern, paarten sich zu schneeweißen Minikleidern, verschlossen oder sexy mit Cutouts. Auch an dieser Kollektion ging die Ästhetik der Sportlichkeit nicht unbemerkt vorbei. Highlights waren leuchtende Zweiteiler besetzt mit leuchtenden pastellfarbenen Steinchen. So groß die Herausforderung ist, sich auf ein Material zu fokussieren, Andrea Kargs Stärke besteht darin, klassische Teile, vor Allem aus Kaschmir, zeitlos und tragbar zu entwerfen, weniger Trends zu setzen. Wer sich in ihren Entwürfen widerfindet, findet sich selbst wieder. Denn schlichte Pullover aus hochwertigem Material mögen zwar für die einen konservativ wirken, doch kozentrieren sie sich auf eine reife Frau, die ihre Ziele verfolgt. Die Geborgenheit des Ziegenfells gibt ein sich selbst wertschätzendes Gefühl. Das teuerste Material ist bei Andrea Karg damit in besten Händen.

ALLUDE SS15 01ALLUDE SS15 11ALLUDE SS15 45ALLUDE SS15 48ALLUDE SS15 55Die Models waren vielfältig wie ein weiterer Gedanke der Kollektion: Offenheit. Offenheit für verschiedene Lebensweisen, ohne vorgegebene Regeln. Zu Dünn waren nur die Models dennoch, deren Rippen man unnatürlicherweise wie gewohnt sehen konnte.

Andrea Karg arbeite an einer Arbeit, in der sich Mode und Jura verbinde. Da wäre vielleicht Gerechtigkeit in der Modewelt ein Thema. Eine Arbeit, deren Ergebnisse vor Allem der Feminismus begrüßen würde. Bis dahin zelebriere ich auf diesem Blog die starke, sexy Weiblichkeit der SS Kollektion von Allude!

ALLUDE SS15 58Bilder: Shoji Fuji

Iris van Herpen SS 15 Paris „Magnetic Motion“ – Nackt über Wasser in Bewegung

Iris van Herpen SS 15 Paris „Magnetic Motion“ – Nackt über Wasser in Bewegung

Zur Präsentation der SS 15 Kollektion lud Designerin Iris van Herpen vergangenen Dienstag auf die Dächer des Musee Centre Pompidou. Bekannt für ihren Hang zur Technik und räumlichen Dehnung des menschlichen Körpers, besuchte die niederländische Designerin zur Inspiration ihrer Entwürfe der „Magnetic „Motion“ die Large Hadron Collider (Großer Hadronen-Speicherring) am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung). Auch ihrer Sonderstellung als eine der wenigen Künstlerinnen der Pariser Modewoche wurde sie gerecht: zur Realisierung ihrer skulpturalen Modeentwürfe arbeitete sie mit dem kanadischen Architekten Philip Beesley und dem dänischen Künstler Jolan van der Wiel.

IMG_8864Das Radikale an ihrer Mode ist nicht nur die Erhebung zur Kunst sowie der Verschmelzung technischen Fortschritts, sondern die prägende Natur am weiblichen Körper. Nicht etwa, weil van Herpen wie viele der anderen Designer gängig klassisch traditionelle Motive wie das der Blumen nutzt wie es so oft in den vergangenen Wochen wenn nicht Jahren gezeigt wurde. Mit der Technik bringt sie den Menschen wieder zurück, zu dem, was er ist: zur Natur. Sowohl die Oberfläche der Tiere als auch physikalischer Gebilde der Natur zieren den Körper der Frauen. Iris van Herpen ist dafür bereit, den Körper weiter zu denken. Das Relief wird aus einem eindimensionalen zeitigen Gedanken zu einem futuristischen 3D Gewand. Interessant ist dabei, dass der ironischerweise so dürre Körper der Models durch die insektenartige Oberfläche sexuell aufgeladen, fast fetischisiert wird. Und trotz des künstlerischen Anspruchs verzichtet die Designerin nicht auf den Sex-Appeal in ihrer Kollektion. Denn Kunst und Mode schien lange den Sexiness-Charakter auszuschließen. Iris van Herpen hingegen zeigt ein tiefes Dekolléte, kurze Kleider, Cut-Outs. Zwischen transparenten Kleidern finden sich auch ausgeweitete oversize Schultern in Schwarz, sogar eine Jacke im Bomberstil. Natürlich keine einfache Bomberjacke, sondern eine dunkelblaue, stachelig und glänzend wie die mysteriösen, fast angsteinflößenden Insekten dieser Welt.

