Menu
menu
IMG_1751

Ein Zarmädchen – Sein oder Nichtsein?

Zara, Frankfurt. Gestern fand der erste Samstag des alljährlichen Zara Sommerschlussverkaufes statt und wie jedes Jahr finden sich alle Damen in einem Gedränge zwischen rot markierter Kleider der letzten Kollektion wieder im Streit um die besten Schnäppchen. Per E-Mail für den Online Verkauf für Donnerstag  00:00 Uhr angekündigt, sehe ich Mädchen auf Instagram sich über den Beginn informieren.

Konnte man sich vor einigen Monaten das eine oder andere Teil zum Originalpreis nicht leisten, findet man sein Lieblingsstück im reduzierten Bereich, wenn man denn Glück hat.

Aber auch jenseits des Schlussverkaufs frage ich mich jedes Mal, wenn ich einen Zaraladen in Frankfurt oder Istanbul betrete: soll ich es mir nun kaufen oder nicht? 5 Gründe, die mich immer wieder vom Kauf abhalten.

Weiblichkeit

Mögen die Kampagnenbilder androgyne bis konservative nordische Frauen porträtieren, so ist Zara in Deutschland definitiv ein Kostüm der Weiblichkeit. Die Kleider Zaras betonen die Femininität und lassen Frauen aus aller Welt „weiblich schön“ aussehen. In Zaras finden sich von Frauen mit Kopftüchern bis Frauen mit kurzen roten Haaren die unterschiedlichsten Typen mit unterschiedlichster Herkunft, Nationalität und Religion. Was die Frauen hier verbindet ist das Frau-Sein und damit definieren sie sich auch im traditionellen Sinne. Sie achten auf ihren Körper und sind meist geschminkt. Selbst die hellen Typen findet man hier jenseits des Klischees der deutschen Natürlichkeit mit langen Haaren und wallenden Röcken. Es sind meist jene an die Geschlechterrollen angepassten Frauen ohne Mut zur Kreativität, wobei ich mich immer wieder Frage: Möchte ich so ein Mensch sein, der auf den ersten Blick als Frau zu erkennen ist? Die meisten Frauen sind von oben bis unten perfekt gestylt mit langen Haaren, getuschten Wimpern und den dazu ordentlich erwählten Kleidern. Präsentiere ich mich hier auf diesem Blog nicht ähnlich? Ja, aber die Realität lässt mir selten Zeit dafür, zumal ich gerne auch den traditionellen Erwartungen mit ungeschminktem Gesicht und gammligen Klamotten trotze.

Wenn ich also Teile für Outfits rauspicke, frage ich mich auf dem Weg zur Kasse jedes Mal: möchte ich so aussehen wie all die anderen Frauen auch, die sich größtenteils mir ihrer Weiblichkeit definieren und dabei einen Wettbewerb antreten gegen Frauen um Männer? Ich frage mich, ob ich dieses Image mitmachen soll. In Zarakleidern sieht provoaktiv ausgedrückt, jede Frau gleich aus. Vor Allem die orientalischen Frauen in Frankfurter unter sich, die so unglaublich gerne dort einkaufen wie auch viele der nordischen Frauen, zum. in Frankfurt.

