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Eine atemberaubende Stimme mit politischer Message. Jeff Braun, der 30-Jährige Künstler aus Berlin, der noch so ziemlich unerhört ungehört ist, bringt mit seiner Stimme auf den Punkt, was unzählige Menschen erleben und erspüren müssen. Rassismus, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit. Bis aufs Äußerste.

Geboren in Bonn, als Sohn einer aus Ghana stammenden Mutter, erzählt er in Gedenken an George Floyd, in seinem neuesten Song “Lass mal tauschen” auch seine eigene Geschichte. Der hochgradig, talentierte Musiker wurde früh gefördert. Er beherrscht Schlagzeug, durch die Teilnahme am Chor den Gospel-Stil, und bereicherte auf großen Bühnen als Backgrounddsänger. Jetzt ist Jeff Braun nach “next” und “testing” einmal in einem anderen Licht zu sehen.

Die brutale Polizeigewalt, die am 25. Mai in Minneapolis stattfand, nimmt wie so viele ebenso auch Jeff Braun als Sänger, Songwriter und Betroffenen mit. In dem über 5-minütigen A capella Song beweist er seine Stärke nicht nur im Gesang, sondern im poetisch-politischen Rap.

Lass mal tauschen“, ein kurz und einfach produziertes Video, dürfte gegenüber der in Deutschland lebenden People of Color einmal sensibilisieren, zur Überwindung der Trauer aller Betroffenen vielleicht sogar beitragen.

Stimmen wie sie Jeff Brauns gehören, werden – das darf gesagt sein – gebraucht und wollen gehört werden. Im (Deutsch-)Rap und überall anders auch.

Das erste Mal von Rapper Haftbefehl gehört, hatte die medienwirksame Öffentlichkeit 2013. Der Song “Chabos wissen, wer der Babo ist”, wurde zum Thema schlechthin. Es war sinnlos, es war komisch, es war erfolgreich. Nicht allein gut war die Musik, sondern die Bedienung des Stereotyps des “asozialen Migranten”, die das Plattenlabel Universal und dessen Manager Max Mönster einem größeren Publikum unterjubeln wollte.

Nach Bushido, Kool Savas und Sido sollte Haftbefehl nun der Rapper der Stunde werden. Der in der Szene gefeierte Manuellsen hatte vor dem zweiten Karriereanbruch unter Universal bereits prophezeit: “ein Kurde wird kommen.” Die Zeit für eine Persona war gekommen, die das neue asoziale Image des Migranten zu bedienen hatte. Aufgemotzt, plakativ, kommerziell. Ein Missbrauch einer Geschichte, dem sogenannten Migrationshintergrund.

Denn Offenbach, die Heimatstadt Haftbefehls, hatte gleich vieler anderer stark von Menschen verschiedener Herkunft bewohnten Gegenden eine Art Sozialisierungsproblem. Perspektive ist noch heute für junge Menschen kaum vorzufinden.

Die “kriminelle Vergangenheit”, die es für die Inszenierung als Gangster- und Straßenrapper brauchte, habe der Sage um Haftbefehl nach dort begonnen. Aykut Anhan wie Haftbefehl bürgerlich heißt, hatte Drogen vertickt. Auch in der benachbarten Stadt Frankfurt, in der tatsächlich, besonders im Bahnhofsviertel, ein gefährlicheres Drogenproblem herrscht.

Währenddessen war Haftbefehls persönliche Geschichte im Umlauf. Der Vater der fünfköpfigen Familie hatte Selbstmord begangen. Ein Schicksalschlag. Nach Spielsucht, der harten Rolle als Gastarbeiter, und ungeheurer Schulden hatte sich der Vater das Leben genommen.

Die Mutter habe ihre Söhne weg von Offenbach und dem Drogendealen nehmen, ihre drei Söhne behüteter aufwachsen sehen wollen. Sie zogen in das nahe gelegene Babenhausen. Ein ruhiger Vorort, zwischen Frankfurt und dem Odenwald. Doch eine weitere, unklare Straftat habe den Rapper und seinen ältesten Bruder zur Flucht gezwungen. Um einer Haftstrafe zu entkommen, sei eine Flucht in die Türkei gefolgt. So sei auch das Pseudonym Haftbefehl entstanden.

