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Während sich Pegida vor der Islamisierung des Abendlandes fürchtet, diskutiert die Berliner Modewoche, was deutsche Mode ist. Vor der Frage nach deutscher Mode, steht die Frage nach dem, was deutsch ist, denn Deutschland leidet unter einer Identitätskise. Denn es taucht wieder die Frage nach dem auf, was das Adjektiv deutsch denn eigentlich beschreibt.

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„Ein Franzose kauft Louis Vuitton auch weil es französisch ist. Denn der Franzose ist patriotistisch „, meint Florian Siebeck von der FAZ. Und der Deutsche, würde er mit Stolz einen deutschen Designer tragen?

Die Deutschen haben ein Problem mit ihrer deutschen Geschichte, wie könnten sie da über die deutsche Mode nachdenken, etwas so Leichtsinniges. Auf dem Weg von Paris nach Frankfurt, erklärt mir ein Professor für Literaturwissenschaft, er freue sich über die Solidarität des Westens nach dem Attentat auf Charlie Hebdo. Er sei glücklich, Europäer zu sein und jene Werte zu vertreten. Ob er stolz sei, Deutscher zu sein, wollte ich wissen. Er lehnte den Begriff Stolz auf eine Nationalität von Grund auf ab, fügte aber schnell hinzu, dass es vermutlich an der Geschichte liege.

 

Schumacher Show - Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Autumn/Winter 2015/16Schumacher Show - Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Autumn/Winter 2015/16Auf die Mode übertragen, stellt sich die Frage, ob deutsche Designer vereint werden könne. Christiane Arp liegt nicht nur die Berliner, sondern allem voran die deutsche Mode am Herzen wie sie bei der Konferenz des Zeitmagazins zu verstehen gab. Aber ist es nicht schwierig, wenn ein neuer gefeierter Jungdesigner wie Bobby Kolade sich höchstens als Berliner Designer bezeichnen könne, hingegen Vladimir Karaleev, kein Unbekannter der Berliner Modewoche, als deutscher? Das deutsch-französische Duo Augustin Teboul, eines der meistgelobten Labels, machte derweil auf der Konferenz den Anschein, es arbeite daraufhin, sich in Paris zu etablieren. fsfwbe17.06f-fashion-week-berlin-h-w-15-16-teboul-889x1500

Deutschsein klingt per se nicht modisch. Müssten wir also nicht gemeinsam auch zunächst erklären, dass deutsch-sein auch modisch sein kann? Karl Lagerfeld und Jil Sander sind in Wahrheit nur wenige Deutsche, die es im Ausland weit gebracht haben. Doch es scheint, viele sind mehr oder weniger gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um in jener anderen Kultur zu finden, wonach sie suchen: der Mode, die es in Deutschland nicht gibt. Es ist also schwiegier und gleichzeitig einfacher, Deutschland zu verlassen, um erfolgreich in der Mode zu sein. Doch zunächst müsste Deutschland, um ein Modeland zu werden, an seinem Image als Modeland arbeiten. Denn bisher bringt man mit Deutschland viele andere Dinge in Verbindung bis man bei der Mode landet.

Das gilt auch für Berlin. Für Berlin kommt man der Geschichte wegen, zum Feiern,  für den günstigen Lebensstil, der es erlaubt, ausgiebig essen und trinken zu gehen. Und für die Kunst. Ja, Deutschland hat Kunst, Theater, Literatur zu bieten. Und wie Andrea Karg bei der Stil Konferenz des ZEITmagazins erklärte, seien bei dem Debüt ihres Kaschmirlabels Allude auf der Berlin Fashion Week im Jahre 2007 die meisten bei einer Galerie gelandet, statt sich die Mode anzusehen. Weil diese Stadt unglaublich viel zu bieten hat, Allem voran zum Nachdenken, über den Sinn des Lebens. Und all jene internationalen junge Menschen leben zwischen Kafka und Kreuzberger Bars, die wenigsten für die Mode. Denn wie Fotograph Mario Testino genau beobachtete, sind Deutsche intellektuelle Menschen.

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Dass Berlin eine überwältigende Stadt ist, steht außer Frage, aber ihre derzeitigen Umstände vereinfachen es den Desigern nicht gerade. Man könnte beim demodernen Flughafen beginnen, und beim modrigen Kronprinzenpalais aufhören. Wie kann man bei einem so großen Angebot an Gebäude nur auf das Kronprinzenpalais zurück greifen? Nicht nur die ZEITmagazin Konferenz fand dort statt, sondern auch die Shows der Designer wie Hien Le und Augustin Teboul, sowie der bedeutende Vogue Salon. Selbiges könnte auch für die Halle am Berghain gelten, wo Bobby Kolade zeigte. Der Trend an einem besonderen Ort jenseits des schlichten Laufstegs zu zeigen, hat sich intensiviert. Aber an einem besonderen Ort zu zeigen, wenn er denn alle Sinne nicht anspricht, geschweige denn zum Thema passt -etwa bei Augustin Teboul- kann sogar zum Nachteil werden, indem der Kontext der gezeigten Mode vom Ort verfälscht wird, worunter die Ästhetik leidet.

