Menu
menu

„Hätten wir nur Aleviten bei uns, hätten wir diese Probleme alle bei uns nicht, “ schrieb Heinz Buschkowsky in seinem provokanten Buch „Neukölln ist überall“. Weder ist Neukölln repräsentativ für Deutschland, noch sind Aleviten die besseren Türken. In meinem Umfeld zähle ich auch Sunniten zu meinen Freunden, ob aus dem anatolischen Kayseri oder der modernsten Hafenstadt der Türkei: Izmir.

Doch das Besondere an Aleviten ist ihre weltoffene und kosmopolitische Haltung, fast gebeugte demütige Haltung. Ein Volk, das gedemütigt wird, weiß es, sich überall anzupassen. Das muss sie, denn ihre Identität musste sie Jahrhunderte lang in weiten Teilen der Türkei und einigen wenigen Nachbarländern verschweigen. Noch heute weiß ich nicht, ob ich an einem Tisch mit Istanbulern aus der Design- und Modeszene sagen kann, dass ich Alevitin bin. Mag die Türkei ein Vielvölkerstaat sein, dass patriotistisch ist, so sind jene Minderheiten wie Kurden, Armenier und Aleviten noch immer die, die Angst haben, ihre eigene Identität zu verkünden. Gerade deshalb war der Gezi Park ein so friedlich zelebrierter Ort, indem jeder Mensch willkommen war.

Die alevitische Kultur ist eine Abspaltung des Islams, die seit jeher auch wie von vielen kritisiert wird, unter der Regierung Atatürks und der Mitgliedsgründer der CHP versucht wurde, ausgelöscht zu werden. Was der Alevitentum genau ist, konnten aus diesem Grund meine wie auch viele andere Eltern auch ihren Kindern nicht vermitteln. In meinem Bekanntenkreis gibt es jedoch viele junge und alte Gläubige, die sich intensiv mit ihrer Identität auseinandersetzen, und fleißig recherchieren, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. IMG_7799IMG_7715

In Deutschland fühlen sich die Aleviten jedenfalls sicher. Hier können sie in Cemhäusern ihren Glauben in Gemeinschaften praktizieren. Meist singen sie dort Trauerlieder, ja die Aleviten sind ein Trauervolk, weshalb ich die Gemeinde auch so sehr meide. Es ist ein sehr emotionales Volk. Da wird auf die Schenkel geklopft, über all`seine Verlüste, und Schmerzen nachgedacht, wenn gesungen wird. Auch der Semah-Tanz wird Darmstädter Cemhaus ausgeführt. Die alevitische Kultur, die sich in weiten Teilen als humanistische begreift, sucht in diesem Ritual die Nähe zu Gott und der Natur.

IMG_7849 IMG_7842IMG_7845IMG_7832

Auch am vergangenen Sonntag haben junge Menschen der türkisch alevitischen Gemeinde Darmstadts einen Volkstanz, den sogenannten Zeybek-Tanz aufgeführt. Nachdem am Freitag das Cemhaus in Anwesenheit des Bürgermeisters eröffnet wurde, gab es Sonntag die Feier mit vielen jungen Menschen. Wie das in Gemeinden so ist, gibt es leider viele Mitglieder, die für sich die Veranstaltungen nutzen, um sich selbst zu profilieren, oder missionarisch die Massen zu mobilisieren. Der radikalste Alevite wird aber dennoch niemals gefährlich sein. Auch die alevitische Gemeinde in Darmstadt ist gespalten: die einen sind humanistisch, die anderen fokussieren sich auf den Glauben im verwandten Sinne des Islams. Jedenfalls sprachen die älteren Generationen in der einen Rede darüber, was es hieße, ein richtiger Alevite zu sein, in der anderen darüber, gegen Erdogan zu protestieren, statt alle willkommen zu heißen und glücklich darüber zu sein, dass man sich in Deutschland überhaupt auf diese Art versammeln darf.

