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Ein blanker Hintern ziert die Welt der Schönen auf Instagram. Maßgeblich Frauen sind es, die – anders als zu erwarten – das weibliche Gesäß in Form einer Keramikvase in ihren Zimmern abfotographieren und online stellen, um im Feed auf Instagram dafür bewundert zu werden.

Schön sieht es aus! Teuer! Vielleicht sogar kitschig. Doch sie sind en vogue. Was verraten sie dabei über den derzeitigen Mode-Zeitgeist? Narzissmus bleibt nach wie vor in. Die sozialen Medien begünstigen jene Erscheinungsform der Psyche. Kim Kardashians Parfum, das ihren eigenen Körper als Torso zeigt, und dabei ohne mit der Wimper zu zucken Jean Paul Gaultiers Original kopierte, ist die Versinnbildlichung der Selbstverliebtheit, die in Zeiten sozialer Medien präsent, wenn nicht gar gesellschaftlich anerkannt ist.

Jene Selbstverliebtheit und jenes Selbstbewusstsein der Frauen im Umgang mit ihrem eigenen Körper zeugt doch aber auch von einer ganz natürlichen Konsequenz aus dem Feminismus und der Body Positivity Bewegung, die in den letzten Jahren verstärkt aufkam. Frauen sind dabei, ihren Körper so zu akzeptieren wie er ist und dabei auch zu lieben. Sie stellen sich den Hintern auf den Wohnzimmertisch, die Küchentheke oder eine Fensterbank, und zeigen dabei auch über die Plattform Instagram, dass sie zu ihrer Weiblichkeit stehen.

Bildquelle: https://anissakermiche.com/

Wer Mia Kang auf Instagram begegnet, wird erst einmal übermannt von ihrer Haut sein. Das 1988 geborene Topmodel mit britisch-südkoreanischen Wurzeln beherrscht Hasthag Skincare wie vermutlich kein anderes Model und It-Girl, das zwischen Hong Kong und New York lebt.

Interessanter aber an dem Model: ihre Geschichte. Denn in ihrer neu erschienenen Biographie “Knockout” erzählt sie von ihrer Zeit als Mobbingopfer im Kindesalter, einer stürmischen Karriere in der Modelindustrie und dem eisernen Weg zu einer kämpferischen Mua Thai-Sportlerin in Phuket.

In ihren Memoiren erkennt die junge Autorin wie ihre Mobbingerfahrung als vermeintlich Übergewichtige ihre Esstörung in der Modelindustrie beförderte. Auch den Drogenkonsum tabuisiert sie dabei keineswegs. Ihr Buch ist eine Aufklärung, gleichzeitig aber auch eine knallharte Abrechnung. Junge Menschen, die dem in der Gesellschaft vorherrschendem Magerwahn, aber auch einem Alkoholmissbrauchsfall in der Familie und weiteren unannehmbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind, werden Mia Kang’s Worte helfen können, sich selbst zu verstehen, und dabei auch mit der nötigen Distanz und gleichzeitigen Nähe der Erfahrung ein Stück mehr zu sich selbst finden zu können.

Triggerwarnung: Die beschriebenen Situationen könnten allerdings ungeahnte, alte Wunden aufreißen. Für Jugendliche, die gerade in einer Therapie oder Behandlung sind, ist das Buch nicht empfehlenswert. Für Erwachsene, die das Dahinter jener Schlagwörter, die so sehr das Leben junger Frauen dominieren, erfahren möchten, eine lesenswerte, und gleichzeitig auch unterhaltende Lektüre, bei der die Autorin mit Ehrlichkeit, Kritik und einer außergewöhnlichen Hingabe zum Schreiben hin offenkundig in die Welt einer Frau einführt, die es besser machen will. In aller Jugendnostalgie mit einer großen Portion Selbsterkenntnis für das eigene, jüngere Ich.

“Knockout” von Mia Kang, Erstveröffentlichung in Englisch, Oktober 2020, erschienen über Abrams Press, 21,99 Euro