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Wenige Trends schaffen es vom Laufsteg auf die Straße. Die wenigen, die sich durchsetzen, erfüllen immer die Kriterien einer breiten Masse. Wenn sich Trends wie eine Röhrenjeans über Jahre hinweg halten, sprechen wir von Mode, keiner elitären Mode, sondern einer Mode, die von einer breiten Gesellschaft, in der man sich bewegt, gefordert wird. Anhand solcher Modeerscheinungen können wir bekanntlich Dinge über unsere Gesellschaft aussagen, und im Vergleich über andere Gesellschaften. Denn oft spielen sie mit Rollen der Sexualität, Religion und des allgemeinen Lebensstils der Menschen. Kleidung ist die Verkörperung der Identität des Menschen, was sie zur Mode macht, ist die Zeit, in der sie sich bewegt. Einer dieser Trends, der zurzeit die Massen erobert, ist das bauchfreie Oberteil.

Was noch vor wenigen Jahren als untragbar galt, und mit Geschmacklosigkeit in Verbindung gesetzt wurde, ist der neue Trend, der mit der Zeit zeigen wird, ob er in den nächsten Jahren sich als Mode etabliert.

Die Bedeutung des sichtbaren Bauchnabels –  in den USA und in Deutschland

Bereits 1983 soll die Ikone Madonna mit einem schwarzen, netzartig bauchfreien Top für viel Aufsehen gesorgt haben. Wer erinnert sich als Kind der 90-er nicht an Christina Aguileras „Genie in a bottle“ und Britney Spears „Slave for you“. Auch wurden diese junge Mädchen Jahre später hinweg mit den einhergehenden Einschränkungen der weiblichen Identität konfrontiert. Britney und Christina spielten anfangs ihrer Solokarriere nach ihrer Arbeit bei Disney Lolita -Mädchen in Schuluniformen, die sich nicht aus ihrem mädchenhaften Dasein emanzipieren konnten, stattdessen in Lyrik und Video die Zweideutigkeit zum Mittel machten und nach Europa hin auch mit dem Bild des prüden Amerikas spielten. Es waren aber auch Zeiten, in denen monopole Stars wie diese mehr mitbringen mussten als die bloße Darstellung ihre Privatlebens. Was sie im klassischen Sinne einzig allein zur Verfügung hatten, war die Bühne des Musikers und diese musste beherrscht werden.

http://www.myvideo.de/watch/656919/Christina_Aguilera_Genie_In_A_Bottle

Stars wie Britney Spears und Christina Aguilera waren Stars einer Zeit, in der sich darauf konzentrierten, auf der Bühne makellos zu wirken, nicht im Internet. Als Künstler hatten sie aber weniger die Möglichkeit transdisziplinär, also aus unterschiedlichen visuellen Ideen ihre Performance zu erstellen wie es heute Rihanna und Lady Gaga tun. Sie mussten nicht wie Lady Gaga oder Rihanna die Bühnenbildnerinnen und Designer arbeiten lassen, sondern sie mussten tanzen können.

Und gleichzeitig war der Tanz die einzige Möglichkeit, ihren Willen nach sexueller Freiheit in den Medien darstellen zu können. Ihre Outfits und Bühneneinlagen waren Teil der Show ganz wie der einer arabischen Jasmin. Trotz ihrer amerikanischen Identiät beeinflussten sie selbst Jugendliche in Deutschland durch den populären Musiksender MTV. Jedoch nur oberflächlich, denn Ende der 90-er war in Deutschland bereits in vielen Teilen Deutschlands eine Gesellschaft erzogen worden, die wenige Jahre später bereits offen mit ihrer eigenen Sexualität umgehen sollte.

Von kleineren Städten wie Darmstadt und  Münster bis Berlin, Hamburg und Frankfurt wird derzeit das bauchfreie Top getragen wie auf Facebook berichtet wird.

In Deutschland mit seiner eigenen Geschichte verbinde ich den Look nicht mit der Popkultur sondern einer Technokultur,  einer Kultur, die vergessen möchte, den Drogen verfallen ist. Technomusik ist auch die Musik einer Jugend, die  nimmt, wie sie einem gegeben wird, ohne über das Morgen nachzudenken. Der Bauchnabel ist eine so bedeutende Stelle am Körper des Menschen, weil er die Narbe der körperlichen Trennung von der Mutter hinterlässt. Ob unsere Mütter uns ein Leben lang wiegen werden, küssen und beruhigen, wenn wir weinen – bleibt ungewiss. Der Moment, in dem wir mit dem Schnitt des Arztes von unserer Mutter getrennt werden, ist die prägendste Trennung unseres Lebens.  Es ist der Moment im Leben, indem wir schreien und lernen, auf uns alleine gestellt sein zu müssen. Wie wir das Verhältnis zu unseren Eltern pflegen werden, das wird sozial von unterschiedlichen Dingen abhängig sein.

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie meine Freundin mit 13 Jahren, also vor genau zehn Jahren bauchfreie Tops trug, obwohl oder gerade weil ihre Mutter, zu der sie ein sehr schlechtes Verhältnis hatte, ihr dies verbot. Damals wurden viel mehr die Hüftkochen zur Schau gestellt. Der Look wurde mit den Hüftjeans verstärkt. Den Bauchnabel zu zeigen, ist so in etwa, als würde man die Zunge rausstrecken. Es wirkt unartig, verspielt und pubertär. Gleichzeitig ist 13 das Alter in vielen Teilen Deutschlands, in der die eigene Sexualität entdeckt wird und die Rebellion gegen die Eltern und ihren Lebenserwartungen beginnt.

