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Vladimir Karaleev Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2013/14Hiphop ist als modische Sitte in der Mitte der Gesellschaft angekommen 

Spätestens wenn in einer Parallelstraße der Münzstraße im vergleichsweise noblen Bezirk Berlin-Mitte zu dem Song „Chabos wissen, wer der Babo ist“ von Haftbefehl von Jugendlichen an einer Schule mitgerappt wird, steht fest, selbst der Hiphop – Sound des deutsch-türkischen, selbsternannten Thug Life ist wieder angesagt. Und wenn damit Hiphop wieder Mode ist, also jene Sitte, die vom Individuum in der Gesellschaft verlangt wird, gilt das Genre nach Rückwendung der Ära um Eminem und 50Cent der 00er Jahre wieder alles andere als asozial.

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Von elitärem Hipster bis straßenwürdigem Ghetto – Hiphop Beats werden auf dem Ohr getragen 

Seit nun mehr als fünf Jahren schwirrt der Begriff „Hipster Rap, Hipster Hop“ im Internet herum. Beobachtet wurde der Musiklifestyle bereits 2007 von Spiegel-Autor Uh-Young Kim. Als Kanye West 2006 bei seinem Deutschlandbesuch im Berliner MTV Studio mit MCM-Rucksack und enger Jeans auftauchte, war allen klar, dass dieser Rapper sich stilistisch und inhaltlich deutlich vom Rest seines Genres unterscheidet. Dass Deutschland aber dem großen Bruder Amerika in Sachen Mode mindestens 5 Jahre hinterher hinkt, dürfte nichts Neues sein. Mit Nikes am Fuß, eingekleidet in lederbesetzten schwarzen Jacken und Army-Hemden, MCM auf dem Rücken, New Era Cappies stolzieren jene auf den Straßen Berlins, die sich am Abend in hippen Bars verabreden, um Hiphop zu hören. Oder besuchen aufgestylt Konzerte der Hiphop-Rapperin und Kunstfigur Iggy Azalea oder Ghetto-Retro Lady Lana Del Rey, die Berlin mit fürchterlich langen künstlichen Fingernägeln, goldener Kette und Hiphop-Features eine Prise Coolness zu verabreichen versucht. Der urbane Kleidungsstil deutscher Straßen ist seit jeher von amerikanischer Jugendkultur beeinflusst. Geprägt haben neben Kanye West auch Musiker wie Pharell Williams, und Neptunes, The Pack, Spank Rock, The Cool Kids, Odd Future, und Theophilus London das neue Image mit Kleidung von Marken wie beispielsweise Vans, Supreme, Skate- oder Bikersport und kulturellem Interesse. Sie sind softer, fern der Money-Cash-und Ganster Ära. Zu eben jenen gehört auch der deutsche Musiker Cro, der banale, unreflektiere sorgenfreie Musik zum Konsum der Pubertierenden liefert. Doch nun hat selbst auch noch der amerikanische Rapper, Kendrick Lamar, des authentischen Undergrounds den Mainstream erobert. Je realer, desto glaubwürdiger.  

Ist dieser Hiphop nun angesehen und akzeptiert, so scheint selbst parallel wieder sogar der Gucci – Hiphop mit Modekontroverse A$AP Rocky und nationalen Rappern wie Haftbefehl die Musikmitte der populären Jugendkultur zu erreichen.

Entsteht nun verstärkt die Sehnsucht nach „echtem Hiphop“? Ein Verteter von PONY zur Bread & Butter erklärt mir, die Marke, die sich seit Jahren immer nach verschiedenen Sportarten orientiert, finde wieder zurück zu „real Hiphop“. Als ich wissen möchte, wie denn echter Hiphop definiert wird, ist seine Antwort: Kool Savas. Echter Hiphop gilt eben immer noch als echter Hiphop, wenn er von harten Schicksalschlägen erzählt und tiefsinnig Worte fallen lässt – mit einer Coolness, dessen Ausdruck der elektronischen Musik nicht gelingen mag. Denn echter Hiphop soll eben direkt von der Straße kommen. Selbst bei der Sportmarke Kangeroo, die sich in den letzten Jahren einem Imagewechsel unterzog, entdeckte ich den Stand mit Platten von Moses Pelhams Album „Geteites Leid 3“. Für das neue Schuh-Design, das deutlich hipper geworden ist und sich vom ursprünglichen nerdigen Informatiker-Stil verabschiedet hat, ließ sich Kangeroo von der Hiphop-Kultur beeinflussen.

