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Woodkid+wood

„Ich bin kein Hipster. Nur weil ich Röhrenjeans und Undercut trage, nennt mich aber jeder so. Dabei interessiere ich mich für Musik und Kunst.“ Schrieb mir neulich ein Leser und kritisierte dabei meinen Artikel „Sei revolutionär – Hipster & Hitlerjugend“ Das Geständnis meines Leser gab mir zu denken. Hat denn der Kritisierte überhaupt verstanden, wovon die Rede war?

In eben jenem Artikel, den ich genau vor einem Jahr verfasste, kritisiere ich nicht die Hülle, ich kritisiere den Inhalt der Röhre und der Beanie-Mütze. Die Hipsterjugend leidet unter einem so immensen Druck mit den neuesten Klamotten und Hightech-Accessoires mit der Masse zu gehen, dass ich das selbe Verhalten provozierend nur der Attitüde der Hitlerjugend zuschreiben konnte.

Die parallele Frisur beider Jugendbewegungen, die in den USA „Hitler Youth“ genannt wird, ist dabei nur Marginal, oder harmlose Metapher. Ein Hipster kann auch einer ohne jene Artikel sein. Die Mütze ist ohnehin schon bald wieder over, weil Modeblogs den Tod dieser Massen-Frisur erklärt haben werden. Denn was an der Kleidung an erster Stelle zu kritisieren ist, mag nicht der Geschmack sein, sondern der unaufhörliche Konsum, die stupide Trendverfolgung und die hässliche Nachlässigkeit, Dinge nicht zu hinterfragen. Ich kritisiere die Haltungslosigkeit, die neutrale Meinung eben jener Gleichaltrigen. Die wenigsten Nazienkel der Hipsterbewegung haben eine Meinung zur Politik. Weil sie ein verstörtes Verhältnis zu ihren Eltern haben, sind sie so egozentrisch und narzisstisch, dass sie kein Interesse für das Gegenüber übrig haben. Und weil ihre Eltern ihnen Geld, aber keinen Halt geben, verderben sie an der Haltungslosigkeit. Sie laufen mit verbeultem Rücken durch das Labyrinth und tragen ihre Kleidung wie russische Massenmodels durch die Gegend. Dass Mädchen wie diese den Job ausüben, um der Armut zu entkommen, scheint den wenigstens bewusst zu sein. Wie auch? Die wenigsten interessieren sich ja für das, was sich hinter der schönen Welt versteckt.

Später stellen sie auf sozialen Netzwerken wie Facebook dar, dass sie an Kunst und Musik interessiert sind. Kritischer Kunst? Nein, an moderner Kunst und Musik, in der es um das unendliche Ich geht, um sich in ihr mal wieder selbst bestätigen zu lassen.

Während der tiefgründige Rapper NMZS, der selbst Adorno zitierte, sich das Leben genommen hat, ist Keno mit seinem Song „Mandallah“ einer von ihnen. Diese Bewegung ist damit beschäftigt, nicht erwachsen werden zu wollen. Noch so ein Luxus. Aber wer nicht erwachsen werden will, scheint noch nie Kind gewesen zu sein. Ein Kind, das mit echten Freunden Spaß hat und die volle Aufmerksamkeit der Eltern bekommt. Selbstbewusstsein zu erlernen, scheint diese Gesinnung nicht erlernt zu haben.

Das Einzige, womit sie sich beschäftigt ist die Frage, ob sie lieber Mädchen oder Jungenklamotten tragen wollen, weil sie eben die Freiheit haben, beides zu sein. Sie beschäftigen sich damit, ob sie Air Max oder New Balance wollen, ob sie in einen Club oder zu einem Konzert wollen, ob sie nächsten Sommer lieber nach New York oder London wollen. So viele schwierige Entscheidungen. Es ist nicht so, dass man nicht für all‘ das gekämpft hat. Für Wohlstand, Geschlechtergleichheit, gar Geschlechterlosigkeit, für Reisen, ferne Länder entdecken, indviduell denken und leben. Aber wie kann man das schätzen, wenn man sich nicht bewusst ist, wie all‘ dies erreicht wurde?

Es ist nicht so, dass ich mich als Teil der deutschen Jugend nicht manchmal ebenfalls in diesen Belanglosigkeiten und dem Egozentrismus verliere und dabei selbst nicht Zielscheibe der Kritik bin. Aber genau aus diesem Grund möchte ich, dass die deutschen Medien mir ordentliche Vorbilder bieten. Blogger, Moderatoren und sonstige talentfreie Menschen vergraulen deutsche Medien niveaulos mit ihrer Omnipräsenz.

