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Christiane Arp ist die Grande Dame der deutschen Modewelt, die als Chefredakteurin der deutschen Vogue dieses Land nach außen hin im globalen,  modischen Bibelgeschehen mit großer Sicherheit vertritt. Sie steht den anderen Chefredakteurinnen in Nichts nach, schon garnicht, was Stilbewusstsein anbelangt. Ihre Fähigkeit, die Vogue´sche Harmonie der Proportionen zu erkennen, ist gerade deshalb so bemerkenswert, weil wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben, die es bloß weiß, den Dingen philosophisch auf den Grund zu gehen. Doch kommt es in diesem manchmal so tristen Land, indem die Freuden des Lebens wie gutes Essen oder Kleidung nach dem eigenen Geschmack kaum genossen werden,  mit der Mode viel zu kurz. Das möchte Christiane Arp ändern. Denn in Mode, dass sie vor allem für sich persönlich mit Gefühl verbindet, sieht sie schlicht etwas Wunderschönes, eine Bereicherung.

Das Image der Mode wird mit Intellektuellen wie Arp, die sich auch mit ernsten Tagesthemen wie dem Afghanistan-Krieg auseinanderzusetzen wissen, verändert. Zum anderen leistet sie ihren Beitrag zu einer Verbesserung der finanziellen Basis für die Schaffenden selbst durch die Einführung des Vogue Salons, indem zu jeder Saison verschiedene deutsche Designer die Möglichkeit haben, ihre Kollektionen sowohl renommierten Journalisten als auch großen Einkäufern zu zeigen. Als Chefredakteurin weiß sie damit nicht nur, die Vogue ästhetisch mit der richtigen Wahl an Designern zu inszenieren, sondern auch in die Rolle des Designers zu schlüpfen, der sich nicht nur vom Weltgeschehen zu inspirieren weiß, sondern die finanziellen Krisen eines jeden Künstlers überbrücken muss, die sich oftmals als Blockade herausstellen können.

Ihr herausragendes Können zeichnet sich somit durch die Perspektiven aus, die sie besitzt: Als Schreiberin und gelernte Designerin hat sie den besten Platz im Stück. Eine Zuschauerin, zu der ich mich gerne setzen würde, weil sie durch ihre offene und tolerante Natur den Dialog zur Mode als etwas Tiefsinniges und Oberflächliches zugleich eröffnet. Und gerade weil sie entgegen all der Vorwürfe an einen Modeinteressierten sich auf ihre Leidenschaft konzentriert und die unkritische Haltung meidet, bin ich so glücklich, meinen Mut zusammengerissen habe, um ihr spontan erst zwei dann sieben persönliche Fragen gestellt haben zu dürfen.

Wie sieht Ihr persönliches Verständnis von Ästhetik aus? Welche Ansprüche haben Sie und wie konnotieren Sie den Begriff Mode? Ist das definitiv etwas Positives oder bloß nur der Zeitgeist?

Ich glaube, dass wir Deutschen Mode negativ besetzen. Überall anders ist das nicht so. Nehmen wir ein gutes Beispiel: Wenn ich Ihnen sage „Ach, Sie haben aber ein schönes Kleid an“, dann werden Sie als Deutsche sagen „ja, wirklich, meinen Sie?“ Es ist immer diese Unsicherheit, aber wenn Sie eine Französin fragen, sagt Sie mir „Oui, oui.“ Genauso wie die Italienerin immer sagen wird „Ja, weiß ich.“ mit diesem Selbstverständnis. Ich glaube, wir gehen mit Mode nicht selbstverständlich um und deswegen ist es bei uns teilweise negativ besetzt. Für mich persönlich, sehe ich mich ein ganz klein bisschen mit der Macht der Mode oder die Macht, die Mode haben kann, beschäftigen: Ich muss mich gut fühlen. Mode muss mir an manchen Tagen das geben, was mir fehlt. An Selbstbewusstsein, an Schön-Sein, Lässig-Sein, all das. Das heißt, Mode ist für mich, so wie ich mich damit beschäftige, ein wunderbares Hilfsmittel, um mich gut zu fühlen. Mal habe ich Lust, ein buntes Kleid, das weit ist, zu tragen, mal habe ich Lust, ein tiefdekolltiertes schwarzes, enges Kleid zu tragen. Also es ist nicht der Schnitt, nicht das Material, denn würde ich jetzt etwas sagen, würde ich im nächsten Satz sagen „ja, aber..“, verstehen Sie? Es ist nicht festgelegt auf ein Material, ein Lieblingsmaterial, eine Lieblingsfarbe.

Was halten Sie davon, dass gerade in Berlin immer wieder gesagt wird, dass die Kleidung die Persönlichkeit zum Ausdruck bringen möchte? Halten Sie das für unsinnig?

Ach, es werden so viele Dinge gesagt, die auch nachgesagt sind. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass – da rede ich jetzt von diesen jungen Designtalenten- diese jungen Menschen, ihrer Stimme folgen. Ich weiß nicht, ob Sie das eben gerade da gesehen haben. (Anmerkung der Redaktion: Designer for Tomorrow hosted by Marc Jacobs). Ich glaube, dass der Spanier gewonnen hat, weil er komplett kompromisslos seiner Emotion gefolgt ist, und ich halte das, für ganz ganz wichtig. Dieses vorher schon im Kopf haben, das ist vielleicht nicht kommerziell, das ist vielleicht nicht – damit müssen sich diese jungen Menschen sowieso auseinandersetzen – das sollten sie bei so einer Chance zum Beispiel nicht tun. Ich glaube, dass wir einfach Mode akzeptieren sollten als etwas sehr, sehr Schönes, weil so ist es gemeint. Und dann kann es ganz verschiedene Facetten haben.

Glauben Sie es wird durch die Fashionweek mehr Bewusstsein für Mode geschaffen? Sodass sie nicht mehr ständig gerechtfertigt werden muss, sondern akzeptiert wird?

