Menu
menu

Es war genauso wie sie es sich vorgestellt hatte. Maya nickte zufrieden. „Sie können gehen. In die Pause“, befahl sie einem der Handwerker. Die Wände waren weiß. Weißer als die ihrer eigenen Wohnung. Ihrer Villa. Die Wände ihres neuen Bureaus strahlten. Es war genauso wie sie es sich vorgestellt hatte. Mayas Bureau ist das Schönste, das sich eine Frau wie sie es ist, vorstellen kann. Seit zwei Jahren plant sie nun und träumt davon. Einem Headquarter für Beauty- und Lifestyleprodukte. Den Traum von einer eigenen Brand hat sie bereits im Kindesalter gefüttert. Als sie wenig später in die Stadt der Engel zog, begann ihr Traum Gestalt anzunehmen. Wie so viele war auch Maya in der Stadt derer angekommen, die mehr aus ihrem Leben machen wollten. So zumindest ging es Maya und all’ ihren Freundinnen, die zu den schönsten Frauen der Welt gehörten. Maya wusste das. Dass sie schön war. Schöner als die meisten Menschen. Sie wusste aber auch, dass sie mit diesem Gedanken ziemlich viel Geld verdienen konnte. So hatte sie sich ja all’ die Jahre durchschlagen können. Mit dem Gedanken, schöner zu sein als die Anderen. Aber es blieb ihr nicht viel Anderes übrig. Sie hatte keine Ahnung davon, wie es war, auf das eigene Aussehen im Leben zu verzichten. Sie selbst sein. Nur sein. Statt nach Etwas aussehen.

„Weiß. Alles muss weiß sein. Der ganze Raum. Weiß. Einfach Weiß. Wellness. Es muss hier alles nach Wellness aussehen.“ Mayas Vorstellung von ihrem neuen Bureau war klar. Subtil wollte sie es haben. Neutral. „Ich möchte es fernöstlich haben. Es soll Ruhe ausstrahlen.“ Dass Maya etwas im Kopf hatte, das wusste keiner. Sie selbst wusste es nur. „Es wird fabelhaft. Es wird einfach fabelhaft.“ Die Produkte, die zu Verkauf stehen sollten, waren Lippenstifte, Gesichtscremes und Lidschatten. „Wollen Sie für heute Schluss machen?“ Sie hatte genug von dem Krach der Handwerker. Sie blieb stehen und dann betrachtete sie noch einmal die Wände ihres neuen Bureaus. „Ich brauche noch etwas Gold. Marmor, das fehlt hier. Es muss einfach alles stimmig sein. Ruhig, aber stimmig.“ Obwohl Evelyn, Mayas Freundin, bereits Mutter war, und sich mit zwei Kindern bereits den größten Traum erfüllt hatte, trug sie eine Leere mit sich. Sie hätte dies Maya niemals anvertrauen können. Maya war klarer, geordneter. Sie war das Gegenteil von Evelyn. Sie würde sie nie verstehen. „Evelyn. Kannst du vorbei kommen? Morgen früh? Ich brauche deine Hilfe.“ Sie wollte nicht. Doch sie sagte zu. „Ich komme. Ist das Bureau bei dir in der Villa?“ Maya lachte. Glücklich, nicht hämisch. „Nein, meine Liebe. Es ist zehn Minuten entfernt. Mein Headquarter.“ Eveyln schwieg daraufhin. War das ihr Ernst, fragte sie sich. Wollte sie sich wirklich ein zweites Standbein aufbauen? Sie war doch schon reich. Schön. Sie hatte schon alles. Vielleicht sollte sie daran denken, einige Kinder mehr auf die Welt zu bringen. „Ich komme. Morgen früh bin ich um 8 Uhr da. Die Nanny wird um 7 da sein. Ich mache mich in Ruhe fertig. Und komme dann, erst zu dir.“ Sie legte auf, ohne ein „Ciao“, „Arrividerci“ oder „Au revoir“ zu hinterlassen. Dabei hatten sie sich immer so verabschiedet. In Paris. Und Mailand. Sie hatten sich einen Kuss rechts, einen links gegeben. Aber damit war heute Schluss. Jeder ging getrennte Wege. Das Modeln hatte genug Schaden angerichtet. Man wollte sich nicht nochmal begegnen. Nicht, nach alldem, was passiert war. Heute wollte Evelyn nur noch die Treffen mit Maya hinter sich bringen. Davon wusste sie nicht einmal was. Dass sie Maya nicht mehr ausstehen konnte. Dass ihre gesamten Planungen, ihre Karrierepläne ihr auf die Nerven gingen. Maya hingegen konnte ihr Glück nicht fassen. Sie musste es mit Evelyn teilen. Ihr Mann verstand nicht viel davon. „Sie wird morgen kommen“, verkündete sie stolz, als ihr Mann durch die Haustür der Villa marschierte, die Maya vor einer halben Stunde betreten hatte. „Sollte ich ihr noch einen Kaffee anbieten? Bei uns, bevor ich sie zum Bureau fahre?“

