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Vor über zwei Jahren habe ich mir die Haare abgeschnitten. Es war unter anderem deshalb, weil ich immer der extremen Ansicht war, dass schon immer einmal habe machen müssen. Die Haare abrasiert bis auf einen cm kurz. Als es dann tatsächlich soweit war – ich stand vor dem Spiegel mit eigener Schere – war es schon zu spät. Mein Haar lag tief unten im Waschbecken.

Schmerzhaft war es insofern nicht, als dass sie vor der Trennung nur leicht bis unters Ohr reichten, geschädigt waren und durch etliche Blondierungen eine unerträgliche Farbe und Struktur angenommen hatten. Am nächsten Tag musste dann also auch direkt ein Männerfriseur Hand anlegen. In einem Offenbacher Hairsalon ließ ich mir das Haar akkurat frisieren. Und das war dann auch der Beginn einer märchenhaften Reise mit einer neuen Frisur, die zeitweilen auch ihre Horrormomente hatte.

Das Schlechte zuerst: Freunde und Bekannte belustigten sich. Dabei hatte ich selbst schon in unterschiedlichen Phasen mit der Haarlänge zu kämpfen. Zeitweilen lernte ich, andere Menschen wiederum selbst nur nackt in ihrer Art zu sehen. Und dann gab es natürlich die Komplimente. Gerade Reaktionen Fremder waren ermutigend und heiter. “Wie heißt diese Frisur”, rief einer aus dem Auto, nachdem er an einer Seitenstraße angehalten hatte. Das Interesse am sogenannten Pixie war groß. Eine junge Frau fragte mich ungläubig in der Drogerie, wie so die Reaktionen seien. Sie habe es schon auch immer einmal machen wollen, vertraute sie mir an. Aber sie habe sich bisher einfach nicht getraut. Frauen wie sie und ich es bin, wurden für diesen simplen Wunsch degradiert.

Es muss noch heute vielen anderen Frauen mit kurzem Haar so gehen. Es wird gestarrt, als zu maskulin, radikal oder aggressiv abgestempelt. Manche denken bemitleidend, eine Krankheit wäre der Grund, oder ein “Britney-Spears-Moment” sei der Fall gewesen, und schätzen auch sonst die Person vor ihnen falsch ein. Mir selbst ging es sehr gut mit dem Haar.

Es ist eine Lebenserfahrung zum Einen, und zum Anderen lernt eine Frau – wie es vermutlich nur Männer mit ihrem kurzen Haar gezwungenermaßen können und dürfen – dass sie Charakter haben darf. Meine Schwester ermutigt mich immer kurz vor einem neuen Haarschnitt: “Ja, lass sie dir ruhig schneiden. Mit kürzeren Haaren hat man mehr Charakter. Man muss es kompensieren. Das fehlende Haar. Lange Haare sind zwar schön, wirken aber auch langweilig.” Persönlichkeithaben –  und dürfen, das musste ich mir aneignen. Aber es war auch ein Privileg. Denn wie so oft wird uns in der Gesellschaft als Frauen der Mund verboten. Es machte Spaß. “Mir doch egal, was andere denken!”, dachte ich mir stehts. “Sollen die doch denken, was sie wollen. Ich fühle mich leicht. Und ehrlich.”

So und so ähnlich war mein Leitspruch. Aber lernen musste ich auch – und ja, lernen ist immer mit Schmerz verbunden -, dass ich zum Einen taffer rüber kam, zum Anderen dadurch aber auch habe mehr wegstecken müssen. Eine Friseurin in Berlin hatte mir zuvor selbst erklärt, sie dürfe nicht verletzbar sein als Frau mit ihrem kurzen Haar. Sie selbst habe sich zwar damals von ihrem rapunzellangem Haar trennen wollen, um nicht auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Dennoch aber hatte sie heute damit zu kämpfen, immer die Starke und Harte abgeben zu müssen, auch an Tagen, an denen sie verletzlich ist.

Zu meiner Verwunderung war es tatsächlich so, dass weitaus mehr Männer auf mich reagierten als je zuvor mit langem, braunen oder gar blondem Haar. Während das lange, braune Haar die meisten abschreckte, das blonde wiederum attraktiver ankam, aber mich dennoch als Brünette unsichtbar markierte, so war doch das braune, kurze Haar das, was den Männern immer Anlass genug war, über ihren Schatten zu springen, und mich anzusprechen. “Fuckk”, sagte einer, als ich vorbei lief. “Ich liebe diese Frisur.” Ein anderer Passant meinte: Frauen mit kurzen Haaren sind einfach cool.” Und auch sonst wusste ein Jugendlicher mich in Offenbach zu beschützen, als einer aus der Gruppe mich dazu aufforderte, meine Kappe wieder aufzusetzen, weil er die Kurzhaarfrisur schrecklich fand. Ob Ablehnung oder Bestätigung, die Begeisterung der Frauen hielt sich in Maßen. Haarlängen wurden verglichen, lange Mähnen über die Schulter geworfen, getuschelt, auf das Haar gezeigt, und gar – das kam auch schon vor – meine Frisur photographiert.

Während sich Geschlechterkämpfe abspielten, versuchte ich selbst nur mich von jenen Stigmata zu befreien. Ich wollte unabhängig sein. Vom Haar. Vom Aussehen. Und von Werteurteilen. Der Cut war ein Selbstermächtigungszug. Es war eine bewusste Abgrenzung, und doch auch intelligent. Denn ich wusste, wenn das Haar wieder wächst, wird auch mein Ich wachsen.

Während es die einen inspirierte, und die anderen abstieß, lasse ich es wieder wachsen. Es muss nur einem selbst gefallen. Ob kurz oder lang. Und das gilt nicht nur für’s Haar: was einer wie trägt, ist jedem selbst überlassen. Denn geurteilt wird sowieso. Zwar muss das eigene Haar nicht per definitionem einen definieren, aber es muss schon gar nicht ab, um nicht auf sein Äußeres reduziert zu werden. Wem es gefällt, go for it, aber wer sich von seinem Haar trennt, um es Anderen recht zu machen und versucht, Vorurteile vorzubeugen ; don’t!

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