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Trug die westliche Frau den Rock vor dem Frühling 2010 noch kurz über dem articulatio genus (das von Modephotographen verhasste Knie) in floraler Ästhetik der Tulpen-Silhouette, wuchs die Länge des Rockes im folgenden Sommer schon im Alltag so sehr, dass sie als Maxi-Rock sogar orientalisch den Boden berührte. Ob Besitzer schlanker oder fülliger Beine, sobald es zum Startschuss hieß „es ist in Mode“, vermehrte sich die Anzahl der Trägerinnen, die bei einem wachsenden Sortiment die Auswahl zwischen verschiedensten Materialien, Farben und Preisklassen angeboten bekam. Was den modeaffinen Frauen durch den Kopf geht, wenn sie diesen so drastischen eigenwilligen Wechsel durchleben ohne je politisch oder in einem säkularen Staat wie Deutschland religiös eingeschränkt zu werden oder gar von einem Sinneswandel veranlasst, „Emanzipation“ bildlich am eigenen Körper darzustellen, versuche ich mit diesem Text zu beantworten. Welches Charakteristikum des sozial konstruiertes Geschlecht der Frau neigt dazu, unter Druck optisch mit der Zeit zu gehen? Denn aus modischer Sicht betrachtet, wirkt die (heterosexuelle) Frau neben dem (heterosexuellen) Mann zusammengefasst deutlich eitler, und stärker um das Aussehen bekümmert. Und sei auch der Begriff der Metrosexualität 1992 vom britischen Urvater Mark Simpson geboren, so wird diese „Modeerscheinung“ in westlichen Ländern trotz der Verwandtschaft mit dem Hipstertum, das in Deutschland hauptsächlich in Berlin praktiziert wird, stark belächelt. Warum Frauen „Mode mitmachen“, aber gerade in Deutschland die meisten des „schwächeren Geschlechts“ wie Männer auf das Spiel mit der Oberfläche verzichten, wurde jedenfalls bereits vor über einem Jahrhundert zu erklären versucht.

Der Soziologie und Kulturphilosoph Georg Simmel beantwortet in seinem Aufsatz „Die Frau und die Mode“, der 1908 von Herwarth Walden im Magazin „Das Magazin. Monatsschrift für Literatur, Musik, Kunst und Kultur“ herausgegeben wurde, die Frage, warum gerade Frauen dem Kanon der Mode so stark gehorchen. Der erste Satz ist These und Grund zugleich. Simmel geht davon aus, dass die Affinität auf die Definition der Mode zurückzuführen ist. Wenn „Mode den Egalisierungs- und den Individualisierungstrieb, den Reiz der Nachahmung und den der Auszeichnung zugleich zum Ausdruck bringt und betont, so erklärt dies vielleicht, weshalb die Frauen im allgemeinen der Mode besonders stark anhängen.“ Da die Frau das sich unterordnende Geschlecht ist, orientiert sie sich durch ihre Schwäche an dem, was Sitte ist, also das, was sich gehört, demnach gleichzusetzen

mit der Aufforderung „das trägt man jetzt so.“ Simmel zufolge entgeht der Schwächere dem Individuellen, da der Individuelle sich immer zu verteidigen hat. Und dennoch verfolgen Frauen den Wunsch, nicht als „durchschnittlich“ und dem „allgemeinem Niveau“ entsprechend wahrgenommen zu werden, und streben damit nach zu der „noch möglichen relativen Individualisierung und Auszeichnung der Einzelpersönlichkeit.“ An dieser Stelle führt Simmel die aus der Prämisse folgende Darbietung der Mode aus diesem gesellschaftlichen Dilemma der Frau.

