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Der selbsternannte Million-Dollar-Misfit Iggy Azalea ist, nachdem sie die Bühne “Bad Bitches” rufend verlässt, das netteste Mädchen der Welt. In Berlin hat die Rapperin aus Australien bewiesen, wie gut sie den Sprechgesang beherrscht. In ihrem Cheerleader-Outfit wurde die Menge in Berlin-Mitte von einer starken, Pferdeschwanz schleudernden und Booty-shakenden Entertainerin mitgerissen.

2011 veröffentlichte sie ihr Mixtape “Ignorant Art” und wurde mit den Hits “My World”, “Murda Business”, und “Pussy” bekannt. Letzter Song erinnert an den Aufsehen erregenden Hit “My Neck, My Back” von Khia, der in unseren Kindertagen noch zensiert auf MTV lief. Und noch heute müssen innerhalb der Gender-Debatte Rapperinnen in einer männerdominierten Welt ihre sexuelle Freiheit rechtfertigen. Iggy Azalea hat Spaß daran, ihren Hintern dem Publikum entgegen zu strecken, aber der Spaß bleibt nur solange bestehen, bis darüber gesprochen wird, kommentierte sie ihren Auftritt in London, der für Furore sorgte.

Dazu ist sie ein großer Fan der klassischen Nanny Fran Fine und Grace Kelly. “Trust Your Struggle” hat sie sich auf den Arm tätowieren lassen, und ist mit ihren 22 Jahren dank TI schon dick im Geschäft. 2013 wird die vom XXL Magazine zu den Top 10 Freshman des Jahres 2012 gekürte Iggy Azalea ihr Album “The New Classic” veröffentlichen, wofür Namensvetterin und Battle-Anfechterin Azelea Banks sie sicherlich beneidet. Das Wilhelmina-Model aus Australien, das Tupac zu ihren großen Idolen zählt und von ihrem Vater wie Kunst angezogen wurde, bewies uns im Gespräch über heutige Geschlechterrollen, Offenheit in der Musikwelt wie reflektiert sie ist.

 

Warst du an der Highschool ein Außenseiter?

Ja. An der Highschool dachte jeder, ich wäre total merkwürdig. Ich bin in der Pause immer nach Hause gelaufen, weil unser Haus am Ende der Straße meiner Schule war. Und ich hatte einfach keine Freunde. Ich bin immer nach Hause an den Computer und habe mir Musik angehört oder verschiedene Künstler angesehen, die mir gefallen haben. Ich wollte einfach nicht zurück zur Schule. Ich hatte einfach nicht wirklich Freunde.

Darf ich fragen, warum du keine Freunde hattest?

Weil ich mich einfach so angezogen habe, wie ich mich anziehen wollte. Ich habe zum Beispiel meinen Namen verändert und gesagt „Mein Name ist blablabla“. Solche Sachen habe ich eben gemacht. Und die anderen Kids dachten sich: „Die ist irgendwie komisch, wir kennen sie irgendwie nicht wirklich.“ Kinder sind einfach gemein, weißt du.

Heute bist du ein Outsider, aber wirst geschätzt für das, was du bist.

Ich denke, du wirst erst für das, was du bist, wertgeschätzt, wenn du ein Künstler bist. Deine Einzigartigkeit wird gefeiert. Aber ich denke noch immer, wenn du Kids an der High School fragst, richtige Outsider, haben sie es immer noch schwer. Sie hassen es, ein Outsider zu sein. Aber wir werden erwachsen und damit haben wir auch mehr Verständnis und wissen sie zu schätzen.

Und heute bist du ein Million-Dollar-Misfit.

Hehe, ja. (lacht)

Das hört sich gut an.

Das hört sich sehr gut an! (lacht)

Wer wärst du, wenn du keine Rapperin wärst?

Ich wollte immer Hochzeitskuchen backen. Meine Mutter war eine sehr schlechte Köchin, als ich ein Kind war. Und ich wollte immer hausgemachte Kuchen essen. Ich habe es immer versucht, aber der Teig ist nie aufgegangen und war immer flach. Und meine Familie sagte immer: „Iggy ist die schlechteste Bäckerin. Isst ihren Kuchen nicht. Es ist ekelhaft.“ Und ich dachte mir, ich werde einen Weg finden, leckere Kuchen zu backen. Und so habe ich geübt und ich bin nun wirklich gut. Also dachte ich mir, falls ich nicht rappe, werde ich Kuchen backen. Denn es ist wie Kunst. Du designst, und bemalst sie. Also dachte ich mir, warum nicht Bäckerin werden.