IMG_5803

Individualität

An dieser Stelle wären wir beim zweiten Punkt. Ich sollte erwähnen, dass ich bei Zara nahezu jedes Teil mitnehmen könnte, da es meinem Ideal weiblicher Ästhetik in der Riege der „Billigketten“ am nächsten kommt. Zara macht mich als Frau hübscher, raubt mir dabei aber gleichzeitig meine Individualität als Mensch. Man sieht aalglatt aus, schön. Ich gehe soweit, dass ich sage, dass man mit der in dieser Gesellschaft konnotierten Kleidung dem Manne und erfolgsorientierten Gesellschaft gehorchende Kleidung erwählt. Wenn ich davon spreche, dass ich meine Individualität wahren möchte, dann möchte ich auch hinzufügen, dass man an jeder Frau das Zara-Teil identifizieren kann. Sehe ich also junge Frauen in Zara-Klamotten, sehe ich von Weitem, woher das Teil kommt. Zara ist eine Marke, die dir einen Namen gibt, ein weibliches Mädchen. Zara ist ein schönes, aalglattes Mädchen, und so profillos wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Wenn ich ein Mädchen in Zarakleidern sehe, und ich kann von mir behaupten, dass ich den Stil wiedererkenne, möge man ihn auch von Primark kopieren, so sehe ich keinen Menschen, sondern ein Zaramädchen. Möchte ich auch so wahrgenommen? Manchmal natürlich schön, denn ich möchte als Frau, als Mensch attraktiv empfunden werden, und dazu gehört auch die richtige Kleiderwahl. Doch möchte ich meine Individualität auch wahren. Mag mir die Kombination mit Vintagekleidern und Teilen anderer Marken oder von meiner Mutter genähten Unikaten dies erleichtern, so ist beispielsweise dieses auf dem Bild erkennbare Teil von Zara. Erst neulich überlegte ich, es in der Uni zu tragen und entschied mich doch dagegen. Wenige Stunden später sah ich an der U-Bahnstation eine Studentin mit eben jenem Oberteil. In der Türkei, wo noch mehr Frauen der Mittelschicht dort einkaufen, würden mir bei einem Rundgang durch Istanbul vermutlich mehrere Frauen in diesem Oberteil entgegen laufen. Möchte ich auch einer Gruppe angehören, die sich durch Weiblichkeit und Schönheit charakterisiert, also die Kategorie Frau, so sehe ich ungern neben mir jemanden in der selben Hülle. An dieser Stelle verweise ich gerne an Simmels Konzept des Individual- und Kollektivtriebs.

Foto

High Fashion – Low Fashion?

Doch da wären wir beim dritten Punkt, weshalb ich im Grunde genommen nicht so leicht widerstehen könnte, wenn meine Mutter nicht Maßschneiderin wäre. Wie dieses Teil von Alexander Wang kopiert ist, so sind Teile der aktuellen Sommerkollektion von Chanel, Louis Vuitton und Dolce&Gabbana kopiert. Wie wäre es möglich, für eine junge Frau, wie so viele Frauen, sich Kleider dieser teuren Designer zu leisten? Märchenhafte, grazile schwarze Spitze für eine sizilianische Frau, oder kurze Röcke im 60s Stil oder Tweedkleider für tausende Euros? Hinter den Designs stehen manchmal nicht nur Strategien, sondern auch großartige unbezahlbare Ideen philosophischer Künstler. Wer dies sich nicht leisten kann, ist mit kleinem Portemonnaie bei Zara genau richtig. Die Designer der spanischen Kette kopieren innerhalb kürzester Zeit die aktuellen Designerkollektionen. Es ist tragbar und sieht in richtiger Kombination und Präsentation ziemlich hochwertig aus. Doch kommt man näher und möchte Kleider der mittlerweile teureren Billigkette Zara tragen, so wird man feststellen, das dies nicht möglich sein wird.

Qualität

Denn die Qualität lässt wirklich zu wünschen übrig. Ob Lederleggins oder Spitzenoberteil, wie viele Teile habe ich bereits reklamieren lassen wegen der schlechten Qualität. Und was nach teurer Designerware aussieht, ist es lange nicht. Wer einmal eine Pradahose in der Hand hatte, der weiß: guter Stoff fühlt sich anders an. Neben Haltbarkeit ist es auch die Dimension der Kleider: Zaras Klamotten sind dünn wie Papier, als sei man nichts wert. Während Oberteile von Dior schwer auf dem Körper liegen. Als ob sich in der Schwere des Stoffes die Klassengesellschaft widerspiegelt. Dass Ketten die Mode demokratisiert haben sollen, glaube ich nicht. Mit einem Zara-Look könnte ich niemals aussehen wie High Society Besucherinnen der Pariser Modenschauen. Ich spreche hier von nichts anderem als Qualität.

Trend

Ein anderer Grund, warum die meisten Teile nur eine Saison tragbar sind? Des Trendcharakters wegen. Zaras Klamotten wirken klassisch, doch sie sind es meist nicht. Das Design ist so konzipiert, dass man sich schnell langweilt, denn jedes Teil hat an irgendeiner Stelle etwas, das der Zeit entspricht, und dieser zugeordnet werden kann. Ist dies nicht der Anspruch der Mode? Etwas Neues kreiieren? Ja, könnte man meinen. Doch wie es Nicolas Ghesquiere formulierte, ist es auch die Zeitlosigkeit, und an dieses Ideal glaube ich noch viel mehr. Das ist der Grund, wieso man sich nach einigen Wochen an Zaraklamotten satt sieht und sie nie wieder tragen möchte. Und hinzu kommt: hat man einmal angefangen, „Trends mitzumachen“, kommt man so schnell wieder nicht raus!

