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Im Sommer, wenn die Kaiserstraße zum urbanen Dschungel wird, finden gleich wenige Straßen weiter die Rooftoppartys der Frankfurter Gastronomen James und David Ardinast statt. Wöchentlich organisieren sie auf den Dächern des 25hours Hotels in der abgelegenen Niddastraße Feste. Die Schlange ist lang, der Andrang groß, willkommen jeder: sowohl Turnschuh- als auch Anzugträger.

Bilder: Lottermann & Fuentes

Ausschließen wollen die Frankfurter niemanden. Ihre Offenheit macht das Publikum gemischt. Die Niddastraße wird zum Hotspot. Es ist aber nicht nur ihre lockere Aura, die das Publikum anzieht, sondern auch die Wahl der Musik. Dieses scheint sich genau deshalb auf den Dächern um die „Ima Clique“ zu scharen. Wenn zum Beispiel DJs wie Oliver Hafenbauer, Ata oder Aziesch des Robert Johnsons eingeladen werden, etwas zu spielen, das für sie sonst beim Auflegen nicht in Frage kommt. Die Brüder hören Hip Hop, elektronische Musik und Jazz.

Nicht nur bei der Auswahl der Musik aber haben die beiden ein Gespür für das, was gerade läuft, sondern auch und gerade beim Essen: als Fingerfood gibt es Hummus. Das orientalische Gericht lässt sich mit dem Ausblick auf in von der Sonne rot gedippte Wolkenkratzer genießen. Als Teil ihrer Küche bieten sie den köstlichen Hummus bereits seit Jahren in einem ihrer Restaurants an.

Chez IMA heißt das Restaurant mit dem die Brüder sich einen Namen gemacht haben. Was zu Deutsch „Bei Mutter“ bedeutet, ist Konzept: gegessen wird wie bei der Mama, nur ist diese orientalisch. Im September wird es einen Re-Opening geben: CHEZ IMA 2.0 wird fortan Bar Shuka heißen, ein Konzept angelehnt an die Tel Aviver Cuisine. Und weil das schon nicht reicht, wird es auch eine Sake Bar geben. Bis zur Eröffnung erwarten die Jungs ihre Gäste im Pop Up Restaurant nebenan gleich nebenan, in der Niddastraße 56.

Gegründet wurde die erste Ima Bar bereits 2003 von den Brüdern, damals noch in einer Seitengasse nähe der noblen Goethestraße. Die gastronomische Landschaft in Frankfurt sei damals neben vielen Italienern und Japanern nicht ganz so spannend gewesen. Mit der sogenannten Multibar mit verschiedenen (Mezze-)Platten war ihr Anspruch ein Konzept, das der in den Anfängen der 2000-er Jahre begonnenen urbanen Kultur der Vielfältigkeit mit den unterschiedlichen Vorspeisen aus den verschiedenen Regionen des Orients entsprechen sollte. Und es ist gut angekommen. „Weil es nichts Vergleichbares in Frankfurt gab.“

Die amerikanisch-israelischen Frankfurter haben den Blick auf die Finanzmetrpole gelegt, in einer Zeit, in der alle nach Berlin als Trendmetropole geschaut haben. „Aber wir haben immer an die Stadt geglaubt, und für uns war auch sicher, dass die Zeit auch für Frankfurt kommt“, meint James. Neben dem orientalischen Chez Ima haben die Brüder in den Jahren weitere Restaurants etabliert, die das Frankfurter Bahnhofsviertel deutlich verändert haben: der als Deli ausgerichtete Pastramiladen Maxie Eisen und das Stanley Diamond mit gehobener Hausmannskost.

Die von Migration geprägten Straßen sind voller, in südländisch, orientalischer Manier genießen die Gäste im Sommer draußen das Essen. In einem Viertel wie dem Bahnhofsviertel geht es nicht vorrangig um die Architektur, Kunst oder das Essen, sondern um seine Menschen. In Frankfurt gelingt es den Brüdern, den alternativen Studenten über den Banker bis hin zum Rapper ins Viertel zu ziehen. Ihre unverkrampfte Weltoffenheit kommt dabei gut an. Natürlich auch das Essen und die konkurrenzlosen Events. Aber das schaffen die Jungs auch, weil sie selbst einen Migrationshintergrund haben, viel reisen und stets aufsaugen, was sie sehen. Und schließlich wieder nach Frankfurt zurückbringen.

