Das Leben an der Ägäis

Das Leben an der Ägäis

Seit meiner Kindheit begegne ich diesen Meisterwerken. Ich habe aufgehört, zu Verurteilen, den Glauben an das Höhere, das Mächtigere. Wir sind Menschen, und ich meine, wir glauben alle an das Metaphysische, an das Göttliche. Ob es über dem Himmel sein möge, in der Luft, auf Erden, im Menschen oder doch im Tier. Es sind äußere Einflüsse, die bestimmen, wie die Formen des Metaphysischen verlaufen, und wo sie letztlich lokalisiert werden können.

Doch als in Deutschland lebende Alevitin ist es nicht die Temperatur, die mich darauf aufmerksam macht, dass ich Deutschland verlassen habe, wenn ich aus dem Flugzeug steige. Weder der Umgang noch die unverzichtbare, türkische Sprache, ja erstaunlicherweise nicht einmal das Aussehen der Menschen erklärt mir, dass ich ins Fremde eingetaucht bin. Dazu ist mir alles viel zu sehr vertraut, seit meiner Geburt in Deutschland. In den Armen meiner Mutter liegend waren als Baby die ersten Worte, die ich hörte, sicherlich türkisch. Und doch sind die ersten Worte, die ich unmittelbar nach der Trennung der Nabelschnur hören sollte, die des deutschen Arztes, der meinen enttäuschten Vater auf eine ironische Art zu erheitern versuchte: „Es tut mir Leid, aber sie haben eine wunderschöne Tochter bekommen.“

Ich neige dazu, abzuschweifen. Doch was mich wirklich daran erinnert, dass ich in einem anderen Land bin, sind die melodischen Worte des Muezzin „Alluhu ekber“, die mich immer ein wenig in den Bann ziehen. Gefährlich ist es, die Verführung groß, doch humanistisch aufgewachsen, trifft dies nicht für mich zu. Es gibt mir nur das Gefühl, dass ich mich in der Türkei nirgends zu Hause fühlen kann außer im alevitischen Dorf in der Nähe von Erzincan und am Meer. Dazu säuselt Meltem, die leichte Sommerbrise am Meer, viel zu sinnlich.

Ästhetisch gesehen, finde ich diese Glaubensttäten für die Gemeinschaft, das sich mit sich selbst und der Auseinandersetzung der Sünden, der verbrochenen Taten, eine nicht zu bemängelnde. Doch es ist immer wieder interessant, wie sich dieses Weltbild im Umgang äußert. Vor allem im Umgang gegenüber eines Nichtmoslems.

Als ich mit meinem Vater beim Yufkaci Teig zur Vorbereitung von Börek kaufen möchte, und es zu Missverständnissen kommt, sagt der Herr: Mach das nicht an Ramazan. Bitte, tu mir das wenigstens nicht an Ramazan an. Er hört sich leicht verärgert an, da er glaubt, mein Vater werfe ihm vor, er hätte ihm für das, was er bezahlt hat, weniger eingepackt. Mein Vater jedoch glaubte, er habe für das wenige Geld zu viel bekommen. Obwohl mein Vater ihn nur fragt, wieviele Rollen genau eingepackt sind, kränkt ihn zuerst die Frage, die er als Misstrauen interpretiert, nimmt es aber auch gleich mit Humor. „An jedem anderen Tag kannst du mich fragen,“ fährt er lachend fort. „Aber nicht heute an Ramazan.“

Gerade der Ramazan-Monat ist für viele Moslems ein heiliger Monat, an dem die Grundsätze des Korans eingehalten werden müsse. Als habe man Angst vor Gott. Am Ende glaubt man ja doch nur aus Angst, so wie all die anderen Menschen.

