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Patriotistisch ist noch nicht der Deutsche, sondern der, der sich für Deutschland entscheidet

Ausgerechnet eine iranisch-stämmige Designerin war es, die zur Berliner Modewoche eine von deutschen Worten dominierende Kollektion vorstellte. Musste die Designerin Leyla Piedayesh mit ihrer Familie in den 70-ern während der islamischen Revolution flüchten,  gründete sie 2005 das Label Lala Berlin. Pullover und Hosen in großstädtischem, orientalischen Stil zierte der Appell „Werdet wild, und tut was Schönes“. Kopiert von der Subkultur „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ der 70-er Jahre holte sie ein politisches Statement auf den Laufsteg wie bereits Vivienne Westwood den Punk in ihrem Shop „Sex“ vor über 40 Jahren verkaufte.

Sagte Vivienne Westwood damals mit dem Wort „Destroy“ dem Nationalsozialismus und der Monarchie den Kampf an,  so kommentiert die Kette New Yorker heute ihre eigene Lebensphilosophie mit „Trash“, während Alexander Wang das längst verschwundene Dekolléte mit der Aufschrift „Parental Advisory  – Explicit Content“ markiert. Das Designerteil hat es über Umwege auf den Shirts von Billighersteller Primark bis auf die deutsche Straße geschafft.

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Während unzählige Anglizismen fallen, die auf deutschen Straßen mit großer Euphorie angenommen und getragen werden, entschied sich die Designerin für die Sprache der Dichter und Denker. Wenn es um dominierende Trends und Innovation in zeitgeistigem Sinne geht, ist USA noch immer der Anführer. Dass diese amerikanische Geisteshaltung selbst Paris eroberte, beweist der Wechsel von Wang zum Unternehmen Balenciaga (was ich irgendwo las, aber leider die Quelle nicht mehr finde). Die Streetwear in Deutschland ist eine Ableitung der amerikanischen Ready to Wear Mode. Gerade deshalb ist es so verwunderlich, dass eine Designerin aus Berlin den Schritt wagt. Kaum eine andere deutsche Designerin bewegte sich mit jener Sicherheit, in der eigenen Muttersprache auf dem Laufsteg einer ohnehin so jungen Modewoche eine Kollektion in dieser Form zu präsentieren. Dabei war es doch der weltberühmte Goethe, der so gerne von Schönheit schrieb, was jedem allen Grund geben dürfte, stolz zu sein, diese Sprache zu beherrschen. 

Doch sind es immer jene von außen, die Deutschland für das schätzen, was es ist. Auch der hochgelobte Designer Vladimir Karaleev kehrte seiner Heimat Sofia den Rücken. Seine Mode zeigt er seit 2006 in Berlin, der Stadt, der er vertraut. Im Interview mit der Zeit gibt er zu verstehen, dass er gerne als deutscher Designer gesehen wird.

Wie Piedayesh und Karaleev sind es heute viele Migranten, die sich glücklich schätzen, in Deutschland zu leben. Nicht der negativen Eigenschaften, sondern der positiven Eigenschaften wegen. Dazu gehört auch die neue Identität des dynamischen Berlin, das alle Ausländer, vor Allem kreative mit offenen Armen annimmt. Sind dabei nicht gerade die Berliner Designer die erfolgreichsten Macher dieser Hauptstadt, die es verdienen, stolz zu sein? Während sie in Städten wie Paris oder New York bei der hohen Zahl an Teilnehmenden untergehen würden, ist in der deutschen Hauptstadt das Licht auf sie gerichtet. Jungdesigner haben in Deutschland eine Chance, wie auch viele andere Kreative sie haben, die sie in ihren Heimatländern wegen der äußeren Umstände niemals erlangen könnten.

Aber es sind nicht nur Migranten, die gerne eine neue deutsche Identität annehmen. Es sind auch die Deutschen, die endlich wieder Grund haben, stolz auf ihre Identität zu sein.

Mit Mode wächst eine Kultur in Deutschland, die seine Bürger stolz macht

Eine Berliner Modewoche macht stolz, denn eine neue Kultur schafft jungen, sich mehr und mehr zum Öffnen bereit erklärenden Deutschen eine Identität.

