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Neben Dolce & Gabbana verkauft kaum eine andere Marke so viel Lebensstil wie Chanel. Für die diesjährige Herbst/Winter Kollektion ließ Karl Lagerfeld die “Brasserie Gabrielle” im Pariser Grand Palais errichten. Genannt nach dem eigentlichen Vornamen der Gründerin Coco Chanel soll die Brasserie als Kulisse der Mode verkörpern, was im Ausland als französischer Lebensstil verstanden wird. Damit wird die französische Kultur aufrecht erhalten und kommerzialisiert. Ähnlich wie Dolce & Gabbana zeigt auch Chanel, dass Marken einen erheblichen Einfluss auf die Bildung und Wahrnehmung von Kultur haben.

 

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Wo wird Chanel getragen? Selbstverständlich in der Brasserie! 

Als Unternehmen möchte Chanel ähnlich wie Dolce & Gabbana die Kulisse für die Kleidung bieten. Wo könnten Tweed-Anzüge getragen werden? Große Marken müssen mehr bieten als Schnitte und Stoffe, sie müssen die dazugehörige Lebenswelt bieten. Und so größer diese ist, so größer die Reichweite. Währenddessen spielt Christian Dior sowie Balmain mit dem Wert der Weiblichkeit und bietet dazugehörige Bilder. Wo kann ein so wohlhabender Mensch wie der Käufer Chanels seinen Wohlstand zeigen, aber zugleich unzugänglich bleiben? Wer als Tourist von Paris träumt, träumt nicht nur von der Liebe, auch träumt er davon, in den Cafés an der Rue de Rivoli zu sitzen, Menschen zu beobachten, sich brennend zu unterhalten, ja, die Franzosen unterhalten sich gerne, lange und schnell. Die Cafés sind auch unter der Woche noch am Abend gefüllt. Sie genießen, denn sie feiern ganz anders als der Deutsche das Leben. Das zu beobachten schafft gerade Karl Lagerfeld als Deutscher. Denn die Fähigkeit, Dinge zu erfassen, gelingt meist als Außenstehender. Der Franzose selbst dürfte da leben, weniger darüber nachdenken, sich gar darum nach der Antwort auf die Frage zu bemühen, was seine Kultur ausmacht, wofür andere ihn beneiden. Doch es ist nicht so, dass den Franzosen nicht bewusst ist, wofür sie tagtäglich von unzähligen Touristen besucht werden.

Die Mode jedenfalls gehört auch dazu. Anders als in vielen deutschen Städten, ist auch die Chanel’sche Mode in der französischen Hauptstadt tragbar. Chanel ist teuer, genauso wie Paris und dessen Straßen, die vielleicht günstigsten Laufstege der Welt, um die Kleider vorzutragen. Danach setzt man sich am liebsten in eines der Cafés, um all die anderen schicken Menschen zu beobachten, und dabei arrogant zu sein. Pariser lunzen gerade auf die Kleidung anderer Menschen, möchten dabei aber das Interesse allzu wenig zeigen. Chanel ist eine arrogante Marke, eine elitäre Marke. Doch Chanel verkauft nicht nur Charaktereigenschaften wie Arroganz, die Selbstüberzeugung des Stilbesitzes. Auch wird nicht nur der ersehnte französische Lebensstil an ausländische Käufer verkauft.

Die Brasserie ist nicht nur all inkl. des verkauften Lebensstils der teuren Mode Chanels: sie bedeutet Machtdemonstration

Eine Brasserie wird nach einem überdimensionalen Demonstrationsboulevard und Supermarkt errichtet, um zu zeigen, wer die (Mode-)Welt regiert. Und Chanel tut französischen bis osmanischen Imperatoren gleich: Architektur wurde genutzt, um Macht zu demonstrieren. Das sogenannte “Interieur Design” Chanels, das nicht nur unzählige Menschen, die sich vermutlich niemals ein solches Teil werden leisten können, arbeiten lässt, kostet ein Vermögen. Doch genau der, der Angst hat, die Macht zu verlieren, investiert. Doch es funktioniert! Die hunderte Gäste lieben und schwärmen von Chanel, ihnen wird im Grand Palais gedient, ihrem Auge, und den Augen tausender Follower über Social Media Plattformen. Man stelle sich nur einmal vor, was Chanel wäre, wenn nichts außer dem weißen Laufsteg zu sehen wäre.

Da wäre der Zeitdiagnostiker Lagerfeld, der weiß, was er den Journalisten Interessantes erzählen kann. Und da wäre die Mode, der der Spagat zwischen Klassik und Moderne nicht ganz gelingt. Denn immer wieder tauchen die Kostüme aus Tweed auf. Das Haus sieht es nicht ein, den Tweed links liegen zu lassen. Zu groß scheint die Ehrfurcht vor Madame Coco und der Geschichte des Hauses, noch größer scheint die Angst vor der Moderne, die so vielen anderen neuen (Jung-)Designern gelingt. Auch ohne Brasserie.

 

Bild: Kim Weston Arnold, Style.com

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