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Es gab einmal eine Stadt, die hieß Berlin. Sie war schön, sie war bunt, sie war dreckig, aber sie war freundlich. Jeder wollte etwas von ihr, also kamen sie alle. Aus der ganzen Welt stürmten sie nach Berlin, dem einstigen Mittelpunkt für Musik, Kunst und Kultur. Backpacker kamen aus Australien, sie suchten ihre Seelen, sie kamen aus Stuttgart, sie suchten gute Geldanlagen, und sie kamen runderhum aus allen naheliegenden Städten mitunter der ehemaligen DDR. Sie bauten die Stadt finanziell mit auf, brachten Kultur und ihre eigene Perspektive auf ein gutes Leben, von dem sie nur eine vage Vorstellung hatten, mit sich. Sie investierten Geld in jene neue Heimat, ihre Hoffnungen und Träume setzten sie auf diese eine Karte. Die Ureinwohner der Stadt hatten nur darauf gewartet, bis die Kinder weiterzogen, und der Traum der Anderen, der zu ihrem Alptraum geworden war, aufhörte. Ihre Stadt hatten sie nicht mehr wiedererkannt. Ein Café nach dem Anderen ploppte auf, verglast, aus Marmor und Gold, voller Mensch, die einander zu beeindrucken versuchten. Ein Getränk etwa kostete nicht mehr 2 Euro, sondern 6, und auch sonst lief das Berliner Alltagsleben nicht mehr wie es gelebt und geliebt wurde. Doch die Stimmen der eigentlichen Anwohner hatte keiner gehört. Die Stadt wurde von den neuen Zugezogenen rücksichtslos gesäubert, poliert, um nur dann selbst unaufgeräumt hinterlassen zu werden. Die Stadt, von der sie dachten, gleich einem rohen Diamant entdeckt zu haben, wollten sie nun selbst an ihrem eigenen Finger funkeln sehen. Das Recht hatten sie bereits aus ihrer Heimat mitgenommen. Nun suchten sie ihren Frieden, das eigentliche Schmuckstück im Leben eines Menschen, in ihrer neuen Wahlheimat. Für den Wohlstand hatten sie schließlich selbst hart gearbeitet, und sich ein Stück von Berlin erkämpft zu glauben gehabt. Die sogenannte Berliner Luft und Freiheit. Ihre neue Wahlheimat hatten sie dabei zum Abbild ihrer Selbst gemacht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ihre Ideale hatten sie den Anderen neu auferlegt, Traumhäuser wurden erschaffen, Lebenswelten, die die eigenen Berliner Anwohner nicht hatten verstehen können. Aber bei aller Kritik, die da war, wollten sie die neue Heimat nicht mehr den Anderen übergeben und gehen. Und dennoch, und das war der größte Fehler, der dieser Stadt angetan wurde, sahen sie es nicht ein, der Stadt zurück zu geben, was sie sich genommen hatten; die Freiheit, so zu sein wie sie es waren. Arm, aber glücklich. Und so leben sie heute noch weiter, ohne zu begreifen, dass ihre Ignoranz die Lebenswelten anderer beeinträchtigt. Und so leben sie noch heute weiter und taumeln umher, die neuen Besitzer. Sie scheitern tagtäglich an ihrem eigenen Glück, sie selbst zu sein. Hatten sie ihre Seelen gefunden? Um die Geschichte ihrer selbst hatten sie einen großen Bogen gemacht, um die Geschichte der Anderen einen noch Größeren und um das Jetzt und Heute wollten sie nicht mehr sehen. Sie hatten die Gespräche satt. Sie hatten schließlich selbst kaputte Familien hinter sich gelassen, kamen aus Aufsteigerfamilien mit zerplatzten Träumen und unerfüllbaren Erwartungen. Aber auch die Zugezogenen hatten ihr Recht, glücklich zu sein. Sie hatten nur geglaubt, dass sie die Stadt mit ihren Anwohnern hätten mit ihrer Bürgerlichkeit retten können, während sie vergessen hatten, dass sie erst sich selbst retten mussten. Und so wurde aus der einstigen Stadt, die “arm, aber sexy” war, nur noch ein langer, schwerer Atem. Denn das Geld, das die Anderen hier haben verdienen wollen, war ihr geringstes Problem. Die Stadt wollte ihren eigenen Pissgestank wieder. Ihr altes Wesen, ihre selbst erschaffene Realität und ihre glückseligen Fluchtwege. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie weiter, in der Hoffnung, zu bekommen, was sie suchen, Liebe, die sie nicht bereit waren, zu geben.

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