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Lohnt es sich heute bei freigestelltem Inhalt im Internet noch 6 Euro für eine Zeitschrift auszugeben? Wenn eine Zeitschrift etwas bietet, das es im Internet nicht zu finden gibt, sogar mehr als das. Nur leider ist eine so einst bedeutende Modezeitschrift wie die Elle zu einem durchschnittlichen deutschen Modeblog für Mädchen avanciert.

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Die neue Elle besteht mehr aus Trends statt Stil – ein kapitalistisches Modeblog 

Feierte die Elle letztes Jahr noch ihren 25. Jubiläum, so präsentiert sie sich im neuen Jahr unreifer denn je. Wo einst noch auf dem Cover von 1989 die Worte „Schön und klug“ in Großbuchstaben plakativ das Potential der Frau verkündeten, so verkaufen Überschriften wie „Trends“ und „Streetstyle der Fashionistas“ bloß diktatorische Mode. Auch die tiefgründige Seite der Psychologie wurde einfach weg gelassen. Stattdessen hat Kunst wie auch Trends an Bedeutung gewonnen. Damit spielt die Zeitschrift ganz im Profil der deutschen Modeblogs mit, die sich gerne als Kulturseiten beschreiben. Dass der Midi-Rock in ist, ist tatsächlich keine neue Nachricht, noch weniger der „Motivpullover“. Auf über 30 Seiten präsentieren ausdruckslose Models in viel zu vereinnahmenden Kulissen Stücke der aktuellen Kollektionen. Auch wenn das Teil des Anzeigekunden integriert werden muss: Modeofotographie ist doch die größte Freiheit der Mode, wo jedes Stück, jeder Mensch zu einer Kunst werden kann, die neue Perspektiven bietet, schokiert, kritisiert oder eine pure Klassik vorstellt. Was in der Elle zu finden ist, erinnert an das, was manche Selfmade Fotographen über Facebook vielleicht sogar besser machen.

Die türkische Elle macht es vor: eine politische Modezeitschrift ist möglich

Die deutsche Elle, die ich seit meinem 11.Lebensjahr als beste Modezeitschrift für Frauen bewunderte, verlor ich in den letzten Jahren aus den Augen. Nicht, weil ich nicht bereit bin 6 Euro zu zahlen, sondern ich mir nicht sicher bin, ob ich den selben Inhalt, vielleicht gar besseren Inhalt im Internet bekomme, ohne überhaupt zahlen zu müssen.

In der Türkei kaufe ich sie mir jedes Jahr genau einmal. Wenn ich meine Sommerferien im Heimatland meiner Eltern verbringe, möchte ich wissen, worüber gerade in der türkischen Modewelt gesprochen wird. Dort besteht sie aber nicht nur aus Mode. In diesem so zerrüttelten Land, in dem es Frauen heute noch immer zu schlecht geht, hat die Elle Verantwortung übernommen. Wie die Zeitschrift auf Französisch sich betitelt, geht es um die Frau. Gerade während der GEZI-Proteste sind politische Texte entstanden. Zu den Themen gehörte die Freiheit der Frau, bewegt von Ministerpräsident Erdogans bestimmenden Ausruf über die Anzahl an Kinder, die eine Frau zu gebären habe.  Aus Respekt vor den Ereignissen der gewaltigen Proteste war sogar für 10 Tage die Facebook-Page mit über 164.000 Gefällt-mir Angaben lahm gelegt.

Deutschlands politische Situation verlangt Inhalte wie diese nicht, könnte man meinen. Die journalistische Debatte über Gender müsste sogar ein „Il“ verlangen. Geht es denn aber Frauen in Deutschland wirklich so gut? Über die eigentlichen weiblichen Opfer dieses Landes schrieb ich bereits etwas hier. Aber auch die deutschen Frauen beklagen sich zwischen Selbstverwirklichung und Familienplanung, Beruf und Kind über ihre derzeitige Situation. Eine Elle muss in diesem Land vielleicht nicht feministisch sein, den Anspruch an die Weiblichkeit muss sie dennoch nicht verlieren.

Fern von München, ist die Weiblichkeit in Deutschland dennoch verloren gegangen. Dass Deutschland aber ziemlich zurück geblieben ist, was Weiblichkeit und Kompetenz anbelangt, diskutierte ich bereits mit Prof. Barbara Vinken aus, die für das aktuelle Heft auch Beiträge steuerte.