Ich weiß nicht, wie alt Sie sind. Ich denke Mal Mitte 20, Ende 20.

21.

Sie sind ganz anders groß geworden als ich zum Beispiel. Ich glaube, dass sich das langsam über Generationen wie in jeder anderen Kultur anders auch verändert. Ihr Selbstverständnis als Frau ist ein ganz anderes als meines zum Beispiel. Ich musste mir sicher noch einige Dinge erkämpfen, als junges Mädchen, die Sie für selbstverständlich genommen haben.

Ich habe türkische Wurzeln. Ich musste mir wirklich auch einiges erkämpfen. (lachte)

Jaa, (lacht). Dann wissen Sie aber wahrscheinlich genau, worum es geht. Aber ich denke auch, dass es etwas sehr, sehr Gutes ist, dass es verschiedene Einflüsse gibt, dass es verschiedene Herkünfte gibt, dass sich alles miteinander vermischt. Und ich glaube, das ist auffällig, und das ist glaube ich auch ein ganz, ganz großes Plus. Dass es irgendwann dieses Gefühl vermitteln kann, alles ist möglich, was die beste Basis ist für Kreativität.

Wahrscheinlich auch, dass man nicht nur den Kulturen selbst, sondern auch erstmal dem Aussehen der Menschen Toleranz entgegenbringt. Ob jemand ein Kopftuch trägt oder im westlichen Gebiet Haut zeigt. Aber wie stehen Sie zur Emanzipation… (an dieser Stelle wollte ich eigentlich fragen: Wie Mode mit Emanzipation zu vereinbaren ist ( :

Ich bin 1961 geboren. Das ist die falsche Frage. (lacht) Also ich kann das Wort im Schlaf buchstabieren (lacht). Aber ich bin in keinster Weise Militant. Ich finde es großartig, wenn es ein gleichberechtigtes Miteinander gibt, zwischen Geschlechtern, zwischen Kulturen, zwischen Hautfarben. Ich glaube, das ist das, was wir uns alle wünschen sollten.

Muss sich nun letztlich Mode, so wunderschön wie es Ihrer Beschreibung zufolge auch ist, als Kunst erklären? Ich meine gelesen zu haben, dass Sie sagten, dass Mode nicht Kunst sein muss.

Also ich glaube, dass es bei bestimmten Designern, das sehen wir ja auch. Wenn Sie eine Kollektion sehen von Sarah Burton für Alexander Mcqueen, dann sind es handwerkliche Kunstwerke. Sollte man die Menschen zugänglich machen und diese Teile tragen, das heißt in einen Museum ausstellen? Ja. Alles, was schön ist, sollte man in einer Ausstellung sehen. Ich glaube nur nicht, dass jedes Mode-Design Anspruch darauf hat, Kunst zu sein, überhaupt nicht. Mode ist auch ein wunderbarer Gebrauchsgegenstand und genau das sollte es auch sein. Es ist nichts Schlechtes, und ich glaube, der Erfolg einer Phoebe für Celine ist genau der. Sie macht Kleider,- Kleider übertragen für Mäntel, Hosen, für alles – die Frauen tragen wollen. Ist es falsch? Nein, es ist genau richtig. Jetzt waren es aber schon sieben Fragen. (lacht)

Vielen herzlichen Dank.

1961 in Stinstedt, Niedersachsen geboren, wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um Modedesign an der Fachhochschule für Gestaltung zu studieren. Sie entschied sich mit dem Wort Mode zu kreiieren. Nach ihrer Arbeit bei u.a. Brigitte, Für Sie, Amica und Stern, ist sie seit 2003 die Chefredakteurin der deutschen Vogue.

Bilder: Meltem Toprak

 

Designer Vladimir Karaalev präsentierte im Rahmen der Fashion Week seine Kollektion im Podewil Palais. In verträumter Atmosphäre mit absolutem Körpergefühl präsentierten die Models eine zart-sommerliche Einkleidungsvariante im großen Stil. Wie kaum ein anderer beherrscht der gebürtige Bulgarier die Einfachheit der Silhouettenführung, die großes modisches Selbstbewusstsein ausstrahlt. Nude, Grau, Gelb. Die dezenten Farben wurden mit einem Sonnenstark harmonisch akzentuiert. Gerade wegen des Unbetonten des Körpers – ähnlich wie Tai und andere Designer der japanischen Avantgarde –  sind die Mädchen, die Karaleev tragen, sehr mädchenhaft feminin und romantisch. In einem spontanen Gespräch konnte ich mit dem tiefgründigen und sehr symphatischen Designer über die Differenzierung von Mode und Kunst, seiner Inspirationsquelle und dem Status der Berliner Modewoche sprechen.

Du hast dich dieses Mal für eine Installation entschieden, genauso wie letzten Sommer. Wieso hast du dich für dieses Medium entschieden? Was kannst du hier verwirklichen, was du mit einem Catwalk nicht tun kannst?

Ich mag beide gleich. Für diese Kollektion wollte ich es ein bisschen Hippie, ein bisschen freier. Die Models sollen mal stehen und schweben in der Luft. Und das können sie nicht wirklich auf dem Catwalk. Auf dem Catwalk ist es auch eine Art von Abstraktion, das finde ich eben auch mit der Musik. Man hat so viel Zeit. Ich weiß, Journalisten lieben Installationen, denn sie können wirklich die Sachen genau anschauen. Der Catwalk ist eben so, dass man einen schnellen Eindruck hat. Das ist auch was Schönes, aber hier hat man mehr Zeit, sich die Sachen anzuschauen. Mir ist auch die Musik immer sehr wichtig, es muss alles stimmen. Die Mädchen sind auch total toll. Ich habe denen gesagt „Als ob das eure eigene Sache ist. Macht, was ihr wollt.“ Die sind auch alle sehr verträumt, und das finde ich auch sehr super.

