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“History is her story”, “Ladies First”, “He for She” forderten Topmodels wie Cara Delevingne, Baptiste Giabiconi und Toni Garrn zum Finale von Chanels SS Kollektion 2015 vergangenen Dienstag. Als Sohn einer Feministin widmete Karl Lagerfeld seine Show den Frauen, und dem einst vergessenen doch längst wieder aufkommendem Feminismus.

CHA_0792Feminismus, ein Trend gejagt von einem modischen Zeitdiagnostiker

Erst vor knapp zwei Wochen sprach Schauspielerin Emma Watson im Rahmen der feministischen Kampagne “He for She” bei den Vereinten Nationen. In ihrer Rede setzte sie sich für Selbstbestimmung über den Körper, Bildung und das nötige Engagement der Männer für Frauen ein.

Eben jener Ruf “He for She” zierte auch eines der Plakate, das von dem männlichen Model und Lagerfeldmuse Baptiste Giabiconi in der Präsentation der Damenkollektion SS15 getragen wurde. Es ist nicht das erste Mal, dass Karl Lagerfeld den Laufsteg zum Protest nutzt, oder zumindest den Zeitgeist genial kommentiert und in der Mode zum Ausdruck bringt. Erst seine letzte Show war ein großer Erfolg. Stand die Supermarktkulisse der sportlichen Kollektion durch die Fetischisierung des Essens und Sports, den Aufstieg der Supermärkte in der westlichen Welt und dramatischen (Marketing/Instagram-)Präsentation im Zeichen der Zeit, so machte Lagerfeld  erneut den Laufsteg zur Bühne seiner Zeitdiagnostik. Karl Lagerfeld ist einer der Modemacher, deren Stärke nicht in der Mode selbst liegen, sondern in der erfolgreichen Jagd nach Trends. Als belesener, intellektueller Mensch ist er stets darum bemüht, politische Statements zu geben, die von Tageszeitungen festgehaltene Geschichte in der Mode aufzuarbeiten. Auch zur gleichgeschlechtlichen Liebe, die in Frankreich stark umstritten war, äußerte er sich über den Laufsteg. Präsentationen dieser Art scheinen jedoch auch dem Marketing der Kollektionen gelegen zu kommen. Schließlich schafft es Chanel, sich dadurch immer wieder auch dort Gehör zu verschaffen, wo die Mode insbesondere in Deutschland kaum Beachtung findet: in der Politik.

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Können Models feministische Vorbilder sein?

Haben Proteste dieser Art also überhaupt eine Wirkung? Wer sind diese Frauen, die sich für den Feminismus als Model im Rahmen der Show einsetzen? “Je ne suis pas en solde” (Ich bin nicht käuflich) ruft eines der Taschen der neuen Kollektion. Das Model hat diesen typischen leeren Ausdruck der Sorte Frau, die schön, aber nicht stark ist. Gerade der Modelberuf ist oft Zielscheibe der Kritik. Frauen verkaufen ihren Körper, reduzieren sich auf ihr Geschlecht, werden zum Objekt der Männer – Vorwürfe eines festgesetzten Feminismus. Der Modelberuf schließt ein feministisches, starkes Frauenbild nicht aus. Doch er ist nicht zu Unrecht umstritten. Gerade in Frankreich sind Models – ob natürlich oder nicht- ausgesprochen dünn. Die Bilder der Kollektionen erreichen Frauen aller Welt. Der Modelberuf ist längst wieder die Bestätigung von Schönheit: wer modelt, ist schön. Das müssen zumindest gerade die jüngeren Mädchen denken, die auch in Deutschland Castingshows wie “Germanys next Topmodel” verfolgen und davon träumen, Model zu sein. Der Umgang mit dem Körper, der einhergende Magerwahn sowie der Boom der Schönheitschirurgir durch normierende Gesichtszüge sind sehr wohl Probleme, die von der Modeindustrie begünstigt werden. Aber da die Mode durch ihre Bilder und Regeln Mode einzige Pädagoge ist, ist die Kritik an ihr als einzige Quelle allen Übels zu einfach. Trotzdem ist der dargestellte Protest kontrovers. Denn gerade die Wahl eines 15-jährigen Models wie der Schweizerin Stella Lucia ist fraglich. Auch wenn sie nicht obszön auftritt, die Anforderungen in der Industrie könnten für eine 15-jährige noch belastender sein als ohnehin für Models. Betrachtet man jedoch ihre kritische Haltung, ihren Beruf als Beruf, weniger als Krönung zur Schönheit sowie Objektisierung zu betrachten, so kann ihre Arbeit neben der Schule auch als Fleiß anerkannt werden.  Das lässige Model Edie Campbell wirkt derweil mit ihrer Tasche “Ladies First” cooler und stärker, mag der Spruch auch aus einem traditionelleren Gentlemen-Habitus stammen. So passt er nicht zum Image des Models, doch die Wahl Campbells durch ihr markantes Äußeres steht dafür, dass die Modeindustrie offen für verschiedene Schönheitsideale ist. Dass Schönheit aber auch Teil des Marketings sein könnte, würde wohl Kendall Jenner zeigen können. Stammt sie aus einer Reality Soap-Familie, wirkt sie trotz der schönen langen Beine in der Riege der großen Models sehr deplatziert. Mit über 16 Millionen Instagram-Follower ist die Wahl weniger feministisch als kalkuliert kapitalistisch. Wirklich vorbildhaft könnte das Model Toni Garrn sein. Sie setzt sich als Botschafterin der Kampagne “Because I am a girl” für Bildungsprojekte in Burkina Faso ein. Kollegin Gisele Bündchen trat sogar stets gesund auf, und ist sie doch mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Professionalität und kultureller deutsch-brasilianischen Identität sogar für viele ein berechtigtes Vorbild.

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Wie effektiv ist solch ein Protest letztlich?

Ob junge Mädchen die Nebentätigkeiten und den Charakter der für Schönheit gefeierten Models wie Toni Garrn, Charlotte Free oder Cara Delevingne wahrnehmen, ist ungewiss. Zumal der Widerspruch letztlich doch dadurch entsteht, dass es Models sind, die eher bekannt für ihren Körper sind als andere feministische Errungenschaften. Doch müssen gleichzeitig diese Models eben auch nicht als Pädagogen betrachtet werden, sondern als einfache, gesichtslose Modelle für echte Frauen. Und die kämpfen stellvertretend mit Plakaten für ihre Rechte!

Inhaltlich betrachtet verhält sich der Feminismus westlich bis universal. Ob er all die vergewaltigten Frauen erreicht, die bildungsfernen und diskriminierten Frauen dieser Welt? Die Frage nach dem richtigen Feminismus oder dem wichtigeren ist eine schwierige. Doch so elitär Chanel ist, so elitär wird der Feminismus bleiben, den Lagerfeld vertritt. Ein schöner sowie genialer Abgang in der Pariser Modewoche ist er trotzdem.

karlBilder: Style.com

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