Du malst auch, habe ich gelesen.

Ja, mein Vater ist ein Künstler. Ich zeichne gerne und mache Radierungen. Mein Vater ist ein Comic-Künstler und mag Comicbücher. Als ich aufwuchs, hatte ich vor allem Interesse an Linework, also harter Strichumsetzung. Daher mag ich Radierungen und Zeichnungen. Das ist für mich wie Meditation. Ich zeichne immer noch und schenke meinen Freunden die Zeichnungen zum Geburtstag.

 

Was ist dein Lieblingscomic. Oder dein Lieblingssuperheld?

Mein Lieblingssuperheld? Ich mag Catwoman. Aber eigentlich mag ich auch Poison Ivy, aber sie ist keine Superheldin, aber ich liebe einfach ihr Haar. Rarrrrr. Ich mag starke Frauen. Ich mag es, mir Figuren von alten Comics anzusehen. Es wurden Frauen gezeichnet, die kurvig sind, breite Hüften haben, und dann denke ich mir immer: Ich wünschte, ich würde auch so aussehen wie die Mädels aus den Comicbüchern.

Du bist ziemlich kurvig.

Ja, aber ich habe kleine Brüste.

Ach komm, aber deine Figur ist der Wahnsinn!

Ich habe einen netten Hintern, meine Figur ist okay.

Also bist du ziemlich selbstbewusst und selbstsicher, was dein Aussehen betrifft?

Ich denke, alle Frauen sind es. Und wir haben alle etwas an uns, das wir mögen und wir haben alle etwas an uns, das wir gerne verstecken und verdecken. An manchen Tagen mag ich es, kleine Brüste zu haben, an anderen Tagen möchte ich große Brüste. Du weißt, wie Frauen sind. Wir ändern uns, es kommt einfach darauf an. Momentan geht es mir mit allem ziemlich gut.

Würdest du jemals deine Haarfarbe verändern?

Ich würde sie niemals verändern. Ich habe sie mal gefärbt, aber es ist alles raus gewachsen. Wenn ich 50 bin, werde ich grau sein. Richtig grau wie ein silberner Fuchs. So möchte ich es haben. Gerader Haarschnitt, und es wird gut aussehen, das werde ich tun. Das ist die einzige Veränderung. Ich war schon immer eine Blondine.

Also bist du eine natürliche Blondine. Man kann es auch an deinen Augenbrauen erkennen.

Die wurden mir aber etwas nach gemalt, da meine Brauen noch heller sind.

Erzähl uns, wer ist dein Lieblingsmodedesigner?

Ich liebe Jeremy Scott. Wirklich. Ich war nie verrückt nach seiner Mode, aber von Tag zu Tag habe ich mich selbst immer wieder plötzlich seine Sachen anziehen gesehen. Also muss ich sagen, dass er dazu gehört. Seine Mode ist immer laut, farbenreich und lustig. Die Jacke, die ich gerade trage, ist von ihm. Ich mag alles, was gewagte Prints hat. Aber ich liebe Karen Miller. Das würde keiner von mir denken. Aber ich mag den klassischen Schnitt und das Colorblocking der Kleider. Ich liebe auch die Kleider von Elie Saab. Frauen haben so unterschiedliche Stimmungen und Charaktere, die wir gerne spielen. Ich mag es, mit verschiedenen Designern zu spielen, dem Charakter entsprechend, den ich gerade empfinde.

Lass’ uns über dein Album “Ignorant Art” sprechen, das mit der Absicht gemacht wurde, Menschen ihre alten Ideale hinterfragen zu lassen. Wie hast du selbst deine alten Idealen neu definiert und wie sehen sie heute aus?

