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Als ich das erste Mal in Offenbach ankam, dachte ich, ich sei angekommen im Himmel. Im türkisch-alevitischen Glaubenssatz gibt es einen Spruch, der besagt, Paradies und Hölle seien nicht im Jenseits, sondern im Diesseits vorzufinden. Ich kam an in der wunderschönen Frankfurterstraße, war begeistert von einer Agentur, die so schick in ihrer Außenfassade ist, dass sie auch im sehr viel schickeren Soho Londons hätte stehen können. Warum der Standort der Foodmarketinagentur taste! mit knapp 60 Mitarbeiter nicht zumindest in Frankfurt dafür aber nur im kleineren Nachbarsort Offenbach seinen Sitz hat? Weil Agenturchef Günther Nessel an diese Stadt glaubt. Der Gründer und Geschäftsführer, der bereits seit über 60 Jahren in Offenbach zu Hause ist, erhofft sich, seine Heimatstadt eines Tages in einem ähnlichen Lichte erblühen zu sehen wie das einstige Arbeiterviertel Brooklyn, das zu einem hippen Künstlerviertel wurde. Nessel, der verschiedenste Kulturen pflegt und liebt, erkennt der Stadt ein Potential an, das ihn nicht enttäuschen dürfte. Offenbach, die einstige industrielle Arbeiter- und Lederstadt habe er zu einer bunten, multikulturellen Stadt heranwachsen sehen, was er als gebürtiger Offenbacher, begrüßt. Genau zu jener Zeit wuchs auch der jetzige Herr Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke auf. Der 40-Jährige Schwenke, der mit seiner Erscheinung an die eines Macron erinnert und zugleich die Ausstrahlung eines Obamas hat, gewann nach seiner Arbeit als Stadtrat mit knapp 67 % die Wahl zum Oberbürgermeister. Der ehemalige Lehrer, der promoviert ist, kennt die genaue Zahl nicht, weiß aber zu sagen, dass über 160 unterschiedliche Nationen friedlich zusammen leben. Und mit eben jenem Zusammenleben zeichne sich bereits heute schon ab, wie das Morgen von Deutschland aussehen werde. Über 90% der unter Dreijährigen hat einen Migrationshintergrund. Für Schwenke ist dies aber keineswegs Grund zur Beunruhigung. Die Debatten, die bereits seit den 90ern geführt wurden, um Schlagworte wie “Integration” oder “Ausländerpolitik” scheinen für ihn kein Thema zu sein. „Offenbach ist nicht Neukölln”, habe Schwenke bereits damals bei einem Treffen mit dem ehemaligen Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky gekontert, der 2012 mit seinem gleichnamigen Buch “Neukölln ist überall” auf alle Gemüter geschlagen hatte und dabei die Aufmerksamkeit auf jene sogenannte Problembezirke mit einer hohen Dichte an Ausländer und Migranten zog. Geschafft habe man aber eben diese Friedfertigkeit, die für das hessische Pendant gilt,  mit eingeführten Sprachprogrammen wie „Mama lernt Deutsch“, weiß Schwenke zu erklären. Als Oberbürgermeister der Stadt vertritt er dabei nicht nur eine ausländerfreundliche Politik, sondern allem voran menschliche. Denn für ihn zählt nicht, welche Herkunft ein Mensch hat, sondern das Verhalten. Das zeugt von Tatkraft. Schwenke, der auch als Lehrer tätig war,  lässt Vorurteile, die über die Stadt in Umlauf sind, ungern unkommentiert liegen. Seiner Aufgabe als Oberbürgermeister wird er gerecht. Aber auch hinter dem Titel birgt sich ein “Underdog”, der seine Stadt ehrlich findet. Als der Geruch von Cannabis durch die Fenster des Büros des Oberbürgermeisters aufsteigt, reagiert Schwenke gelassen, während Jugendliche bei Capital Bra einen Joint rauchen. Pauschalisierende Kommentare wie “Migrantencity”, oder “Gangsterstadt” winkt Schwenke ab. Dass aber gedealt werde, oder Kriminalität vorherrsche sei wie in jeder anderen Stadt auch ein Thema. Dem Einfluss, den Rapmusik und Drogen auf eine marokkanisch-stämmige Jugend hat, erkennt er auch die Manieren der französischen Kultur an, die aus einem Schmelztiegel von Migration im Nachbarland entstanden ist. Der Oberbürgermeister selbst ist viel unterwegs. In Frankreich, vieler deutsche Städte, oder eben auch in seiner Wahlheimat. Am Wilhelmsplatz, dem beliebten, lebhaften Markt- und Ausgehplatz der bürgerlichen Offenbacher, schätzt der Oberbürgermeister die international, gutbürgerlich vorhandene Gastronomie. Neben mediterraner Küche ist auch die deutsche beheimatet. Aber neben der deutschen Kultur weiß auch die asiatische zu bestehen und ist gut besucht. Das Nagoya gehört zu jenen Restaurants, die von gutbetuchten Offenbachern aufgesucht wird, die auf der Suche nach mehr Lebensqualität sind.

