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Als kleines Kind wollte ich immer unbedingt erwachsen werden, weil ich dachte, dann endlich ernst genommen zu werden, bis ich dann auch tatsächlich ernst und erwachsen wurde. Nur schien das außer mir, keiner so zu sehen. Die “echte Erwachsenenwelt” betrachtete weder mich mit meinen jungen 20 Jahren noch das Alter selbst, als ein solches, das es wert war, respektiert zu werden. Erzählt hatte man mir aber eigentlich etwas Anderes. Von wegen “mit 18 erwachsen und so”, “Verantwortung übernehmen”, “Reife zeigen”. Es war ein ziemlicher, wenn auch kleiner (Kultur-) Schock zugegebenermaßen, denn weder wird man hier als junger Mensch wertgeschätzt, noch gibt es überhaupt Respekt Älteren gegenüber. In dem Land, indem meine Eltern geboren sind, nämlich der Türkei, ist der Respekt Älteren gegenüber unabdinglich. Jüngere Menschen gelten als die Triebkraft der Gesellschaft. Daher ist es nicht schamhaft, “älter” zu sein als 20 oder 40, oder gar 80 und 60. Der Jugendwahn wie er hier überwiegend in Europa herrscht, ist dort drüben bei Weitem nicht so sehr ausgeprägt. “Die türkische Oma” Ajda Pekkan ist mehr Ausnahme als Regel. Hier aber nicht ernst genommen zu werden, obwohl schon lange offiziell als solches zu gelten, war jedes Mal von Neuem ein Schreck und Schlucken zugleich. Aber es muss jedem so gehen, der hier jung ist, egal ob in seinen Zwanzigern, Dreißigern oder gar Anfang 40ern.

Das erste Trauma erlebten wir als wir eingeschult und schon dann wie kleine Erwachsene behandelt wurden. Die Pubertät ist nur eine weitere Folge einer höllischen Achterbahnfahrt, die mit 16 zu einer Art Katastrophenmoment führt. Uns wird eingetrichtert, in zwei Jahren seien wir offiziell erwachsen sprich eine Art fertiger Mensch, der sich nicht mehr weiterentwickeln wird, sondern das Endstadium des Seins erreicht hat. Lehrer Siezen uns, während wir wie Taugenichtse, Halbreife und hoffnungslose Junge behandelt werden. Alt genug, um bestraft zu werden, zu jung, um eigene Entscheidungen treffen zu können. Wählen durfte man, den Führerschein machen, mit 21 noch einmal amerikanisch feiern, dass wir zur ausgereiften Version unserer Selbst wurden. “Jetzt, aber!” dachten wir uns und stürmten hinaus in die Welt der Erwachsenen und Arbeitswelt, bis wir auf der ersten Stufe bereits stolperten. Erster Schock: keinem passt unser Alter. Zweiter Schock: Wir werden nicht ernst genommen. Dritter Schock: Wir haben noch einen langen, harten Weg, um zu beweisen, dass auch wir Erfahrungen gesammelt haben. Wir werden als besserwisserisch, großmäulig, und überheblich abgestuft. Mit 25 stehen wir dann erst einmal blöd da, weil wir uns die Welt der Erwachsenen irgendwie anders ausgemalt haben. Supportive, entgegenkommend. Wir hatten geglaubt, die Welt der Erwachsenen hätte nur auf uns gewartet. Mit 28 tut’s dann nochmal so richtig weh. Noch immer haben wir alles verfehlt, und können es keinem so richtig Recht machen. Und da ist es schon für das, was als Jugendsünde bezeichnet wird und erlaubt ist, schon wieder viel zu spät. Aber sind wir jetzt erwachsen oder alt, oder doch junge Erwachsene, oder wie jetzt? Urplötzlich lassen die Erwachsenen die Hochmütigen raus, entpuppen sich als Greise, die sich auf ihr Konto die Erfahrungen der Welt zuschreiben. Die meisten unserer Veteranen geben auf, verkriechen sich in ihre Höhlen, und warten im Dunkeln darauf, dass sie am nächsten Morgen im neuen Jahrzehnt aufwachsen, in einer Welt, die sie hell, freundlich und ernstnehmend entgegen nimmt. Und doch, derweil wollen die Älteren noch immer nicht so Recht Platz für die Jungen machen.

In der Realität trotteln wir also weiter hin und her, gründen Startups oder Cafés, machen uns selbständig und jobben in Klamottenläden oder Callcentern, machen weiter Praktika und zusätzliche Fortbildungen, weil es weder Wertschätzung noch Anteilnahme oder Respekt für uns Junge gibt, während draußen unter den Alten ein Jugendwahn herrscht. Also entscheiden wir uns in letzter Minute doch noch einmal um: Also, wenn Erwachsenwerden so alt aussieht, können wir auch gleich darauf verzichten. Denn, wer braucht schon Erwachsensein, wenn dies bedeutet, sich über die Heranwachsenden stellen zu müssen? So not nice, dabei brauchen wir unsere jugendliche Energie für uns, nicht etwa dafür, dazu zu gehören, verdientermaßen. Also yalla habibi, Leben geht weiter!

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