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Mode als Projektionsfläche der Gentrifzierung

War einst Reebok in den 90-ern auch in Deutschland der Schuh der Breaker und Hiphop-Fans, sind die weißen Treter auch in Berlin-Mitte schon zum Trendschuh der kunstbeflissenen, elitären, einstigen elektronischen Kreativkultur avanciert. Während der Schuh in den USA von Hiphop Mächtigen wie Rick Ross oder Rapper Tyga vermarktet wird, präsentierte Paul Mohr währen der Fashion Week in Berlin seine Kollaboration mit Reebok. Auch das Design des Berliner „The Shit Shop“ ist von der britischen Marke „Boy“ kaum zu unterscheiden. Nur glorifiziert „The Shit Shop“ auf erhebende Art das Ghetto und parodiert, um sich mit Arroganz über zu stellen. Ein Ghetto-Kind, das mit seiner Perspektivlosigkeit kämpft, würde diesen Pullover jedenfalls nicht tragen. Getragen wird der Pullover von der weißen Mittelstandsgesellschaft junger Leute. Mit Statements wie “Ghetto” oder dem Labelname “The Shit” werden umgangssprachliche Worte aus dem Hiphop-Repertoire entliehen und für die Mainstream-Alternativkultur als Logo verwendet. Hier dient Mode als Projektionsfläche der Gentrifizierung. Wurden die Gastarbeiter in Bezirken wie Kreuzberg, Wedding und Neukölln getthoisiert, und von der Gesellschaft ausgeschlossen, so werden sie heute aus den Bezirken erneut gedrängt, bevor ihr kultureller Lebensraum angeeignet wird.

Der Versuch der Aneignung eines Lebensstils amerikanischer Coolness durch den Konsum von Musik und Kleidung

Während zum einen afro-amerikanische Kids sich in meiner persönlichen Facebook – Liste als Fans äußern, die hinter den kämpfenden Worten von “Hiiii PoWeR Lemars stehen, feieren und stilisieren sich Mittelstands – Kunstgeschichte-Studenten wie auch etliche andere Kreative mit dem Posten der Videos, um “Coolness” und Hippness zu suggerieren, ohne die Worte aus Empathie zu begreifen. Trotz fehlender Identifikation versuchen Mittelstandskinder Coolness, eine Eigenschaft, die aus Erfahrungen und amerikanischer Mentalität resultiert, sich mit dem Erwerb von Kleidern und Musik jener Gruppe anzueignen. Demnach wird der amerikanisch idealisierte Lebensstil des Hiphops oberflächlich nachgelebt und imitiert. Veraschaulicht können solche Trends jener Gruppen auch mit Sängern, die als Sprachrohr gelten. Sängerin Lary singt mit “Future Deutsche Welle” nach amerikanischen Vorbild soulig zu elektronischen Beats, verkleidet sich dabei erst mit Transparenzrock in Modebloggermanier, nun in Hiphop-Ästhetik der 90-er Jahre. Nachahmung macht sich damit sowohl anhand des Musikstils wie auch Kleidungsstils bemerkbar. 

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Und selbst Designer und DJ Vladimir Karaleev lässt zu seinem elitären Berliner-Mitte Boy-Design B.I.G mit dem Track „Hypnotize“ und The Luniz mit „I got 5 on it“ laufen. Hörte der Berliner-Mitte-Boy denn nicht neulich noch Elektro? Mag sein, dass Designer Karaleev leidenschaftlicher Hiphop-Fan ist, das Publikum hingegen schien auf die unkonventionelle Musik der Fashion Shows der Mercedes-Benz Fashion Week Herbst/Winter 2013 nicht zu reagieren. Im Publikum zeigte sich kaum einer berührt oder verwundert über den Oldschool Beat der 90-er.


Medizin-Student und DJ Emal Barikzay, der in Frankfurt aufgewachsen ist, aber derzeit zwischen Leipzig und Berlin pendelt, legt in der Haupstadt sowohl Electro auf, als auch Hiphop mit seiner Partyreihe 99 BERLIN PROBLEMS an Orten wie dem Flamingo. “ Die meisten sind damit “unreal”. Wer gestern noch über Hiphop geschimpft hat und einen auf Electro-Superheld machte, hat heute Haftbefehl auf dem Ipod.” Und was ist mit Berlin Mitte, Ort des Gesehen & Gesehen werden schlechthin? “In Mitte sind die meisten einfach nur Wannabes, die in einer Traumwelt leben.”

Der Stil der Hauptstädte der Industrienationen wie New York, London und Berlin ist ein globalisierter, der nacheinander, von Osten nach Westen, die gleichen Trends konsumiert. Das macht sich selbst im Musikgeschmack bemerkbar. In jedem Fall ist Straßenschicksalsraplyrik nur im Doppelpack mit Gucci-Gucci-Gehabe zu hören, und damit ist Hiphop auch Teil einer Proletenkultur, die Selbstdarstellern großen Raum gibt, Coolness raushängen zu lassen. Für die Mentalität Berlin-Mittes ergibt sich damit der Konsens mit der Hiphop-Kultur.

Musik-Bloggerin Julia von PonyDanceClyde, die in ihrer Jugend im legendären Natrix feiern ging, findet, „ dass viele auf einmal HipHop hören, weil es auf einmal wieder cool ist.” Sie geht davon aus, dass jene womöglich noch nie etwas von DMX oder Petey Pablo aufgewachsen sind, mit denen die Bloggerin ihre  Jugend verbracht hat. Das ist ja auch nichts Schlimmes. Gott sei Dank „darf“ man wieder HipHop gut finden. Aber dann sollen die Leute gefälligst auch dazu abgehen und nicht nur rumstehen.“

Bilder: Meltem Toprak, Mercedes-Benz Fashion Week

 

  1. Krasse Sache, dieser Hipster Trend ist schon seit 2007 bekannt. Hat ja ziemlich lange gebraucht um bis zu mir durch zu stoßen…gut ich bin auch ein kein Hipster.

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