Die ist bereits lange auch am Offenbacher Hafen zu finden, dessen Wind nicht nur weht wie in Hamburg, sondern auch dessen Preise. Ein Designer-Café wie die sogenannte OFOF Bar befindet sich dort in recht einfacher, aber zugleich interessanter Lage. Die Siedlung gelegen im Nordend wurde aufgewertet ohne dabei die Rechte der schlechter gestellten Offenbacher Bürger zu verletzen. Statt auf Gentrifizierung wie im Frankfurter Nordend, ist Ziel mit unterschiedlicher Schichten aus stadtpolitischer Sicht das Viertel zu verbessern. Auf Besserverdiener aus dem Umland und Ausland sowie jene so prophezeite Brexit-Aussteiger aus Londons Finanzsektor hatte man auch gehofft. Schwenke erklärt aber, dass die Stadtpolitik der Stadt Offenbach explizit darauf setze, weder den Umbau am Kaiserlai zu frankfurtisieren noch die Mietpreise durch neue Wohnquartiere wie das Goethequartier im Osten der Stadt in die Höhe schlagen zu lassen. Der sozialpolitische Kern des SPD-Politikers lebt in seiner persönlichen Führung auf. Doch dass kritische Stimmen Offenbach noch immer als kaputte Stadt bezeichnen ist kein Rückfall, sondern auch Tatsache. Die Innenstadt zeigt auf, dass die Stadt im Schatten Frankfurts ungepflegt ist. Nicht nur das Kulturangebot lässt zu wünschen übrig, sondern auch die Stadtarchitektur. Neuartige Projekte wie ein Einkaufszentrum sind bereits lange in Planung und in Bau, doch eine attraktivere Fassade steht dennoch nicht. Jene Architektur erinnert noch immer an jene des Berliner Alexanderplatzes der deutschen Nachkriegsarchitektur. Doch es erinnern auch positive Seiten an die deutsche Hauptstadt. In der Parallelstraße der Berlinerstraße, in der auch das Rathaus gelegen ist, befindet sich die Frankfurterstraße, die mit einem griechischen Imbissrestaurant namens Ovelos eine Miniatur Friedrichshains ist, das Studenten und Alternative anzieht. Selbiges gilt auch für das türkische Gözlemecim, das zu niedrigen Preisen Crepe ala turca anbietet. Neben L’afrique oder etwa dem Aomorie Sushi & Wok, ziehen verschiedene Esskulturen wie auch das Damaskus internationale und international denkende Menschen an. Sie verbindet die Wertschätzung anderer Kulturen wie sie so in der deutschen Kultur so beheimatet ist.  Ob Vergleiche mit New York, Paris, oder Kopenhagen – Offenbach hat Vielfalt zu bieten, ist aber dabei noch immer sehr günstig in seiner Lebensart und erschwinglich. So aufregend oder “undergroundig” es zugleich auch sein mag, von alteingesessenen Frankfurtern wird Offenbach aber noch immer gemieden und belächelt.
Schwenke, der dies selbst als Oberbürgermeister humorvoll zu spüren bekommt, versteht die Häme, die überwiegend über den Fußball oder die politisch-finanzielle Lage funktioniere, als leicht verdautlichen Gag. Dennoch – so bleibt dies fraglich – schaut das deutsche Großbürgerthum gerne abschätzig auf die Schwesterstadt Offenbach. Dabei herrscht in der ärmeren Stadt deutlich mehr Kreativität, auch durch die vielen jungen Studenten, die sich durch niedrige Mietspreise, einer guten Lage und kultureller Vielfalt angezogen fühlen. Denn Offenbachs Absonderheit ist nicht nur die Tatsache, dass mancherort besser gelegen ist als Ortsteile in der sehr viel exklusiveren Bankenstadt Frankfurt, sondern auch jene gelebte Multikulturalität, die Deutschland als Vorzeigestadt dienen kann. Toleranz, doch besonders auch Zusammenhalt, die im Entstehen von einer sozialistischer Politik, Interkulturalität und dem noch immer schlechter gestellten Ausländerstatus zu bestehen weiß, scheint durch und macht die Stadt zu einem besonderen Erlebnis mit Flair.