Ein anderer Faktor ist die Disziplin Deutschlands. Den Bauchnabel zeigt in Deutschland meist nur der, der dünn ist. Mit diesem Trend stellt man zudem seinen Körper stark zur Schau. „Ich bin dünn, ich kann es tragen.“ In einer Gesellschaft wie der deutschen, in der das Gewicht mit Leistung gleichgesetzt wird, Dicke nicht ernst genommen werden, und schon bei abweichenden Schönheitsidealen diskriminiert werden, spielt dies eine ganz besondere Rolle. Gleichzeitig aber kann dieses Ideal als Motivation zum gesunden Leben verstanden werden und damit auch ein Bewusstsein für Sport und gesunde Ernährung, und damit auch Wertschätzung des Lebens erwecken.

Andere Kulturen – andere Sitten? 

Auch in der Türei ist dieser Trend zu beobachten. Jedoch sind mir bisher in Istanbul nur zwei Mädchen entgegen gelaufen, die ihren Bauchnabel gezeigt haben. Für eine Modestadt nicht sehr viel, aber in der Türkei, und selbst in Istanbul ist die Masse an Menschen, die die Freiheit hat, sich so zu kleiden wie sie möchte, und damit auch Haut und weibliche Identität zu zeigen, sehr viel kleiner als in Deutschland. Istanbul ist nicht Türkei, und das Bezirk Galata nicht stellvertretend Istanbul. In der Gegend von Galata, die als europäisch, und alternativ empfunden wird,  ist es möglich, sich so einzukleiden wie man möchte, anders als in vielen anderen Bezirken. Besonders in Didim, in der Nähe der Hafenstadt Izmir, die als sehr offen und modern gilt, habe ich unzählige Mädchen mit bauchfreiem Top gesehen. Das Meer und die Temperatur wirken sich selbstverständlich auf die Kleidungskultur auf. Es ist jedoch nicht als Rebellion gegen die Eltern zu verstehen, sondern auch als oberflächliche Nachahmung des Westens zu begreifen wie auch eine gelegene Maßnahme gegen die Hitze.

JoanSmallsCropTop

Der entblößte Bauch ist das andere Dekollete

Gezeigt wurde dieser Look bereits vor 2 Jahren auf den Laufstegen, als man ein wenig vom Brustdekollete gelangweilt sein musste, als Frauen der westlich modern elitären Welt ihre mädchenhafte Seite in sich entdeckt haben. Bei klassischen reiferen Marken wie Prada war zum Bleistiftock nur der Streifen uterhalb der Brust zu sehen, bei Alexander Wang hingegen sportlich der Bauchnabel, der eben auch als Street Wear die Macht hat, den Stil der Straßen zu beeinflussen. Wirkt das volle Dekollete reif, erwachsen und entsprechend wie eine Mutter, so ist der brauchfreie Look verspielt, ein wenig verrückt, aber auch auf eine andere Art und Weise sexy. Je nachdem, wie man es eben kombiniert! Bei Balenciaga wirkt der Look trotz der nackten Haut noch immer seriös, angenehm weiblich mit kurzem Haar. Modell Joann Smalls hingegen kombinert zum Rock hingegen Sneaker, die an den Skaterschuh der Marke Vans erinnert. Durch Kleidung, die sowohl Elemente trägt, die mit männlicher als auch weiblicher Identität in Verbindung gebracht werden, wirkt sie sehr kindlich.

balenciaga spring 2013

Wie kombiniert man den Trend am besten?

Während der Streifen zwischen Bauchnabel und Brust seriös und elegant wirkt, so wirkt der Bauchnabel offensiv und frech. Zunächst sollte man sich überlegen, ob dieser Look zu einem selbst überhaupt passt. Gezwungen einen Trend mitmachen,um cool und keineswegs von gestern zu wirken, war noch nie cool. Am meisten merkt man das selbst. Es gibts nichts Unbequemeres als Kleidung, die sich nicht anfühlt wie eine zweite Haut, sondern Verkleidung. Was man braucht, ist Selbstbewusstsein gegenüber dem eigenen Körper und dem eigenen Ich. Wer sich mal frech fühlen möchte, körperbewusst sportlich und kindlich, der kann kurze Shorts oder einen Faltenrock zu einem einfachen bauchfreien Shirt kombinieren. Kurze knappe jeansshorts zum Shirt wie sie viele ganz besonders in Deutschland tragen, wirken auch sehr sexy ganz im Sinne des Festivaloutfits und der amerikanischen Western L.A. Strandkultur. Wer es lieber klassisch mag, weniger mädchenhaft, dafür reifer und ernster, dem steht sicherlich eine lange Hose oder ein langer Rock zu einer Corsage oder Bluse, wobei nur ein Spalt zu sehen ist.

Da der Look bereits in den 90ern revolutionär mit Menschenrechtlerinnen wie Madonna für Frauen gewonnen wurde, so ist der Look heute in Deutschland eine kleine Rebellion gegen die Eltern, wohingegen er in Relation zur muslimischen Kleiderordnung selbstverständlich noch immer die auseinanderliegenden Gesellschaften verdeutlicht. Es fragt sich, ob der (heterosexuelle) Mann denn eines Tages den Mut, die Freiheit oder den Willen haben wird, den Bauchnabel zu zeigen wie es Calvin Klein für den Sommer 2011 zeigte.

ck

Bild: privat, style.com, fashionising.com

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