Menu
menu

Wenn Mode kritisch ist, dann ist sie Kunst. Ob mit Stoff im Raum oder Farbe an der Leinwand, sobald ein Gegenstand eine Botschaft hat, – ob bewusst oder unbewusst gesendet – nimmt sie Kunstcharakter an. Dass der White Cube mit Models in Bewegung auf dem weißen Laufsteg zur Ausstellung der Kunst ersetzen kann, hat der kanadische Designer Steven Tai vergangene Woche auf der Fashion Week in Berlin bewiesen.

Die Schnitte sind so unkonventionell gewagt. Währed viele anderen Designer die Dürre der Models betonen, das Ideal des Aussehens angeben, hinterfragt der Designer das Frauenbild der medialen Gesellschaft. Mit Büchern in der Hand oder einem offenen Buch mit großer Fingerfertigkeit an einer schlichten Bluse angefertigt, werden die Frauen als kluge Wesen vorgestellt und nicht wie so oft als pures Schmuckstück. Mir Brille auf der Nase und Büchern in der Hand werden sie als belesen charakterisiert, als Buch personifiziert.

“Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch.” Haci Bektas Veli, Geistlicher des Alevitentums

Die Idee, die unabhängig von den Normen entworfen wurde, strahlt besonders mit dem obigen Outfit eine Harmonie aus. Der Körper begegnet dem Auge in erster Linie körperlos, denn die Silhouetten werden nicht wie sonst betont, die gewohnten Linien verschwinde ganz und lösen sich auf. Sie werden ersetzt mit der Betrachtung des Designers auf die Mode, den Stoff und den Menschen.

Dass das nerdige Erscheinungsbild, der niemals akzeptierte Außenseiter auch eine Projektion seiner Selbst ist, wird im Interview mit Jan Schröder deutlich. “”Ich war immer der Neuling, stand überall am Rand. Dadurch habe ich Dinge, die anderen selbstverständlich erscheinen, aus der Perspektive des Außenseiters wahrgenommen. Das hat meine Denkweise beeinflusst”.  Das Unkonventionelle wird von ihm als Schön definiert, seine Liebe, der Sinn zu den Büchern von einer idealen Trägerin gefordert. Doch im Zeitalter der Digitalisierung sind die Entwürfe auch eine Hommage an den Herstellungsprozess und das Gefühl der Bücher, wie im Artikel auf Zeit Online zu erfahren ist. Eine Ambivalenz lässt sich jedoch herauslesen, indem nicht nur kleidsame Bücher zum Sujet werden, sondern auch “technische Innovationen” mit dem Kleid als Highlight. “Und so ist gerade sein Kleid mit den goldenen Metallfedern zu einer Kombination aus beidem geworden: Unter dem etwas sperrig wirkenden Oberteil verbergen sich hunderte Drähte, die altmodische Schreibutensilien mit kleinen Elektromotoren verbinden. So können sie individuell gedreht werden und lösen changierende, wellenartige Lichteffekte aus.”

“The big three” oder “The big four”?

Julia Rohrmann, Absolventin der Kunsthochschule Weißensee Berlin, schreibt genau über die Pioniere der revolutionierenden japanischen Avantgarde-Designer der 80-er in ihrer Diplomarbeit, von denen sich auch Tai hat inspirieren lassen.”Modedesign von Comme des Garçons, Issey Miyake und Yohji Yamamoto;
Reaktionen der westlichen Modewelt auf ihre Entwürfe in den 1980er Jahren;
und die Beziehung Berliner Modedesigner zu Japan heute.”

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Frage”Der „revolutionäre“ Stil – Was haben die japanischen Designer anders gemacht?” und die Reaktionen der westlichen Welt.

Die Moderevolution der 80er Jahre, schreibt Rohrmann, wurde zum einen nach der Vorstellung in Paris als Avantgarde gefeiert, zum anderen als “Hiroshima bag-lady look abgewertet. Was damals als “vorübergenden Trend” beruhigt versichert wurde, findet mit Künstlern wie Tai Nachhall in der Gegenwart. Für Tai gelten Comme des Garcons oder Yohji Yamamoto als “traditionelle Vorbilder”, wie die Elle ihren Nachwuchsdesigner auf der online Plattform vorstellt.
Aus diesem Grund möchten wir herausfinden, was Tai mit den japanischen Designern gemeinsam hat und wie das von der deutschen Presse stellevertretend für die westliche Welt wahrgenommen und bewertet wird. Warum gerade Steven Tai zu Berlin passt, ist auch mit Rohrmanns Gedanken zu veranschaulichen. Durch den Over-Size-Look und weitere andere Konventionen der japanischen Mode, finden sich viele Parallelen.

Rohrmann schreibt, dass die japanischen Wurzeln nur bedingt Auswirkungen auf die Formenrealisierung des Designs haben. Analysiert werden von westlichen Journalisten  die japanischen Entwürfe als “Ethno-Stil” und “Spielarten des Kimonos”. Doch tatsächlich geht es darum,  dass die japanischen Designern, “vielmehr im Wortsinn, die westliche Kleidung und Mode”, auseinandernehmen und Alternativen bieten, “die von innen heraus – aus
dem französischen Modesystem – vermutlich nicht möglich gewesen wären.”

Historischer  Hintergrund

Nach der (Edo-Ära 1603 – 1867), eine Epoche, die sich durch die Isolation der Japaner auszeichnet, findet die erste Berührung 1853 mit der Landung des Admirals Matthew Perry statt. “Die japanische Kultur wird nach Europa exportiert”, der Einfluss wird auf die westliche Kultur durch Reisende ausgeübt. In der Mode äußert sich dies vor allem im Zeitalter des Japonisme im 19.Jahrhundert mit Kimonos und Inneneinrichtungen. Doch sind die Einflüsse als Balanceakt zu betrachten. Denn “ab 1870 ist es für Angehörige des kaiserlichen Hofes und
Beamte Pflicht, Kleidung im westlichen Stil zu tragen, und es wird bereits
„japanische“ Kleidung für den westlichen Markt hergestellt.”