Denn die Aleviten leben nun seit mehreren Generationen in Deutschland, und haben das Glück, ihren Glauben zu praktizieren, zu ihrer Identität zu stehen, und ein gutes Leben zu führen. Bei den jüngeren Generationen ist das jedenfalls mehr angekommen. Die meisten, die aus Arbeiterfamilien kommen, sind zielstrebig. Sie haben eine Perspektive, sie haben Ziele. Viele von ihnen studieren, oder haben eine Ausbildung, sie spielen Instrumente wie das Saz, singen oder tanzen selbst den Semah. Die Frauen sind emanzipiert, während die Männer noch stärker in ihrer Männerrolle sich befinden. Doch das Verhältnis zwischen Männer und Frauen ist ausgeglichener, wenn auch beide Geschlechter dazu stehen, was sie sind. Die Mädchen ziehen sich sehr weiblich an, die Männer sehr männlich. Ob roter Lippenstift, kurzer Lederrock oder langes Haar – deutsche alevitische junge Frauen sind weiblich, selbstbewusst und präsent. Ihr eigener Beruf schließt sich dabei nicht aus. Die Männer hingegen sind ebenfalls sehr fest in ihrer männlichen Rolle verankert, was nicht heißt, dass Frauen und Männer nicht am gleichen Tisch ihren Raki trinken dürfen. Die alevitische Jugend von heute in Deutschland weiß sich anzupassen, ihre Chancen zu nutzen und ein weltoffenes Bild in diesem Land zu präsentieren. Die Familie ist ihnen wichtig, doch sie rebellieren auch, wenn es ihnen für den eigenen Weg wichtig ist. Die meisten haben einen Freundeskreis, indem, ob Deutscher gleichermaßen wie Sunniten, willkommen sind, wie im Cemhaus selbst auch. Zudem empfinde ich dieses Volk immer als sehr herzliches, und bodenständiges Volk. Im Vorteil ist dabei Darmstadt auch durch den Wohlstand dieser Gegend, wenn sie vor allen Dingen mit Städten wie Berlin verglichen wird. So urban und dekadent wie die Münchner Türken sind die Darmstädter nicht, aber so alttürkisch wie die Berliner auch nicht. Was die Aleviten jedenfalls auch ausmacht, ist ihre Fähigkeit, mit der Zeit zu gehen, sich an Kultur und Wissenschaft zu halten, und die Dinge zu hinterfragen. Und genau aus diesem Grund fühlen sie sich in Deutschland so wohl.

  1. Ich weiß genau was du meinst. Selbst ich, als Siitin ( also recht glaubensverwandt mit aleviten) kann nicht mehr einfach in die runde sagen, was ich bin, ohne nicht komisch angeguckt zu werden. Ansonsten schön geschrieben, aber vllt hättest du hier, für deine „ausländischen“ auf die hintergründe eingehen sollen. Oder du wolltest nicht zu sehr in die religionsschicht abrutschen 😉

    • liebe Gurcin, vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast Recht, viele wissen nicht, was diesen Glauben ausmacht. Auf die Hintergründe sollte ich eingehen, was ich hoffentlich bald an anderer Stelle machen werde.

  2. Schöne Bilder…

    Aus meiner Sicht ist die wichtigste Unterscheidung zu anderen islamischen Strömungen, dass alevitische Mädchen und Frauen nicht sexualisiert werden und folglich auch nicht in einer Geschlechterapartheid leben.

    Dass sich ein alevitisches Mädchen dazu entscheidet einen Schleier zu tragen und jede Interaktion mit Jungs vor einem sexuellen Hintergrund zu sehen, ist unwahrscheinlicher als bei anderen islamischen Strömungen. Es klingt natürlich pathetisch, jedoch entscheidet sich die Menschlichkeit einer Gemeinschaft am Umgang zwischen den Geschlechtern.

    Gemeinschaften, in denen Mädchen und Jungs möglichst wenig miteinander reden sollen, sich nicht berühren sollen, nicht ihre sexuellen Reize zeigen sollen, können nicht menschlich sein, das sie das gesamte Miteinander auf den Sexualtrieb reduzieren und alles nach diesem ausrichten. Sie nehmen sich den Sexualtrieb als Gott und verpacken es in moralisch klingende Begriffe. Eine „Sexualisierung“ wird zu „Respekt vor Frauen“ umgedeutet. Aus „Apartheid“ wird „Anstand“. Aus einer allzeit bereiten „Ehe-Hure“ wird eine Frau, „zu deren Füßen das Paradies liegt“. Und so weiter.

    Der Kommentar passt zwar thematisch nicht ganz zum nett formulierten Artikel und letztlich zählt nur die Persönlichkeit des Einzelnen, statt das Gesamtbild einer Gruppe. Jedoch gibt es ohne Freiheit keine Menschlichkeit. Folglich kann man von der Menschlichkeit einer Gruppe auf die Freiheit ihrer Mitglieder schließen.

    PS:
    „Schwarze“ Mädchen und Frauen sind echtmal die hübschesten. Unglaublich. Ein Cem muss ein Paradies auf Erden sein. (Nein, das ist nicht sexistisch)

  3. Guten Tag Meltem

    Sehr schöne Trachten die die Mädels tragen!

    Habe mir grad vorgestellt so ein Maedel in altdeutscher Tracht mit Tracht Augenweide xD

    Nur frag ich nich

  4. Na toll verkrüppelte Nachricht! Danke smart phone. So hinterlasse ich wahrhaftig einen erhabenen Eindruck! 😉 Alles gute bei deiner Arbeit.

  5. bana da saz ögretin haha 🙂

Leave a reply