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Prof. Dr. Barbara Vinken durfte ich zum ersten Mal bei einem Vortrag im Ausstellungshaus C/O Berlin vergangenes Jahr erleben. Dort hielt sie einen Vortrag mit dem Titel „Was ist schön? Von der Funktionalität zum Ornament“. Ihre Art zu reden ist eine Herausforderung und großartige Unterhaltung für den Hörer zugleich! Barbara Vinken spricht nicht nur mit einer sehr angenehmen und charmanten Art Deutsch, sondern lässt auch gerne unerwartet Ausdrücke in Französisch und Englisch fallen, ganz in typischer Modemanier. Aus der These, die sie damals aufstellte, nämlich, dass den Männern kurz vor der Moderne noch die Mode gehörte, wurde ein Buch. „Angezogen – Das Geheimnis der Mode“ erschien dieses Jahr, was sie zur Frankfurter Buchmesse vorstellte, wo ich dieses Bild von ihr machte.

Für mich persönlich ist sie das größte Vorbild in der deutschen Modewelt, die es schafft Intellekt und Oberfläche, gar Weiblichkeit zu vereinen. Auf einem so hohen Niveau, dass es ihr kaum einer vormachen kann. Im Literaturhaus Frankfurt, wo die Literaturwissenschaftlerin an der Seite von Journalist Alfons Kaiser ihr Buch vorstellte, sprach ich gemeinsam mit ihr über die ideal angezogene Frau, die Geschichte und Gegenwart der deutschen Modekultur, und ihre Liebe zum Pelz.

Barbara Vinkenölöäu

Mit was für einem Verständnis von Mode sind Sie aufgewachsen?

Meine Tante hat uns selbst hin und wieder Kleider genäht. Auf dem Speicher meiner Großmutter lagen ganze Burdastapel mit Schnittmustern. Da wir zu Hause keinerlei Illustrierte hatten, war das für mich eine völlig fremde, aber faszinierende Welt.

Sie sind in Hannover aufgewachsen?

Ich bin am linken Niederrhein aufgewachsen. Meine Eltern sind erst später wieder nach Großburgwedel gezogen.

Später sind Sie nach Paris gezogen. Wie haben Sie damals die Mode wahrgenommen?

Ich bin schon als Mädchen in Orléans zur Schule gegangen und war oft in Frankreich. Daß Kleider dort eine ganz andere Rolle spielen, war mit sofort klar. Die Frauen genossen es sehr, sich anzuziehen, zu schminken. In Frankreich feiert man die Mode, weil sie die Frauen feiert. Mittlerweile ist dieser damals noch sehr große Unterschied zwischen den beiden Ländern, scheint mir, kleiner geworden.

Wie nehmen Sie Deutschland wahr? Inwiefern hat sich Deutschland verändert?

In den letzten zwanzig Jahren hat sich viel verändert. Deutschland scheint mir insgesamt zivilisierter. Gut zu kochen, sich schön anzuziehen und einzurichten, Feste zu feiern, kurz, dem anderen zu Gefallen zu sein, ist wichtiger geworden.

Aber weiblich ist die Mode für die deutschen Frauen in anderen Städten außerhalb Münchens noch immer nicht ganz in Vergleich mit den Südländerinnen.

Das Hauptproblem scheint mir Folgendes: wir erlauben es uns nicht, Weiblichkeit und Autorität zusammen zu denken. Damit tut man sich noch sehr schwer, weil dies eine bürgerlich protestantisch geprägte Kultur ist. Das modische Zurschaustellen läßt man Männern ja umgekehrt auch nicht durchgehen. Flamboyantes Auftreten ist auch dort verpönt. Aber sicher ist es für Frauen belastender, daß es uns sehr schwerfällt, uns Damen als Politikerinnen vorzustellen.

Wie Sie in Iherm Buch schreiben, sei Kompetenz und Weiblichkeit also nicht zu vereinen. Aber wie gelingt es Ihnen selbst als Professorin dennoch?

No risk, no fun! So sehe ich mich jetzt als Außenseiter eingeschlossen in der Institution. Aber ich komme damit ganz gut zurecht.

