Menu
menu

 

paula & sebastian

 

Ein zweites Gesicht ragt auf dem blassen Teint einer jungen Frau hervor. Aufgemalte Nase, Mund und Augen sind nicht die Faschingsschminke eines Kleinkindes, dazu blickt sie zu ernst der Kamera entgegen. Sie scheint rauchend das Make Up überzeugt als Teil ihrer Selbst zu tragen. Das Bild ist aus der Serie „Doublefaced“ des Künstlers Sebastien Bieniek.

Das Motiv ist so faszinierend, dass es im Internet weltweit geteilt wurde. Tauchte es erst in einem Video von Pharrell Williams auf, wurde der Künstler erst kürzlich vom aufstrebenden Jungdesigner Jacquemus für Haare & Make Up zur Paris Fashion Week beauftragt. Im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt habe ich den Künstler getroffen, und mit ihm über Urheberrechte, Inspiration im Internet und sein Doublefaced Girl zu sprechen.

pharrell williams sebastian bieniek

So offensichtlich das eingeblendete Mädchen in „Marilyn Monroe“ aus dem aktuellen Album „Girl“ von Pharrell Williams nach der Arbeit von Sebastian Bieniek auch aussehen mag, die Quelle ist nicht angegeben. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass Pharrell Ideen anderer Künstler für seine eigenen Videoprojekte nutzen würde. Auch zu dem 24-stündigen Video „Happy“ meldete sich eine New Yorker Tänzerin, die bereits 2011 in ihrem Video Girl Walk All Day durch die Straßen tanzt.

Pharrel’s Musik: nur ein Produkt

Das sei jedoch ein wesentlich rechtliches Problem, erklärt der Künstler. Denn anders als Werke können Ideen nicht geschützt werden. Und selbst bei einer Klage gegen ein Unternehmen wie Sony hätte der Prozess vermutlich Jahre gedauert. Das passiere eben aber dann, wenn jemand mit mehr Einfluss, größerem Publikum und Bühne käme. Ob die Einführung der Kartoffel und des Tabaks in Europa, oder die Entdeckung Amerikas: sie seien nicht jenen zugeschrieben worden, deren Verdienst es tatsächlich war. Das sei schon immer so gewesen. In diesem Fall traf es Bieniek. Letztlich wurde auch er beschuldigt, geklaut zu haben. Welch’ Ironie. Aber er sieht es gelassen, denn seine Arbeit wurde von vielen wiedererkannt. Unbekannt war ihm aber Pharrell Williams selbst bis zu diesem Zeitpunkt. Seine Musik kennengelernt hat er erst, als er in einer E-Mail auf die Kopie im Video hingewiesen wurde. Angeschaut hat er sich nur die erste Minute, denn er hält nicht viel von Musik dieser Art. „Das ist Pop, das ist ein Produkt. Nach 5 Sekunden weiß man, wie es weiter geht, man braucht es sich nicht weiter anzugucken.“ Tiefe Aussagen gäbe es dabei nicht. Bieniek vergleicht die Musik mit einem Hamburger: „auf den Standardgeschmack angepasst und leicht konsumierbar.“ Dabei geht es in dem Song Marilyn Monroe ganz und gar nicht um den Standard: Pharrell singt von dem Mädchen, das anders ist. Vermutlich passt genau deshalb Bienieks Doublefaced Girl aus Berlin so gut dazu, denn es ist keines, das man so leicht vergisst.

doublefaced-sebastian-bieniek-6

Obwohl sie nahezu ungeschminkt neben ihm erscheint, durchdringen die stahlblauen Augen zu dem blassen Teint so sehr, dass nur sie es sein kann. Das Doublefaced Girl, das Bienieks Freundin ist, hat er mit zur Ausstellung nach Frankfurt genommen. Ob sie seine Muse ist? Er stellt die Gegenfrage an seine Freundin, die gerade selbst an den Tisch kommt. „Ja, klar“ schießt es aus ihr ironisch gleichermaßen überzeugt.
Entstand das erste Doublefacedgesicht zur Aufmunterung auf der Wange seines Sohnes, fragte er später seine Freundin, da er ungern Bilder vom kleinen Bela mache. Sie hatte nichts dagegen, also stand Paula Modell. Aufgetragen hat er ihr ein zweites Gesicht, das am Auge entlang eines der beiden Gesichtshälften vollendet. Mit der Leichtigkeit und Kreativität eines Kleinkindes sieht man sie in ihrem Alltag beim Rauchen, Baden oder Kaffeetrinken in Berlin. Dort hat er sie auch kennengelernt, an seinem Geburtstag in einer Bar.

