Menu
menu
Vogue-UK-Going-Deutsch-Modepilot

 

Die britische Vogue widmet sich in ihrer aktuellen Mai-Ausgabe dem Modeland Deutschland und preist den Aufstieg des “minimalistischen Stils” an. Dabei zeigt keines der Bilder zum Artikel etwas Deutsches. Genau daran stört sich der Blog “Modepilot“. Aber gehört nicht auch alles Nicht-Deutsche in dieses Land? 

In dem Artikel “Going Deutsch” der Autorin Laura Weir geht es um die Style Revolution in Deutschland, ein unmodisches Land, welches zurzeit einen “neuen Modemoment” habe. Nicht etwa aber Berlin widerfahre dies, sondern “Betastädten” wie Hamburg, Düsseldorf und München. Als Betastädte betrachten sich diese Städte aber sicherlich selbst nicht; lediglich Berlin und alle Berlinfixierten. In München jedenfalls liebten es Frauen einzukaufen. Dabei hat sich auch in Berlin eine sehr starke konsumorientierte, deutsche Kultur etabliert, die aber ein mittleres Segment wie &Other Stories, Cos und Acne zu ihrem Lebensstil zählt. Dennoch Arm, aber sexy.

Wenn es nämlich um den Luxumarkt geht, ist man in München an der richtigen Adresse. Befragt hat man dazu Justin O’Shea, Chefeinkäufer des Online Luxushandels mytheresa.com aus München, welches erst jüngst von Saks Fifth Avenue Besitzer Neiman Marcus aufgekauft wurde. Mit O`Sheas Freundin Veronika Heilbrunner gehört das Paar zu den beliebtesten Motiven der Streetstyle Fotographen der Modewochen around the world. So sehr man Streetstyle-Stars für ihren kommerziellen Stil auch kritisieren mag, auf dem Markt spielt eine echte Deutsche mit. Das ist aber Modepilot nicht deutsch genug, denn sie werde ja von ihrem australischen Freund eingekleidet.

Aber auch die kreative Stadt Berlin, der as an Subkulturen keineswegs fehlt, kommt nicht zu kurz. Die Vogue attestiert den Kollektionen von Céline, Dior und Jil Sander den Berliner Stil. Der wird kontrastiert zum ehemaligen deutschen Stil der Deutschen, der übrigens von der bayrischen Prinzessin und American Vogue Redakteurin beobachtet wird. Gesprochen wird vom Deutschen mit weißen Socken und lila Fleecejacke. Witzig, dass von einem deutschen Touristen gesprochen wird, den es übrigens noch immer gibt, wenn es um Stil geht, den es ja in Städten wie Hamburg deutlich zu sehen gibt. Hier lässt man eine amerikanische Deutsche negativ sprechen, doch während versucht wird, den Stereotyp des Touristen abzubauen, wird er gleichzeitig wiederhergestellt.

Diese Stilentwicklung vom Sockenträger zum Stilträger sei der Grund dafür, dass sich The Store im Soho House habe etablieren können, wie von Modepilot ganz richtig beobachtet wird: für das englische (Touristen)-Publikum.
Aber die Autorin erkennt die neue Entwicklung im kreativen Berlin und fügt dem Artikel etwas Dynamischeres hinzu: die lokalen Berliner Jungdesigner wie Bobby Kolade und Malaika Raiss finden Erwähnung.  Metzingen darf natürlich nicht fehlen. Wieso Metzingen? Wegen einer einzigen Marke, nämlich Hugo Boss und dessen Creative Director Jason Wu, der sich vom klassischen Bauhaus inspirieren lasse. Trotz der “Fashiongrößen” wie Escada, Jil Sander, Adidas (Werbegesicht Pharrell Williams) und Puma (bald mit Rihanna als Designerin), die übrigens auch im Ausland von allem nicht-Deutschen dominiert werden, habe Deutschland habe keinen Sinn für Mode. Das klingt hart. Der Artikel lobt Deutschland zwar als Modeland, verbindet es aber mit allem Englischen, und letztlich mit der Kunst. Gezeigt wird neben The Store im Soho House die Spinnerei in Lepzig.

Bierling stört sich an der Bebilderung des Artikels, denn die einzige Deutsche sei Heilbrunner. “Und sie hat das Glück von ihrem australischen Boyfriend Justin O’Shea (Mytheresa.com) eingekleidet zu werden. Drei Runway-Bilder werden gezeigt: Dior, Céline und Jil Sander – habe ich etwas verpasst? Ist bei einer dieser Marken jemand Deutsches am Werk? Und die schöne und immer schön angezogene Leila Yavari von Stylebop.com, mit der ich immer und immer gern Englisch spreche.” Der Beitrag endet wie folgt: “Sie ist gebürtige Iranerin und in Kalifornien aufgewachsen.”

Deutschland will international und offen gegenüber Ausländern sein, aber eine deutsche Mode-Autorin stört sich an den dargestellten Akteuren der Mode, die lediglich schnell auf den globalen Markt reagieren, was ganz offensichtlich den Deutschen selbst im eigenen Lande nicht gelingt. Nun gehören auch diese Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten, dazu.

Aber nach der Kritik Bierlings: Hätte man nicht auch eine Bio-Deutsche, bzw. Deutschsprachige einbauen können? Das hätte man natürlich: zum Beispiel eine der ersten Einkäuferinnen der erwähnten Marke The Row statt der britischen Mitgründerin Ruth Chapman von Matches Fashion: die wunderschöne Marion Heinrich, ehemalige Miss Deutschland, Besitzerin der nach ihr benannten Boutique hätte ebenfalls über das Kaufverhalten ihrer Kundinnen erzählen können.

Oder vielleicht eine der etlichen erfolgreichen Blogger wie Kathrin Bierling selbst. So würde sich vielleicht endlich mal das Bild der Deutschen als Modeland ändern. Aber vielleicht möchte die Britische Vogue in englischer Sprache im Austausch mit den Befragten nicht nur mit potentiellen Anzeigekunden kooperieren, sondern einfach auch eine Deutungshoheit beibehalten.

Bilder: modepilot.de

Leave a reply