Also müssen Sie nicht mit Vorurteilen kämpfen?

Doch, aber das hält lebendig.

Mit ihren männlichen Kollegen an der Universität?

Ich kämpfe jetzt nicht. Ich gucke mir das an. Lacht

In Ihrem Buch „Angezogen“ habe ich Sie so verstanden, dass Galliano für Dior unweiblich rückschrittlich sei.

Nein, weiblich ist Gallianos Mode auf jeden Fall, sogar hyperweiblich. Galliano hat im Prinzip den Dior-Stil weitergeführt, der gegen die Moderne Chanels auf die Belle Epoque zurückgreift. Es ist schwer, in der Mode von fortschrittlich oder rückschrittlich zu reden. Man könnte sagen mehr oder weniger interessant, mehr oder weniger gelungen. John Galliano hat sich als das inszeniert, was man dem großen Modemacher Worth immer vorgeworfen hat: als ein bißchen anrüchiger Tyrann über eine nicht weniger anrüchig weibisch frivole Welt. Manchmal ist er als Hofnarr aufgetreten. Seine Entwürfe sind, keine Frage, oft überwältigend gelungen. Sie mögen nicht allen gefallen, aber seine Begabung steht außer Frage.

Und wie finden Sie Raf Simons nun für Dior?

Wirklich ganz toll. Verblüffend, wie die Antwerpener Schule unser Verständnis von Mode umgekrempelt hat. Ich fand auch schon die Simons Kollektion für Jil Sander umwerfend!

Warum genau mögen Sie die Antwerpener Schule so sehr?

Ein ganz neues, ikonoklastisches Umgehen mit Kleidern. Und trotzdem – oder deswegen – die Geburt einer neuen Eleganz.

Sie schreiben Jean Jacques Rousseau schrieb dem Pariser Modetypus des 18. Jahrhunderts sowohl das Hurenhafte als auch das Soldatische zu, und das sei unweiblich. Wie würden Sie von der „idealen Weiblichkeit“ sprechen; wenn das überhaupt möglich ist?

Ideal ist eine Frau angezogen, wenn sie souverän über ihre Reize verfügen kann. Wenn sie sich nicht auf dem Markt als Ware anbieten, sich aber auch nicht zur Tarnung die männliche Maske überstülpen muß.

Fühlen Sie sich als Frau denn frei von den gesellschaftlichen Zwängen?

Frei von gesellschaftlichen Zwängen ist niemand. Manchmal hilft ein gewisser Hang zum Clownesquen. Ein bißchen Selbstironie kann nicht schaden.

In einem Interview sagten Sie einmal, dass Ihnen Männer durch den Anzug zu unmännlich seien, aber erotischer sein könnten. Bei der sinkenden Geburtenrate in Deutschland ist das aber etwas schwierig mit der Geschlechtlichkeit.

Lacht Ein Modesoziologe, Edmond Goblot, hat mal gesagt, wenn eine Frau einen Mann im Anzug anziehend findet, dann liegt es daran, dass sie ihn nicht als erotisches Objekt sieht, sondern als jemanden, der genug Geld verdient, um eine Familie standesgemäß unterhalten zu können. Nicht die Schönheit, sondern die ökonomische Potenz interessiere sie. Amüsante Beobachtung.

Würde Ihnen denn eine Welt gefallen, in der Frauen die neuen Männer wären?

Nein, natürlich nicht. Mir würde eine Welt gefallen, in denen die Männer die neuen Frauen sind. Lacht

Kämen Sie damit zurecht, wenn sie die Rolle der Frau als Schöne abgeben müssten?

Ich glaube kaum. Aber ein Monopol darauf muß ja nicht sein. Männern und Frauen könnten ja beide schöner werden. Lacht

Frauen sind, was ihre Kleidung betrifft, in der Mode sehr individuell wie Sie durch verschiedene Alternativen in Ihrem Buch beschreiben. Wie sieht es in der Lebensgestaltung aus? Da stehen sie hinter den Männern noch zurück.