„Das könntest du tun. Aber der Kleine. Es könnte ihn stören, wenn Evelyn hier aufkreuzt.“ Maya hatte sich das Muttersein anders vorgestellt. Es könnte den Kleinen stören. „Ich werde sie bitten, direkt zum Bureau zu fahren.“ Mayas Mann nickte zufrieden. Er war ein stiller Kerl. Sollte sie machen. Hin und Wieder wollte er nur für seinen Sohn sprechen. Er liebte Maya. Mehr als sich. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Für ihren Witz. Ihre Schnelligkeit. Ihren Anmut. Sie wollte das Leben. Immer. „Die Reise nach Paris. Ist sie schon gebucht?“ Er nickte wieder. Ihr Mann, einer der bekanntesten Tech-Investoren der Welt. Zeit hatte er kaum, doch wenn Maya ihn bat, und ihre Augen dabei sich weiteten wie das Meer in Malibu. Dann konnte er nicht widerstehen, ihr mit einem Ja ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. „Ich habe schon alles gebucht. Auch das Hotel steht fest. Im Ritz sind wir dieses Mal untergebracht. In einer Suite.“ Maya gab ihm einen Kuss. „Das wird wunderbar.“ Da war diese Vorstellung vom Leben, die Maya hatte. Ein eigenes Bureau, ein eigenes Business, eine eigene Chefposition, die sie sich gegeben hatte. Und dann war da ihr Kind. Ihr Mann. Diese fremden Freundinnen, zu denen sie sich nie hatte richtig einfinden können. Maya trug eine Schwere in sich von der auch Evelyn keinen blassen Schimmer hatte. Doch mit wem hätte sie diese Schwere teilen können, außer mit sich selbst. „Ich mache mich kurz fertig, und dann werde ich auch die ersten Gäste in Empfang nehmen. Du kannst in aller Ruhe duschen. Lass’ dir Zeit.“ Für den heutigen Abend stand ein Essen auf dem Plan. Die gesamten Freunde des Ehepaars waren dazu geladen, in ihrer Villa zu speisen. Ihre Villa war eine Mischung aus Palm Springs und dem 50-er Midcentury Stil des reichen, wilden Westens. Selbstverständlich trug ihre moderne Finca doch auch Elemente europäischer Architektur in sich. Beton, Glas, und Grün. Mehr brauchte es nicht für ein unbezahlbares Haus in Los Angeles. Wer noch dazu etwas von Interieur verstand, hatte seiner Behausung einen asiatischen Touch verliehen. Feng Shui, davon verstand Maya etwas. Mit viel Holz, quadratischer Ausrichtungen, und japanischer Designermöbel. Dafür lebte sie.

„Silikon. Wer hat noch Silikon in den Brüsten? Eigenfett. Habe ich drin. Ja, und? Noch lieber wäre mir Hyaluron. Das ist so natürlich. Vegane Hyaluronsäure.“ Maya hatte Evelyn keineswegs kritisiert oder auch nur kritisieren wollen. Sie hatte lediglich gefragt, ob etwas mit ihren Brüsten passiert sei. Und dann fragte sie: „Silikon? Steht dir.“ Evelyn passte das nicht. Dass Maya sie einfach darauf angesprochen hatte. „Nicht jeder hat so einen perfekten Busen aus Natur wie du ihn hast.“