In Wasser gekleidet, ihr Gang so bemüht  leicht, ließ das Kleid zum Finale durchblicken. Als führe sie über das rote Meer, ihre Lieder so wässrig wie das Nichts um ihren Körper. Inge Gognard bemalte die Lieder mit einer transparenten Substanz von M.A.C. as Haar blieb offen verspielt, streng im Mittelscheitel wie der Beautylook bereits auch bei anderen Designern gezeigt wurde. Zu den ohnehin animalischen Kleidern trugen die Models igelartige High Heels ohne standfesten Absatz wie sie an den Meister Alexander McQueen erinnerten. Ihre Models liefen gut, waren vielfältig schön. Nachtdunkle Haut jedoch vermisste ich, da gerade ein durchsichtiges wässrig weißes Kleid intesiv gewirkt hätte.

IMG_8854IMG_8860IMG_8876IMG_8882IMG_8891IMG_8897Iris van Herpen zeigte erneut eine starke Kollektion, die von Kritikerin wie Suzy Menkes, Model Saskia de Brauw, und Schauspielerin Gwendoline Christie bewundert wurde.  Iris van Herpen schafft es, durch Betonungen auf den Körper der Frau ihre Stärke hervor zu heben. Mit ihrem besonderen Interesse an Wissenschaft, Natur und ihrer besonderen ästhethischen Note kreiert sie Kunstwerke für die Zukunft.

Chanel protestiert – Als Feminist schickt Karl Lagerfeld seine Models mit politischen Plakaten auf den Laufsteg

Chanel protestiert – Als Feminist schickt Karl Lagerfeld seine Models mit politischen Plakaten auf den Laufsteg

„History is her story“, „Ladies First“, „He for She“ forderten Topmodels wie Cara Delevingne, Baptiste Giabiconi und Toni Garrn zum Finale von Chanels SS Kollektion 2015 vergangenen Dienstag. Als Sohn einer Feministin widmete Karl Lagerfeld seine Show den Frauen, und dem einst vergessenen doch längst wieder aufkommendem Feminismus.

CHA_0792Feminismus, ein Trend gejagt von einem modischen Zeitdiagnostiker

Erst vor knapp zwei Wochen sprach Schauspielerin Emma Watson im Rahmen der feministischen Kampagne „He for She“ bei den Vereinten Nationen. In ihrer Rede setzte sie sich für Selbstbestimmung über den Körper, Bildung und das nötige Engagement der Männer für Frauen ein.

Eben jener Ruf „He for She“ zierte auch eines der Plakate, das von dem männlichen Model und Lagerfeldmuse Baptiste Giabiconi in der Präsentation der Damenkollektion SS15 getragen wurde. Es ist nicht das erste Mal, dass Karl Lagerfeld den Laufsteg zum Protest nutzt, oder zumindest den Zeitgeist genial kommentiert und in der Mode zum Ausdruck bringt. Erst seine letzte Show war ein großer Erfolg. Stand die Supermarktkulisse der sportlichen Kollektion durch die Fetischisierung des Essens und Sports, den Aufstieg der Supermärkte in der westlichen Welt und dramatischen (Marketing/Instagram-)Präsentation im Zeichen der Zeit, so machte Lagerfeld  erneut den Laufsteg zur Bühne seiner Zeitdiagnostik. Karl Lagerfeld ist einer der Modemacher, deren Stärke nicht in der Mode selbst liegen, sondern in der erfolgreichen Jagd nach Trends. Als belesener, intellektueller Mensch ist er stets darum bemüht, politische Statements zu geben, die von Tageszeitungen festgehaltene Geschichte in der Mode aufzuarbeiten. Auch zur gleichgeschlechtlichen Liebe, die in Frankreich stark umstritten war, äußerte er sich über den Laufsteg. Präsentationen dieser Art scheinen jedoch auch dem Marketing der Kollektionen gelegen zu kommen. Schließlich schafft es Chanel, sich dadurch immer wieder auch dort Gehör zu verschaffen, wo die Mode insbesondere in Deutschland kaum Beachtung findet: in der Politik.

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Können Models feministische Vorbilder sein?

