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Deutschland, der kleine Bruder Amerikas, wird erwachsen

ASAPDELREY

Nachdem der schwarze, coole Typ 2008 mit Superstar-Charisma den Stereotypen des weißen dummen Amerikaners George Bush ersetzt hat, begann Deutschland wieder seinen großen Bruder zu lieben. Nach der Ausspäh-Affäre um die NSA, die durch Whistleblower Edward Snowden ausgelöst wurde, wird diese Liebe sicher auch bald sterben, aber die derzeitigen Trends offenbaren noch immer Pro-Amerika Liebesgeständnisse. Verfolgt von der dunklen Vergangenheit, kam dem so politisch korrekten Land Barack Obama bei der Wahl ganz Recht. Über die Vereinigten Staaten wird fortan in deutschen Medien ohne Unterbrechung berichtet, als sei es unser Nachbarland. Womöglich weiß ich deshalb mehr über ein Land, in dem ich nie war, als mein eigenes.

Aus Europa betrachtet denkt man sich, „wie cool muss ein Land sein, in dem der Staatspräsident mit einem Rapper wie Jay-Z chillt, der wiederum mit der wohl renommiertesten Künstlerin der Gegenwart Marina Abramovic.“ Big thinking, big acting unvorstellbar in Deutschland. Bushidos Praktikumsplatz im Bundestag ist dagegen ein Witz. Denn im Gegensatz zu Jay-Z hat dies keinen Mehrwer, aber ein wenig aufregender ist es in der deutschen ruhigen Medienlandschaft ja schon, nicht wahr? 

 

Ja, was ist das nur für ein Land. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, indem der Glamour des Westens geboren ist, der Hollywood sich selbst noch immer mit den Oscars feiert, der Hiphop der Schwarz-Weiß Konflikte wegen geboren ist, und die moderne Kunst. Für das Auge gibt es in diesem Land alles. Cowboys, Drag-Queens, Cheerleader. Die Jeans, die Coke, das Iphone. Es ist das Land, indem Marilyn Monroe geboren ist. Das aufregendste Design, den kosmopolitischsten Streetstyle, die kitischigsten Filme mit intellektuellem Anspruch, die poppigste Kunst. Selbst der „New Journalism“ ist dort geboren, während der Beantik-Generation. Die Oberfläche wird gekonnt beherrscht. Was visuelle Innovation betrifft ist dieses Land das große Vorbild Deutschlands.

 

Und was ist mit Deutschland? Das Land, das jahrelang auf Intellekt gepocht hat, auf Ordnung, auf Tiefsinnigkeit, auf Literatur, auf Wahrheit, und Existenbegründungen, auf Wissenschaft, auf alles andere, nur der Oberfläche, hat kulturell in diesen Bildern nicht viel zu bieten. Der Stil des Bauhaus muss das einzige sein, was sich heute noch als deutsche Kultur wieder erkennbar durchgesetzt hat. Und selbst davon haben die Amerikaner mit dem Iphone Gebrauch gemacht. Die einzig große Modemacherin Jil Sander selbst zeigt wiederum längst in Mailand, Karl Lagerfeld ist auch schon mit 16 Jahren ausgewandert. 

 

Aus der schönen Romantik ist der Kitsch entstanden. Das Genie der Romantik wie Mozart, existiert zur heutigen Zeiten lange nicht, und in Sachen Wissenschaft haben die Amerikaner und Briten auch längst eingeholt. Was kann Deutschland heute eigentlich noch bieten, außer Geld? Mehr ist dem Lande irgendwie nicht übrig geblieben. Die deutsche Kultur hat leider kein Auge für das Schöne im Bild. Das deutsche Fernsehen ist tot, das erweckt auch keine so trockene Serie wie Tatort zum Leben, im Theater laufen Klassiker wie Faust in Dauerschleife, die besten deutschen Filme und Bücher drehen sich um nichts als den Nationalsozialismus. Aber die goldene Mitte zwischen Tiefe und Oberfläche das ist noch ein fast unberührtes Land in Deutschland.

 

Die meisten großen Köpfe sind nach dem 2. Weltkrieges ausgewandert, die Jungs der Frankfurter Schule auch längst verstorben. Und die durchgeknallten Ossies hat man im Westen ja eh nie ernst nahezu überhaupt nicht wahrgenommen. Dieses so öde homogene Land muss irgendwann nach den 70ern gerettet worden sein. Als die ganzen Ausländer kamen, aus dem Ausland, und selbst aus dem Osten. Zum studieren, arbeiten, zum Feiern, zum Kreiieren. Vom kleinsten Dorf bis zur Hauptstadt. 

