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Was haben der moderne Individualist und die traditionelle Muslimin gemeinsam?

einsamer hipster im görli

Es ist nichts Neues, dass sich viele, die den Individualismus-Stil anstreben, in einer Reihe ertragen müssen, in der sie zur Rechten und Linken bloß Menschen eingekleidet sehen, die uniformiert aussehen wie sie selbst. Wenn etwas „in“ ist, wird das Authentische, in diesem Falle der Individualismus, zur Sitte, ein Befehl, den man zu folgen hat.

Ob ein Fußball-Team, Arbeitskollegen, Bandmitglieder, muslimische, jüdische oder amische Religionsangehörige,Staatsangehörige, beste Freunde oder Zwillinge, wer ein Interesse teilt, passt sich einem Dresscode an. Er möchte zu verstehen geben, wozu er gehört und sich optisch der Zugehörigkeit wegen und Identifiktation ausweisen. Mit Kleidung möchte die Muslimin zu verstehen geben, woran sie glaubt, mit der Verschleierung der Frau möchte der Mann zu verstehen geben, was die Frau zu sagen hat. Ein Staat möchte mit Kleiderregeln nicht nur das Denken bestimmen und kontrollieren, sondern auch zu verstehen geben und demonstrieren, welche Macht es hat. Vertauscht man die erste Silbe mit der zweiten des Wortes Demo erhält man Mode. Denn Mode kann auch die Demonstration der Zeit sein, in der man leben möchte. Mode ist Instrument der Demonstration.

kopftuch

All jene Menschen, die ihre Gruppenzugehörigkeit bewusst oder unbewusst markieren wollen, geben von ihrer Individualität ab. Aber während all jene erwähnten Gruppenmitglieder sich zu ihrem Interesse bekennen, ist es nur der individuelle Mensch, der auf seiner Individualität beharrt, aber nicht seine eigene Sehnsucht erkennt.

Ob der Nationalsozialismus, der das deutsche Wir splittete, der Wohlstand, die Bildung, oder die Kälte – der Individualismus ist vielleicht eine Mischung aus all jenen Faktoren. Doch obwohl der Mensch nach Simmel nicht nur einen Individualisieruntrieb besitzt, sondern auch einen Trieb nach Kollektivismus, ist es gerade in der deutschen Jugend sehr angesagt, diesen Trieb anhand der Kleidung zu unterdrücken. Da sie sich alle sträuben, einander zu gleichen, sehen sie genau aus diesem Grund gleich aus. Es ist ein Dilemma. Sie sind zum Kollektiven avanciert ohne in den Genuss gekommen zu sein, die Freuden einer Gruppe zu erleben.

Aber keiner scheint so ganz zu realisieren, dass die Sehnsucht nach einer aufrichtigen warmen Geborgenheit gebenden Gruppe so groß ist, dass sie nur oberflächlich demonstrieren können, dass sie nach der gleichen Gesinnung leben und funktionieren.

Die sogenannte “Lost-Generation” kommt aus dem deutschen Mittelstand, verfügt über das Geld, alle Produkte zu konsumieren, die angesagt sind, doch kennzeichnet sich durch eine starke Perspektivlosigkeit, da alle Türen offen steht, nur nicht die im eigenen Hause.

Sie fühlen sich einsam und flüchten aus der Realität mit Drogen-Klamotten und Musik-Konsum. Die Rede ist längst nicht mehr vom Erleben, geschweige denn Leben. Woran das liegt? Weil heute jeder einen Apple hat, aber nicht weiß, mit wem er einen echten Apfel teilen soll. Die Lost-Generation ist auch deshalb so verloren und orientierungslos, weil sie unter Druck steht, ins Ausland zu gehen, aber dabei keine anhaltenden Freundschaften gründen kann, sondern nur Facebook-Kontakte. Und aus dem einfachen Grund, dass im eigenen Land für nichts mehr zu kämpfen ist und Eltern damit weder Haltung noch Halt mitgeben. Selbst jene Punks, die einst gegen ihre Eltern rebellierten, spielen das gutbürgerliche Leben mit. Wer in Deutschland groß wird, mag mit größter Wahrscheinlichkeit im Wohlstand leben, aber das wirklich Lebenswerte verpassen. Die sogenannte “Selbstverwirklichung” ist Teil des modernen Lebens, das noch gelernt werden muss. Denn dazu gehört nicht nur der Erwerb von Produkten, Tourismus-Städte-Trips in großen Weltmetropolen, und Gleichgültigkeit. Dazu gehört mehr Kritik, statt Leere und ein größerer Kampf statt Resignation.

Der Drang nach Individualismus erklärt auch das Weitere: die Lebensgestaltung der Deutschen mag mit Produkten, Kunst und Reisen individuell sein, aber sie alle haben nur noch die gleiche Geschichte zu erzählen: nämlich garkeine.

Betrachte ich meine Eltern, die nach Deutschland immigrierten, muss ich mit Bedauern feststellen, dass auch ich dazugehöre. Solange der Code fehlt, um aus Dagobert Duck’s Tresor zu entkommen und herauszufinden, worum es im Leben wirklich geht, müssen wir an unsere Grenzen stoßen und nach Osten schauen.

Bilder:Meltem Toprak

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