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Was ist nur gerade im Deutschrap los? Exkursionen in Eurodance (Zitat, Toxic über Apache 207, sowie laut.de), Afrotrap (Rap.de mit Aria über RAF Camora und Co.), 80-er und 90-er und Sonstiges beschäftigt die Rapgemeinde, die sich in eine Art fortlaufendem Rapseminar vorgefunden sieht. Was aber war Deutschrap einmal?

Natürlich hat Deutschrap mit dem sogenannten “Müslirap” (Producer M3 im ZEIT Interview) angefangen. Die Fantastischen, Die Beginner und Fettes Brot waren lustig drauf, mochten den Bass und Beat, haben sich innerhalb der “deutschen”, vor allen Dingen damaligen sehr alternativ, aber nicht durchmischten Szene ausgetobt und feiern können. Klar, sie waren die ersten, und dabei auch sehr erfolgreich melodisch, romantisch, loyal. Mit der Migration aber kamen neue Rapper, deren Eltern nicht allein deutsch waren. Kool Savas und Rapper wie Ercandize begannen in Berlin ihre Geschichte, Bushido kam dazu, und Rapper wie Samy Deluxe aus Hamburg formten sich hervor. In der Anfangs- und Zwischenzeit hörte man auch von anderen Städten etwas: Massive Töne, oder etwa Advanced Chemistry, wovon die einen aber nur an wenige Erfolge anknüpfen konnten, wärend die Anderen regelrecht zu alternativ für die noch damals weitaus unbefruchtete HipHop-Szene selbst im Sinne des kommerziellen Conscious-Rap waren. Fremdenhass, Ausländerkriminialität wurden ohnehin immer mehr zum Thema. Was mit Xavier Naidoos Band “Adriano” begonnen hatte, über Afrob weiter getragen wurde und damit einige, neue Impulse hat geben können, endete dann doch letztendes mit Messerstecherei, denn auch deutschsprachiger Rap wanderte und veränderte sich dabei immer mehr von einer erst witzigen, dann provokanten und schlussendlich weg von einer kritischen Haltung zu einer Kopie amerikanischen Gangsterraps. Haftbefehl war geboren. Und obwohl der Stil wie er ihn hat in der Medienöffentlichkeit prägen können eher den Frankfurter Rappern Celo & Abdi zuzuschreiben und zu ordnen ist, so steht doch fest, dass eine Gewaltrealität besonders in Frankfurt bereits existierte. Die Kriminalität und der Drogenverkauf, an den hier in Frankfurt nahezu jedes Kind in Berührung kommen kann, wurde zu einem neuen Sinnbild des deutschen Raps.

Doch auch das ließ nach, denn so recht authentisch in diesem Zug waren die wenigsten, die etwas davon “erlebt” hatten. Mit dem Erfolg der Shisha kommerzialisierte sich Deutschrap zur sogenannten “Shishabarmusik”. Gleichzeitig aber schielte man auf den Racaille-Rap der Afro-Trap Franzosen, die sich, wie soll es auch anders sein, von ihrer Herkunft Afrika inspirieren ließen. Es dürfte zu einem parallel anliegenden Domino-Effekt gekommen sein. Auch der lateinamerikanisch- amerikanische Dancehall erlebte im Rap ein Revival.
In Deutschland versuchte man sich derweil mit Drake, der ja ohnehin viel von anderen Kulturen ausleiht und in seine Musik anbaut, ebenfalls an den Dancehall, nachdem Raf Camora bereits bei den Nachbarn MHD abgeschrieben hatte. Erfolge wurden generiert, die Kasse klingelte. Rapper wie Summer Cem oder KC Rebell, die mit Kollegah und Farid Bang den neuen “Diss-Soundtrack” etabliert hatten, wurden ebenfalls erfolgreicher. Der Rap machte sich selbst zum Rap. Die Konkurrenz stieg mit jedem Mal, bei dem ein neuer Rapper seine Herkunfsstadt bekannter machte.

Und über die Vermarktung hin sprießen aus dem Boden urplötzlich, neue, deutlich jüngere Rapper auf, die das Musikbusiness begriffen hatten. Nach den Erfolgen von Rappern wie Capo oder Nimo waren Mero, Mero el Sero, Sero und Fero47 geboren. Allein die Namen sind irrewitzig – sowie führend. Konstruktion und ein großes Know-How waren im Gepäck dieser vier jüngeren Rapper, die sich vieles abgeschaut hatten, und somit ganz im Sinne ihrer Generation nur Bares in Wahres umschlagen konnten. Es wurde kopiert von einer “Musikkultur”,oder besser Industrie, die sich ohnehin viel von der Amerikanischen Popkultur in die deutsche übersetzen ließ. Ob nun von Producern, Musikmanagern oder Artistmanagement großer Plattenlabel wie Universal. Die Frankfurter wie auch die KMN Gang hatten verstanden, was wie funktioniert. Letztere besonders hatten zwar ihren eigenen Sound kreiert, ein eigenes Standing entwickelt, und fern vom Kommerz eine eigene Fanbase aufgebaut, und doch hatten auch sie als Teil einer jüngeren Generation, denen Statussymbole so wichtig ist wie noch nie, verstanden, mit Markennamen zu kooperieren. Neben der KMN Gang (zu Deutsch; Kiss my Nikes), hatte auch Capital Bra erfolgreich mit der amerikanischen Namensfirma Nike kooperiert, und jene Marke vermarkten können. Der Rapper, der ohnehin viel lieber Gucci trägt, wurde zum Inbegriff des Aufstiegs. Das Credo und Aussehen hatte er sich von der jungen Generation türkischsprachiger Schüler entliehen, die passende Aggression hatte er ohnehin schon inne. Wie Fußballstar Ronaldo aber konnte er glaubhaft machen, auch in Bezug zu seinen Fans, wer nicht nur das sagen hat, sondern schafft. Ein Song nach dem Anderen wurde “rausgeballert”. Heute hat er, wie es in Fachkreisen gerne heißt, ein Majorlabel hinter sich, und macht Schlagermusik, die sich wer weiß, wie lange noch verkaufen wird. Und auch der derzeit erfolgreichste Rapper “Mero”, der als Jugendschwarm jener jungen Frauen gilt, die nach einem rebellischen Schönling schmachten, hat mit Xatars Label “Alles oder Nix” verstanden, wie sich sein Äußeres in Kombination mit jenem “asozialen” Image verkaufen kann, das mit der Zeit immer kommerzieller wurde, so sehr, dass sogar eine mit Betrug verdächtigte Rapperin ohne jegliche Form von Bedenken mit ins Boot geholt wurde.