Worauf achtest du, wenn du die Mädchen auswählst? Geht es wirklich nur um deine eigene pure Definition von formaler Schönheit oder hat das auch etwas mit Persönlichkeit zu tun? 

Mit Persönlichkeit auf jeden Fall. Es gibt hier auch drei Mädchen, mit denen ich immer wieder gerne arbeite und die kommen auch gerne zu mir. Wir haben auch um ehrlich zu sein kein großes Budget dafür, trotzdem. Aber die mögen mich-, und ich finde, auch dieser persönliche Kontakt zu den Models wichtig. Es ist nicht nur “du bist gebucht, du kriegst 100 Euro, du musst kommen und wirst wie Ware behandelt.“

Wie Ware ? (frage nach, da es sehr laut ist)

 Wie Ware, wie Menschenhandel. Ich finde, die haben alle etwas Besonderes. Ich unterhalte mich auch mit denen darüber, was sie sonst machen.

 Du lernst sie auch immer kennen- wie schön. Die Models bewegen sich sehr verträumt, wie du sagst, und musisch. Für dich ist Mode aber keine Kunst, sagtest du einst. Deine Aussage war sehr gut nachvollziehen, indem du sagtest, „Kunst muss verstanden werden“. Doch diese Interaktion, dass Mode immer noch einen Kunstcharakter bekommen kann, beweist du eigentlich mit deiner theatralischen Installation.

 Mode und Kunst unterscheiden sich, indem die Ansätze ganz anders sind. Es ist manchmal so, dass Mode wie Kunst aussehen kann, aber dann eben nicht diese Funktion erfüllt. Für mich ist Mode in dem Sinne keine Konzeption. Mode ist einfach…H&M ist Mode, Mango ist Mode, ich bin Mode, Garet Pugh ist auch Mode. Also ganz unterschiedliche Sachen, und deswegen hat die Mode manchmal ein schlechtes Imaging. Deswegen versuchen viele vielleicht zu sagen „das ist eher Kunst.“ Weil sie sich von dieser Konfektion entfernen wollen. Aber Mode hat einfach eine andere Funktion, die erfüllt werden muss und daran arbeite ich viel – nicht, dass meine Sachen irgendwie untragbar sind. Meine Sachen sind sehr tragbar. Ich verkaufe auch ziemlich viel, seit ein paar Jahren. Daran scheitert es nicht, dass sie tragbar sind. Vielleicht nicht unbedingt massentauglich, aber das war auch nie mein Ziel. Ich will nicht, tausende Teile produzieren. Ich schließe mich da auch automatisch an andere an. Es gibt viele, die das nicht gut finden.

 Was ist für dich gute Kunst?

Bei der Kunst geht es um nichts Neues, finde ich. Kunst will glaube ich nichts Neues zeigen, sondern bezieht sich immer auf Geschichte. Deswegen ist es ziemlich schwierig, als normaler Mensch irgendwo reinzugehen, und etwas zu verstehen, denn man braucht immer diesen Kontext. So viele Sachen , die wir nicht wissen. Man muss sich schon davor Mut machen, (bei der Überlegung) was für eine Idee der Künstler hatte. Vielleicht bezieht es sich auf einen anderen Künstler, der in der Vergangenheit gelebt hat und den er gar nicht kennt. In der Kunst geht es nicht um gut und schlecht, da ist dieses ästhetische Feld weg, und bei der Mode geht es ziemlich genau um das Visuelle. Da müssen für mich die Proportionen stimmen, und bei der Kunst – ich rede jetzt von der Postmoderne – steht das Konzept im Vordergrund und nicht das Ästhetische, und die Ästhetik. So viele Leute sagen immer, „das finde ich hässlich“. Es geht nicht um schön und hässlich. Kunst ist nicht da, um das auf der Wand aufgehängt zu haben. Und Mode ist dazu da, getragen zu werden.

Möchtest du als Mode-Designer, die Zeit, den modischen Zeitgeist, viel mehr dokumentieren oder neu entwerfen?

Das muss eine Balance sein. Mode ist schon ein sehr schönes Zeitdokument. Man kann schon zuordnen, aus welchem Jahrzehnt etwas kommt. Natürlich ist auch Ziel der Mode, dass sie sich weiter entwickelt. Ich rede jetzt von keiner Revolution, aber Evolution. Jede Kollektion baut sich aufeinander. Ich mag, dass sich jede Kollektion auf die vorige bezieht, aber auch was Neues zeigt. Vielleicht ein kleines Detail. Viele Sachen, die ich auch in der vorigen Kollektion versucht habe, zu machen, sind jetzt die Weiterentwicklung.

Wenn es um die Inspiration geht, bist du da eher von deiner Herkunft oder dem deutschen Geschmack beeinflusst? Oder ist es unabhängig, universell, global?

Ich glaube schon, dass meine Herkunft einen Einfluss auf mich geübt hat. Denn ich bin außer jeglichem Modekontext aufgewachsen. Ich hatte nie diese Tradition, was Mode angeht, wie einer, der vielleicht aus Paris, London oder New York kommt. Deren Mode war immer da und Mode war Kulturgut. Hier in Deutschland habe ich auch immer wieder das Problem, dass Mode als Kulturgut bewiesen werden muss. Bis jetzt war es immer wie die Autoindustrie. Einfach Sachen, die man in Kaufhof kaufen kann. Und ich versuche einfach daran zu arbeiten. Die Leute sagen, es geht weiter, es geht nicht nur um schöne Klamotten, aber ähnlich wie in der Kunst muss man sich auf den Kontext beziehen.

Durch diese multikulturelle Identität in der deutschen Modebranche, mit dir und Augustin Teboul steigt das Interesse, weil Deutschland dadurch nicht mehr so deutsch präsentiert wird.

Jaja, genau, genau. Ich bin ein großer Fan von Augustin Teboul. Ich bin so froh, dass die auch hier arbeiten, weil die auch total anders sind als alles andere in Berlin. Hier entsteht viel und wir kennen uns auch untereinander. Und ich finde, es ist auch ganz wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt.