Die Rede ist von der „Kombination“ aus „allgemeiner Nachahmung“, die Simmel zufolge das Individuum für Geschmack und Tun nicht verantwortlich macht, und zum anderen aus „individueller Geschmücktheit der Persönlichkeit.“ Simmel zufolge besteht jedoch nicht nur für die Frau, sondern für „jede Klasse von Menschen, wahrscheinlich für jedes Individuum ein bestimmtes quantitatives Verhältnis zwischen dem Triebe zur Individualisierung und dem zum Untertauchen in die Kollektivität.“ Doch es ist die Frau, die offensichtlich, diese Triebe in der Mode auslebt, da das weibliche Geschlecht im Jahre 1902 noch sehr eingeschränkt ist. Erst zwei Jahre vor der Veröffentlichung erlaubt im Deutschen Reich als erstes deutsches Land das Großherzogtum Baden das „uneingeschränkte Frauenstudium“. Zuvor gelingt ein Frauenstudium nur durch Hintertüren: Privatunterricht oder die Teilnahme als Gasthörer, wie es im Jahre 1896 in Preußen erlaubt wurde. Während 2010 über eine Millionen Frauen in Deutschland immatrikuliert waren, sind es im Jahre 1909 gerade mal 1.477 gewesen, weniger als 5% der gesamten Anzahl an Studierenden. Ist das Frauenstudium erst einmal erlaubt, dauert es fast 70 Jahre bis sie sich mit dem Erlernten überhaupt etwas verdienen darf. Wir erinnern uns, dass erst im Jahre 1977 die Tradition der „Hausfrauenehe“ mit der Aufhebung des Paragraphs 1356 BGB, das bei einer Erwerbstätigkeit der Frau das Einverständnis des Ehemannes voraussetzte, durchbrochen wurde, obwohl bereits die 1948 verabschiedeten Grundsätze der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte die Gleichberechtigung von Mann und Frau versichert. Während heute letztlich über die Frauenquote und Gehälter im Bereich der Wirtschaft, Politik und des Journalismus gestritten wird, ist zu bezweifeln, ob in einigen islamischen Ländern die Frau je wieder das Recht – vom Staat oder Mann vergeben- besitzen wird, ein hauchdünnes Haar in der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen, ohne bestraft zu werden. 

Aber wann hat man zuletzt in Deutschland das Wort „Sitte“ oder die mahnenden Worte „das macht man nicht“ in den Mund genommen? Genau. Wahrscheinlich 1908 als Georg Simmel diesen Text geschrieben hat. Wir leben im Jahre 2012. Sei es auch in meinem kulturellen Kreis noch üblich von Sitte zu sprechen, zwar nicht das Kopftuch zu tragen, aber dennoch mich einer bestimmten Kleiderordnung nach den Erwartungen der türkischen Kultur unterordnen zu müssen, spüren wir in Deutschland jenseits von Top-Posten und Gehältern Gleichberechtigung. Geht es um Sexualität werden Frauen gleichermaßen mit der Erfindung des Begriffs „männliche Schlampe“ verurteilt. Das bedeutet schließlich Gleichberechtigung.

Aber zurück zu Simmels These. Inwiefern und zu welchem Zeitpunkt äußern sich die „Individualisierungs- und Auszeichnungstriebe“ der Damen in der Mode? Deutschland entwickelt sich im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert zu einem sehr starken Individualitätsstaat wie Simmel beobachtet. Das Mittelalter, das zum Kollektivismus nötigte, wurde verabschiedet, die Era der Renaissance und des Humanismus war geboren. Im Gegensatz zu Italien, wo Frauen „viele Möglichkeiten der Bildung, der Betätigung nach aussen hin, der persönlichen Differenzierung“ hatten, mussten Frauen in Deutschland Simmel zufolge auf persönliche Freiheit und Entfaltung verzichten, sodass sie sich mit „denkbar extravagantesten und hypertrophischsten Kleidermoden entschädigten“. Aus Italien wird zu dieser Zeit anders als heute in Sachen Mode kaum berichtet, behauptet Simmel. Denn die Frauen leben ihre Triebe in anderen Bereichen aus. Der Renaissance-Humanismus erhebt die Position der Frau und öffnet ihr den Weg zur Kunst: gerade diese Epoche, deren Philosophie die Rückbesinnung auf die Ideale der Antike fokussiert, wird der Frau Bildung keineswegs untersagt.

