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Christiane Arp ist die Grande Dame der deutschen Modewelt, die als Chefredakteurin der deutschen Vogue dieses Land nach außen hin im globalen,  modischen Bibelgeschehen mit großer Sicherheit vertritt. Sie steht den anderen Chefredakteurinnen in Nichts nach, schon garnicht, was Stilbewusstsein anbelangt. Ihre Fähigkeit, die Vogue´sche Harmonie der Proportionen zu erkennen, ist gerade deshalb so bemerkenswert, weil wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben, die es bloß weiß, den Dingen philosophisch auf den Grund zu gehen. Doch kommt es in diesem manchmal so tristen Land, indem die Freuden des Lebens wie gutes Essen oder Kleidung nach dem eigenen Geschmack kaum genossen werden,  mit der Mode viel zu kurz. Das möchte Christiane Arp ändern. Denn in Mode, dass sie vor allem für sich persönlich mit Gefühl verbindet, sieht sie schlicht etwas Wunderschönes, eine Bereicherung.

Das Image der Mode wird mit Intellektuellen wie Arp, die sich auch mit ernsten Tagesthemen wie dem Afghanistan-Krieg auseinanderzusetzen wissen, verändert. Zum anderen leistet sie ihren Beitrag zu einer Verbesserung der finanziellen Basis für die Schaffenden selbst durch die Einführung des Vogue Salons, indem zu jeder Saison verschiedene deutsche Designer die Möglichkeit haben, ihre Kollektionen sowohl renommierten Journalisten als auch großen Einkäufern zu zeigen. Als Chefredakteurin weiß sie damit nicht nur, die Vogue ästhetisch mit der richtigen Wahl an Designern zu inszenieren, sondern auch in die Rolle des Designers zu schlüpfen, der sich nicht nur vom Weltgeschehen zu inspirieren weiß, sondern die finanziellen Krisen eines jeden Künstlers überbrücken muss, die sich oftmals als Blockade herausstellen können.

Ihr herausragendes Können zeichnet sich somit durch die Perspektiven aus, die sie besitzt: Als Schreiberin und gelernte Designerin hat sie den besten Platz im Stück. Eine Zuschauerin, zu der ich mich gerne setzen würde, weil sie durch ihre offene und tolerante Natur den Dialog zur Mode als etwas Tiefsinniges und Oberflächliches zugleich eröffnet. Und gerade weil sie entgegen all der Vorwürfe an einen Modeinteressierten sich auf ihre Leidenschaft konzentriert und die unkritische Haltung meidet, bin ich so glücklich, meinen Mut zusammengerissen habe, um ihr spontan erst zwei dann sieben persönliche Fragen gestellt haben zu dürfen.

Wie sieht Ihr persönliches Verständnis von Ästhetik aus? Welche Ansprüche haben Sie und wie konnotieren Sie den Begriff Mode? Ist das definitiv etwas Positives oder bloß nur der Zeitgeist?

Ich glaube, dass wir Deutschen Mode negativ besetzen. Überall anders ist das nicht so. Nehmen wir ein gutes Beispiel: Wenn ich Ihnen sage „Ach, Sie haben aber ein schönes Kleid an“, dann werden Sie als Deutsche sagen „ja, wirklich, meinen Sie?“ Es ist immer diese Unsicherheit, aber wenn Sie eine Französin fragen, sagt Sie mir „Oui, oui.“ Genauso wie die Italienerin immer sagen wird „Ja, weiß ich.“ mit diesem Selbstverständnis. Ich glaube, wir gehen mit Mode nicht selbstverständlich um und deswegen ist es bei uns teilweise negativ besetzt. Für mich persönlich, sehe ich mich ein ganz klein bisschen mit der Macht der Mode oder die Macht, die Mode haben kann, beschäftigen: Ich muss mich gut fühlen. Mode muss mir an manchen Tagen das geben, was mir fehlt. An Selbstbewusstsein, an Schön-Sein, Lässig-Sein, all das. Das heißt, Mode ist für mich, so wie ich mich damit beschäftige, ein wunderbares Hilfsmittel, um mich gut zu fühlen. Mal habe ich Lust, ein buntes Kleid, das weit ist, zu tragen, mal habe ich Lust, ein tiefdekolltiertes schwarzes, enges Kleid zu tragen. Also es ist nicht der Schnitt, nicht das Material, denn würde ich jetzt etwas sagen, würde ich im nächsten Satz sagen „ja, aber..“, verstehen Sie? Es ist nicht festgelegt auf ein Material, ein Lieblingsmaterial, eine Lieblingsfarbe.

Was halten Sie davon, dass gerade in Berlin immer wieder gesagt wird, dass die Kleidung die Persönlichkeit zum Ausdruck bringen möchte? Halten Sie das für unsinnig?