Also glaubst du, Deutschland wird modischer?

Ja, auf jeden Fall. Wir sind auf dem guten Weg. Ich meine, New York haben auch alle ausgelacht, als sie angefangen haben. „Nie wird es passieren“ und jetzt ist es einfach da. Ich glaube schon, dass es wird.

Vielen herzlichen Dank für das Interview.

Vielen Dank auch.

Wenn Mode kritisch ist, dann ist sie Kunst. Ob mit Stoff im Raum oder Farbe an der Leinwand, sobald ein Gegenstand eine Botschaft hat, – ob bewusst oder unbewusst gesendet – nimmt sie Kunstcharakter an. Dass der White Cube mit Models in Bewegung auf dem weißen Laufsteg zur Ausstellung der Kunst ersetzen kann, hat der kanadische Designer Steven Tai vergangene Woche auf der Fashion Week in Berlin bewiesen.

Die Schnitte sind so unkonventionell gewagt. Währed viele anderen Designer die Dürre der Models betonen, das Ideal des Aussehens angeben, hinterfragt der Designer das Frauenbild der medialen Gesellschaft. Mit Büchern in der Hand oder einem offenen Buch mit großer Fingerfertigkeit an einer schlichten Bluse angefertigt, werden die Frauen als kluge Wesen vorgestellt und nicht wie so oft als pures Schmuckstück. Mir Brille auf der Nase und Büchern in der Hand werden sie als belesen charakterisiert, als Buch personifiziert.

„Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch.“ Haci Bektas Veli, Geistlicher des Alevitentums

Die Idee, die unabhängig von den Normen entworfen wurde, strahlt besonders mit dem obigen Outfit eine Harmonie aus. Der Körper begegnet dem Auge in erster Linie körperlos, denn die Silhouetten werden nicht wie sonst betont, die gewohnten Linien verschwinde ganz und lösen sich auf. Sie werden ersetzt mit der Betrachtung des Designers auf die Mode, den Stoff und den Menschen.

Dass das nerdige Erscheinungsbild, der niemals akzeptierte Außenseiter auch eine Projektion seiner Selbst ist, wird im Interview mit Jan Schröder deutlich. „“Ich war immer der Neuling, stand überall am Rand. Dadurch habe ich Dinge, die anderen selbstverständlich erscheinen, aus der Perspektive des Außenseiters wahrgenommen. Das hat meine Denkweise beeinflusst“.  Das Unkonventionelle wird von ihm als Schön definiert, seine Liebe, der Sinn zu den Büchern von einer idealen Trägerin gefordert. Doch im Zeitalter der Digitalisierung sind die Entwürfe auch eine Hommage an den Herstellungsprozess und das Gefühl der Bücher, wie im Artikel auf Zeit Online zu erfahren ist. Eine Ambivalenz lässt sich jedoch herauslesen, indem nicht nur kleidsame Bücher zum Sujet werden, sondern auch „technische Innovationen“ mit dem Kleid als Highlight. „Und so ist gerade sein Kleid mit den goldenen Metallfedern zu einer Kombination aus beidem geworden: Unter dem etwas sperrig wirkenden Oberteil verbergen sich hunderte Drähte, die altmodische Schreibutensilien mit kleinen Elektromotoren verbinden. So können sie individuell gedreht werden und lösen changierende, wellenartige Lichteffekte aus.“

„The big three“ oder „The big four“?

Julia Rohrmann, Absolventin der Kunsthochschule Weißensee Berlin, schreibt genau über die Pioniere der revolutionierenden japanischen Avantgarde-Designer der 80-er in ihrer Diplomarbeit, von denen sich auch Tai hat inspirieren lassen.“Modedesign von Comme des Garçons, Issey Miyake und Yohji Yamamoto;
Reaktionen der westlichen Modewelt auf ihre Entwürfe in den 1980er Jahren;
und die Beziehung Berliner Modedesigner zu Japan heute.“

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Frage“Der „revolutionäre“ Stil – Was haben die japanischen Designer anders gemacht?“ und die Reaktionen der westlichen Welt.

Die Moderevolution der 80er Jahre, schreibt Rohrmann, wurde zum einen nach der Vorstellung in Paris als Avantgarde gefeiert, zum anderen als „Hiroshima bag-lady look abgewertet. Was damals als „vorübergenden Trend“ beruhigt versichert wurde, findet mit Künstlern wie Tai Nachhall in der Gegenwart. Für Tai gelten Comme des Garcons oder Yohji Yamamoto als „traditionelle Vorbilder“, wie die Elle ihren Nachwuchsdesigner auf der online Plattform vorstellt.
Aus diesem Grund möchten wir herausfinden, was Tai mit den japanischen Designern gemeinsam hat und wie das von der deutschen Presse stellevertretend für die westliche Welt wahrgenommen und bewertet wird. Warum gerade Steven Tai zu Berlin passt, ist auch mit Rohrmanns Gedanken zu veranschaulichen. Durch den Over-Size-Look und weitere andere Konventionen der japanischen Mode, finden sich viele Parallelen.