In Deutschland, besonders in Berlin ist die Krönung des individualistischen Stils das Dasein als Künstler. Das sind aber alles weder Künstler noch Kreative, das sind Techniker, die sich als Künstler und Kreative darstellen. Mit oder ohne Kamera.

Dabei möchteich echte Künstler sehen, Lebenskünstler, Maler, Schauspieler. Ein Künstler ist nämlich jemand, der Inhalt schafft, neue Perspektiven bietet, den Horizont erweitert. Mit Bild, Worten oder dem Medium, das er dafür braucht. Mir geht es nicht um Emotionen eines Ichs. Emotionen sind bei jedem Menschen gleich. Ich möchte Kritik, denn Kritik heißt hinterfragen. Von eben jenen Ende 20-jährigen höre ich, dass Gesellschaftskritik langweilig wäre. Ich höre, dass ein weiterer Film über den Nationalsozialismus nicht nötig wäre. Das hört sich für mich nach müden Schülern an, die im Kindesalter schon die Neugier und Interesse am Leben verloren haben. Und ich frage mich, warum jene deutsche Medien immer und immer wieder die gleichen langweiligen unkreativen Gesichter zeigen. Möchten deutsche Medienmacher etwa ihr eigenes Selbst bespiegelt haben?

Ich möchte in den Medien Menschen sehen, die mir neue Perspektiven zeigen, mir erklären, wofür das Leben etwas wert ist. Ich möchte das Menschen sagen hören, die es geschafft haben, die aus ihren eigenen gegebenen Umständen das Beste gemacht haben. Mich interessieren keine Städtetrips und Weltreisen, um mich selbst in verschiedenen Kulissen zu porträtieren ohne ein Wort mit Einheimischen gewechselt zu haben. Als Künstler und Kreativer ist es aber natürlich ein Muss offen und kultiviert zu wirken. Dabei zeigen die meisten nur eine digital kosmopolitisch Persönlichkeit, die im echten Leben damit nichts zu tun hat. Lerne ich jene Menschen kennen, merke ich schnell, dass heute nicht mehr Markenpullover Statussymbol sind, sondern bereiste Städtenamen das neue Logo. Wirkt das eine protzig, wirkt das andere gekonnt global, dabei wird auch subversiv noch immer angegeben. Solange man den „Türken“, der lediglich Obst oder Pizza verkauft, immer noch Türken nennt, ist man nicht nur dem eigenen deutschen Land entfremdet, sondern am stärksten sich selbst als Mensch.

Wenn Menschen dieser modischen Bewegung eine politische Haltung einnehmen würde, so müssten sie auch nicht weg von zu Hause in diese exzerzisse vergnügungssüchtige Welten flüchten, wobei Berlin das Hauptquartier darstellt. Denn bei all dieser Kritik geht es nicht um das Äußere, es geht um das Innere, und die jener Gruppe ist leer. Und wenn jene Kids auch kritisch wären, wäre ihr Leben halb so sinnlos.

Auch der Film „Oh Boy“, zeichnet eben jenen Hipster, auch wenn Hauptdarsteller Tom Schilling darauf beharrt, dass dieser keiner sei. Nico, so wie jeder andere Deutsche auch heißen könnte, bekommt von seinem Vater jeden Monat 1000 Euro auf das Konto überwiesen, wie etliche andere Hipsterkids auch. Auf das Jura Studium hat er keine Lust. Es ist aber auch keine kreative Ader, die ihn dazu bewegt, zu rebellieren. Das Leben ist ihm nichts wert. Er ist depressiv, hat weder Familie noch echte Freunde und sieht mit dem Tod eines einsamen Menschen sein eigenes Schicksal. Warum ich diesen Film nicht mag? Weil dieser Junge so unfassbar passiv und langweilig ist. Weil er in einer Großstadt lebt, so viele Möglichkeiten hat, aber keine davon nutzt. Weil sein einziges Problem der teure Kaffee und der reiche Schwabe ist. Er denkt nicht mehr über Gott und die Welt nach, beteiligt sich an politischen Diskussionen mit Substanz. Statt etwas zu tun, denkt er nach. Über sich und seinen Vater, über alles.