Wenige Schritte weiter spüre ich erneut die Auswirkungen des Fastens auf die menschliche Psyche. Als wir in einen Bakkal laufen, um Wasser zu kaufen, begegne ich einer Nene, der Mutter des Bakkalci (Kioskverkäufer). Von alten Frauen in anatolischen Gewändern bin ich immer einen sehr warmen, witzigen und weisen Umgang gewohnt. Doch diese alte Frau erklärte in einem sehr unfreundlichen Ton, dass ihr Sohn gerade noch geschlafen habe. Die Unfreundlichkeit und der Mittagsschlaf des Verkäufers im hinteren Bereich des Kioks sind nur auf das unerträgliche Hungergefühl zurückzuführen.

Es mag makaber sein, aber da sich der Ramazan-Monat bereits zum Ende geneigt hat, und am vergangenen Wochenende Bayram gefeiert wurde, möchte ich türkisches Essen näher vorstellen. Die türkische Küche besteht aus viel Obst und Gemüse, doch die Türken können nicht auf Teig und Geschmacksverstärker verzichten. Besonders genießbar ist Kisir, das aus Bulgur, also Weizengrütze, Paprikamark, Petersilie und Zwiebeln zubereitet wird. Serviert wird es mit Zitronen und Salatblätter (vom Römersalat). Vorbereitet wurde dazu das Sulu Börek, ein Teiggericht mit Petersilie und Ziegenkäse versetzt.

Besonders angenehm ist die Tatsache, dass der Karpuzcu (der Wassermelonenverkäufer) bis vor die Tür kommt. Nennen wir es Urlaub oder Reise, zu sehen, dass diese Menschen unter praller Sonne den ganzen Sommer über arbeiten müssen, während Menschen aus dem Westen mehr oder weniger Luxusaufenthalte in diesen Gebieten verbringen, führt zu einer Bewusstseins und Empathieerweiterung, und so wird aus jedem Urlaub eine Reise, wenn man die Augen offen hält.

Da meine Türkischkenntnisse nicht mit meinen Deutschen zu vergleichen sind, ist für mich die Sprache fremder Türken sehr spannend. „Teyze, die Melone schmeckt wie Zucker“, sagt er, um zu verkaufen. Und da fahren Vater und Sohn, die gemeinsam arbeiten, auf dem Traktor weiter.

Als ich vergangene Woche von Didim nach Altinoluk reiste, begegnete ich einem Menschen, der mich durch die Metaphorik der türkischen Sprache und vorallem Namen erneut in Faszination setze. Während der vier-stündigen Fahrt beobachtete ich den Reiseleiter, der damit beschäftit ist, den Passagieren etwas zum Trinken und eine Kleinigkeit zu Essen anzubieten. Trotz seines typisch anatolischen Erscheinungsbildes mit braunem Haar und braunen Augen zu einem leicht gebräuntem Teint, bemerkte ich, dass er etwas Sonderbares ausstrahlte. Während er im Bus auf den Treppen stehend zur Servierung das Wasser aus der Gefriertruhe holte, haftete mein Blick auf seinem Gesicht, was ihm nicht entging. Ich fühlte mich ertappt, als sich unsere Blicke trafen. Und so geschah es, dass ich im nächsten Augenblick verschämt das Geheimnis lüftete. Askin Kirilmis. Deine Liebe ist zerbrochen. Das erzählt sein Name, eine Geschichte, eine dramatische, traurige, vor der sich jeder Liebende fürchtet und doch neigt man in der türkischen Kultur, vor allem in der anatolischen Kultur zu Tiefsinn und Melancholie. Dass sich die anatolische Kultur an der Ägäis bemerkbar macht, ist eben das sonderbare an der Vielfältigkeit dieses Landes.

In Altinoluk bei meinem Onkel angekommen, führte es uns nach wenigen Tagen in das Dorf Adatepe (zu Deutsch: Inselhügel), das schon in der Ilyas unter dem Namen Gargaros erwähnt wurde. Außerdem ist dort der Zeus Altar mit Blick auf das ganze Meer zu finden.