Weiblichkeit wird in der deutschen Mode lediglich mit Teilen aus Mailänder Kollektionen wie Dolce & Gabbana unter dem Titel „Opulenz“ thematisiert. Ein anderes Thema, ein viel wichtigeres Thema ist die Kunst. Aber auch in dieser Hinsicht liefert die Elle nur eine oberflächliche Annäherung mit Komposition anhand von Kommentaren der Literaturwissenschaftlerin Prof. Barbara Vinken.

Die Elle in Deutschland ist noch irrelevanter als die deutsche Vogue. Das zeigen selbst die Facebook-Zahlen. Während die deutsche Vogue 157.000 Gefällt-mir Angaben verzeichnen kann, sind es bei der Elle gerade mal 49.000. Noch drastischer sieht es beim Instagram Account aus, wo die Zahlen 20.000 zu 1.000 stehen. elle

In der Türkei trennen gerade mal nur 40.000 Follower die Elle von der Vogue. Das könnte auch damit zusammen hängen, dass die Elle im Gegensatz zur Vogue alle zwei Monate eine nationale türkische Persönlichkeit auf das Cover holt. Ausgewählt wird immer die Frau, über die am meisten gesprochen wird. Oft sind es also Models, Moderatorinnen oder Schauspielerinnen mit ihrem neuen Projekt wie hier auf dem aktuellen Cover zu sehen: Serenay Sarikaya, Hauptdarstellerin der derzeit beliebtesten Serie mit Millionen Zuschauern. der türkischen Version von O.C.California. „Sind Superfrauen von Männern gelangweilt?“, heißt dort das Titelthema für die anspruchsvollere Frau. Selbst in der Türkei setzt sich die türkische Elite also mit ähnlichen Themen wie die deutsche auseinander. Covermodel der aktuellen Elle mag zwar mehr als ein politisches Statement sein. Aber dass das äthiopische Model Liya Kebede die Hauptdarstellerin des Filmes Wüstenblume verkörperte, fällt bestimmt nicht jedem Passanten auf. Zwangsheirat ist ein viel zu entferntes Thema für den deutschen Leser, nicht aber für den deutschen Bürger. Denn Zwangsheirat findet auch in Deutschland statt. Wieso holt man nicht einen muslimisches Model auf das Cover, oder einen deutschen Serienstar wie die amerikanische Vogue Lena Dunham aufs Cover holte? Vermutlich weil es in diesem Land noch an solchen Persönlichkeiten fehlt.

Selbstverständlich hat die Elle eine Zielgruppe, die aus Frauen bestehen muss, die mehr Geld zur Verfügung haben. Aber München ist eben dennoch nicht Deutschland. Die deutsche Elle bietet nichts, was man nicht auf mittelmäßigen deutschen Modeblogs findet. Weder tolle Modestrecken, die das eigene Denken hinterfragen lassen, noch beeindruckende Inszenierungen. Dabei kann doch die Modefotographie so viel mehr als nur verkaufen, und Redakteure so viel mehr als deutsche Modeblogs lesen. Wenn man heute den Weg zum Kiosk vergessen hat, verpasst man jedenfalls nichts mehr, was ziemlich schade ist.

Edit: Das dritte Magazin des Hubert Burda Media Verlages wurde vom Markt genommen wie letzte Woche Kress verkündete. Diese Zeitschrift hatte eine gesellschaftlichere Relevanz für Frauen, doch Layout war – das muss man sagen – lange nicht so cool und zeitgemäß wie das der neuen Elle. Wäre es da nicht interessant, mit Inhalten dieser Art die Elle kreativer, tiefgründiger und ambitionierter zu gestalten?

  1. Liebe Meltem,

    Über einen Umweg über die Zeit bin ich vor einigen Wochen auf deinem Blog gelandet. Seitdem lese ich hier mit großem Interesse mit. Auch wenn ich nicht immer deiner Meinung bin, haben mich viele Posts sehr begeistert. Ich möchte dir deshalb für deine Arbeit danken und sie anerkennen. Gerade weil dir manche sperrigen Gedanken und Aussagen vielleicht die Aussicht auf einen sehr große Leserschaft verstellen.

    Vielen Dank!

    Ludwig

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