Der Nationalsozialismus hat heute noch immer größere Nachwirkungen, als man meist annnehmen kann. In einer künstlerischen Gesellschaft, in der Autos lange von U-Bahnen ersetzt wurden, werfen selbstverständlich die Gemälde der entarteten Künstler wie Grosz einen Schatten auf Marken wie Porsche. Einzig allein der Fußball hat in den letzten Jahren wieder ein Wir-Gefühl aufarbeiten können.

Die Sprache der Mode, die in Berlin gezeigt wird, ist weder innovativ noch unbedingt global trendsetzend. Doch die Sprache der übernommenen Trends ist deutsch. Und deutsch ist eben eine Sprache, die in diesem Land von den verschiedensten Menschen gesprochen wird. Designer, die in diesem Land leben, lassen sich nicht nur von anderen Ländern und Kulturen inspirieren. Sie lassen sich aber auch von Berliner Subkulturen anregen. Ob Designer wie Juliaandben, die den Dresscode einer Techno – und Fetischkultur wie sie im Berghain zu beobachten ist, auf den Laufsteg bringen oder eben Lala Berlin, das aus einer 70-er Punk-Bewegung das kommerzielle Prenzlauermädchen präsentiert: in Berlin werden Lebensstile dargestellt, mit denen sich nun auch Bewohner dieses Landes identifizieren können. Dazu gehören selbstverständlich auch Marken wie Laurél, die den Münchner Glam nach Berlin bringen. Zurzeit wird die Berliner Modewoche übermäßig von Berliner wie auch Münchner Designern dominiert. Das wird sich jedoch sicherlich in den nächsten Jahren ändern. Man wird also nicht nach einer modischen Identiät in den USA suchen, wo Lebensstile präsentiert werden, die nur aus Film und Fernsehen kennengelernt werden, sondern im eigenen Land das eigene Leben, die eigene Geschichte wie auch Zukunft finden können.

Die deutsche Kultur verändert sich zum Positiven. Mit der Mode erhält Deutschland einen kulturellen Reichtum, auf den das Land stolz sein kann. Und selbst eine deutsche Vogue, so en vogue sie auch sein mag, gewinnt erst an internationaler Relevanz, wenn sie die eigene Kreativität präsentieren darf. „Ja, auch in Deutschland bewegt sich etwas“, muss Chefredakteurin Christiane Arp früh erkannt haben, als sie entschloss den Vogue Salon zur deutschen Nachwuchförderin zu gründen.

Und während man auf Instagram das Leben der sich ständig wechselnden Creative Directors wie Riccardo Tisci verfolgt, muss man nur innerhalb Deutschlands wenige Stunden verreisen, um selbst in den Kreuzköllner Straßen zu flanieren und einen Einblick in den Lebensstil künstlerischer Designer wie Augustin Teboul zu bekommen. Ein neue Ästhetik, die es in die französische Vogue geschafft hat, bietet das deutsch-französische Duo ohnehin bereits lange.  8

Nazi Deutschland ist nicht mehr Nazi-Deutschland, das den Deutschen seine Identität verschweigen lässt. Mit der Mode feiert sich zwar die eigene Stadt noch zu sehr selbst, aber auch das wird nachlassen, sobald die Hauptstadt reift. Wenn ein Land ein gemeinsames Kulturgut hat, besitzt es etwas Gemeinsames, das den Menschen nicht nur trennt, sondern auch verbindet. Mit der Mercedes-Benz Fashion Week darf auch endlich Deutschland im coolen Kapitalismus mitmischen. Die schönste Frucht ist in der Kultur doch die Mode! Die sozial-kritischen Zeiten sind ohnehin vorbei. Und große Kunst kann eben erst gezeigt werden, wenn jemand mit den Scheinen wedeln kann. Was die Kultur letztlich bereichert das macht stolz, und ganz gesund patriotistisch. Auch Deutschland in absehbarer Zukunft.

Bilder: Mercedes Benz Fashion Week Berlin, Style.com

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