“Die Kollektionen
von Comme des Garçons, Issey Miyake und Yohji Yamamoto unterscheiden
sich radikal von dem Körperideal, dem Frauenbild und den
Kleidungskonventionen des Westens.” Steven Tai ist in Myanmar geboren, im Alter von 10 Jahren mit der Familie nach Vancouver gezogen, und mit 22  nach London. Gezeigt hätte er seine Kollektion übrigens auch gerne in der Hauptstadt Englands. Der Absolvent des St. Martins College, der für Hussain Chalayan und Stella Mccartney arbeitete, ist gewiss sowohl von der architekturalen Mode, als auch des sportlich-eleganten Stils beider britischen Designer beeinflusst. Gerade die Blusen mit dem Kragen entsprechen dem heutigen Mode-Zeitgeist des Westens. (Stella Mccartney, pre-spring/summer 2013) Die Reize der Frau werden verhüllt, das Geschlecht steht im Hintergrund ohne verschwiegen zu werden. Auch Hussein Chalayan stellt das Assymmetrische und Skulpurale als ästhetisch – nicht zu verwechseln mit schön- gleich.

Tais Entwürfe entsprechen ebenfalls dem Oversize-Stil, doch ist es mehr ein “Auftragen “in hellen Farben als dass sich unter schwarzen Laken Luft, eine Leere,  befindet. Models tragen schließlich tatsächlich einen Bauch. Rohrmann charakterisiert die Entwüfe als einen Angriff. “Beschädigte, zerrissene Kleidung ist ein Angriff auf die westliche wie auch die japanische Konvention, über die Kleidung Status und
Reichtum zu kommunizieren.” Tai stellt mit seiner Kollektion ein völlig neues, den bestehenden Strukturen entgegengesetztes Wertesystem der regierenden, kommerziellen Modeindustrie dar. Es geht nicht um Etiketten, um Product Placement am eigenen Körper. Es geht darum, die Verschönerung des Geistes durch Erlesung als Material mit Stoff festzuhalten und sichtbar für das Auge zu machen.

Rohrmann zufolge ist die Kritik der “Big Three” eine an die “Bevorzugung des Kimonos –  dem Kleidungsstück der Oberschichten – als japanisches Nationalkostüm.” Tai hingegen scheint durch seine Biographie von der Herkunft stärker losgelöst. Ihn scheinen die Gegebenheiten seiner eigenen Umgebung und Zeit viel mehr zu interessieren als die orientalischen, vergangenen. Die Auseinandersetzung mit den Umbrüchen der heutigen Zeit sind Kritikpunkt seines Werkes: ein von Konsum modelliertes Ästhetikverständnis, dass sich in der gesamten Kultur äußert. Das Weltbild des Modemenschen – selten vom Mode- Designer – ist oftmals ein verzerrtes, der Realität abhandengekommenenes Bild, in der die Oberfläche dominiert. Daher ist Tais Werk in der Berliner Woche auch ein “Wachrütteln”, eine Renaissance des Höheren, das erneut zu den Werten werden sollte.

Da weitere Designer wie Vladimir Karaalev (deutscher Pioneer der japanischen Avantgarde) und Michael Sontag Berlin ganz authentisch als eine Stadt präsentieren, die die Fähigkeit besitzt, über die Grenzen hinauszudenken, sich intensiv mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und das eigene Ästhetikverständnis als Resultat der eigenen Empfindungen und Idealen präsentiert, passte Steven Tais Kollektion hervorragend in die Woche.

Die Gala mag zwar ironisch schreiben, aber was zählt schon die Meinung eines Klatsch-Magazines über Ästhetik und Kunst. “Konzept-Kunst. Nach den umjubelten internationalen Shows von Iris van Herpen und Wang Yutao wurde diesmal der Kanadier Steven Tai eingeladen.Seine Kollektion widmet sich “Bücherfreaks”, ob mit nerdigen Accessoires wie Lesebrillen oder Pailletten aus Füllfedern. Wird garantiert ein Bestseller.”


Nicht nur Zeit Online, auch etliche andere Kritiken sind für Tai positiv ausgefallen. Er hat hoffentlich zum Abbau von großen Minderwertigkeitskomplexen verholfen. Denn fest steht,  dass Deutschland in Sachen Mode Komplexe hat. Berlin kämpft noch immer um Anerkennung, kritisiert sich selbst, statt mit gesundem Patriotismus zu loben, was im eigenen Land geschieht und entwickelt wird. Maßgeblich hängt das auch mit dem Desinteresse der Intellektuellen in Deutschland zusammen. Die Reputation im Ausland hängt wie Alfons Kaiser sagt, einerseits vom Outdoor-Look ab, dass dem Stil der Schweizer nahe kommt, wie Yvan Rodic mir im Interview erklärte, und dem manifestierten Ordnungssinn der deutschen Tugend, wie ich selbst hinzufüge möchte. Und zuletzt auch dem fehlenden Gefühl für Patriotismus zusammen, der sich nur im Fußball äußert. Wenn die kulturelle Vielfalt, die Berlin stolz präsentieren darf, akzeptiert wird, so wird endlich geschätzt, was Berlin zu bieten hat: nämlich erstklassige Mode.

 

Bilder: Meltem Toprak

    Leave a reply