021-doublefacedsebastianbieniek-mi

Berlin: still the place to be für Künstler

In der deutschen Hauptstadt lebt er aber bereits schon seit 16 Jahren. Gekommen ist er aus Polen nach Berlin, „weil jeder, der Kunst studiert, eigentlich nach Berlin kommen muss.“ Nachdem er an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig studierte, wechselte Bieniek 1998 an die Udk. Auf seiner Webseite sind Performances der ersten Jahre in Berlin dokumentiert. Man sieht „the last Genie alive“, wie er sich selbst nennt, mit seinem eigenen Körper fern der digitalen Welt seine Betrachter in den Bann ziehen. Er betrat beispielsweise 1999 unter dem Titel „Hand without a Body“ 17 Tage lange eine weiße Säule. Durch einen Schlitz war nur sein entblößter Arm zu sehen, doch war dieser selbst V-förmig aufgeschlitzt, wodurch Blut hinunter tropfte. Die Besucher der Ausstellung “III Festival der jungen experimentellen Kunst” hielten das Gesehene für eine Skulptur. Dass er für die Kunst keine schmerzlichen Grenzen kennt, bewies er auch mit der im gleichen Jahr entstandenen Performance „Burn to be Bulette“. In seinem damaligen Atelier im Kulthaus Tacheles lag er drei Tage lang nackt in einem mit kalten Hackfleisch gefüllten Kessel.

Seitdem hat er die Stadt nicht verlassen. Es gäbe auch keinen anderen Ort in Deutschland, an dem „Mann“ bleiben könne, auch wenn Geldverdienen mit Kunst in Berlin „ganz, ganz schlecht“ sei. Die Mieten seien sehr hoch, die Gehälter sehr schlecht. Es sei ohnehin schwierig von Kunst zu leben, wenn diese nicht dekoraktiv sei. Doch Berlin hat einen guten Ruf, was Kunst betrifft. „Wenn man als Berliner Künstler Kunst zu verkaufen versucht, klingt das besser, als wenn man als Mannheimer Künstler Kunst verkauft. Ich frage mich schon, was ein Künstler in Mannheim macht.“ Die Großstadtarroganz ist zu spüren, aber er begründet es wie so viele mit der Atmosphäre. Berlin habe nämlich eine, wo es völlig okay ist, kein Geld zu haben. Er könne sich vorstellen, dass ein Künstler in München ohne Geld, ohne Verdienst, der sich nicht so viel leisten könne, nicht so viel Eingang in die Gesellschaft finden könne wie in Berlin. Deshalb gibt Berlin ihm ein gutes Gefühl.

jac make up

Ganz anders als Paris, der Modestadt, die Bieniek letzten Monat zur Fashion Week besuchte. Grund für den Besuch war die Show eines Designers, dessen Kollektion von Bieniek inspiriert worden war. Der 25-jährige Jungdesigner Jacquemus, der für den diesjährigen mit 300 000 Euro dotierten LVMH Preis nominiert ist, bestellte den Künstler Bieniek persönlich für Haare & Make Up nach Paris. Auch die Kleider seiner Kollektion sind Motive seiner Gemälde aus der „Facination-Reihe“. Der Vergleich, den der Künstler selbst zusammengestellt und auf Instagram veröffentlicht hat, zeigt es deutlich.
Ist er mit 150.000 Likes auf Facebook auch auf sozialen Netzwerken aktiv, so setzte er sich als Autor in seinem Buch „Realfake“ mit dem Internet auseinander. Also beobachtet er noch heute die Quellen der Bilder, die Stars produzieren. „Mittlerweile ist es so, dass gerade im Pop-Business die Leute ganz viel im Internet unterwegs sind und alles, was gerade läuft oder auf irgendeine Art erfolgreich ist oder Likes hat, sich raus nehmen und versuchen, daran zu partizipieren.“
Das Internet hält auch in der Kunst- und Modewelt die Quellen für Inspiration bereit. Wird die Quelle jedoch nicht angegeben, lässt sie sich dennoch verfolgen. Um sich abzusichern, habe Jacquemus ihn „offiziell“ eingespannt, denn hätte er es nicht gemacht, „hätte er vielleicht einen größeren Shitstorm in Internet ausgelöst, was er so geschickt vermieden hat.“
In vielen großen Zeitungen, die meist nur mit einem Satz oder Wort betiteln, ging sein Name dennoch verloren. Und selbst Jacquemus veröffentlichte unzählige Bilder des Make Ups auf Instagram ohne seinen Namen zu erwähnen.