„Ich habe doch aber gar nichts gesagt. Ich habe es nur bemerkt. Es sieht fabelhaft aus. Sehr schön. Ich denke auch darüber nach, mir Etwas machen zu lassen, wenn ich das so bei dir sehe.“ Sie gab Evelyn einen Luftkuss. Es war ein großer Abstand zwischen ihnen. Maya saß an einem großen Konferenztisch, Evelyn auf der gegenüberliegenden Eckkante. Sie saß ihr nicht direkt gegenüber, sondern schräg, dem Raum zugewandt. Sie trug eine weiße Bluse. Aus Popelin würde Maya behaupten. Doch Evelyn hatte ein Faible für die modernsten Stoffe. Es war sicher ein Gemisch aus Viscose, Popelin und einem neuen, organischen Material aus Banane oder Bambus, wenn nicht einem recycelten Stoff. Der Hügel ihrer Brustwarzen war zu erkennen. Sie trug keinen BH. Die ersten zwei Knöpfe gaben einen Einblick in ihr neues Dekolletee. Gerade des Ausschnitts wegen war Maya die neue Brust, die neue Körbchengröße aufgefallen. „Und wie geht es jetzt weiter mit euch beiden?“ Evelyn stöhnte laut auf. „Unser Sexleben ist einfach… Ich hatte gehofft, dass sich mit den neuen Brüsten etwas verändern würde. Irgendetwas. Aber irgendwie will er nicht.“ Maya sprach nicht gerne mit Anderen über das Sexleben der Anderen. Aber Evelyn war ihre Busenfreundin. Sie hatten sich vor vielen Jahren in einer Model-WG kennengelernt. Da waren sie beide gerade erst 16 geworden. Sie hatte noch nicht mal ihre erste Periode gehabt, und waren weit weg, entfernt von der eigenen Familie. Das hielt die beiden zusammen. Und dann sahen sie sich auch noch zum Verwechseln ähnlich. Maya hatte die gleiche blaue Augenfarbe wie Evelyn, und Evelyn hatte das gleiche, gewellte engelsblonde Haar wie Maya.

Sie waren nicht gleich groß. Maya war etwas rundlicher. Evelyn hingegen knochig. Meist bekam daher auch Evelyn den Job, wenn sie zeitgleich zu einem der vielen Castings in Paris erschienen waren. „Ich möchte dir Etwas anvertrauen.“ Maya wollte das Thema wechseln. Sie wusste nicht wie sie hätte Evelyn helfen können, sie aus ihrem langweiligen Sexleben heraus retten. „Würdest du meine Partnerin werden wollen?“

„Wobei?“, fragte Evelyn erschrocken, doch sichtlich erfreut. Ihre blauen Augen funkelten dabei fast ein wenig mehr als Mayas. Dabei war es doch Mayas Herzensprojekt. „Bei alldem hier.“ Eine brünette, ältere Dame klopfte an eine der Glastüren des Büros, indem sich Maya und Evelyn eingefunden hatten. „Sie haben Besuch.“

Maya blickte überrascht zu Evelyn. Sie hatte sichtlich keinen Besuch erwartet. Der gesamte Raum, der beige war wie der Schaum einer Champagner-Torte, erhellte sich. „Rebekka, komm herein.“ Eine wandelnde, dunkle Barbie betrat die mit weiß-beigem Teppichboden belegten Konferenzräume. Ihre Beine waren stelzig. Sie trug High-Heels. Und man glaubte fast, sie würde umfallen. Man wollte ihr helfen. Doch alle kannten Rebekka. Sie wussten alle, dass sie so zierlich sie auch wirkte, sich sehr wohl zu tragen wusste. „Ich hoffe, es ist nicht unpassend.“ Maya schüttelte nur den Kopf. „Was für eine Überraschung. Setz‘ dich.“

Maya bat ihr einen Platz an. „Kaffee? Moment… Kaffeefrei seit 5 Monaten…stimmt’s? Ich hab’s auf Instagram gesehen.“ Sie schenkte ihr ein Lächeln. „Natalie. Bringst du noch einen Matcha Latte für Rebekka?“

„Danke Liebes.“ Rebekka legte Wert auf die Freundschaft, die sie glaubte, mit Maya und Evelyn zu führen. Sie sandte Maya von der Ferne Luftküsse zu. „Du denkst aber auch an alles.“ Rebekka hatte sich einen Platz an der Seite von Evelyn ausgesucht. Der Tisch, der insgesamt jeweils 8 Stühle vor sich sitzen hatte, war noch immer unvollständig belegt. Doch er sah noch immer hübsch aus. Mindestens genauso hübsch wie zuvor. Maya war glücklich. „So und so ähnlich habe ich mir alles vorgestellt.“ Evelyn hatte in der Zwischenzeit Rebekka von der Seite gemustert. Ihr war die weiße Bluse aufgefallen, die Rebekka trug. „Deine Bluse ist nicht von Anine Bing, oder?“