Bevor sich die beiden wieder in Frankfurt trafen, studierte James Gastronomie in den USA, sein jüngerer Bruder David lebte erst in Berlin, dann in London. Er kam für ein Wirtschaftsstudium, brach aber ab und begann, in einer Bar zu jobben. Gefunden haben sich die beiden dann wieder in Frankfurt. Ganz einfach weil hier ihre Homebase und ihr Netzwerk ist. Statt über die Bankenstadt zu meckern, beschlossen sie, „die Zügel in die Hand zu nehmen und selbst was zu machen“. Ihre Restaurants sehen sie auch zum Teil als Leidenschaft. Natürlich mache man das auch, um Geld zu verdienen. Auch wenn das im Restaurantbusiness manchmal nicht so einfach sei.

„Weil wir eben mit einer Menge Leidenschaft drinstecken und unsere Mitarbeiter, unsere Gäste, die Atmosphäre uns wichtig sind, verzichten wir oft auf den zusätzlichen Cent. Aber wir lieben es einfach, essen zu gehen, wir lieben es, in Restaurants zu gehen, die Atmosphäre da zu haben und zu spüren, natürlich auch die Leute bei uns im Restaurant zu begrüßen und die glücklich nach Hause zu schicken. Wenn man das macht, gibt das einem ganz schön viel Adrenalin. Und das passt dann schon“, meint James überzeugt. Und wer selbst mal da war, weiß, dass die Jungs nicht nur anzutreffen sind, sondern auch gerne mal den Service übernehmen.

All nicht nur das Essengehen haben sie bereits in der Kinderstube erlernt, sie selbst kommen aus einer Gastronom-Familie. Der Vater, „für den das Essen ein Fest ist“, führte sie in Kinderjahren in das Bahnhofsviertel zum Essen aus. Ob Marokkanisch, Chinesisch oder Japanisch: noch heute gehen sie so essen und lieben und wissen die kulinarische Vielfalt im Bahnhofsviertel zu schätzen. Beim Essen vergesse man manchmal alles, was drumherum ist. „Man reduziert es tatsächlich auf die Kultur ohne irgendwelche politischen oder religiösen Einflüsse, die uns manchmal vergessen lassen, worum es eigentlich geht. Und das wiederum ist das Schöne am Essen.“

Ihrem Publikum wollen sie aber mehr als nur Speisen bieten. Es gehe vielmehr darum, über das Essen mit Vorurteilen zu brechen. So haben sie die Chuzpe-Abende ins Leben gerufen. Chuzpe kommt aus dem Jiddischen und bedeutet „Frechheit, Anmaßung, Dreistigkeit, Unverschämtheit“. Eingeladen werden dazu Comedians aus ganz Deutschland, um an einem Abend vor dem Publikum des Chez Imas zu performen. Da werden auch mal von muslimischen Comedians politisch unkorrekte Witze über das Jüdischsein gemacht. „Da sind wir auch die, die am lautesten lachen.“

Mit Oliver Polak hatten sie einen jüdischen Comedian zu Gast, der mit seinem Standup Comedy das Jüdischsein auf die Schippe nahm. Aber genau darum ginge es bei Chuzpe: gesellschaftskritische Themen aufzugreifen und die mit Humor zu behandeln. „Denn dann lassen sie sich auch oft aus der Welt schaffen.“ Dann sehe man alles nicht mehr so verbissen und ernst. James betont, dass es keine Kultur gebe, die sie ablehnen. Gleichzeitig erwarten sie auch Toleranz von anderen. Leider ist das in der Realität zu oft anders wie die Brüder bedauern.

