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Man mag Die Welt dafür belächeln, dass sie Teil des Axel Springer Verlages ist, aber wenn diese Zeitung allen anderen deutschen Medien in einem voraus ist, dann ist es der Lifestyle-Bereich. Ob Analysen über Stars wie Beyonce, Generationsaufschreie wie den des Hipsters oder Interviews mit Persönlichkeiten wie Scarlett Johansson: Die Welt weiß es, im Lifestyle die Oberfläche mit Tiefe zu verbinden, sodass es sowohl unterhält als auch belehrt. Das proamerikanische Blatt ist in dieser Hinsicht sehr amerikanisch, gekonnt amerikanisch. Als Pionier ist sie damit kreativer und mutiger als die anderen. Denn so tiefsinnig die Mentalität der deutschen Kultur auch sein mag, spätestens im 21. Jahrhundert, in dem Hollywood, Mode und Kapitalismus selbst die Weltbilder bestimmen, ist klar, dass auch Deutschland nicht von der Popkultur verschont bleibt. Aber wer sagt, dass Tiefsinn dem Menschen gut tut, wenn er bei all der tiefsinnigen Gedanken nicht auch in den Abgrund stürzen kann? Lifestyle in Maßen ist genau das, was Deutschland gefehlt hat. Was die Zeit jedenfalls mit ihrem Magazin gleichermaßen wie die FAZ versucht, gelingt der Welt am Sonntag jeden Tag im eigenen Journal. Sie wissen, was den Mainstream bewegt, ignorieren diesen nicht, sondern liefern dazu die Analysen, Gespräche und Stimmen, die man zu jenen Themen, die in Smalltalks beschäftigen und grübeln lassen, hören möchte.

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Die Welt beweist erneut Kreativität und Gefühl für die visuelle Umsetzung. Nach der Gestaltung des deutschen Künstlers Neo Rauch, hat sich das Team um Chefredakteur Jan Eric Peters nun den wohl kreativsten deutschen Weltstar Karl Lagerfeld geholt. Für die Luxusausgabe der Welt am Sonntag durfte Karl Lagerfeld als Chefredakteur ans Werk. Entstanden sind dabei wie gewohnt politische Kommentare des belesenen Schöpfers, interessante Texte zum Luxus, und zuletzt viel um den Papst herum. Interviews mit Karl Lagerfeld, Interviews über Karl Lagerfeld. So erfährt man, dass Lagerfeld bereits in seiner Jugend viel lieber mit Mädchen abhing, pausenlos zeichnete und redete. Im Interview mit Inga Griese und Jennifer Wilton erlebt man Lagerfeld erneut als bodenständigen Star, der seine weisen Gedanken zur Gegenwart, Sehnsucht und der Idee von Freiheit teilt. Bilder aus den jungen Jahren des schönen Lagerfelds bis zu den gemeinsamen Sitzungen im Hause der Welt von letzten Freitag gibt es außerdem.

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Unter dem Titel „Fremde Kostbarkeiten“ schreiben Auslandskorrespondenten über den besonderen Luxus in den jeweiligen Ländern, der für uns Deutsche kaum vorstellbar wäre. Vom Luxus des Schwimmens in Istanbul bis über Waschmaschinen in New York erfährt man über die Güter etwas über die Kultur der Länder. Stefen Fründt schreibt über die Luxusprobleme der Superreichen, was von Lagerfeld mit fünf Vorstellungen zu „The best things in life are free“ amüsant und lehrreich kommentiert wird.

Außerdem widmet sich die Ausgabe verstärkt dem Lande, indem Karl Lagerfeld seit seinem 17. Lebensjahr lebt. Tilman Krause schreibt in großartigem Stil über das Nachbarland, das man trotz der Krise nicht im Sinne der Vorbildfunktion als europäische Mutter von Stil, Eleganz und Luxus verlieren möchte. In der Sonderedition „Made in France“ porträtiert außerdem Carola V. Pompetzki Modeofotograph Kristian Schuller, der von seiner märchenhaften Arbeit im hektischen Paris erzählt, und  André Dominé schreibt über die französische Lebensart, die eine große Inspiration für die deutsche Kultur darstellt. lagerfeld 3

Mara Delius schreibt in einem großartigen Stück über die Farbe Schwarz als Geisteszustand und erklärt damit auch, warum auch den Deutschen diese Farbe so gefällt. Der Artikel über die Farbe als Kunst liest sich selbst wie ein Stück Kunst, der von der Mode bis zur Philosophie alle Lebensbereiche abdeckt.

Insgesamt ist die Zeitung sehr gelungen, die Artikel über Luxus, Stil und Karl Lagerfeld sind sehr gut recherchiert und beweisen wieder einmal den umfangreichen Weltblick der Welt. Es bleibt spannend, was sich die Welt wieder kreatives einfallen lässt. Dass schon bald etwas Innovatives kommt, ist keine Frage. Wünschenswert wäre es, die Kollegen der anderen Zeitungen lassen sich auch einmal davon inspirieren. Denn abgesehen von der Welt ist der ach so verhasste Materialismus in den anderen Tageszeitungen leider oftmals ziemlich gewollt aber ziemlich ungekonnt ein Thema.

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