Doch im Allgemeinen sei das Leben der Frau so einheitlich und monoton, dass die Mode durch ihre bietende „Abwechslung“ das Leben reizend mache. Doch zurückgegriffen auf diesen Reiz wird aufgrund der weiblichen Natur: Die Frau ist nach Simmel treuer als der Mann, da sie ihren Drang nach Abwechslung nur in der Mode ausübt. Der Mann verhält sich der Mode gegenüber gleichgültig, da er, so behauptet Simmel, das untreue, aber „vielfältigere Wesen ist“, das Abwechslung in verschiedenen Lebensbereichen sucht.

Warum manche Frauen bewusst die Mode ablehnen, begründet Semmel mit der Emanzipation der Gegenwart (1902). Die Frau wolle sich dem „männlichen Wesen, seiner Differenziertheit, Personalität nähern. Ob Georg Simmel Geschlechter als „sozial konstruiert“ erfasst, ist nicht leicht zu beantworten. Doch die Annahme, der Mann sei das „vielfältigere Wesen“ halte ich für sexistisch. Aus der Sicht der Frau und der Emanzipation ist zu bemerken, dass die Frau die Mode ohnmächtig wahrnimmt und sich ihr quer stellt, weil sie in einem gebildeten Dasein auf Funktionalität setzt, aus Zeitmangel nicht nach Geschmack wählen kann, nicht länger als Lustobjekt des Mannes gelten will und auf das Aussehen reduziert werden möchte. Ganz im Gegenteil: Die emanzipierte Frau möchte nicht mit dem Aussehen beeindrucken, oder sich speziell für den Mann verschönern, um finanziell trotz Abhängigkeit oder gerade wegen der Abhängigkeit zu profitieren. Sie tritt im Geschäftsalltag bedeckt auf, versteckt ihre weiblichen Reize, strahlt Professionalität, Führungsgabe und Stärke aus, passt sich optisch den anderen, meist männlichen Kollegen an, wie wir es von Angela Merkel in ihrer Führerposition gewohnt sind. In Deutschland ist eine gebildete Frau emanzipiert. Für Mode hat sie keine Zeit und an ihr auch kein Interesse, denn oftmals wird der Gegenüber zum Besitz einer verzerrten Wahrnehmung des Selbst entführt, das Äußere wirkt ablenkend von der Leistung, was vorteilhaft, aber auch schädlich sein kann. Sie ist unabhängig, die „moderne Emanze“ und durch die Naturverbundenheit und den Hang zum Realismus verzichtet sie gerne auf Kosmetika, zumal die Traditionen der Ägypter viel intensiver aufgrund der Kultur und Religionsverwandtschaft den Orient erreichte. Im Arbeitsalltag wird Pünktlichkeit, Disziplin und Souveränität erwartet. Bleibt da morgens noch Zeit, sich das Haar locken zu lassen und die Wimperntusche aufzutragen? Bleibt da überhaupt das Geld dafür? In orientalischen Ländern, in denen viele Dienstleistungen zur Verschönerung angeboten werden, sind die Preise nicht nur niedriger, der Besuch zum Friseur ist Gang und Gäbe.Ja und hat die westliche Frau nicht all die Jahre dafür gekämpft, nicht mehr als Lustobjekt wahrgenommen zu werden? Soll sie all diese Errungenschaft vernichten und verlieren, und mit der Teilnahme an der Mode, die auch stark mit Sexualisierung in Verbindung tritt, in Hotpants oder in einem kurzen entblößenden Minirock wieder bei Null anfangen? Die Antwort lautet nein.


Ein weiterer Grund zur verstärkten Beziehung zwischen Frau und Mode wird von Simmel außerdem angeführt. Die Mode sei für die untätige Frau ein Ersatz. Denn mag der Mann zwar in seinem Beruf „vielen anderen gleich“ sein und bloß „ein Exemplar für den Begriff dieses Standes oder Berufes“, so gilt der „sachliche und soziale Stand“ als Schmuck, was zu einer Kompensation führen kann. Zur Kompensation verhilft auch die Mode, erklärt Simmel. „Sie ergänzt die Unbedeutendheit der Person, ihre Unfähigkeit, rein aus sich heraus die Existenz zu individualisieren, durch die Zugehörigkeit zu einem durch eben die Mode charakterisierten, herausgehobenen, für das öffentliche Bewusstsein irgendwie zusammengehörigen Kreis.“ Durch Mode erhält der Mensch eine „individuelle Färbung“ und „ersetzt so auf dem sozialen Umwege gerade das, was der Persönlichkeit auf rein individuellem Wege zu erreichen versagt ist.“