Ich hatte nie meine eigenen. Es ist nicht dazu da, um meine eigenen neu zu definieren. Es geht darum, die Ideale der anderen neu zu definieren. Denn Leute sagen mir immer: „Du kannst nicht rappen, weil du nicht so aussiehst!“ Und ich dachte mir, du hast in deinem Kopf ein Ideal davon, wie ein Rapper auszusehen hat oder wie Hiphop aussieht. Und ich komme einfach von einem anderen Ort, an dem ich jeden sehe, der so aussieht wie ich, die das auch mögen.

Und ich denke mir, vielleicht ist alles größer als das in deiner Vorstellung. Und ich möchte einfach Leute dazu bringen, das zu hinterfragen und sehen zu lassen, dass es auch anders sein kann. Ich höre Leute oft über Musik oder Kunst sprechen, die sagen: „Oh, Picasso ist kein richtiger Künstler oder Pop Art ist keine echte Kunst. Wie kann ein Label bemalen Kunst sein? Das ist keine Kunst. Renaissance ist echte Kunst oder Soul ist echte Musik oder Blues ist echte Musik. Rap ist keine echte Musik.“ Oder: „Wenn es beim Rap nur darum geht, Spaß zu haben oder zu feiern, und nicht um dein Leben an sich, dann ist es keine echte Musik.“ Und da denke ich mir: Warum ist das eine besser als das andere? Oder wann wird etwas zur Kunst oder was macht etwas zur Musik und was macht es einfach zu Müll? Ich wollte einfach damit experimentieren und versuchen zu zeigen, dass Musik immer noch Spaß und Kunst und genauso gut sein kann.

Also wünscht du dir mehr Toleranz?

Mehr Toleranz, denke ich, und einfach mehr Offenheit gegenüber dem, wie sich etwas entwickeln kann. Denn manchmal denke ich mir, dass du gerade Amerikaner, die sich damit beschäftigen, was in ihrer eigenen Welt oder eigenen Stadt oder in ihrem eigenen Land los ist, vergessen kannst. Denn da ist diese ganze Welt gefüllt mit Menschen, die das gleiche mögen, aber auf eine etwas andere Art. Und du kannst nicht diese Musik oder diese Kultur oder diesen Stil so haben, wie wir ihn oder ihr in Berlin es gewohnt seid. Und wie kannst du dann sagen: „Du kannst es hören, aber du kannst es nicht selbst machen“? „Es ist dir nicht erlaubt, weil du nicht so wie wir aussiehst.“ Das ist einfach nicht der Fall, wie sich alles entwickelt und ich möchte einfach, dass die Leute sehen, dass es sich entwickelt und alles etwas größer ist, und ich möchte, dass sie in der Lage sind, das für sich selbst zu sehen.

In London hast du dem Publikum deinen blanken Hintern gezeigt. Denkst du daran, dich selbst als Feministin zu bezeichnen?

Ooh, nicht wirklich. Denn für manche Dinge, die ich tue, würden mir Feministinnen in den Hintern treten. Ich möchte immer noch einen Mann, der mir an manchen Abenden sagt: „Koch’ mir etwas, mach mir Essen!“ Ich glaube, manche Frauen wünschen sich immer etwas…

Sicherheit?

Ja, die Sicherheit eines Mannes, der ein Mann ist, und manchmal möchtest du das spüren, auch in meinen persönlichen Beziehungen geht es mir so. Aber was die Gesellschaft denkt oder wie Medien Frauen porträtieren, gefällt mir nicht. Dann fühle ich mich wie eine Feministin und denke mir: „Was zum Teufel? Fick dich!“ Ich möchte das verändern. Es gefällt mir nicht und mir gefällt nicht, dass Frauen nicht aggressiv sein dürfen oder dieses oder jenes nicht tragen dürfen. Warum muss es Feminismus sein? Die Konnotation zu dem, was in den Medien gezeigt wird, gefällt mir nicht. In diesem Sinne bin ich feministisch, ja, aber in meinem persönlichen Leben und in anderen Bereichen mag ich es immer noch, die traditionelle Rolle weiterzuführen.