Absolut. Deswegen hat Simmel ja gesagt, übersteigerte, oder wie er sagt hypertrophe Moden seien Ersatz dafür, daß einem andere Möglichkeiten der Selbstverwirklichung verschlossen blieben. Haben beide Geschlechter hingegen in etwa die gleichen Möglichkeiten – Simmel meint, daß das in der Renaissance der Fall gewesen sei – dann ziehen sie sich auch hinsichtlich Ihres Modisch Seins ähnlich an. Vielleicht sind wir auf dem Weg dahin.

Ja, denken Sie das?

Ich hoffe es.

Das wäre ja schön.

Ja, das fände ich auch schön.

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Zum Glück gibt es ja schon mal Frauen wie Sie, die als Vorbild den Weg weisen. Und zum Beispiel die Yahoo-Chefin, die sich von der amerikanischen Vogue fotographieren lassen hat. Was halten Sie davon?

Ich finde es wichtig, dass wir Bilder von Frauen haben, die Macht, Geld und Autorität vereint haben und trotzdem Weiblichkeit im öffentlichen Raum repräsentieren. Das ist absolut wichtig. Jede von ihnen ist ein kleines Wunder.

Und wo steht da Deutschland?

Was machtvolle Weiblichkeit im öffentlichen Raum angeht, ist Deutschland unterentwickelt. Es fehlt an weiblichen, intellektuellen Stars; es fehlt an Weiblichkeit in den politischen und Business-Eliten. Um in Deutschland eine öffentliche Rolle spielen zu können, die sich nicht in der Repräsentation von Weiblichkeit erschöpft, wird das Opfer der Weiblichkeit erwartet. Das ist eine besonders traurige Situation, die auch damit zusammenhängt, daß die jüdische Intellektualität zerstört worden ist. Gerade aus diesem Milieu kamen immer Frauen, die glamourös, emanzipiert und selbstbestimmt waren. Denken Sie an Hannah Arendt.

In Frankfurt gibt es noch immer eine kleine jüdische Gemeinde, in der Frauen den Raum haben, weiblich zu sein, als auch sich selbst zu verwirklichen.

Auch das Selbstbewusstsein und den Anspruch, das zu können.

Sie selbst sind ein sehr nachdenklicher, tiefsinniger und kritischer Mensch. Was denken Sie über den Pelz, den Sie tragen? Rechtfertigen Sie ihn?

Ich glaube, daß kann ich nicht rechtfertigen und ich versuche es auch nicht. Pelz ist meine Schwäche; zu ihm habe ich ein archaisches, ja fast fetischistisches Verhältnis. Das Licht spielt in ihm, er hüllt mich weich und warm ein. E ist, als ob die Kraft des Tieres in mich flösse, und mir hilft, die Härte und Kälte des Lebens zu überstehen. Wenn man auf Reisen ist, kann man darin schlafen. Mein letztes Hemd würde ich für einen Pelz geben. Aber ich weiß, dass es keine Rechtfertigung ist. Es ist einfach meine…

Erklärung dafür, warum Sie es so lieben.

Ja. lacht

Aber die Beschreibung klingt toll. Das Pelz erhebt den Menschen auf gewisse Art.

Er hilft mir, mich der Kälte der Welt zu stellen.

Um zurück auf Ihren nachdenklichen Charakter zu gehen. In Deutschland sind Wissenschaftler Denker, oder es gibt den Gegensatz der Materialisten. Sie verbinden beides. Wie kommen Sie damit klar?

Sinnlichkeit macht Sinn. Geist und Kleid reimen sich schon seit Brentano.

Vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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  1. Sehr gelungenes Interview! Schön mal etwas persönlichere Fragen (und Antworten) zu lesen, die trotz ihrer Präsenz in den letzten Monaten so noch nicht gestellt wurden. Seitdem ich zu Beginn meines Modestudiums vor einigen Jahren Mode nach der Mode von Vinken gelesen habe, hat sie für mich auch so eine gewisse Vorbildfunktion. Bin schon gespannt Angezogen zu lesen, über die ersten Seiten bin ich dank Unmengen anderer (Pflicht)lektüre bisher leider noch nicht hinausgekommen..

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