Im 19.Jahrhundert kamen aus der griechischen Insel Lesbos Griechen, die Rumis, wie sie die Türken und Araber aus dem Koran abgeleitet nannten. Die gemeinsame Kultur beeinflusste damit auch die Architektur der Behausungen. Doch kam es 1922, nach den heftigen Kriegen zwischen den Griechen und den Türken, zu der sogenannten Säuberung,

 die sowohl die Griechen dazu zwang, das türkische Territorium zu verlassen, als auch Türken Regionen, die unter Besitz der Griechen waren. Aus politischen Gründen begann 1950 das Dorf sich zu leeren, sodass nur die Hälfte der Bewohner da blieb. In der Zwischenzeit sind viele der verlassenen Häuser zusammengefallen. Daher werden nun seit einigen Jahren die Dorfhäuser restauriert. In einem der verlassenen Häusern waren noch einige Gegenstände hinterlassen. In der Küche lag beispielsweise der auf dem Bild abgebildete Schrank. Diese wurden früher zu Zeiten als es keinen Kühlschrank in vielen Haushälten benutzt, um Aufstriche wie Marmelade für das Frühstück zu bewahren und vor den Fliegen zu schützen.

Bekannt ist das Dorf nicht nur für den Stil der Häuser, sondern auch den Anbau von Olivenbäumen und dem daraus entstehenden Olivenöl.Hüseyin Moral verkauft in seinem Laden, die Olivenölprodukte seiner eigenen Firma unter seinem eigenen Namen. Die Olivenmilch wird ohne Druck-Anwendung, sondern durch natürliches Dekantieren gewonnen. Handgeschöpft mit der Hilfe einer Steinmühle werden die Oliven zerdrückt, sodass aus 100kg nur wenige Kilos Öl entstehen.

Das Gözleme-Teiggericht kann im kleinen Dörchen auch gekostet werden. Das anatolische Gericht wird aus Yufka Teig hergestellt und mit verschiedenen Zutaten gefüllt. Besonders empfehlenswert ist eine Auberginen-Füllung und Petersilie-Ziegenkäse-Füllung.

Zurück in Altinoluk habe ich weitere tolle Funde gemacht, zum Beispiel das wunderschöne Plakat der einmaligen (meiner türkischen Lieblingskünstlerin) Sängerin Göksel, die mit ihrem Song „Depresyondayim“ (Ich bin in einer Depression, ich bin zerbrochen, wurde betrogen, habe mich von meinem Liebhaber getrennt, ich bin sehr einsam.) Geschichte in der türkischen Musikgeschichte. Auch sie scheint sich von der Ikone Marilyn Monroe für ihren neuen Look inspirieren gelassen zu haben.

Getroffen haben wir auf dem Bazar außerdem die mittlerweile 74-jährige Schauspielerin Ayla Algan, eine der wertvollsten Schauspielerinnen die Türkei zu bieten hat.

Das zweite Dorf, das ich diesen Sommer kennenlernen durfte, heißt Sirince, was so viel wie süss bedeutet. Es gibt das Gerücht, dass das Dorf von den im 19.Jahrhunderten lebenden verkslavtem Griechen Cirkince (hässlich) genannt wurde, um die Verfolgung zu umgehen. Nach der Zurückeroberung 1926 nannte die Stadt Izmir Cirkince in Sirince um. Hinterlassen haben die Griechen aber eine Kirche. Der Eingang zur Kirche wurde in ein anatolisch-inspiertes Cafe umgewandelt. Sirince ist bekannt für Oliven, Wein und die Rum-Häuser. Außerdem werden dort für Touristen viele typisch türkischen Kulturgüter verkauft.

An dem Leben an der Ägäis genieße ich die Leichtigkeit, die vom Meer angeeignete Offenheit des Menschen, die anatolischen und griechischen Einflüsse und das Gespräch zu den Menschen.