Für eine Karriere in der Musikbranche habe sich Anhan früh interessiert. Auch für das Schreiben. Als Straßenreporter inszenierte sich Haftbefehl vor der deutschen (Zeitungs-)Gesellschaft häufigst, war sich aber auch bewusst, dass er von ihr nicht auf Augenhöhe betrachtet, sondern als Haustier wahrgenommen wurde. Gleichzeitig war er das empor gehobene Gesicht einer Gesellschaft, die hat versagen müssen. Ungebildet, kriminell, der Gesellschaft in Deutschland nicht dienlich.

Gefundenes Fressen für eine Plattenfirma. Haftbefehl sollte als Musiker in der Rolle des Migranten lediglich den Part des Entertainers annehmen, und dabei das Vorurteil und den Stereotypen des asozialen Migranten bestätigen. Nebenbei schien der Traum einer deutschen Version eines amerikanischen Gangster-Rappers mit kriminellen Hintergrund wahr geworden zu sein. Ein Erfolg im Hause, für das Publikum, und die eigenen Zahlen. Ein Prestigeprojekt gar?

Anhans Ziel selbst war es, Geld zu verdienen. Bei der Familiensituation, die nach dem Tod des Vaters unter Geldsorgen litt, verständlich. Doch es ist auch kritisch, Musik des Geldes wegen zu produzieren. Vor allen Dingen zu supporten.

Nach einem deutlich aggressiveren Ton in “Ich nehm dir alles weg”, einer Art Handy-Video, Gewaltprophezeiung- und Drohung, entstand die sozialere Form des Haftbefehls, wie ihn die Massen heute kennen. Haftbefehls Zeit vor Universal war ebenso Rapmusik wie die Zeit danach. Ersteres weniger kommerziell und, letzteres harmloser als das zuvor. Sozialisierter, aber kalkulativ. Der Kopf hinter dem Signing: Max Mönster.

Der einstige Rapper, der eine Art Labelchef und Product-Manager, erklärt seine Rolle im Unternehmen mit folgenden Worten: “Ich bin ja nicht nur A&R, sondern auch Product Manager bei Universal. Das heißt, ich mache für alle „meine“ Künstler auch den kompletten Marketing-Abwasch mit. Ich kümmere mich so gesehen also um alles, was mit der Veröffentlichung zusammen hängt: vom Signing des Künstlers, über die Musik, die auf der Platte landet, bis zur fertigen CD im Handel …” (Interview, 16bars.de) Ein Manager der Position A&R (Artist and Reportoire) sucht nach “musikalischen Trends, die für die Plattenfirma kommerziell verwertbar sind.” (https://de.wikipedia.org, Erläuterin “Artists and Repertoire”, letzter Bearbeitungstag 31. Januar 2020)

Projekt Haftbefehl wurde somit konzipiert. Das Resultat: Ideologismen. Eine Ideologie, die sich Vorurteile zum Vorteil macht, dabei einen “Kanacken” inszeniert. Haftbefehls letztlicher Erfolg erklärt sich damit, dass Menschen mit Migrationshintergrund keine Vorbilder hatten. Die bürgerliche Schicht hingegen hatte was zum Lachen. Joko & Klaas beispielsweise präsentierten jene Auffassung und gaben dem Stereotyp Raum, wenn nicht Glauben: Der asoziale Kanacke, rebellisch, aber ungezogen wurde Maskottchen der Hipster und Berliner-Entertainer.

Auch die deutsche Gesellschaft hat ein Problem mit sich selbst, weshalb Haftbefehl auch verwendet wurde, um zu zeigen, was man war, anti-bürgerlich, und was man nicht war, elitär und konservativ. Verschiedene Gruppierungen lehnen sich seitjeher gesellschaftlich gegenseitig ab. Wer sich als migrantenfreundlich, zuteilen antideutsch und “straße” zeigen wollte, hörte und feierte Haftbefehl.