Und zuletzt wird der Mode auch genau die Stadt zum Verhängnis, die ihr so viel erlaubt: in einer armen Stadt mag man sich austoben und suchen können, doch möchte man in einer Stadt ein Produkt verkaufen, darf man sie nicht als Versuchslabor nutzen. Ich denke dabei insbesondere an Vladimir Karaleev, der nicht selten seinen Stil gewechselt hat.

Berlin vesucht einen Lebensstil zu verkaufen, den er nicht lebt.

Ich glaube nicht, dass es dieser Stadt an Kreativität fehlt. Ihr fehlt es sehr wohl aber an Geld. Allem voran auch dem Publikum, und es stellt sich die Frage, ob Designer in Berlin die richtige Kundschaft ansprechen. Während französische Designer dort zeigen, wo potentielle Kunden leben, so wird in Berlin Mode gezeigt, die weit vom modischen Publikum entfernt ist.

Stylisch und kreativ in ihrer Kleidung sind in Berlin definitiv viele, gerade  auch die jungen (interatnionalen), aber auch die jungen Menschen aus Deutschland, die es des Lebensstils wegen dort hin zieht. Doch ihr Stil setzt sich zusammen aus Secondhand, Sports- /Streetwear, und zuletzt auch Ketten wie H&M und Zara. Marken wie Nike und Adidas, die auf Berlin als Werbeort setzen, haben es hier leicht. Sie veranstalten Parties, wo sich junge Leute widerfinden, holen Stars wie Pharrell oder etwa wie vergangenen Montag Trendsetterin Venus X, die mit Nike ins Watergate geholt wurde. Doch was ist mit den Marken im höheren Segment? Werden die nicht überwiegend von Touristen in Charlottenburg konsumiert, die für Geschichte oder Einkaufen kommen? Jedenfalls nicht von den jungen internationalen, die auf der Suche nach sich selbst sind.

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Zwischen Tamaris und Maybelline?

Kann das auch in einem Zelt funktionieren, indem Sponsoren wie Tamaris und Drogeriemarke Maybelline einen Platz haben? Ganz zu schweigen von der unpassenden Ästhetik, Räumlichkeit und Atmosphäre verursacht durch jene unmodischen Marken: Das Zelt ist gefüllt mit Bloggern, Youtubestars und Instagrammern. Hübsch gekleidete junge Mädchen treffen sich und fotorrafieren sich. Dass Interesse an Glamour, Make Up und Kleidung da ist, beweisen sie, doch weder kommen sie und ihre Zuschauer als potentielle Kunden in Fragen, noch bringen sie das nötige Verständnis für die Mode mit. Doch viele dieser Mädchen schleichen sich nicht rein, es sind PR Agenturen selbst, die sie reinlassen, statt ein besseres Publikum einzuladen. Auch das Zelt ist wichtig, denn statt in Off-Locations zeigen dort noch immer viele Designer mit Potential. Man setze lieber auf Qualität statt Quantität.

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Qualität bewiesen hat beispielsweise Hien Le. Er bleibt sich seinem Stil treu, erhoffe mir jedoch mehr Mut. Mailaikaraiss zeigte eine großartige Show in Nudetönen,Ivan Mandzukic ließ sich für Ivanman von Goethes Farbenlehre inspirieren und zeigte einen äußerst stilvollen Mann mit subtilem Hang zur Farbenvielfalt, einfach großartig! An seiner Moder erkennt man, dass nichts als eine weiße Leinwand gebraucht wird. Von Marina Hoermanseder bin ich seit Beginn ein sehr größer Fan, sie ist unglaublich kreativ und mutig. Doch die Typographie ihrer Initialen könnte nochmal überarbeitet werden. Augustin Tebouls Kollektion fiel etwas kitischig aus. Kreationen getragen von besonderen Persönlichkeiten und Künstlern zu zeigen, war eine schöne Idee, hatte doch als Ausstellung in Kombination mit der Präsentation keinen Charme, zumal die Outfits an Frauen wie Angelika Taschen sehr aufgesetzt wirkten. Besonders schön war dennoch der lange Mantel, und wie immer die gehäkelten Details. Kilian Kerner bewies mit den gezeigten Mustern Kreativität, doch es scheint, die Materialien sind schlecht auserwählt. Eine starke Kollektion zeigten auch Minx, Esther Perbandt, Capara,Ioana Ciolacu, Lena Hoschek, Julia Zigerli, Bobby Kolade und Wiliam Fan.

Dorothee Schumacher macht vieles richtig! Sie selbst ist nicht nur eine elegante Frau mit besonderer Ausstrahlung, die ihre Marke sehr gut verkörpert, sie wirkt zudem offen, zielstrebig und stark. Das zeigt sich in ihrer Kollektion, die nicht festgefahren wirkt sondern daran arbeitet, den eigenen Stil zu verbessern und dabei auch eine internationale Ästhetik hervor zu bringen. Mindestens genauso gut macht Andrea Karg ihre Arbeit. An diesen beiden Frauen gefällt mir ihre Reife, und ihr persönlicher Charme, der mit ihrer Arbeit Hand in Hand geht. Frauen von denen viel gelernt werden kann!

Die besten Looks von oben bis unten: 1+2+3: Ivanman(Bilder:Lukasz Wolejko-Wolejszo), 4+5: Dorothee Schumacher, 6: Augustin Teboul, , 7+8: Marina Hoermanseder 9: Malaikaraiss(Bild: Kai Jacob für vogue.de), 10+11 Hien Le

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