Rohrmann schreibt, dass die japanischen Wurzeln nur bedingt Auswirkungen auf die Formenrealisierung des Designs haben. Analysiert werden von westlichen Journalisten  die japanischen Entwürfe als „Ethno-Stil“ und „Spielarten des Kimonos“. Doch tatsächlich geht es darum,  dass die japanischen Designern, „vielmehr im Wortsinn, die westliche Kleidung und Mode“, auseinandernehmen und Alternativen bieten, „die von innen heraus – aus
dem französischen Modesystem – vermutlich nicht möglich gewesen wären.“

Historischer  Hintergrund

Nach der (Edo-Ära 1603 – 1867), eine Epoche, die sich durch die Isolation der Japaner auszeichnet, findet die erste Berührung 1853 mit der Landung des Admirals Matthew Perry statt. „Die japanische Kultur wird nach Europa exportiert“, der Einfluss wird auf die westliche Kultur durch Reisende ausgeübt. In der Mode äußert sich dies vor allem im Zeitalter des Japonisme im 19.Jahrhundert mit Kimonos und Inneneinrichtungen. Doch sind die Einflüsse als Balanceakt zu betrachten. Denn „ab 1870 ist es für Angehörige des kaiserlichen Hofes und
Beamte Pflicht, Kleidung im westlichen Stil zu tragen, und es wird bereits
„japanische“ Kleidung für den westlichen Markt hergestellt.“

„Die Kollektionen
von Comme des Garçons, Issey Miyake und Yohji Yamamoto unterscheiden
sich radikal von dem Körperideal, dem Frauenbild und den
Kleidungskonventionen des Westens.“ Steven Tai ist in Myanmar geboren, im Alter von 10 Jahren mit der Familie nach Vancouver gezogen, und mit 22  nach London. Gezeigt hätte er seine Kollektion übrigens auch gerne in der Hauptstadt Englands. Der Absolvent des St. Martins College, der für Hussain Chalayan und Stella Mccartney arbeitete, ist gewiss sowohl von der architekturalen Mode, als auch des sportlich-eleganten Stils beider britischen Designer beeinflusst. Gerade die Blusen mit dem Kragen entsprechen dem heutigen Mode-Zeitgeist des Westens. (Stella Mccartney, pre-spring/summer 2013) Die Reize der Frau werden verhüllt, das Geschlecht steht im Hintergrund ohne verschwiegen zu werden. Auch Hussein Chalayan stellt das Assymmetrische und Skulpurale als ästhetisch – nicht zu verwechseln mit schön- gleich.

Tais Entwürfe entsprechen ebenfalls dem Oversize-Stil, doch ist es mehr ein „Auftragen „in hellen Farben als dass sich unter schwarzen Laken Luft, eine Leere,  befindet. Models tragen schließlich tatsächlich einen Bauch. Rohrmann charakterisiert die Entwüfe als einen Angriff. „Beschädigte, zerrissene Kleidung ist ein Angriff auf die westliche wie auch die japanische Konvention, über die Kleidung Status und
Reichtum zu kommunizieren.“ Tai stellt mit seiner Kollektion ein völlig neues, den bestehenden Strukturen entgegengesetztes Wertesystem der regierenden, kommerziellen Modeindustrie dar. Es geht nicht um Etiketten, um Product Placement am eigenen Körper. Es geht darum, die Verschönerung des Geistes durch Erlesung als Material mit Stoff festzuhalten und sichtbar für das Auge zu machen.

Rohrmann zufolge ist die Kritik der „Big Three“ eine an die „Bevorzugung des Kimonos –  dem Kleidungsstück der Oberschichten – als japanisches Nationalkostüm.“ Tai hingegen scheint durch seine Biographie von der Herkunft stärker losgelöst. Ihn scheinen die Gegebenheiten seiner eigenen Umgebung und Zeit viel mehr zu interessieren als die orientalischen, vergangenen. Die Auseinandersetzung mit den Umbrüchen der heutigen Zeit sind Kritikpunkt seines Werkes: ein von Konsum modelliertes Ästhetikverständnis, dass sich in der gesamten Kultur äußert. Das Weltbild des Modemenschen – selten vom Mode- Designer – ist oftmals ein verzerrtes, der Realität abhandengekommenenes Bild, in der die Oberfläche dominiert. Daher ist Tais Werk in der Berliner Woche auch ein „Wachrütteln“, eine Renaissance des Höheren, das erneut zu den Werten werden sollte.

Da weitere Designer wie Vladimir Karaalev (deutscher Pioneer der japanischen Avantgarde) und Michael Sontag Berlin ganz authentisch als eine Stadt präsentieren, die die Fähigkeit besitzt, über die Grenzen hinauszudenken, sich intensiv mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und das eigene Ästhetikverständnis als Resultat der eigenen Empfindungen und Idealen präsentiert, passte Steven Tais Kollektion hervorragend in die Woche.

Die Gala mag zwar ironisch schreiben, aber was zählt schon die Meinung eines Klatsch-Magazines über Ästhetik und Kunst. „Konzept-Kunst. Nach den umjubelten internationalen Shows von Iris van Herpen und Wang Yutao wurde diesmal der Kanadier Steven Tai eingeladen.Seine Kollektion widmet sich „Bücherfreaks“, ob mit nerdigen Accessoires wie Lesebrillen oder Pailletten aus Füllfedern. Wird garantiert ein Bestseller.“


Nicht nur Zeit Online, auch etliche andere Kritiken sind für Tai positiv ausgefallen. Er hat hoffentlich zum Abbau von großen Minderwertigkeitskomplexen verholfen. Denn fest steht,  dass Deutschland in Sachen Mode Komplexe hat. Berlin kämpft noch immer um Anerkennung, kritisiert sich selbst, statt mit gesundem Patriotismus zu loben, was im eigenen Land geschieht und entwickelt wird. Maßgeblich hängt das auch mit dem Desinteresse der Intellektuellen in Deutschland zusammen. Die Reputation im Ausland hängt wie Alfons Kaiser sagt, einerseits vom Outdoor-Look ab, dass dem Stil der Schweizer nahe kommt, wie Yvan Rodic mir im Interview erklärte, und dem manifestierten Ordnungssinn der deutschen Tugend, wie ich selbst hinzufüge möchte. Und zuletzt auch dem fehlenden Gefühl für Patriotismus zusammen, der sich nur im Fußball äußert. Wenn die kulturelle Vielfalt, die Berlin stolz präsentieren darf, akzeptiert wird, so wird endlich geschätzt, was Berlin zu bieten hat: nämlich erstklassige Mode.