Mag die missliche Situation besonders die Jugendlichen der Stadt treffen, so ist sie doch auch ein Ort, der Trends schafft und eine gewisse Freilebigkeit erschaffen hat. Keine Kultur wird dabei auch über die Andere gestellt. Es wird gelernt und zusammen gelebt. Was Offenbach nicht nur anders, sondern ein Stück weit zukunftsweisender als Neukölln macht, ist die Tatsache, dass keine Kultur über die Andere dominieren kann. Die bosnisch, kroatisch oder serbische Diaspora ist gleichermaßen vertren wie auch die türkische und arabische wie auch islamisch-geprägte Kultur, und selbst die afrikanisch, italienisch und griechische Diaspora kommt in ihrer Vertretung nicht zu kurz. Schwenke erklärt, dass dies anders als in Neukölln sei. Und so werden auch Sprachen gesprochen, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Als zwei Damen in der S-Bahn von Frankfurt nach Offenbach erst türkische Wörter, dann griechische und zuletzt russische Wörter benutzen, wird deutlich, diese Frauen sprechen eine andere Sprache, als die üblichen dreien. Welche Sprache sie denn nun sprechen? Griechisch erklären sie, und nach kurzem Zögern, die Herkunft ihrer Großeltern. Denn die seien als Rhomäer während der Türkenkriege aus ihrer Heimat am Schwarzen Meer vertrieben worden. Sie landeten über Umwege in Georgien, wo sie sich niederließen und gezwungenermaßen haben Heimat finden müssen. Als  Enkelinnen besuchten sie in dritter Generation in Georgien eine russische Schule, und so erlernten sie schlussendlich auch die russische Sprache, die neben dem Türkischen und Griechischen, das zu Hause gesprochen wurde, auch zu ihriger wurde. Heute in Deutschland nun dürfen sie alle drei Sprachen sprechen. Offenbach ist für viele Bürger in Deutschland Ankunfsort und – wie auch vom Direktor des deutschen Architekturmuseums Peter Cachola-Schmal mit der These des Journalisten Doug Sanders (“Arrival City”) belegt, jene “Arrival City”, die als exemplarische Stadt für Migration unter dem Titel “Making Heimat, Germany, Arrival Country” auf der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt wurde. Exemplarisch für Offenbach, und damit Deutschland ist aber nicht nur das Ankommen und Ausleben der eigenen Kultur und Bedürfnisse, sondern auch, dass Anfeindungen innerhalb der Kulturen bestehen, aber gleichzeitig kein Grund zur Aufregung darstellen. Woher also jemand kommt, ist nicht von Bedeutung. Offenbach ist, so unverschämt die Menschen in jener Stadt auch sein mögen können – denn hier herrschen andere Regeln – sozial, besonders, wenn es um Hilfsbereitschaft geht. Wie ein Jugendlicher erklärt, helfe man hier “fünf Mal, wenn nur einmal geholfen werde.” Der 18-Jährige Auszubildende, der italienische Wurzeln hat, weiß sich auch mit Freunden zu solidarisieren, die einen nicht-deutschen Hintergrund haben. Wie marokkanische Freunde behandelt werden, von “Deutschen”, bekomme der angehende Koch häufig zu spüren, da man ihn fälschlicherweise häufig für einen Marokkaner hielte. Sein Freund wiederum, ein bosnischer Abiturient erklärt, Freundschaften mit Serbern sei in seiner Geburtsstadt möglich wie ihm sein Vater beibrachte. Offenbach zeigt, was Deutschland kann, und dass sich die Mentalität verändern können wird. Trotz der rechten Mitte, AFD oder dem islamischen Fundamentalismus hat sich mit der Migration innerhalb einer eher sozialistisch geprägten Arbeiterklasse ein Miteinander gebildet, das erstrebenswert friedlich miteinander lebt. Offenbach macht das zu einem harten Pflaster, das aber durchaus paradiesisch sein kann.