Und da jene Kommerzialisierungen auch Hand in Hand mit Anbietern wie Netflix einhergehen, zeigt das Spiel; Rapbusiness ist in einer Art kommerziellen Unterhaltung gemündet, die Geld bringt, über Kinderfernsehen wie Youtube gestreamed wird, mit Spotify erfolgsversprechend ist, und letztlich auch an dem Bild des migrantischen, aber zutiefst sympathischen Gangstaboy bedient hat. Zwar können sich die zumeist Jugendlichen mit jenen Figuren identifizieren, werden aber gleichzeitig zum Opfer einer Musikindustrie, die sich an der Lebensart und dem sogenannten “Migrationshintergrund” dumm und dämlich verdient.
Neben Spaßvideos, langer Reportagen und Interviews, beherbergen und dominieren auch teure Videos, Marken und weitere Belanglosigkeiten wie Streiteren, die sich als Erfolgsmasche entpuppt haben, die Szenerie. So authentisch Manches davon auch sein mag: so richtig “real” ist das Ganze dann doch nicht.
Die Fans, die diese Stilrichtung nicht verstehen, werden mit einer geschickt definierten Zielgruppenorientierung immer jünger. Der Erfolg einer Shirin David, die eine Art Barbiepuppe der Spätpubertären geworden ist, lässt sich mitunter mit jenen Erfolgsstrategien erklären.

Das Interessante aber ist an Rap, dass er sich selbst immer wieder killed, um aufzuerstehen. Es bleibt abzuwarten, wer was liefert wie es in der Volkssprache der Rapenthusiasten gerne heißt, wovon viele Musikbegeisterte -und Interessierte gerne in kleinen Kreisen deutschlandweit debattieren.

Die Hiphop-und Rapgemeinde in Deutschland wächst stetig. Die Generation, die aus jungen, erfolgshungrigen und modebewussten Kindern mit und ohne Migrationshintergrund besteht, ob nun stärker ein Teil von der führenden Gesellschaft, weniger oder durchmischter, will neue Rollenbilder, und mischt sich unter die Massen. Mit gesellschaftlichen Veränderungen werden sich sicherlich auch die Musikströmungen- und Inhalte verändern, was das Ganze nochmal zum Beben bringen wird. Was dabei nicht unbedingt zu erwarten, aber nur zu hoffen bleibt: weniger Kopien stattdessen Lieder mit Herz und Seele, ob nun über den neuen Porsche wie es ein Tyga vormacht, oder eben über die heißeste Frau auf Erden (Ty Dolla Sign) oder Rassismus und Antifremdenfeindlichkeit a la Kendrick Lemar. Aber dabei eben mit einer eigenen Musikgeschichte, wenn nicht Autobiographie sowie Musiksprache und Stil.

HipHop, wahrer HipHop lebt zwar vom Aufstieg und der Auflehnung, was sich in jeglicher Hinsicht von Statusobjekten bis hin zu wortstarken, verbalen Angriffen auf die Politik äußern kann, setzt aber Authentizität, wie in jeder anderen Kunstform auch, voraus. Warum der Erfolg ihnen durch Streamingdienste dennoch gelingt, anders als in der Kunst liegt daran, dass sich Musik erst mit den Jahren offenbart, nicht mit nur einem Song als eine Art Kunstwerk, der einige Millionen Mal gestreamed oder hochgefeiert wurde von der Hiphop Szene. Es zeigt sich mit der Zeit, welche Spreu auch im Deutschrap sich vom Weizen trennen wird.

Denn die erfolgreichsten Rapper, ob nun ein rassistischer, aber schneller Eminem (46 Jahre), HipHop Legende Jay-Z (49 Jahre) mit der vielleicht besten Stimme überhaupt, Pharrell (46) mit einem unglaublich weiten Blick auf verschiedene Richtungen, zeigen er als eine der besten Rapper und Hiphop-Artists, wer oder was sie sind, wenn sie ihre 40er antreten. Und selbst die Hits von den längst verstorbenen Raplegenden wie B.I.G. und Tupac, die heute in ihren späten 40-ern wären, leben noch heute stärker wie nie zuvor auf. Wer den Rap aber neu erfinden will und gewillt ist, sich dabei von den Großen inspirieren und belehren zu lassen, und dabei von den einigen wenigen erfolgreich, aber minder talentierten Rapstars, der muss, keine Frage, erst einmal sich selbst neu erfinden.

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