Ach, es werden so viele Dinge gesagt, die auch nachgesagt sind. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass – da rede ich jetzt von diesen jungen Designtalenten- diese jungen Menschen, ihrer Stimme folgen. Ich weiß nicht, ob Sie das eben gerade da gesehen haben. (Anmerkung der Redaktion: Designer for Tomorrow hosted by Marc Jacobs). Ich glaube, dass der Spanier gewonnen hat, weil er komplett kompromisslos seiner Emotion gefolgt ist, und ich halte das, für ganz ganz wichtig. Dieses vorher schon im Kopf haben, das ist vielleicht nicht kommerziell, das ist vielleicht nicht – damit müssen sich diese jungen Menschen sowieso auseinandersetzen – das sollten sie bei so einer Chance zum Beispiel nicht tun. Ich glaube, dass wir einfach Mode akzeptieren sollten als etwas sehr, sehr Schönes, weil so ist es gemeint. Und dann kann es ganz verschiedene Facetten haben.

Glauben Sie es wird durch die Fashionweek mehr Bewusstsein für Mode geschaffen? Sodass sie nicht mehr ständig gerechtfertigt werden muss, sondern akzeptiert wird?

Ich weiß nicht, wie alt Sie sind. Ich denke Mal Mitte 20, Ende 20.

21.

Sie sind ganz anders groß geworden als ich zum Beispiel. Ich glaube, dass sich das langsam über Generationen wie in jeder anderen Kultur anders auch verändert. Ihr Selbstverständnis als Frau ist ein ganz anderes als meines zum Beispiel. Ich musste mir sicher noch einige Dinge erkämpfen, als junges Mädchen, die Sie für selbstverständlich genommen haben.

Ich habe türkische Wurzeln. Ich musste mir wirklich auch einiges erkämpfen. (lachte)

Jaa, (lacht). Dann wissen Sie aber wahrscheinlich genau, worum es geht. Aber ich denke auch, dass es etwas sehr, sehr Gutes ist, dass es verschiedene Einflüsse gibt, dass es verschiedene Herkünfte gibt, dass sich alles miteinander vermischt. Und ich glaube, das ist auffällig, und das ist glaube ich auch ein ganz, ganz großes Plus. Dass es irgendwann dieses Gefühl vermitteln kann, alles ist möglich, was die beste Basis ist für Kreativität.

Wahrscheinlich auch, dass man nicht nur den Kulturen selbst, sondern auch erstmal dem Aussehen der Menschen Toleranz entgegenbringt. Ob jemand ein Kopftuch trägt oder im westlichen Gebiet Haut zeigt. Aber wie stehen Sie zur Emanzipation… (an dieser Stelle wollte ich eigentlich fragen: Wie Mode mit Emanzipation zu vereinbaren ist ( :

Ich bin 1961 geboren. Das ist die falsche Frage. (lacht) Also ich kann das Wort im Schlaf buchstabieren (lacht). Aber ich bin in keinster Weise Militant. Ich finde es großartig, wenn es ein gleichberechtigtes Miteinander gibt, zwischen Geschlechtern, zwischen Kulturen, zwischen Hautfarben. Ich glaube, das ist das, was wir uns alle wünschen sollten.

Muss sich nun letztlich Mode, so wunderschön wie es Ihrer Beschreibung zufolge auch ist, als Kunst erklären? Ich meine gelesen zu haben, dass Sie sagten, dass Mode nicht Kunst sein muss.

Also ich glaube, dass es bei bestimmten Designern, das sehen wir ja auch. Wenn Sie eine Kollektion sehen von Sarah Burton für Alexander Mcqueen, dann sind es handwerkliche Kunstwerke. Sollte man die Menschen zugänglich machen und diese Teile tragen, das heißt in einen Museum ausstellen? Ja. Alles, was schön ist, sollte man in einer Ausstellung sehen. Ich glaube nur nicht, dass jedes Mode-Design Anspruch darauf hat, Kunst zu sein, überhaupt nicht. Mode ist auch ein wunderbarer Gebrauchsgegenstand und genau das sollte es auch sein. Es ist nichts Schlechtes, und ich glaube, der Erfolg einer Phoebe für Celine ist genau der. Sie macht Kleider,- Kleider übertragen für Mäntel, Hosen, für alles – die Frauen tragen wollen. Ist es falsch? Nein, es ist genau richtig. Jetzt waren es aber schon sieben Fragen. (lacht)

Vielen herzlichen Dank.

1961 in Stinstedt, Niedersachsen geboren, wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um Modedesign an der Fachhochschule für Gestaltung zu studieren. Sie entschied sich mit dem Wort Mode zu kreiieren. Nach ihrer Arbeit bei u.a. Brigitte, Für Sie, Amica und Stern, ist sie seit 2003 die Chefredakteurin der deutschen Vogue.

Bilder: Meltem Toprak

 

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