Läuft man durch deutsche Großstädte, sieht man, dass im Grunde genommen vieles kopiert wird. Alles, was als cool und glamourös gilt, kommt aus den amerikanischen Staaten. Die Jugend trägt zurzeit größtenteils Nikes, eine Coke ist in jeder Ecke zu haben, die Filme im Kino Made in Hollywood. Der deutsche Hipster lebt einen amerikanischen Lebensstil zwischen Ost und Westküste nach, den er nie begriffen hat, Berlin wünscht sich, New York zu sein, und zuletzt war bisher keiner der Hypes und Trends wie Lana Del Rey oder Pharrell Williams auf deutschem Boden geboren Und selbst alle modischen Begriffe entstammen der englischen Sprache. 
Aber hat Deutschland, das Amerika dafür liebt und verehrt, derweil begriffen, dass es selbst das Potenzial hat? Amerika ist das, was es ist, auch weil es ein Einwanderungsland ist.
Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Land, das den USA nicht nur im Gesundheitssystem weit voraus ist, noch große Dinge hervorbringen wird. Unterschiedliche Geschmäcker, unterschiedliche Schönheitsideale, und damit auch unterschiedliche Gedankengänge und Ideen werden entstehen und die deutsche Kultur bereichern. Denn ob zur Berlin Fashion Week oder der Musikszene, in diesem Land tut sich was. Ich bin überzeugt, dass vieles an Originalität gewinnt, wenn aus der deutschen wie auch aus anderen Kulturen geschöpft wird. Deutschland wird bald wieder sich selbst lieben.
Die einstige deutsche Kultur ist dazu auch das beste erdenkliche Fundament. Nicht umsonst sind alle Augen um Europa herum auf das Erbe dieser Hochkultur gerichtet. Nicht umsonst verehren die Amerikaner, wie die Araber, von Westen bis Osten die Werte, die Philosophie, die Demokratie, das Theater, die Kunst Europas.

Ob Menschen aus afrikanischen Kulturen oder asiatischen oder selbst amerikanischen, sie werden hier alles aus den unterschiedlichsten Kulturen schöpfen können und Großartiges schaffen. Denn noch ist der deutsche Himmel leer, aber auch hier wird eines Tages Großes möglich sein. Ein Bild gibt es noch nicht, dafür aber eine Vision. Genauso wie sie Lana Del Rey und Asap Rocky mit ihrem Video „Ridin“ als Präsidentenpaar für ihr eigenes Land haben, folgt das Bild auch in Deutschland.

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2 Comments

  1. Ja es wäre zu wünschen, dass sich Europa von der amerikanischen Unkultur emanzipieren würde. Was diese Aussichten angeht, bin ich jedoch weit weniger optimistisch als du. Wie mir scheint kann sich Europa so lange nicht aus seiner kulturellen Identitätskrise befreien, wie es dem dumpfen Massenkonsum verfallen bleibt, welcher nun mal ein Export der USA ist.

    Mit unseren alltäglichen Handlungen reproduzieren wir die Hegemonie der amerikanischen Unkultur. Bedenklich zudem, wie stark wir sie bereits verinnerlicht haben und sie uns gar nicht mehr als fremdartig erscheint. An was denke ich dabei? An den ungehemmten Konsum einerseits, andererseits aber auch an die Vergötterung des Ichs, die dank Facebook und Instagram ja einen unglaublichen Auftrieb erfahren hat. Wie ich finde hat sich die Menschheit auf einen weiteren intellektuellen Tiefpunkt begeben, als sie damit begann, Cupcakes zu fotografieren und diesen Mist ins Internet zu stellen.

    Wie dem auch sei. Ich sehe die Zukunft leider etwas düsterer als du: eine Zukunft, in der die Hegemonie der amerikanischen Unkultur noch ausgeprägter sein und die westliche Welt unter dem Eindruck eines kulturellen Einheitsbreis dahinsiechen wird :/

  2. Markus says:

    Bei allem Respekt, Monsieur Croche, es ist genau dieser übellaunige und einfältige Kulturpessimismus, wie du ihn in deinem Kommentar in selbstmitleidiger Überheblichkeit ganz typisch und stellvertretend für viele Deutsche präsentierst, der einer echten emanzipierten Erneuerung im Wege steht.

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