Ist der letzte Satz nicht eine Beschreibung des arbeitslosen Schneiderlein aus Seldwyler, wie wir ihn aus der Novelle „Kleider machen Leute“ vom Schweizer Gottfried Keller aus dem Jahre 1874 kennen? Es ist der allgegenwärtige Modemensch, der zwar niemandem erzählen mag, er sei ein Graf, aber die Annahme der Bewohner der neuen Stadt auch nicht korrigieren möchte. Denn in die Lügen hat ihn „sein angeborenes Bedürfnis, etwas Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl der Kleider“ gestürzt.

Ist nicht auch genau dieser Schein der Individualität immer noch das, was uns heute beschäftigt und der Beziehung zur Mode so negativ verstimmt? Der heutige Schneider ist gleichzusetzen mit etlichen Modemenschen, wie wir ihn in Großstädten gleichermaßen wie in Kleinstädten begegnen. Mit der Kleidung auf Individualität pochen, drum betteln wahrgenommen zu werden, letztlich fotografiert zu werden, von Technikern, die sich selbst zu Künstlern krönen.

Mag das Verurteilen nicht fair sein, so neigen Menschen dazu, durch modische Erscheinung nur ihr materielles Bild wahrnehmen zu lassen ohne ein Wort über das innige Weltbild zu kreiieren. So fehlt es an Kommunikation und führt lediglich zur Selbstmitteilung, zur Offenbarung und Stilisierung seiner Selbst als Außergewöhnliches. So ist es stets erstrebenswerter, ein Werk zu schaffen und dieses der Bewertung zu unter – oder entziehen.  Gerade für das unterdrückte Menschengeschlecht, ob Mann oder Frau, ist das Streben nach Bildung ein befreiender Prozess, der mehr hinterlässt als das Talent des „Kleider-Kombinierens“. Denn ist doch der Mensch zu mehr bestimmt.

Die Stilisierung der äußeren Erscheinung kann als Kunst gelten, wenn wir Kunst mit „hohem Können“ gleichsetzen. Aber das allein reicht niemals aus. So glauben viele wie der Schneider aus Seldwyle in Großstädten mit pompöser Kleidung durchkommen zu können. Aber die Moral der Geschicht‘ verrät, dass jede Lüge ans Tageslicht kommt. Denn das Absurdeste ist doch, dass etliche Fotografen behaupten, auf der Straße Individuelle einzufangen, ohne je ein Wort mit ihnen zu wechseln. Das ist der eigentliche große Fehler, die eigentlich große Naivität und Beschränktheit. Menschen zu werten ohne sie je kennenzulernen halte ich in Wahrheit oberflächlicher als das Verhalten eines Menschen, der darauf Acht gibt, was er trägt. Entlarvt wird letztlich jeder, der scheinen aber nicht sein kann, verziehen wird ihm aber letztlich, wenn er aufrichtig bleibt und im Gegensatz zu anderen sich selbst und sein Verhalten erklärt ganz wie der Schneider.

Die Beschränkung der Menschen auf das Visuelle, die Verstärkung durch Medien, die kapitalistischen Machenschaften, der Informationszufluss des Internets, der permanente Druck der Erneuerung – und nicht zuletzt die grässliche Angewohnheit der Menschen, jedem Individuum aus Selbstgefallen zu diktieren, wie er zu sein hat, und wie er nicht sein darf, weil er seinen persönlichen Geschmack für alle Lebensbereiche für den besten hält, führen letztlich dazu, dass die Mode uns eine große Stütze sein kann, gleichermaßen aber eine große Last, sobald ein jeder aufdeckt und dafür verurteilt, warum wir, wann, was tragen, statt zu akzeptieren, dass wir etwas tragen, weil es uns selbst gefällt und wir ganz allein uns daran erfreuen.

Aber das ist nun mal das unverzichtbare Prinzip der Mode: Sie ist stets unzufrieden mit sich selbst.

Doch welch Glück. Es sind nur die Luxusprobleme der westlichen Frau.

 

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