Das Bittere ist, dass solch ein Lebensstil, indem man den ganzen Tag einsam vor dem PC sitzt und Woodkid hört, depressiv macht. Der Ausgleich ist an manchen Tagen kein Essen mit Freunden, indem von Träumen und Hoffnungen und Lieben erzählt werden kann, der fatale Ausgleich ist eine Nacht im Berghain, die den letzten Staub mit Drogen in die Luft schießt. In Clubs und Diskotheken versuchen sie sich ihre Einsamkeit wegzudrinken. Adorno erklärte mal, dass jene Menschen an Wochenenden in diesem Amüsement den maschinellen Tagesablauf wiederholen. Wer unter der Woche keine sozialen Kontakte hat, hat sie also auch nicht am Wochenende.

Aber in dieser Debatte wird noch eine weitere Jugendgruppe ausgeblendet und ignoriert, die es mindestens genauso schwer hat. Denn wenn von Perspektivlosigkeit gesprochen wird, geht es meist um Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern, die zu verwöhnt sich, um sich zu entscheiden, weil sie alle Möglichkeiten haben. Ausgeblendet werden in der Debatte dieses Begriffs und der Mittelstandsgesellschaft dabei etliche Jugendliche, die nicht eine einzige Perspektive haben, weil man sie zur richtigen Zeit nicht gefördert hat und sie jetzt ohne Schulabschluss und Lebensmut dastehen.

Den einen fehlt es an Geld und akademischen Hintergrund, den anderen fehlt es an Zuneigung der Eltern und prägenden sozialen Erfahrungen. Warum wundert es mich nicht, dass der Song „Parallel“ von den Rappern Celo & Abdi kommt, in der die Parallelgesellschaften der Welt in Frage gestellt werden.

http://www.youtube.com/watch?v=3ctIO8CwJsk

Und genau diese Coolness versucht der Hipster mit dem Stil der (amerikanischen) Straßenkids in College Jacke und Nikes zu imitieren. Dabei versteht er nicht, dass Coolness nicht mit Produkten, sondern Erfahrungen entsteht. Coolness bedeutet Bodenständigkeit, jeden so nehmen, wie er ist. Coolness bedeutet nicht, arroganten und unterkühlten Umgang zu pflegen, und sich etwas auf seine Kleidung wie im Kindesalter einzubilden. Es ist nicht einfach, erwachsen zu werden.

Denn in jenen Gruppen zählt nur, was man trägt, auf welcher Gästeliste man steht und mit wem man befreundet ist. Nicht zu vergessen, welche Städte man besucht hat. Dabei sind in diesem Land alle Kulturen alle Schichten reichlich vertreten. Aber es mag keiner jener Leute seine Umgebung wahrnehmen. Um seinen Horizont zu erweitern oder Dinge zu hinterfragen, muss man nicht verreisen. Kant hat sein ganzes Leben in Königsberg verbracht.

Ich bin der festen Überzeugung, wenn jeder aufhören würde, krampfhaft individuell zu sein, schon individuell wäre. Denn man ist dann inividuell, wenn man Ich-selbst ist. Dazu gehört auch die Verbundenheit zur Natur. Den ein Holzfällerhemd und langer Bart spricht ja ganz offensichtlich für die innere Sehnsucht nach Natur, weg vom urbanen schnellen oberflächlichen Leben. Dass es all jenen dieser Bewegung mit diesem Leben nicht gut geht, fällt auch den Betroffenen selbst auf. Aber nur mit Selbstkritik und Reflektion kann man erkenne, weshalb man selbst lebensmüde ist.

Aber in einem Punkt möchte ich mich selbst korrigieren. Diese Hipsterbewegung gehören zum Glück nicht alle Jugendlichen an. Weg von Berlinszene, die sich um unwichtige Persönlichkeiten wie Models, Blogger,DJs und Moderatoren dreht, zurück an der Universität in Frankfurt sehe ich etliche junge Menschen, die Politik, Soziologie oder Philosophie studieren und an mehr interessiert und für Occupy auch mal auf die Straße gehen. Oder auf den Künstler-Status und individuell-sein verzichten, aber dafür zumindest echte Freunde haben und Spaß am Leben. Denn die Hipsterbewegung ist eine Bewegung von kunstinteressierten Individuen, die nur optisch zusammengehört, während jene auf der Suche nach Geborgenheit sind, aber letztlich sich selbst nur einsam in einem Berg von Klamotten wiederfinden.

Bild: Woodkid

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