Arbeitsbedingungen

Der letzte Grund, der mich nie ohne schlechtes Gewissen kaufen lässt, sind die Arbeitsbedingungen der Näherinnen für Zara. So rein, sauber und untransparent das Image auch sein mag, spätestensEreignisse wie das Unglück in Bangladesh wie auch die Hilferufe durch Primarkklamotten habe wieder Massen erreicht und offenbart. In den letzten zwei Jahren habe ich mich intensiv als Konsument damit auseinandergesetzt und mir verboten, dort einzukaufen. Irgendwann wurde ich unglücklich, also habe ich mir alle paar Monate dort etwas gegönnt, als Kompromiss. Doch dieser Kompromiss behebt nicht den Konflikt, den ich habe. Wieso müssen Frauen in anderen Ländern für Hungerlöhne arbeiten, damit ich mir ein paar hübsche Teile kaufen kann. Mein Luxus in dieser Welt basiert auf der Ausbeutung der Menschen in Ländern wie Indien. Sie verdienen kaum etwas, um ihre Familie zu ernähren, werden versklavt, vergewaltigt und sind einer alltäglichen Gefahr durch fehlende Sicherheit ausgesetzt. Ganz zu schweigen von Bildungschancen. Selbstverständlich ist auch der Staat sicherlich wie auch die Fabrikbetreiber mitverantwortlich, aber letztlich ist es mein Geld, das bei Zara landet. Ich habe als Konsument eine nicht zu unterschätzende Macht. Das sind für mich alles Gründe, Zara zu boykottieren. Doch da auch der Boykott dazu führen kann, dass diese Menschen, die auf ihren Job angewiesen sind, arbeitslos werden könnte, habe ich auch damit keine Lösung. Verzichten fällt mir aber schwer wie eben beschrieben, denn jeder kennt das Gefühl, wenn man einen Zaraladen betritt: man ist angekommen in einer heilen, konventionellen, geradlinigen Welt, ja gar in einer wohlhabenden schönen globalisierten Welt, in der man sich ein wenig zu Hause fühlt. Denn wenn wir uns bei Zara was kaufen, belohnen wir uns. Auch in unserer Welt erleben wir einen Mechanismus, indem wir für etwas arbeiten müssen, dass wir haben möchte.

Und dennoch möchte ich von Zara zumindest mehr Qualität und bessere Arbeitsbedingungen fordern. Ob ich mich mädchenhaft kleiden möchte, oder doch lieber Geschlechterunabhängig mit oder ohne Zarateilen kleiden möchte, oder daran arbeiten möchte, mir eines Tages die Originalteile leisten zu können, die mehr Schwere haben (aber leider unter ähnlichen Produktionsbedingungen arbeiten lassen), liegt letztlich an mir. Jedenfalls ist es lange her, dass ich mit vollen Tüten einen Zara Sommerschlussverkauf verlassen habe und das wird sich auch nicht so leicht ändern. IMG_5721Oberteil: Zara, Rock: Oxfam Shop

  1. „Möchte ich so ein Mensch sein, der auf den ersten Blick als Frau zu erkennen ist?“
    Warum nicht? Frau sein ist neutral. Weder gut, noch schlecht.

    „Ich gehe soweit, dass ich sage, dass man mit der in dieser Gesellschaft konnotierten Kleidung dem Manne und erfolgsorientierten Gesellschaft gehorchende Kleidung erwählt“

    Was Männer wollen oder nicht wollen ist empirisch nicht belegt. Daher kann man nicht sagen, ob Frauen gehorchen oder nicht. Problematisch sind Männer (wie hoch der Anteil derer wohl ist?), die optische, sexuelle Fügsamkeit wollen. Zum Beispiel Männer, die in Fernsehbeiträgen sagen, dass Frauen lieber Bikinis (statt Badeanzüge) tragen sollten, damit man deren Po besser sieht. Oder (muslimische) Männer, die in Fernsehbeiträgen sagen, dass sie Geschlechtertrennung im Hallenbad wollen, weil sie mit dem Anblick nackter Frauen nicht klarkommen. Beides ist das Gleiche: Als ob man einen Anspruch auf die Fügsamkeit von Frauen hätte. Und als ob eine Frau nur die Summe aus Po, Brust und Vagina ist.