 

Du zeigst dich nicht ganz nackt, aber du zeigst eine Menge Haut. Aber das scheint für dich in Ordnung zu sein. Auf der anderen Seite der Welt versuchen Männer…

…Frauen zu sexualisieren und wir wachsen als Mann und als Frau auf mit der uns erklärten Idee, also der Definition davon, welche Art von Sex und Sexualität für Frauen okay ist. Lange Haar sind okay oder jenem Bild eines Magazins zu entsprechen, das ist Sexualität und das ist okay. Und es ist fast so dargestellt wie: „Du hast so zu sein, du schuldest dem Mann, so zu sein.“ Und in jedem Film endet der Mann mit dem gleichen beschissenen Mädchen, weißt du, was ich meine? Und warum muss es so sein?

Ich mag den Inhalt nicht von dem, was dieser Sexappeal ist. Ich denke nicht, dass das stark ist. Wenn du es auf eine Art tust, die ihnen als aggressiv scheint, kommen die ganze Zeit diese Feministinnen und sagen: „Oh, was tut sie da? Aaaah.“ und flippen aus. Nun, fickt euch! Ich denke, dass Frauen in der Lage sein sollten, so sexy zu sein, wie sie möchten, wie auch immer sie es definieren möchten.

Und wir sollten in der Lage sein, unsere eigene Macht zu haben und wir sollten in der Lage sein, es so zu definieren, wie wir darüber denken. Und wir sollten diejenigen sein, die die Bilder so veröffentlichen, wie wir selbst dargestellt werden möchten und nicht auf eine Art, die demütigend ist. Frauen werden zerstört. Sie sagen „Oh nein, sie hat ihren Hinter gezeigt, ooooh, das ist demütigend“. Es ist so als ob du dem die Stärke entnimmst und aus dem die Stärke in deine eigenen Hände nimmst. Fickt euch, ich tue es und man kann sich verdammt gut fühlen. Und es ist großartig und das ist das, was ich darüber denke, und woher ich komme. Und ich tue es immer. Es ist Bullshit, dass sie versuchen, dir zu sagen, dass du es nicht kannst. Denn sie haben Angst davor. Und ich tue es immer! Scheiss drauf.

Wie wird Homosexualität im Hip-Hop-Geschäft gehandelt?

Du meinst homophobe Äußerungen? Yeah, ich weiß, was du meinst. In letzter Zeit habe ich mit so vielen Elektro- und Dance-Produzenten gearbeitet und diese Welt ist irgendwie offener und toleranter dem gegenüber, auch die Modewelt. Ich glaube, langsam aber sicher werden Rapper toleranter, aber immer, wenn ich im Studio bin, höre ich „Bring hier keine schwulen Männer her!“ oder „Red’ nicht darüber!“ Es kann sehr hart sein, aber es ist immer wieder dieses Machogehabe. Dieser ganze Scheiss. Sexualität, die sie nicht kontrollieren können, macht sie verrückt. Homosexualität oder wenn Frauen stark sind, all diese Dinge. Viele Männer im Hip Hop sind so.

Hip Hop ist immer noch patriarchalisch.

Yeah, Ich hasse es. Ich kenne so viele Männer im Business, die Sachen sagen wie: „Aaah, sie kann es nicht!“, oder „Eeh, wir wollen sie nicht.“ Die Wahrheit ist, dass sie mich nicht das tun sehen wollen, weil ich es auf eine Art und Weise tue, die ihnen nicht gefällt. Sie sagen mir: „Warum müssen deine Songs so aggressiv sein? Ich möchte eine Frau nicht solche Sachen sagen hören. Ich möchte, dass eine Frau sexy ist!“

Und ich denke mir immer, es gibt sehr viele Frauen, die diesen Scheiss sexy finden. Sie möchten mich einfach in einer Art und Weise sexy sehen, die ihnen unterwürfig ist. Wenn sie das sexy finden, scheiss drauf! Denn ich tue es nicht, um sexy für jemanden zu sein, ich tue es für Frauen, um etwas zu haben, dass dir das Gefühl „Yeah, fuck yeaaah!“ gibt. Und ich denke, das ist es, was die Leute verwirrt und sagen lässt: „Es ist sexuell.“ Es ist nicht sexuell für Männer. Es ist sexuell, damit Frauen sich stark fühlen. Das ist ein Unterschied. Ich tue es nicht für Männer.

erschienen auf amypink.com am 4.April 2013

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