„Nein, wie kommst du darauf? Sie ist schön oder? Sie gehörte meiner Großmutter.“ Ihre weißen Zähne blitzten bei ihrem breiten Lächeln hervor. Evelyn verzog das Gesicht. Mürrisch wirkte sie. Dass sie auch schlecht gelaunt sein konnte, das schien kaum wer zu wissen. Auf den meisten Bildern war sie am Strand zu sehen, in der Sonne, auf dem Schiff in der Nähe einer Bucht. Sie hatte häufig posiert für Kataloge in Bademode. Maya hingegen war des Öfteren schon das Werbegesicht vieler großen Make Up-Marken gewesen, und Rebekka. Rebekka war das bekannteste Model unter den drei Freundinnen. Sie hatte einen langjährigen Deal mit einer Kosmetikmarke, die sie nicht nur berühmt, sondern auch wohlhabend gemacht hatte. Alle sechs Monate führte sie in den Drogerien der gesamten Welt auf leuchtenden Werbetafeln den neuesten Lippenstift vor, oder gar die neueste Mascara-Technologie. Ihr einzigartiges Gesicht, der volle Mund, die dichten Wimpern, sie waren den Werbeagenturen und großen Firmenbesitzern die beste Grundlage, um für Produkte zu werben, die ein Aussehen versprachen, nach dem sich nur allzu viele Frauen sehnten. Dieses Aussehen, es war bestimmt von der Zeit, in der Maya, Evelyn und Rebekka lebten. Es war dieses puppenhafte Aussehen. Die Augen waren dabei etwas leer, unschuldig, aber mit einer Seele, die so traurig war, das man sich wünschte, sie aufheitern zu können. Das Gesicht musste traurig aussehen, in seinem Ist-Zustand, aber es musste auch auf Anhieb lächeln können. Strahlen, ein glückliches Gesicht aufsetzen. Und, weil die drei, umgeben von einer schnellen Zeit des Silicon Valley lebten, wollte die gesamte Welt, die sich danach richtete, jung zu sein, jünger aussehen, und am liebsten unsterblich bleiben. Unsterblich zu sein, das glaubten ja viele von sich. Neulich erst hatte Maya einen Spruch auf Instagram entdeckt. „Das Problem ist, du glaubst, du hast Zeit“ stand über dem Namen Buddhas. Sie speicherte sich es ab. Es hatte ihr zu denken gegeben. Dabei hatte ihr Mann ihr erst neulich erzählt, dass sie Fortschritte gemacht hätten, im Biohacking, Künstlicher Intelligenz und der Langlebigkeit des Menschen. „Ein Widerspruch, findet ihr nicht auch?”, hätte sie am liebsten ihre Freundinnen gefragt, die gerade am Tisch bei ihr saßen. Doch das hätte sie sich niemals getraut. „Wir sitzen hier, und werben für Produkte, die uns jünger aussehen lassen sollen, schenken dem Zeit, und einige Meter weiter sitzen unsere Männer und arbeiten daran wie wir unser Leben auf möglichst unnatürliche Weise verlängern können.“ Leben, das wollte sie ja auch. Ein Leben lang Leben, länger als ein Leben lang? Da war sie sich noch nicht so sicher.“ Ihr Blick fiel auf Rebekka.

Rebekka war das, was viele exotisch nannten. Exotisch war sie in den Staaten und vielen anderen Ländern auch, in denen Frauen weder so aussahen wie sie, noch so aussehen konnten. Und genau das machte sie für den Markt so interessant. Denn wusste man nicht über Frauen, dass sie auch optisch meist das Gegenteil sein wollten von dem, das sie waren? Rebekka galt als perfekte Vorlage für diese Sehnsucht, die stets von einem Model präsentiert werden musste. Die Sehnsucht nach Schönheit. Denn das war es doch, das die meisten Models so populär machte. Rebekka ging es gut damit. Sie verdiente sich dumm und dämlich an den Träumen naiver Frauen, die sich selbst hässlich fanden. Rebekka fand sich selbst häufig nicht schön genug. Deshalb war es ihr Recht, für die meisten Shootings hergerichtet zu werden. Es war ihr mehr als Recht. Die Brauen, die sie an sich nicht mochte, wurden von einer Make Up Artistin perfekt nachgemalt. Und ihre Haare so wunderschön geglättet, dass sie, so sehr sie nach einem Arbeitstag auch nach Alkohol rochen, am frühen Morgen in aller Hoffnung aufwachte, und das glatte Haar bewunderte, wenn sie vor den Spiegel trat. Evelyn wusste um ihre Schönheit sehr wohl Bescheid. Sie war schon in ihrem Heimatdorf das schönste Mädchen weit und breit. Zumindest hatte ihr das jeder gesagt, dass sie sehr schön sei. Allem voran ihre Mutter. Maya war die Einzige unter ihnen, die dem Job weder des Geldes, noch der Eitelkeit wegen nachgegangen war. Es war für sie ein Weg in ihre eigene Welt. Eine Möglichkeit, aus ihrer Ödnis auszubrechen, das Weite aufzusuchen und ihre eigenen Visionen zu realisieren. Von Visionen sprach sie neben Rebekka und Evelyn, die sich nie gemocht hatten, nie. Die Beiden hätten bloß gelacht. Wenn Rebekka auch weniger als Evelyn über das, was Maya sagte, gelacht hätte.