Sein Alleinstellungsmerkmal: die Sprache, und der affektierte Intellekt bei alldem, wenn nicht der Kunstcharakter, der noch heute zu verwirklichen werden versucht. Der neuartige Rapstil bestehend aus Worten verschiedener Sprachen in deutschen Textzeilen hatte man abgekauft. Die Sprache war nicht neukonzipiert, wie von vielen Rezipienten angenommen, sondern ein Produkt, wenn nicht Sprachkultur einer Subkultur einer migrantisch geprägten Community. Fälschlicherweise wurde die Sprache als Kunst betrachtet, von einer Gruppe, die scheinbar keine Einblicke in eine Parallelwelt hatte. Gesellschaftskritik stammte von den Rappern Celo & Abdi, die den sogenannten “Straßenjargon” spielerisch wie raffiniert zu ihrem Ding machten. Die Frankfurter verkörperten als eine Art “Underground-Rapper” die Symbiose aus “Kritik von unten” und “Migrationshintergrund”.

Zu Beginn Haftefebehls musikalischem Werdegang war von jenen Wortspielen nichts zu hören. War Haftbefehl in diesem Stil kommerziell kompatibler als die deutlich unbekannteren, aber authentischeren Rapper Celo&Abdi?

Max Mönster prahlt noch heute mit dem Projekt Haftbefehl. Er ist eine Art Fanboy. Gleichzeitig ist ihm die migrantische Community fremd. Zutritt zu Haftbefehls Terrain und sozialem Umfeld hat er keinen. Er habe sich dafür eingesetzt, den Rapper mit türkisch-kurdischen Wurzeln unter Vertrag zu nehmen. Geklappt hat es.

Die Zusammenarbeit habe man, wie es im selbigen Interview heißt, auf Folgendes festgelegt: “(…) Das wollen wir nicht verändern. Primär versuchen wir einfach alles(,) um seine Musik herum so gut wie möglich zu strukturieren, ihm den Freiraum zum Musik machen zu geben, den er braucht und ab und an die richtigen Fragen zu stellen.”

Druck habe man ihm nicht machen wollen, aber mit den “richtigen Fragen” einen Leitfaden geben. Scheinbar ohne zu erkennen, als was er nun eigentlich dargestellt wird. Gesellschaftskritisch oder aussagekräftig, geschweige denn sinnvoll war das Projekt “Haftbefehl” Max Mönsters nicht.

Das Konzept hat sich nun als Marketingprodukt einer Plattenfirma erwiesen, das nicht nur aus wenig Talent stardom machte, sondern – völlig ungewöhnlich – eine Ideologie verkörperte. Für Zahlen, Zuhörer, und eigener Genugtuung. Branche: Musik, Produkt: migrantisch, Zielgruppe: marginal. Machbar ohne Talente, aber einer mit gesellschaftlichen Konflikten aufgeladenen deutsch-migrantischen Community als Zuhörerschaft.

Doch die Fassade bröckelt ab wie der Putz einer geschädigten Wand: Haftbefehl, als Kunstfälscher, mit Max Mönster in einer Rolle des gierigen Galeristen ohne Fingerspitzengefühl für Authentizität. Ein Rapper inszeniert, von der Straße, ohne Tiefgang, Intellekt und Kunst. Und der letzte Song zeigt einmal mehr: “(…), nichts dahinter.” (Rap-)Game over.

Quelle: “https://www.16bars.de/blog/5619/nachgefragt-max-moenster-ueber-ar-arbeit-bei-universal-die-zusammenarbeit-mit-haftbefehl-und-selfmade/

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-kultur_artikel,-wie-ein-bremer-die-musikstars-formt-_arid,1726881.html

Spindler, Susanne: Im Netz hegemonialer Männlichkeit: Männlichkeitskonstruktionen junger Migranten. In: Bereswill, Mechthild/Meuser, Michael/Scholz, Sylka (Hrsg.): Dimensionen der Kategorie Geschlecht: Der Fall Männlichkeit. Münster, Westfälisches Dampfboot, S. 119-135. 2007.