Haben Proteste dieser Art also überhaupt eine Wirkung? Wer sind diese Frauen, die sich für den Feminismus als Model im Rahmen der Show einsetzen? „Je ne suis pas en solde“ (Ich bin nicht käuflich) ruft eines der Taschen der neuen Kollektion. Das Model hat diesen typischen leeren Ausdruck der Sorte Frau, die schön, aber nicht stark ist. Gerade der Modelberuf ist oft Zielscheibe der Kritik. Frauen verkaufen ihren Körper, reduzieren sich auf ihr Geschlecht, werden zum Objekt der Männer – Vorwürfe eines festgesetzten Feminismus. Der Modelberuf schließt ein feministisches, starkes Frauenbild nicht aus. Doch er ist nicht zu Unrecht umstritten. Gerade in Frankreich sind Models – ob natürlich oder nicht- ausgesprochen dünn. Die Bilder der Kollektionen erreichen Frauen aller Welt. Der Modelberuf ist längst wieder die Bestätigung von Schönheit: wer modelt, ist schön. Das müssen zumindest gerade die jüngeren Mädchen denken, die auch in Deutschland Castingshows wie „Germanys next Topmodel“ verfolgen und davon träumen, Model zu sein. Der Umgang mit dem Körper, der einhergende Magerwahn sowie der Boom der Schönheitschirurgir durch normierende Gesichtszüge sind sehr wohl Probleme, die von der Modeindustrie begünstigt werden. Aber da die Mode durch ihre Bilder und Regeln Mode einzige Pädagoge ist, ist die Kritik an ihr als einzige Quelle allen Übels zu einfach. Trotzdem ist der dargestellte Protest kontrovers. Denn gerade die Wahl eines 15-jährigen Models wie der Schweizerin Stella Lucia ist fraglich. Auch wenn sie nicht obszön auftritt, die Anforderungen in der Industrie könnten für eine 15-jährige noch belastender sein als ohnehin für Models. Betrachtet man jedoch ihre kritische Haltung, ihren Beruf als Beruf, weniger als Krönung zur Schönheit sowie Objektisierung zu betrachten, so kann ihre Arbeit neben der Schule auch als Fleiß anerkannt werden.  Das lässige Model Edie Campbell wirkt derweil mit ihrer Tasche „Ladies First“ cooler und stärker, mag der Spruch auch aus einem traditionelleren Gentlemen-Habitus stammen. So passt er nicht zum Image des Models, doch die Wahl Campbells durch ihr markantes Äußeres steht dafür, dass die Modeindustrie offen für verschiedene Schönheitsideale ist. Dass Schönheit aber auch Teil des Marketings sein könnte, würde wohl Kendall Jenner zeigen können. Stammt sie aus einer Reality Soap-Familie, wirkt sie trotz der schönen langen Beine in der Riege der großen Models sehr deplatziert. Mit über 16 Millionen Instagram-Follower ist die Wahl weniger feministisch als kalkuliert kapitalistisch. Wirklich vorbildhaft könnte das Model Toni Garrn sein. Sie setzt sich als Botschafterin der Kampagne „Because I am a girl“ für Bildungsprojekte in Burkina Faso ein. Kollegin Gisele Bündchen trat sogar stets gesund auf, und ist sie doch mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Professionalität und kultureller deutsch-brasilianischen Identität sogar für viele ein berechtigtes Vorbild.

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Wie effektiv ist solch ein Protest letztlich?

Ob junge Mädchen die Nebentätigkeiten und den Charakter der für Schönheit gefeierten Models wie Toni Garrn, Charlotte Free oder Cara Delevingne wahrnehmen, ist ungewiss. Zumal der Widerspruch letztlich doch dadurch entsteht, dass es Models sind, die eher bekannt für ihren Körper sind als andere feministische Errungenschaften. Doch müssen gleichzeitig diese Models eben auch nicht als Pädagogen betrachtet werden, sondern als einfache, gesichtslose Modelle für echte Frauen. Und die kämpfen stellvertretend mit Plakaten für ihre Rechte!

Inhaltlich betrachtet verhält sich der Feminismus westlich bis universal. Ob er all die vergewaltigten Frauen erreicht, die bildungsfernen und diskriminierten Frauen dieser Welt? Die Frage nach dem richtigen Feminismus oder dem wichtigeren ist eine schwierige. Doch so elitär Chanel ist, so elitär wird der Feminismus bleiben, den Lagerfeld vertritt. Ein schöner sowie genialer Abgang in der Pariser Modewoche ist er trotzdem.

karlBilder: Style.com