 

Bilder: Meltem Toprak

Für viele Menschen außerhalb der orientalischen Welt ist die türkische Frau eine von oben bis unten bedeckte. In den Köpfen derer, die noch nie dort waren, hat sich ein Bild einer unterdrückten, Frau eingenistet, die ein Machtmittel des Mannes und Religionszeichen des Islams darstellt. Doch mit der Zeit, wird das Bild der modernen Frau, das der Realität entspricht, immer stärker um die Türkei bekannt und präsentiert. Während der Berlin Fashion Week stellten die Designerinnen Burce Bekrek, Günseli Türkay und Zeynep Erdogan die Show „ISTANBUL NEXT“, die in Kooperation mit der Plattform LINIST und dem Ministerium für Kultur und Tourismus verwirklicht werden konnte, gemeinsam ihre Kollektionen vor.

In der Modewelt liegt der Fokus auf dem westlichen Stil und der westlichen Designer. Gerade in Deutschland ist das Interesse an dem, was in der Türkei geschaffen wird, gering. Es bestehen noch immer viele Vorurteile und die wenigsten wissen, dass gerade in Sachen Mode in Istanbul viel passiert. Obwohl Türkei als ein islamisches Land zu betrachten ist, sind gerade die Menschen im Westen der Türkei entlang der Küste sehr europäisch. Seit Atatürk ist der Blick auf den Westen gerichtet, maßgeblich den Geist der Stadt bestimmen die „alten Istanbuler“, die sehr offen sind und sich mit verschiedenen Hintergründen (griechischen bis bulgarischen über syrischen Wurzeln) zu einer sehr vielfältigen Stadt mit verschiedenen Strömungen und Weltbilder zusammensetzt.

Viele Designer kopieren den Stil Europas, andere versuchen die eigene Identität, ob anatolische oder ostthrakische, zu bewahren und sich von der westlichen Welt inspirieren zu lassen.

Die Designerinnen, die ihre Kollektionen im Rahmen der Istanbul NEXT Show präsentierten, bewiesen die Modernität Istanbuls mit dem feminen Geschmack der türkischen Frauen. Auch unabhängig vom allzu filigranen, dekorativen türkischen Stil waren die sehr cleanen Blusen in Pastelllila. Die Kleider, die Zeynep Erodgan jedoch zeigte, waren durch die Zierausschnitte und plissierten Röcke sehr feminin und verspielt.

Burce Bekrek beeindruckte mit dezenten Farbblöcken, die mit eingeschnittenen Bereichen an verschiedenen Stellen aufgewertet wurden.   Günseli Türkay präsentierte Prints, die von afrikanischer Kultur inspiriert zu sein schienen.

Da mich als Individuum in der Gesellschaft sowohl der Geschmack meiner türkischen Kultur als auch der meiner deutschen Heimat sehr prägt, treffen die Designer Istanbuls, die gekonnt Okzident und Orient in ihren Entwürfen verwirklichen, exakt meinen Geschmack.

Frau-Sein, selbstbewusst mit einem ausbalancierten Verhältnis zum eigenen Körper, auf eine zurückhaltende, aber weibliche Art halte ich für sehr ästhetisch.

Auf dem Laufsteg fiel besonders die blonde Schönheit Wilma Elles auf. Die deutsche Schauspielerin, mit der ich ein Gespräch für meinen Blog geführt habe, wurde aus Istanbul eingeflogen, um die türkischen Designer zu unterstützen.

 

 

Bilder: Meltem Toprak

Mein für den nahtlos-Blog geführtes Interview mit Professorin Leutner.

Es gibt wenige Menschen, die eine so faszinierende Aura und Ausstrahlung haben wie Wilma Elles.  In Deutschland erkennt sie außer den Deutsch-Türken kaum einer, doch in der Türkei ist die blonde Schauspielerin unter dem Namen „Carolin“ mit gerolltem R so ziemlich jedem der 73 Mio. Einwohner bekannt. In Düren aufgewachsen, studierte sie neben der Teilnahme an einer Schauspielschule Islam- und Politikwissenschaften. Gelandet ist sie in der Stadt am Bosporus und funkelt dort im wahrsten Sinne des Wortes als Superstar. Ihren Namen Wilma hat sich mittlerweile jeder gut eingeprägt. In der Serie „Öyle Bir Geçer Zaman Ki“ („So wie die Zeit vergeht“) spielt Wilma Elles die Hauptrolle der holländischen Schönheit, die in den 1960-ern eine Liason mit dem verheirateten Kapitän Ali beginnt. 20 Millionen Zuschauer verfolgen die dramatische Serie jeden Mittwoch Abend gespannt. Und mittlerweile gehört die Türkisch-Deutsche, wie sie sich selbst nennt, zu den beliebtesten Schauspielerinnen und Models der gesamten östlichen Welt. Zur Berlin Fashion Week ist sie vergangene Woche gekommen, um für die Istanbuler Designer nicht nur in dem einstigen byzantinischen Zentrums zu laufen, sondern auch für die Kollektionen von Burce Bekrek, Günseli Türkay und Zeynep Erdogan im Rahmen der Show ISTANBUL NEXT. Mit einzigartiger Klasse, Grazie und Ausstrahlung einer talentierten Schauspielerin hat sie während der Fashionweek ihre Eleganz als Model bewiesen. Nachdem sie in der türkischen Elle und Vogue erschienen ist, hat die 25-jährige für das große türkische Modehaus Adil Isik nun die Kollektion „Maya“ entworfen, für die sie auch selbst gekonnt posiert. In einem kurzen Gespräch konnte ich mit ihr über ihre Kollektion, Istanbul und die deutsch-türkische Mentalität sprechen.

Wilma Elles muss man sich übrigens als ununterbrochen lächelnden Menschen in Gesprächen vorstellen. Ob vor der Kamera im türkischen Fernsehen oder vor mir während Interviews, trägt sie ihr Lächeln mit ganz natürlicher Art, als sei es ein Teil ihrer selbst.

Du läufst für türkische Designer der Istanbul und Berlin Fashion Week, aber du hast auch selbst eine Kollektion erst kürzlich entworfen.