11054354_10152765425856347_5234288737814191534_n

Es wird ganz selbstverständlich die Arbeit des beauftragten Künstlers zu eigen gemacht. Doch ein anderer Grund dafür, dass die Bilder nicht als die Arbeit Bienieks ausgewiesen wurden, könnte schlicht daran liegen, dass sie nicht von ihm gemacht wurden. Begeistert klingt er davon nicht. „Von überall kamen Fotografen her. Das hat mich nervös gemacht. Ich mag es eigentlich nicht, wenn ich ein Modell vorbereite und dann jemand anderes kommt und es abfotografiert.“ Dass andere Fotographen sowohl backstage als auch während der Show Fotos der Models machen, gehört zur alltäglichen Pressearbeit. Vermutlich bestand also genau darin die Zusammenarbeit des Künstlers und Designers. Mit der ist Bieniek trotz der Kritik dennoch zufrieden. Die Fotos und sein Name hätten sich verbreitet.

doublefaced-sebastian-bieniek-3

Das Doublefaced Gesicht als Make Up zur Mode habe aber überhaupt nicht gepasst. Es habe auf der Bühne nicht funktioniert. „Es wurde (während der Show) nicht einmal großartig bemerkt.“ Das Doublefaced funktioniere zwar wunderbar auf Fotos, aber nicht in der Realität. Als dann die Fotos von der Paris Fashion Week um die Welt gingen, wurden deshalb fast ausschließlich Fotos von Doublefaced gezeigt – meist sogar ohne der Mode, die die Models trugen.

Jacquemus’ Mode verzehrt die Figur

Fragt man ihn, wie er die Mode fand, stellt er sich die Damenmode an sich selbst vor. „Es sieht furchtbar unbequem aus. Es sieht so aus, als dürfe man es nicht tragen. Bei manchen Teilen läuft man “halbnackt” herum”, bemerkt er abschätzig. Wenn man Aufmerksamkeit erregen wolle, erfüllen die Kleider seinen Nutzen. Aber schön findet er die Mode nicht. „Zylindrisch, geometrisch, rechteckig“ Damit werde die Figur nicht unterstützt, sondern verzehrt.

Genau damit bricht er die Pariser Modewoche. Tragen andere Designer eine feste Vorstellung von Frauenkleidung vor, so ignoriert er die gesellschaftlichen Codes, die sie bestimmen. „Lénfant du soleil“ kümmert sich nicht darum, ob es sich gehört, die Brust zu zeigen oder nicht, es kümmert sich um seine Freiheit. Er geht mit dem Begriff des Instinktszurück zum Ursprünglichen des Menschen, der Natur. Das für eine Fashionshow eher ungewöhnliche Make Up ist somit das Gesicht zur Mode. Gründete Simon Porte Jacquemus gerade mit 18 erst sein Label, so ist er radikal in seiner immer noch bewahrten Kindlichkeit. Dass bei so viel Trotz mehr Kunst als geradlinigie Schönheit herauskommt, verwundert nicht. Der Designer selbst betrat zuletzt noch nach der Show die Bühne in klassischem Anzug barfuß.

JACQUEMUS-FW15-04

Bieniek selbst ist als Künstler seiner Ausstellungseröffnung chic und ungezwungen légere gekleidet. Wenn ihm ein Hemd oder eine Hose gefällt, kauft er gleich sechs Stück davon. Er sei nicht modebewusst, aber es sei schön zu sehen, dass seine Arbeiten auch Eingang in die Modeszene finden und sich Sachen vermischen. Seine Absicht war es nicht.

Seine Arbeit, die er ins Internet gestellt hat, erreichte über soziale Netzwerke letztlich auch die Modewelt. Menschen wie Pharrell oder Jacquemus, die aus dem Showbusiness kommen, betrachtet er aber als Marken. Designer Jacquemus erkennt er aber den Kunstgehalt an, und überlegt weiter: „aber vielleicht ist die Marke mehr die Kunst als die Kleider.“

Gemälde von Sebastian Bieniek sind in der Ausstellung”17,3″ gemeinsam mit Künstler Dirk Baummann bis zum 26. April 2015 im Kunstverein Familie Montez zu sehen, Öffnungszeiten: Mi. – Fr. 15 – 17:30Uhr + Sa./So. 13 – 17:30Uhr
Die Ausstellung wird im Rahmen der Nacht der Museen Frankfurt 2015  am Samstag, dem 25. April 2015 zu sehen sein.

Bilder: Sebastian Bieniek, Screenshot Video “Marilyn Monroe”, MT, offizieller Instagram- und Facebook-Account von Sebastian Bieniek, offizielle Webseite und Instagram-Account von Jacquemus

  1. Ich liebe dein blog! Hoffentlich habe ich Deutsch im Gymnasium gelernt, aber habe ich viel vergessen.

    Ich habe Glück, um dein Blog versuchen haben !

    Very inspiring

Leave a reply