In einem überregionalen Artikel der FAZ nämlich gab es zur Eröffnung ihres Lokals Maxie Eisen viele rassistische und antisemitische Online-Kommentare. „Bei uns ist jeder willkommen, der mit uns essen und feiern möchte und friedlich ist. Egal, welcher Nation, Religion oder Herkunft er angehört. Wir versuchen es auch vorzuleben.“ , sagt David und James meint weiter: „Wir sind zuallererst Mensch. Das wird leider heute vergessen. Auch in Bezug auf die Flüchtlingssituation in Deutschland, gibt es genügend Kommentare, die du dir nicht durchlesen willst. Da denken die Leute einfach nicht nach.“ James und David sind überzeugt, es liegt an der Angst vor dem Anderen. Sie selbst haben keine Angst vor dem anderen. Das macht sich nicht nur in ihrer Offenheit für verschiedene Küchen aus aller Welt bemerkbar, sondern auch in ihrer Arbeitsethik. Da dürfe während Ramadan auch gebeten werden.

Unabhängig davon werden die beiden mit Gentrifizierungsdebatten häufig konfrontiert. Ihnen ist es wichtig, in diesem Zuge auch auf die positiven Veränderungen hinzuweisen, die der Wandel des Bahnhofsviertels mit sich gebracht hat. Denn das Viertel wird heute von Bürgerinnen und Bürgern Frankfurts besucht – vor zehn Jahren hat sich in die Straßen um den Hauptbahnhof herum kaum jemand hingewagt. Bei der jährlich veranstalteten Bahnhofsviertelnacht waren letztes Jahr 50 000 Menschen da, die auf den Straßen feierten, tanzten und aßen. Dass aber bestimmte Gruppen verdrängt werden, wollen die Ardinast-Brüder nicht. Die Ansässigen, schätzen sie – denn sie machen den Flair des Viertels aus.

„Wir sind nicht hierher gekommen, um dieses Viertel zu ‘bereinigen’, sondern ganz im Gegenteil. Klar, den Kranken und sozial bedürftigen Menschen muss geholfen werden, das ist gar keine Frage. Aber das ist eben auch dieser Frankfurter Weg, der international Beachtung findet in Städten.“ Kaum eine Stadt in Europa war lange bis in die 90er Jahre so von Drogenproblemen behaftet, wie Frankfurt.

Die Stadt entschloss sich dann dazu, den sogenannten „Frankfurter Weg“ einzuschlagen, indem sie Maßnahmen für den Schutz der Bürger der Stadt und die Drogenabhängigen vorgenommen haben – die zum Vorbild sowohl in Deutschland als auch international bei der Drogenpolitik geworden ist. Während es in Frankfurt viele Drogentote gab, begannen die Behörden beispielsweise in Fixerstuben die gebrauchten Spritzen einzusammeln, um Infektionen zu verhindern.

David zählt sich schon lange als Teil des Viertels. Man kenne die Leute, die man dort auf der Straße trifft. Man grüße sich. Letztes Jahr im Winter habe sein Bruder einen der Jungs mit seinen kompletten alten Klamotten ausgestattet. „Ich dachte letztens von hinten, das wäre mein Bruder, dann war er es gar nicht. Also wird man schon ein Teil von alldem und es ist wichtig, dass man sich gegenseitig respektiert.”

„Wir sind hier definitiv keine Fremdkörper“, sagt James und zählt sich damit zum Volk des Bahnhofsviertels. „Wir haben immer darauf geachtet, dass keine Mieter vertrieben werden und sind mit unseren Konzepten immer in leerstehende Räume eingezogen. Die Leute, die hier alt ansässig sind, die Leute, die hier arbeiten, die Leute, die hier leben, von denen hörst du eher selten, dass es irgendwelche Probleme gibt oder man nicht miteinander klarkommt. Das ist auch das, was das Viertel ausmacht. Wer das Viertel versteht, der versteht, dass in diesem Viertel die Menschen nebeneinander und miteinander leben.“

Das Bahnhofsviertel sei daher ein Vorbild dafür, wie man ein friedliches Zusammenleben gestalten könne. Es zeige auch, dass es möglich ist, mit den verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Identitäten und sozialen Schichten zu leben – ohne sich auf die Füße zu treten, ohne mit dem Finger aufeinander zu zeigen, ohne sich zu diskriminieren. „Und genau das ist das, was es für uns hier ausmacht“, fassen die Brüder wegweisend zusammen.

First published on AMY&PINK, on the 25th of July 2018.