Wilma: Jaaa. (ganz euphorisch)

Vielleicht magst du uns etwas dazu erzählen.

Wilma: Also das ist zum Beispiel ein Teil von der Kollektion. (zeigt ihr Outfit)

Das sieht wunderschön aus.

Wilma: Danke. Es ist eine Feng-Shui-Kollektion, die wir gemeinsam mit der Firma Adil Isik machen. Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für Feng-Shui, Aura, Energien. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass ich immer nur nach Westen oder Norden schlafen kann, und nicht nach Süden oder Osten. Auch habe ich festgestellt, dass ich Anderthalb Jahre nur Schwarz getragen habe und als ich in die Türkei gekommen bin, plötzlich Rosa, Orange. Und da habe ich mir überlegt, woran das liegen könnte. Und so kam das Interesse, Feng-Shui-Kleider zu entwerfen, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind, Hypnosezeichen tragen, und subliminale Botschaften abgeben.

Also in Kooperation mit Adil Isik. Und wann gibt es die zu kaufen?

Wilma: Genau. Die Teile aus der Kollektion sind zurzeit auf dem Markt. Adil Isik hat 300 Geschäfte weltweit, und wir machen jetzt die Sommerkollektion, die es auch online zu kaufen gibt. Die Kollektion besteht aus 26 Teilen, die jede Woche um 10 neue Teile erweitert wird. Wir haben Badeanzüge, Abendkleider, Bürokleidung, aber vor allen Dingen Abendkleider, weil ich auch sehr gerne Kleider anziehe. Und lange Röcke! Ich liebe im Moment lange Röcke, wie du!

Ja, es steht dir auch sehr gut. Du wirst es sicher öfter gefragt, aber wie ist es für dich als „Deutsche“ in der Türkei?

Unglaublich.

Ja, das merkt man, dass es dir gefällt!

Wilma: Man sag ja hier in Deutschland gibt es „Deutschtürken“ und ich fühle mich mittlerweile als „Türkisch-Deutsche“. Ich bin total beeindruckt von der Stadt,den Menschen und ich habe mich sofort wie zu Hause gefühlt. Es war ein so harmonisches Einleben mit den Leuten, mit denen ich mich prima verstehe. Ich liebe zum Beispiel den Verkehr in Istanbul. Bisschen spontan, flexibel – ich bin genauso! Und der Bosporus! Wo gibt es eine schönere Stadt allein von der Landschaft und den Wetterbedingungen? Und das Essen ist so gesund! Hier gibt es auch gutes Essen, keine Frage, es ist eben mehr für eine kältere Gegend gemacht, aber in Istanbul gibt es so viel Gemüse.

Ja, das stimmt. Und wie haben die Türken die türkische Deutsche aufgenommen? Mit der Mode hat sich die Kooperation auch sehr schnell ergeben. 

Wilma: Ja, sehr gut. Istanbul ist ja auch eine Modestadt. Alles wird dort produziert, mittlerweile wird ja auch in Asien produziert, aber hauptsächlich in Istanbul und deswegen lag es für mich auch auf der Hand, diese Kollektion zu machen. Denn ich habe ganz viele Schneider kennengelernt, und hatte Mode-Shootings mit der Vogue und Elle und dann habe ich bei der Fashionweek mitgemacht. So habe ich mich dann immer mehr dafür interessiert. Istanbul hat mich wirklich auf den Trichter gebracht. Hier in Deutschland wäre es viel schwieriger gewesen, so eine Kollektion zu entwerfen. Denn dort sind alle Stoffe der Welt, denn die kommen da ja über die Seidenstraße.

Genau, so hat man viel mehr Möglichkeiten.

Wilma: Genau. Ich rate allen immer, nach Istanbul zum Shoppen zu kommen! Allein die Shoppingcenter sind so groß, Istinye Park zum Beispiel, das habe ich nirgendwo gesehen. Dort ist auch eine meiner Boutiquen.

Toll! Wie genau kann man sich die Boutique vorstellen?

Wilma: Adil Isik ist ja sehr groß, und darin gibt es einen Teil, also eine Boutique für die Maya Kollektion. Die heißt übrigens Maya-Kollektion, da dieses Jahr 2012 das Maya-Jahr ist. Alle Planeten werden in einer Reihe sein und man sagt, dass sich die Frequenz der Welt erhöht und zu Wetterunruhen führen. Alle Menschen müssen ihre Energie nach oben ziehen, um mit dem Tempo des Universums mitzuhalten. Und dafür ist die Kollektion gemacht.

Das ist sehr schön. Du bist ein Mensch, der die Harmonie liebt?

Wilma: Ja, auf jeden Fall.

Sagen die Türken zu dir eigentlich noch „die Deutsche“? In den Medien weniger oder?

Wilma: Manchmal sagen die zu mir „yenge“, dann bin ich am glücklichsten, weil ich das so sympathisch finde, und dann freu ich mich immer total.

(Als die Pr-Agentin von Wilma fragt, was yenge bedeutet, antwortet Wilma: So wird die Freundin vom Freund genannt. Also füge ich noch hinzu: Wortwörtlich ist die „yenge“ die Frau vom Onkel, aber das benutzt man auch so im Alltag ganz gern.)

Wilma: Die entfernte Familienangehörige. Aber manchmal sagen die auch „abla“ (Schwester) und dann bin ich ganz beglückt.

Aber die erkennen dich immer auf der Straße, stimmts?

Wilma: Sofort.

Weil ich einen deutschen Akzent habe, wird mir gesagt „du redest wie Carolin“.

Wilma: Wirklich?

Jaaa. Meine Tante findet dich auch ganz toll. Alle finden dich ganz toll.

Wilma: Danke.

Meryem ist ja halbdeutsch. Aber bei dir ist es so, dass beide Elternteile deusch sind und du mit deinem blonden Haar auch so aussiehst.