Es gab einmal eine Stadt, die hieß Berlin. Sie war schön, sie war bunt, sie war dreckig, aber sie war freundlich. Jeder wollte etwas von ihr, also kamen sie alle. Aus der ganzen Welt stürmten sie nach Berlin, dem einstigen Mittelpunkt für Musik, Kunst und Kultur. Backpacker kamen aus Australien, sie suchten ihre Seelen, sie kamen aus Stuttgart, sie suchten gute Geldanlagen, und sie kamen runderhum aus allen naheliegenden Städten mitunter der ehemaligen DDR. Sie bauten die Stadt finanziell mit auf, brachten Kultur und ihre eigene Perspektive auf ein gutes Leben, von dem sie nur eine vage Vorstellung hatten, mit sich. Sie investierten Geld in jene neue Heimat, ihre Hoffnungen und Träume setzten sie auf diese eine Karte. Die Ureinwohner der Stadt hatten nur darauf gewartet, bis die Kinder weiterzogen, und der Traum der Anderen, der zu ihrem Alptraum geworden war, aufhörte. Ihre Stadt hatten sie nicht mehr wiedererkannt. Ein Café nach dem Anderen ploppte auf, verglast, aus Marmor und Gold, voller Mensch, die einander zu beeindrucken versuchten. Ein Getränk etwa kostete nicht mehr 2 Euro, sondern 6, und auch sonst lief das Berliner Alltagsleben nicht mehr wie es gelebt und geliebt wurde. Doch die Stimmen der eigentlichen Anwohner hatte keiner gehört. Die Stadt wurde von den neuen Zugezogenen rücksichtslos gesäubert, poliert, um nur dann selbst unaufgeräumt hinterlassen zu werden. Die Stadt, von der sie dachten, gleich einem rohen Diamant entdeckt zu haben, wollten sie nun selbst an ihrem eigenen Finger funkeln sehen. Das Recht hatten sie bereits aus ihrer Heimat mitgenommen. Nun suchten sie ihren Frieden, das eigentliche Schmuckstück im Leben eines Menschen, in ihrer neuen Wahlheimat. Für den Wohlstand hatten sie schließlich selbst hart gearbeitet, und sich ein Stück von Berlin erkämpft zu glauben gehabt. Die sogenannte Berliner Luft und Freiheit. Ihre neue Wahlheimat hatten sie dabei zum Abbild ihrer Selbst gemacht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ihre Ideale hatten sie den Anderen neu auferlegt, Traumhäuser wurden erschaffen, Lebenswelten, die die eigenen Berliner Anwohner nicht hatten verstehen können. Aber bei aller Kritik, die da war, wollten sie die neue Heimat nicht mehr den Anderen übergeben und gehen. Und dennoch, und das war der größte Fehler, der dieser Stadt angetan wurde, sahen sie es nicht ein, der Stadt zurück zu geben, was sie sich genommen hatten; die Freiheit, so zu sein wie sie es waren. Arm, aber glücklich. Und so leben sie heute noch weiter, ohne zu begreifen, dass ihre Ignoranz die Lebenswelten anderer beeinträchtigt. Und so leben sie noch heute weiter und taumeln umher, die neuen Besitzer. Sie scheitern tagtäglich an ihrem eigenen Glück, sie selbst zu sein. Hatten sie ihre Seelen gefunden? Um die Geschichte ihrer selbst hatten sie einen großen Bogen gemacht, um die Geschichte der Anderen einen noch Größeren und um das Jetzt und Heute wollten sie nicht mehr sehen. Sie hatten die Gespräche satt. Sie hatten schließlich selbst kaputte Familien hinter sich gelassen, kamen aus Aufsteigerfamilien mit zerplatzten Träumen und unerfüllbaren Erwartungen. Aber auch die Zugezogenen hatten ihr Recht, glücklich zu sein. Sie hatten nur geglaubt, dass sie die Stadt mit ihren Anwohnern hätten mit ihrer Bürgerlichkeit retten können, während sie vergessen hatten, dass sie erst sich selbst retten mussten. Und so wurde aus der einstigen Stadt, die “arm, aber sexy” war, nur noch ein langer, schwerer Atem. Denn das Geld, das die Anderen hier haben verdienen wollen, war ihr geringstes Problem. Die Stadt wollte ihren eigenen Pissgestank wieder. Ihr altes Wesen, ihre selbst erschaffene Realität und ihre glückseligen Fluchtwege. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie weiter, in der Hoffnung, zu bekommen, was sie suchen, Liebe, die sie nicht bereit waren, zu geben.