    Dass man sich über den eigenen Erfolg definiert und am Erfolg (anderer) orientiert, ist notwendig und führt zum Fortschritt einer Gesellschaft. Für die, die nicht erfolgreich sind, ist es natürlich ein Problem. Dennoch leben wir im Westen auch deshalb in Freiheit und Wohlstand. Erfolg gehorchen heißt Freiheit (wer Karriere machen will, darf nicht schlagen, vergewaltigen usw.) und Wohlstand („keiner“ muss hungern) sichern.

  2. Du sprichst mir so sehr aus der Seele. Ich konnte diesen übertriebenen Zara-Hyp noch nicht nie vollziehen. Als Text.-Ing. habe ich bereits im Ausland arbeiten können. Einen Boykott, der Arbeitslosigkeit nach sich zieht, ist ganz sicher keine zufriedenstellende Lösung. Aber ein Bewusstsein für sich selber und sein eigenes Kaufverhalten muss heutzutage erwartet werden können. Und der Trend 2 mal tragen und weg weil es out ist, deshalb Unmengen an Klamotten zu kaufen, ist ein erschreckender Trend.
    Und endlich stimmt mir jemand mal zu, dass die Qualität unter aller… ist. Ich muss wirklich sagen, H&M ist z.B. qualitativ wesentlich besser, und dabei günstiger. Das ist dann zwischen Ihnen wahrscheinlich der einzige Unterschied 😉
    Ich bin wirklich begeistert von Deinem tollen Blog!!! Von den Bildern bis zu den Texten alles perfekt und interessant!
    LG Aziza
    http://berlin-capital-life.blogspot.de/

  3. Das Problem ist ja, dass viele sich der Mängel solcher Ladenketten bewusst sind, aber einfach Handlungsunfähigkeit besteht. Es ist zwar ein schöner Vorsatz, weniger bei XY zu kaufen, aber ist es effektiv? Nö. Zum ersten, weil inmitten von Massenblödheit (sorry, bin Pessimist) die individuelle, abweichende Handlung erstmal nichts zählt. Und zum zweiten, weil derartige Ketten so mächtig sind, dass sie sich die Kritik an ihnen einfach einverleiben und in ihr Vorteil umkehren. Sie arbeiten dann einfach eine neue Zielgruppe oder Marketingstrategien heraus. Bestes Beispiel: Klamotten aus „Bio“-Stoffen. Super neues Marktsegment, das viele anspricht. Oder sowas wie Werbetafeln, auf denen steht, dass die Arbeiter_Innen in Bangladesh etc. „fair“ bezahlt werden o.ä. Das schlechte Gewissen der Käufer ist beruhigt. Die weiter bestehenden Probleme werden unsichtbar gemacht.

    Und selbst, wenn man kritisch ist und nicht alles glaubt, was H&M und Zara sagen, irgendwelche unbewussten Prozesse können vielleicht auch den kritischen Menschen beeinflussen und beruhigen. Es ist ja auch anstrengend, immer anti zu sein. Keine Ahnung.

    Angesichts dessen ist es wirklich schwierig, an die eigene Handlungsfähigkeit zu glauben. Das einzige, was man für sich selbst machen kann, ist vermutlich, die eigene Integrität zu wahren. Gar nicht dort einzukaufen. Damit man wenigstens selbst von sich sagen kann, man beteilige sich an der ganzen Scheisse nicht oder nicht so viel. Und man kann (utopisch für die meisten) versuchen, Einfluss auf Entscheidungen, der Gesetzgebung (in Bezug auf die Regulation in der Wirtschaft) zu gewinnen. Aber selbst dann ist die wirtschaftliche Lobby eh zu mächtig.

    Insofern: einen hcuchlerishcen Abend noch. 😉 Sage ich von meinem Macbook, der auf einem Ikeaschreibtisch steht, während ich ein Zara-Top trage, für all das andere Menschen in dieser Sekunde ausgebeutet werden.

Leave a reply