Wilma: Bist du ganz türkisch?

Ja, beide Elternteile kommen aus der Türkei.

Wilma: Aber bei dir ist es ja genau das gleiche.

Es ist auf jeden Fall sehr ähnlich.

Wilma: Ah ja, du bist ja hier geboren und ich bin dort erst seit zwei Jahren.

Aber willst du für immer da bleiben?

Wilma: jaa, das könnte ich mir schon vorstellen. Aber da, wo die interessanteste Arbeit ist, da bin ich glücklich.

 Genau, du bist ja Schauspielerin. Du warst ja auch vorher am Theater. Aber „Öyle bir zaman gecerki“ feiert sogar internationalen Durchbruch.

Wilma: Genau. Die Serie wird jetzt ausgestrahlt in Aserbaidschan, Algerien, Kuwait, Iran, Iraq, Saudi Arabien, Zypern, in so vielen Ländern. In Mazedonien ist es gerade ein großer Hit. Da muss ich unbedingt hinfahren.

Kivanc Tatlitug gilt als Brad Pitt des Osten und du bist neben ihm auch eine der größten Stars, die man in jedem der östlichen Ländern kennt. Und hier in Deutschland bekommt das kaum einer mit.

Wilma: Viele wissen das, aber sie können mich nicht sofort erkennen. Die wissen, dass eine deutsche Schauspielerin in der Türkei in einer Serie mitspielt, aber wenn ich denen das sage, „aah ja, habe ich gelesen“.

Aber wie war das für dich, als feststand, dass du in die Türkei gehen wirst. Was hattest du für ein Bild und wie hat sich das verändert?

Wilma: Ich wusste halt, dass Istanbul eine Weltstadt ist. Wenn man von Köln, einer 1 Mio. Stadt in eine 20-Mio Stadt zieht, ist das in jedem Fall sehr schön.

Und was für ein Bild hattest du von der Mentalität?

Wilma: Ich wusste natürlich, wie die Mentalität sein wird, aber ich war nur positiv überrascht. Aber es ist so, dass mir meine Familie sehr nah ist. Ich habe vier Geschwister, und der Familienzusammenhalt ist bei uns ganz groß geschrieben.

Wie lange geht die Serie, in der du spielst, noch?

Wilma: Eine Saison. Aber man weiß es noch nicht genau.

Und hast du schon neue Projekte?

Wilma: Ich beginne jetzt mit einem türkischen Kinofilm für den Sommer.

 Da bin ich echt gespannt. Darfst du schon verraten, worum es geht?

Wilma: Nein, leider nicht. Aber es ist eine Komödie. Zum ersten Mal spiele ich in einer Kömodie mit.

Um es aus der Perspektive einer Schauspielerin betrachten zu können: Wie unterscheiden sich die türkischen Serien von deutschen?

Wilma: Die sind viel hochwertiger produziert. Es sind Wochenserien, die ins Ausland verkauft werden. Wir haben für eine Massenszenen mit 300 Komparsen, das gibt es eben in Deutschland nicht. Wir drehen in Locations mit Schiffen, Helicopter. Es hat auch einen Riesenbudget. Deutsche Serien sind auch gut, aber auf eine andere Art und Weise, es sind Tagesserien.

Und im Vergleich zum Theater, hast du da manchmal das Gefühl, das du durch die Serie künstlerisch eingeschränkt wirst?

Wilma: Nein, überhaupt nicht.

In der Serie „yalan dünya“ wird genau das immer kritisiert. Da stellen die genau die als Karikatur dar, die von sich selbst behaupten Künstler zu sein, aber in billigen Serien mitspielen.

Wilma: Ja, ich liebe die Serie.

Du kannst mittlerweile so gut türkisch, dass du das alles verstehst, das ist echt toll!

Wilma: Ja, Witze verstehen, das war auch immer das Wichtigste für mich.

Bilder: Van Anh Le Thi (danke!) und Meltem Toprak

Als ich Dienstag früh, dem 3.Juli,  in eine meiner drei Schreibmaschinen das feine Papier, das ich am Tag zuvor in der Münchnerstraße kaufte, eingespannt habe, dachte ich darüber nach, wem ich wohl alles meine Visitenkarte geben darf, nachdem danach gefragt wird, ja welche Persönlichkeiten ich in Berlin kennenlernen werde.

Da Töne in Pastell für mich die schönsten sind, habe ich mich für Mintgrün und einem blütigen Pfirsischton entschieden.

Alle Visitenkarten sind von mir handgefertigt, also selbst mit der Schreibmaschine geschrieben. Besonders schön ist das Gefühl des dünnen Papiers zwischen den Fingern. Denn durch den Druck der Tasten werden bei festen Griffen die Formen der Buchstaben eingeprägt. So werden den Buchstaben, die oft flach und formlos mit dem Papier zu eins werden, reliefartig ein Profil verliehen. Man kann die Buchstaben, die sich zu Worten zur Vorstellung meiner Person und meinem Schaffen zusammenschließen, wahrlich fühlen.

Zu den Rechtschreibfehlern antworte ich gerne wie Stanley Buchthal und Bernard Comment  zu Monroes Rechtschreibfehlern mit Marcel Prouts Worten: „Jeder Rechtschreibfehler verrät einen Wunsch…“

Ich freue mich über jeden Menschen, mit dem ich in Kontakt bleiben kann. Denn das Leben wird durch Begegnungen erst lebenswert. Diese Visitenkarten sind eine Einladung zu einer zweiten Begegnung, dem Anfang aller Dinge.

In dieser Woche haben mich übrigens Christiane Arp und die Presse-Agentin von Wilma Elles nach meiner Karte gefragt, womit ich wohl niemals gerechnet hätte.

Wem ich im alltäglichen Leben niemals en face begegne, der soll sich nicht zieren, mir zu schreiben. Das Internet ist da, um Sehnsüchte zu stillen und jeden zu verbinden, der geistig zusammengehört.

Meltem